Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 23 (8.5.1894)
- Date
- 1894-05-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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OesterreiMsche Wochenschrift Nr. 23 Seite 444 in den Tiefen des Meeres, diese Lehre, welche dem Jrrwahne und Aberglauben des Volkes ein Ende macht, ist vielleicht die größte Geistesthat, welche die Geschichte der menschlichen Entwicklung überhaupt zu verzeichnen hat. Hier leitet der Glaube hinüber zu den sonnerhellten Gefilden des Wissens, mit dieser Lehre brechen Vielgötterei und Bilderdienst, Blutopfer und - religiöse Prostitution zusammen und die Menschheit beginnt ihren Aufstieg zu den Höhen der Wahrheit, der Sittlichkeit und der Wissenschaft. Die folgenden Gebote stellen in lapidaren Sätzen die Fundamente des socialen Lebens fest, aus ihnen fußt die Familie, die Volksgemeinschaft, die staatliche Ordnung. „Du sollst keine Begierde haben nach dem, was Deinem Nächsten gehört!" Damit ist für alle Zeit die Heiligkeit und Unverletzlichkeit des Eigenthums proclamnt. „Sechs Tage sollst Du arbeiten, doch am siebenten sollst Du ruhen, Du, Dein Sohn, Deine Tochter, Dein Knecht, Deine Magd." Auch hier ist das Judenthum der übrigen Welt um Jahrtausende vorangeeilt. Das Sabbatgebot ehrt die Arbeit und sorgt für den Arbeiter, es ist die Basis für die sociale Gesetzgebung der Bibel, jene herrliche menschenfreundliche Gesetzgebung, welche die Grundzüge der socialen Reformen und Wohlfahrtseinrichtungen unseres „humanen" Jahrhunderts schon vor tausend und abertausend Jahren verwirklicht hat. Der Arbeiter soll -nicht mißbraucht und ausgebeutet,' seine Kräfte sollen geschont, für sein leibliches und geistiges Wohl soll gesorgt werden. Milde und liebevolle Gesinnung gegen Arbeiter und Angestellte, milde und liebevolle Gesinnung selbst gegen Thiere war der Grundsatz des Judenthums und die Vorschrift, dem Arbeiter seinen Lohn nicht über Nacht vorzuenthalten, enthält mehr socialpolitische Einsicht, als unsere ganze moderne Gesetzgebung. Welche Uebelstände dadurch entstehen, daß der Arbeiter erst am Ende der Woche seinen Lohn erhält, wollen wir hier nicht erörtern, sondern eine Geschichte von R. Isaak Luria mittheilen: Das Gebet eines so heiligen Mannes und hervorragenden Kabbalisten gleich R. Isaak Luria ist eine Art Verzückung, eine Loslösung der Seele von allen irdischen Banden, eine innige Verbindung mit Gott. Der Kabbalist betet nicht, weil das Gesetz es vorschreibt, sondern weil seine von Liebe zu Gott entstammte Seele zu ihrem Urquell sich hingezogen fühlt. Einmal geschah es, daß R. Isaak Luria mitten im Abendgebete sich erinnerte, daß er einem Arbeiter, der bei ihm beschäftigt war, noch nicht den Lohn bezahlt habe. Sofort unterbrach er sein Gebet, um dem Arbeiter den bedungenen Lohn vor Sonnenuntergang zu geben^ und erst dann kehrte er zu seinem Betpult zurück, um seine Andacht fortzusetzen. Wie mächtig mußte der Gedanke, daß er einem Arbeiter den Lohn vorenthalten habe, ihn erregt haben, wenn sein Gebet dadurch plötzlich an Weihe und Kraft verlor! Wer ferner weiß, wie streng die talmudischen Vorschriften gegen die Unterbrechung des Achtzehngebetes lauten, wird einräumen, daß die Wärme kabbalistischer Mystik die eisernen Bande des Ritualgesetzes zu sprengen vermag. Einst begegnete ihm ein Mann, dessen Frömmigkeit allgemein bekannt war. R. Isaak Luria sixirte ihn sehr scharf und sprach: „Ich lese in Deinem Gesichte, daß Du eine schwere Sünde begangen hast". Der fromme Mann gerieth ganz außer sich, war tief erschüttert, grübelte und grübelte, welche Sünde er begangen haben mochte. Traurig und niedergeschlagen trat er den Rückweg nach seiner Wohnung an, und als er in den Vorhof sich befand, bemerkte er einige Hühner, die Herumliesen. Er fragte seine Frau, die ihm begegnete, ob sie die gefiederten Hausgenossen bereits gefüttert habe. „Dies fällt mir nicht ein", antwortete sie, „mögen sie sich selbst ihr Futter suchen". „Das ist nicht richtig", versetzte der Fromme; „Du mußt ihnen täglich Futter geben und ihre Nahrung nicht dem Zufall überlassen". Von diesem Momente an sorgte die Hausfrau für das Hühnerfutter. Nach einigen Tagen kam der Fromme wieder mit R. Isaak Luria zusammen. Dieser sah ihm wieder scharf ins Gesicht und rief ihm freudig zu: „Deine Sünde ist geschwunden". „Ich habe", erwiderte unser Frommer, „während der Zeit, daß ich Dich nicht gesehen habe, nichts Anderes gethan, als meine Frau beauftragt, den Hühnern in meinem Hause Futter zu streuen, damit sie nicht hungern. War nun die bisherige Unterlassung dieser Fütterung eine so große Sünde?" fragte er ganz verwundert. „Allerdings", replicirte R. Isaak Luria; „wir sollen für die Nahrung der Thiere sorgen, wo wir nur können und verhüten, daß sie durch unsere Schuld verhungern". R. Isaak Luria war kein Mitglied eines Thierschutz'Vereines, aber ein Kabbalist milden Herzens, der nicht nach casuistischen Gesetzes-Paragraphen handelte. „Ehre Vater und Mutter!" Mit diesem Gebote wird die Familie zu einer göttlichen Institution erhoben und das religiös-sittliche Leben unter ihrem Schutz gestellt. In der Reinheit des Familienlebens, in. der Liebe der Kinder zu den Eltern wurzelt die sittliche Kraft des Volkes und die Festigkeit der gesellschaftlichen Ordnung. Von der Familie, von der-Erziehung der Jugend zu Tugend und Sitte geht alles Wohl des Staates aus, und mit Recht erblickt man in dem innigen Familienleben der Juden eine der stärksten Stützen des Judenthums, das Geheimniß seiner wunderbaren Erhaltung inmitten tausendjähriger Vedrängn'ß und Verfolgung. Das furchtbarste Verbrechen aber, welches die Feinde des Judenthums nicht an uns, sondern an der staatlichen Gemeinschaft und an der ganzen Menschheit begehen, ist die moralische Vergiftung der Juden durch den Nassen- und Classenhaß, den sie in die empfänglichen Gemülher pflanzen. Rohheit, Unsitllichkeit, Selbstsucht und Berfolgungswuth nehmen in erschreckendem Maße überhand, und so weit ist die allgemeine Corrumpirung der Gewissen bereits gediehen, daß die Schulbehörden nicht einmal mehr einen Frevel darin erblicken, wenn ein Priester seine Hetzschriften in der Kirche durch schulpstichtige Kinder verbreiten läßt. Und doch bildet das Juden th um die einzige Stütze der Religion überhaupt, ist es das lebendige Zeugniß für die göttliche Offenbarung, wandelt es unsterblich durch die Jahrtausende als Zirl bittersten Hasses der Atheisten aller Zeiten, weil in seiner Geschichte die Wahrheiten der göttlichen Verheißung mit flammenden Buchstaben sich offenbart. Der freigeistige Friedrich der Große von Preußen, der nach dem Grundsätze: „Jeder nach seiner Fagon regierte, mußte am Abende seines Lebens verzweiflungsvoll ausrufen: „Schafs' Er mir wieder Religion in's Land!" Derselbe König fragte einmal seinen frommen Leibarzt Zimmermann: „Sag' Er mir doch einen Beweis für die Wahrheit seines Evangeliums; aber kurz, nicht viel Worte!" „Ew. Majestät", antwortete dieser, „die Juden". Die Richtigkeit dieser Antwort kann nicht trefflicher entwickelt werden, als dies Gaussen in seinem Buche: „Die Verkündigung des Evangeliums unter den Juden" thut, und seine Worte, vor einer längeren Reihe von Jahre geschrieben, verdienter gerade in unseren Tagen der schmachvollen Judenhetze doppelt, von der „Jüd. Pr." wieder im Gedächtnisse aufgefrischt, und zur aufmerksamen Lectüre und — Beherzigungempsohlen zu werden. G auss e n schreibt u. A.: „Wenn wir das jüdische Volk uns vor die Augen stellen, stehen wir vor einem Wunder, und ich wage es zu behaupten: wer nur aufmerksam sein will, kann nicht ungläubig sein. Was auf die Juden Bezug hat, ist Alles glaublich; denn ihre Verheißungen und ihre Zukunft ist nicht erstaunlicher, als was vor Augen ist und geschehen. Wunder ist Alles bei diesem unvergleichlichen Volke, welches seit so vielen Jahrtausenden keine menschliche Kraft weder zerstören, noch sammeln, weder Herstellen, noch bekehren, weder von der Bibel trennen, noch ihr unterwerfen, weder von Moses losreißen, noch Christo geben konnte. Alles ist ein Wunder, seine Geschichte, sein Ursprung, sein Fall, seine Zerstreuung-, seine Züchtigungen und Demüthigungen, seine Erhaltung, seine Verbannung und häufig versuchte, aber nie gelungene Ausrottung: seine merkwürdige Menge, seine Einheit, seine Halsstarrigkeit, unverwüstliche Volksthümlichkeit, seine Verbreitung über die ganze Erde, die uuverwischte Erhaltung seines Stammes mitten unter