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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-05-08 · 23 (8.5.1894) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
23 (8.5.1894)
Date
1894-05-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 23. Wien- 8. Juni 1894. Jahrgang XI. Crntralorgan flir die gesammten Interessen des Iudrnthums. m H. ft. Postsparrslftn-Amr Clraringv erkrhr Nr. 810.976. Redsrtion und Administration: W i r n Franz Josrfs-Nuai Nr. 3. Telephon-Nr. 6535. »ersusgeber: Keichsraths-Avgeordnrter vr.Kloch. Erscheint jeden Freitag. Man «bonnirt bei allen Postanstallen des In- und Auslandes. jg vrrugsprris für Srsterrrirft: Halbjährig 4 fl. — 8 j?t. Einzelexemplare 25 kr. Tür'» Ausland: halbjährig 5 fl. — 10 Jtr. ganzjährig 10 „ — 20 „ Anzeigen: Die 4inal gespaltete Petitzeile 13 kr. Inhalt: Leitartikel : Zum Feste der Offenbarung. — Die Action der Handelswelt. — Die Lage in Ungarn. — Velhagen und Klasing's Monatshefte. — Slöcker am Rhein. —Vom Jahrmarkts des Lebens. — Dr. Alexander Kohut. — Corres Pondenzen: Wien, Gör:, Kopreinitz, Köln, Frankenberg, Nürnberg. — Vermischtes: Wien, Bielitz, Biroviticza, Sniatyn, Belovar, London, Paris, Bern. — Feui Net on: Mendel Danziger. — Literatur — Briefkasten. — Wochenkalender. — Inserate. Zum Feste der Offenbarung. Das Schewuoth-Fest gilt der Erinnerung an die Offenbarung am Sinai und ist das Geburtsfest menschlicher Gesittung. Die beiden Gesetzestafeln mit den göttlichen zehn Geboten, sie sind das Symbol des Judenthums, aber dieses Symbol strahlt erleuchtend durch die ganze civilisirte Welt. Die Gesetze eines Solon und Lykurg sind untergegangen, die ehernen Gesetzestafeln Roms sind zerbrochen, aber die zehn Gebote, die Moses am Berge Sinai erhielt, haben die Stürme der Jahrtausende überdauert, sie sind die Grundlage der Bildung und Gesittung aller Völker geworden und haben ihren Einfluß auf die Entwicklung des ganzen Menschengeschlechtes geübt. Den Geisteskammern Israels haben die Völker ihre vornehmsten Heilsideen entlehnt, und die Germanen haben gar nicht aufgehört, Anlehen zu contrahiren beim semitischen Geisiesschaff, welches sie zugleich anbeteten und lästerten. Dies haben auch gebildete deutsche Christen verschiedener Zeiten rückhaltlos einbekannt. So sagt Prof. Dr. Rudolf von Raumer in seiner Schrift „Vom deutschen Geiste", (II. Ausl., Erlangen, S. 158): „Ohne allen Vergleich am wichtigsten unter den fremden Einflüssen, die das deutsche Volk erfahren hat, ist der von den Semiten ausgegangene." Uno Johannes Sch err schreibt in einem Aufsatz über „Mohammed und dessen Werk": „Noch bis zu dieser Stunde trägt das Antlitz der civilisirten oder genauer gesprochen, europäisch-amerikanisch-christlichen und der mohammedanischen Welt die geistige Signatur, welche ihr der semitische, zuerst durch die hebräischen Propheten zu einer sittlichen Macht ausgebildete Monotheismus verliehen hat." Und schon fast hundert Jahre früher schrieb der, durch sein Unglück bekannter gewordene edle Ehr. Fr. Schubart in seiner Vaterlandschronik: „Die wahre Aufklärung, die ihren strömenden Glanz in die Ewigkeit hinauswirft, haben wir — nicht den Griechen und Römern, sondern den Juden zu verdanken." v. Jh eri n g schreibt: „Dem Volke, das unserer modernen Welt den Gedanken der Menschlichkeit und der an keinen Unterschied des Glaubens geknüpften Liebe gebracht hat, lohnt der Antisemitismus dadurch, daß er beide ihm gegenüber verleugnet." Schwere Tage sind wieder über Israel hereingebrochen. Der alte Haß, die alte Verfolgungswuth flammt Wiederaus, die Theorie von den Wirths- und Gastvölkern wird praktisch in eine wüste Hetze gegen die Juden umgesetzt, die man als fremde Eindringlinge aller Menschenrechte berauben will. Von der Kanzel herab predigen gottvergessene Priesterblutige Gewaltthat und der Staat, dessen Gesetze allen seinen Bürgern gleiches Recht verbürgen, läßt solchen Frevel ohne Sühne und Ahndung geschehen. Und doch ruhen Kirche und Staat auf jenen ewigen und unvergänglichen Grundlehren, welche das Judenthum in den zehn Geboten der Menschheit gegeben hat, doch wurzelt aller Glaube, alle bürgerliche Ordnung, alles Recht, alle Sitte und alle Freiheit, alle kirchliche und weltliche Macht, die Heiligkeit des Priesters wie die Majestät des Herrschers in diesen erhabenen zehn Worten. Und wir sollten Fremde sein in dieser Welt, welche erfüllt ist von unserem Geiste, deren Gesetz unser Gesetz ist und der allein die göttliche Offenbarung am Sinai allen sittlichen Halt gewährt? Der Priester, der Solches behauptet, wüthet gegen sich selbst, der Staat, der solche Lehre duldet und billigt, untergräbt die stärksten Grundvesten seines Bestandes. Was in tausendjährigem Ringen die gesammte Culturmenschheit bewegt hat, was an großen, sittigenden Ideen den Völkern des Erdballes zu lebendigem Bewußtsein gekommen ist, das ist in aller Klarheit und Reinheit schon in den zehn Geboten enthalten. Der Sturmhauch der Freiheit weht gleich durch das erste Gebot. Als ein Gott der Freiheit kündigt sich der Herr, der Gott Israels, an, der Israel herausgeführt hat aus der Knechtschaft Egyptens, der die Fesseln der Tyrannei zerbrochen hat, der kein Herren- und kein Sclaveizvolk, sondern nur freie, in seinem Ebenbilde geschaffene Menschen kennt. Achtzehnhundert Jahre hat die christliche Welt gebraucht bis zur Verkündigung der Menschenrechte. Das Judenthum aber ist schon im Dämmer der vorgeschichtlichen Epoche zur Erkenntniß dieser unveräußerlichen Rechte gelangt und hat sie bethätigt, lange noch bevor Sclaverei, Leibeigenschaft und Hörigkeit bei den übrigen Völkern als eine Entweihung der Menschenwürde erkannt wurden. Die sittliche Erhebung des Menschengeistes, die Erfassung der allgewaltigen, allgegenwärtigen Naturkraft predigt das zweite Gebot. Die Lehre vom einen und einzigen Gott, der nicht in einem Bilde, nicht in sichtbarer Gestalt erscheint, sondern überall wohnt, im Himmel und aus Erden und

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