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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-05-08 · 23 (8.5.1894) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
23 (8.5.1894)
Date
1894-05-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 23 Vesterrrtchischr WochrnschrM Seüe 445 beit Völkern; seine Synagogen, wo es seit 3300 Jahren jeden Sabbath die Weissagungen liest, die es verdammen; seine Ehrfurcht vor der Schrift, von der sie die Buchstaben zählten, und sein Widerstreben gegen dieselbe Schrift; sein ausdauernder Reichthum, der so oft wieder aufblühte, als er geraubt wurde, die Verwüstung seines Landes, welches nach seiner natürlichen Beschaffenheit das reichste auf Erden und seit 1800 Jahren das unbebauteste ist; das Aufhören seiner Opfer, weil, während es auf der ganzen Erde zerstreut ist, der Berg Morija, der einzige Ort, der ihnen verboten ist, auch der einzige ist, wo es ihnin erlaubt war, zu opfern; die Verachtung selbst, uut der Völker ihnen begegnen, die ihnen Alles verdanken, die den Ruhm ihrer Vergangenheit und den noch größeren ihrer Zukunft kennen, und die da glauben, daß Gott sich im Fleisch in der Person eines Inden offenbart hat. Alle diese Züge, wären sie auch nicht vorher gesagt, würden schon einen ungeheuren Zusammenhang von Wundern bilden. Dazu kommt die unerhörte Thatsache, daß dieses Volk, allein unter allen Völkern, nur eine Familie bildet und daß diese Familie, wenngleich umherirrend und elend, sich von der übrigen Menschheit abgesondert erhalten hat, deren Geschlechter sich feit 3700 Jahren untereinander vermischt haben. Diese Thatsache würde schon an und für sich als ein unleugbares Wunder gelten, hätte auch nicht ein Prophet vor 34 Jahrhunderten an der Grenze Moabs gesagt (4. Mose 23, 9): „Von der Höhe der Felsen sehe ich ihn wohl, und von den Hügeln schaue ich ihn; siehe, das Volk wird besonders wohnen und nicht unter die Heiden gerechnet werden.".Die Juden sind das einzige Volk, das seine Eigenthümlichkeiten behauptet hat inmitten der Umwälzungen, der Niederlagen und Versetzungen, in so vielen Jahrhunderten der Barbarei, wie der Civilisation, unter Nebucadnezar und Alexander, wie unter Karl dem Großen und Napoleon. Die Königreiche sind wie Schalten vorübergegangen, die Völker sind in der Geschichte aufeinander gefolgt, ohne mehr als ihren Namen zurückzulassen, sie sind untergegangen, ihre Stätte kennt man nicht mehr; aber die Juden sind noch vorhanden, gesondert von allen anderen Völkern, wie zu den Zeiten Christi; stehen noch da als ein und derselbe Volksflamm, während alle übrigen Geschlechter sich vermischt haben; sind reich, ob sie gleich tausendmal ihrer Güter beraubt wurden, nehmen zu an Zahl und sind mehr verbunden als je, obgleich ein 1900jähriger Sturm sie in alle Winde zerstreute. Päpste, Concile, Bischöfe, Könige und Völker scheinen gleich erbittert gegen sie. Mehr als einmal bereitete man ihnen den Untergang durch ein gemeinsames Blutbad, man erwürgte ihrer Tausende in Spanien, Italien, Deutschland, England und in allen Provinzen Frankreichs. Den Tod zogen sie dem Leben vor. Oft sah man sie sich schaarenweise in die Flüsse stürzen. Oft geschah es, daß sie ihre Häuser verrammelten und sich gegenseitig tödteteu, um grausameren Händen zu entgehen. Zu Veziers forderten die Bischöfe selbst jedes Jahr in der stillen Woche das Volk auf, gegen di: Inden auszuziehen, um, wie sie sagten, die Mörder Christi zu bestrafen. Man zwang sie allenthalben, ein Schandzeichen an sich zu tragen, als: einen ledernen Gürtel, oder einen gelben Hut, um sie der feigen Unmenschlichkeit des Pöbels preiszugeben. Vieler Orten zwang man sie sogar, um den Leib eine Art von Klotz zu befestigen, welchen sie bei jeden Schritt hinter sich berschleppten. Nach Frankreich wurden sie für große Geldsummen siebenmal von den Königen zurückgerufen und siebenmal verbannt und ausgeplündert. In Deutschland verfuhr man ohne alles Erbarmen. In England, sagt Walter Scott, verband sich, von den raubgierigen Baronen bis auf das leichtgläubige unwissende Volk herab, die ganze Nation, um die Juden zu verfolgen, und ich meine, daß es nie eine Art Wesen gegeben hat, weder auf der Erde, «och in der Luft, noch im Wasser, welches einer so allgemeinen, so unbarmherzigen, anhaltenden Verfolgung ausgesetzt war. Aber was soll man von all' diesen Zügen sagen, die für sich selbst so wunderbar sind, wenn man sie in der hl. Schrift zum voraus beschrieben findet, vorausgesagt sieht in derselben Schrift, die von den Juden schon vor dem trojanischen Kriege gelesen wurde?" Man lese zum besseren Verständnis des Gesagten nach die Weissagungen über die Zerstreuung der Juden 3. Mose 26, 33; über ihr Fortbestehen und ihre Einheit 4. Mose 23, 9; 3. Mose 26, 44; über ihre Furcht und Feigheit 3. Mose 26, 36 und 5. Mose 28, 65; über ihre Unterdrückung, Verfolgung, Beschimpfung und ihr Elend: 5. Mose 28, 37, 48, 66, 67 und Luc. 21, 23. Sieht man Alles, was über Israel geweissagt worden, genau an und hält es mit der Geschichte zusammei, so muß man anbetend vor den Worten der hl. Schrift verstummen. Wir begehen das Fest der Erinnerung an die Offenbarung am Sinai unt.r dem Drucke schwerer Kümmernisse. Nach tausendjähriger Nacht hat uns die Sonne der Freiheit und der Gleichberechtigung ins Herz geschienen, aber düsteres Gewölle zieht wieder auf und will diese Sonne verfinstern. Das Licht aber, das am Sinai aufflammte, kann nie erlöschen. Mag auch die Menschheit irren, dieses Licht wird sie noch immer wieder auf den rechten Pfad zurückführen, welcher zur Verbrüderung aller Völker im Zeichen der Freiheit und der Gesittung leitet. _ Die Aktion der Handrlswelt. Dem Antisemitismus ist ein Hauptstreich gelungen — der Wiener Saatenmarkt ist gewesen. Es ist überflüssig, die Bedeutung des internationalen Saatenmarktes für die Stadt Wien und deren Stellung im Weltverkehr nochmals zu erörtern. Der Vorstand der Börse für landwirthschaftliche Producte hat diese Bedeutung wohl ermessen, als er trotz der unausgesetzten Provocationen im Landtage und Gemeinderathe vor dem letzten entscheidenden Beschlüsse immer wieder zurückschreckte. Nun ist diese Entscheidung gefallen als Antwort auf die Antwort, welche die Regierung den Interpellanten auf die Affaire Deckert ertheilt hatte. Es ist dies der erste Fanfarenstoß, welcher ankündigt, daß die jüdische Bevölkerung Wiens nicht gesonnen ist, sich wehr- und widerstandslos dem Hasse ihrer Feinde ausliefern zu lassen. Schon einmal stand das Referat wegen Auflassung des Saatenmarktes auf der Tagesordnung der Börsekammer. Damals waren es lediglich die Angriffe der antisemitischen Führer auf die auswärtigen Besucher des Saatenmarktes und der Mangel einer energischen Abwehr seitens der berufenen Organe, vor Allem des verstorbenen Bürgermeisters, welche diese Absicht zur Reife gebracht hatten. Aber die Kammer ließ sich von einer freundlichen, wenn auch gewundenen und dem Kern der Sache ausweichenden Erklärung des Handelsministers zum Nachgeben bestimmen. Diesmal nun hat die Kammer nicht blos den Schutz der Saatenmarktbesucher im Auge gehabt, sie hat die Interessen der gesammten liberalen Bevölkerung vertreten, sie hat der allgemeinen Empörung darüber Ausdruck gegeben, daß die Regierung nicht blos kein entschiedenes Wort der Verurtheilung gegenüber der antisemitischen Hetze gefunden, sondern auch dem Treiben eines Deckert mit verschränkten Armen zugesehen und damit zur Fortsetzung solcher Wühlereien indirect ermuntert hat. Wir sagen den Männern, welche an der Spitze der Börse für landwirtschaftliche Producte stehen, unfern aufrichtigsten Dank für ihre tapfere Entschließung. Sie ist ein Weckruf an all' unsere Glaubensgenossen, von nun ab Unrecht und Gewaltthat nicht mehr ruhig hinzunehmen, sondern sich mit allen gesetzlich zulässigen Waffen zu vertheidigen. Von dem Ministerium Windischgrätz ist nichts zu erwarten, das hat auch die Haltung bewiesen, welche der Handelsminister Graf Wurmbrand gegenüber den im Club der Linken wegen der Auslassung des Saatenmarktes erhobenen Recriminationen einnahm. Der Club wollte an den Handelsminister eine Interpellation richten. Da erfuhr man, wie der „Pester Lloyd" erzählt, daß Graf Wurmbrand sich in einem Privatgespräche geäußert habe, er sei von dem Beschlüsse, den Saatenmarkt nicht mehr abzuhalten, sehr befriedigt, da er auf denselben ohnehin keinen Werth lege und daß die Vorwürfe der Antisemiten nicht ungerechtfertigt seien. Auf eine directe Anfrage gab der Minister zu, eine ähnliche Aeußerung gemacht zu haben, obwohl er Tags vorher noch im Club erklärt hatte, daß die Regierung die Angriffe der Antisemiten gegen den Saatenmarkt nicht billigen könne. Nach diesem Vorfälle legte die liberale Partei selbstverständlich keinen Werth mehr darauf, den Herrn Grafen zu interpelliren. Der Herr Handelsminister hat sich gegenüber dem Bürgermeister und anderen Notablitäten über böse „Mißverständnisse" beklagt, allein es gibt Sympotome dafür, daß die Beschimpften fürderhin nicht gesonnen sind, Alles schweigend über sich ergehen zu lassen. Eine wichtige Mittheilung kommt von Seite der Exporteure der Confectionsbranche. Das Beispiel, welches die Börsekammer für landwirthschaftliche Producte gegeben, wird Nachahmung stnden. In den Kreisen der Kleider-Exporteure ist in den letzten Tagen eingehend darüber berathen worden, den Sitz dieses großen Geschäftszweiges von Wien uach B u d a p e st zu verlegen, und es haben anläßlich der jüngsten Anwesenheit der ungarischen Minister in Wien Besprechungen mit dem Handelsminister Bela Lukacs stattgefunden, welche die Exporteure in hohem Maße befriedigten. Die ungarische Regierung ist geneigt, das weitgehendste Entgegenkommen zu £asBusssaotf&a

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