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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-06-01 · 22 (1.6.1894) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
22 (1.6.1894)
Date
1894-06-01
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 440 Deflerreichifitze MochenschrM Nr. 22 mehr suchte sie selbst die Armuth und die Stätte des Elends auf. Groß steht sie da in der Ausübung der Nächstenliebe an verschämte Arme. Da die edle Verklärte nicht mehr unter uns weilt, erscheint sie uns idealisirt in ihrer hochragenden Gestalt mit dem edelgesormten Antlitz und dem milden Blick wie ein tröstender Engel, der überall, wo er erscheint, Gebeugte aufrichtet, Verzweifelnde ermuthigt, Hoffnungen belebt, Trost spendend stärkt und erquickt. Groß und schmerzlich ist der Verlust für Alle, welche sie kannten, liebten und immerdar verehren werden! Angesichts des Verlustes dieser frommen und gottesfürchtigenFrau mit dem feinfühligen Herzen und der edlen Denkweise, welche ohne Rücksicht der gesellschaftlichen Standesunterschiede in jedem Menschen nur den Menschen gesehen und beurtheilt, d. h. entschuldigt hat, brechen wir in den altjüdischen Klageruf aus: Cliawal al deowdin welo mischtakchin. Wehe UM die, die von uns gehen und unersetzlich sind! So war auch das Leichenbegängniß, welches Sonntag, den 20. Mai stattqefunden hat, der beredteste Ausdruck der Verehrung und Hochachtung, welche die Dahingeschiedene genoß. Eine unabsehbare Menge von Trauergästen aus allen Schichten der Bevölkerung, vom Millionär bis zum Bettler, Juden und Nichtjuden, Vereine und Körperschaften, deputativ und corporativ vertreten, worunter auch die Stadtvertretungen von Prag und Kuttenberg, die israelitische Cultusgemeinde-Repräsentanz mit dem Präses J.U.Dr. Arnold Rosenbacher, der Nächstenliebeverein mit dem Director J.U.Dr. L. Bendiener, der Centralverein mit dem Director Dr. F. Duschenes, der Kreuzerverein mit den Directoren I. Mauthner und S. Haurowitz und v. A. — Die ehrwürdigen Prager Rabbiner mit dem Oberrabbiner Dr. N. Ehrenfeld und dessen Stellvertreter Dr. M. Tauber an der Spitze, bildeten den Trauerzug, welcher dem einfachen Leichenwagen folgte, an welchem — dem Sinne der Verstorbenen entsprechend — weder Blumen noch Schleifen sichtbar waren: So waren auch die Nachrufe und Reden, welche Se. Ehrwürden Oberrabbiner Dr. N. Ehrenfeld, Oberrabbiner-Stellvertreter Dr. M. Tauber, Tempelprediger Dr. Kaminka, Feldprediger Dr. A. Kisch theils im Trauerhause, theils in der neuen großen Ceremonienhalle am neuen israelitischen Friedhofe, welche die Anzahl der Trauergäste nicht fassen konnte, theils am offenen Grabe gehalten wurden, Worte, die vom Herzen kamen und zum Herzen drangen. Das Grab birgt nur, was Irdisches an ihr war, ihr Geist aber wird fortleben in unserer Gemeinde, bei Allen, die sie verehrten und ihrem Herzen nahe standen; insbesondere in dem Vereine, den sie mit Ueberwindung von großen Schwierigkeiten begründet und für dessen Erhaltung sie sich mit der ganzen Macht ihrer Persönlichkeit eingefttzt hat, in dem sie gelebt hat und gestorben ist: „Der Verein für israelitische Feriencolonien in Prag." Safsin. (Auszeichnung.) Wie das ungarische Amtsblatt meldet, wurde dem Oeconomen Herrn Wilhelm Felder in Saffin, einem Glaubensgenossen, der sich auch in nichtjüdischen Kreisen des Neutraer Comitates eines großen Ansehens erfreut, „in Anerkennung seiner auf dem Gebiete der öffentlichen Angelegenheiten und insbesondere der Wohlthätigkeit erworbenen Verdienste", von Sr. Majestät das Ritterkreuz des Franz Josefs-Ordens verliehen. Neu-Sandee. Die unter Patronanz der Abgeordneten Liechtenstein und Geßmann erscheinende „Reichspost" veröffentlicht in ihrer Nummer 112 vom 17. d. M. einen spaltenlangen Bericht über die Brandschadenerhebungen des „Oesterreichischen Phönix" nach dem Brande vom 17. Mai d. I., in welchen sie sich der armen unglücklichen Opfer annimmt und bittere Thronen ob der Größe des Unglückes nachweint. Daß die „Reichspost" nicht etwa das Wohl der vom Feuer heimgesuchten zu fördern beabsichtigte, ist schon aus der Art und Weise, wie dieses bis nun hier unbekannte Blatt colportirt wird, ersichtlich, und bezweckt blos, ein Institut, das in coulantester Weise die versicherten Schäden ausbezahlte auf die verlogenste Art zu disereditiren. Die „Reichspost" hat es aber in ihrer Hetzwuth gänzlich übersehen, daß ihre edle (?) Entrüstung blos dem Schutze der abgebrannten Juden galt, da die 43 nichtjüdischen Familien hier, welche vom Feuer beschädigt wurden, theils bei der „Gegenseitigen Versicherungsgesellschaft in Krakau", theils gar nicht versichert waren. Bei den anderen Gesellschaften wie „Donau" „Fonciere" und „Oesterreichischer Phönix" waren blos Juden versichert, deren Leid die Herren von der „Reichspost" so stark zu Thränen gerührt, daß sie sich nicht gescheut haben, auch (?) einer Lüge ihr Organ zu Diensten zu stellen. Das Jammern und Klagen der verarmten Abbrändler ist jetzt sechs Wochen nach der verheerenden Brandkatastrophe, nachdem erst die Tragweite des Unglückes ermessen werden kann, .dem dumpfen Hinbrüten gewichen und herzzerreißender als das laute Klagen ist der Anblick der Bejammernswerthen, die sich frommgläubig und gottergeben in ihr Geschick fügen und ihre einzige Hoffnung auf die spärlich einlaufenden Spenden setzen. Der einzige Lichtpunkt in diesem Jammerbilde sind nur die Wenigen, welche versichert waren und deren Noth zum Theile gelindert wurde. Angesichts der Theilnahmslosigkeit der Welt unserem Unglücke gegenüber, müssen wir gestehen, daß es blos die Versicherungsinstitute sind, und gerade der von der „Reichspost" verleumdete „Oesterreichische Phönix" in erster Reihe, welche, ihrer Humanitären Pflicht bewußt, ihr Möglichstes zur Linderung der Noth, wenn auch nur in geringem Theile, beigetragen haben. Zn unserem tiefsten Bedauern tvaren es nur Wenige, die so vorsichtig waren, ihr Vermögen zu versichern und die aber mit der Art und Weise der Entschädigung vollkommen zufrieden sind. Paris. Mr, Leon Dreyfus, Schwiegersohn des General See, wurde in Valenciennes, wo derselbe eine Fabrik besitzt, einstimmig zum Maire gewählt. Der katholische Pfarrer setzte sich sehr eifrig für die Wahl von M. Dreyfus ein. Die Wahl ist um so bemerkenswerther, als M. Dreyfus der einzige Jude in der Stadt Valenciennes ist. Paris. Unter den vom Staate im Salon angekauften Kunstwerken befindet sich auch die Marmor-Statue Orpheus, ein Werk des hervorragenden jüdischen Bildhauers M. Emanuel Hanneaux. Paris. Die ^rebives I-rraßiiteg veröffentlichten in einen! Artikel über die Centennarfeier der Leols kol^teetmigue eine Liste angesehener jüdischer Mitbürger, welche in diesem Institute ihre Erziehung genossen haben. Vier jüdische Generäle der französischen Armee, eine große Anzahl von jüdischen Obersten und General-Jnspectoren der Bergwerke, Straßen und Brücken haben diese Schule durchgemacht. Nom. Ein Mitglied der Familie Cahen d'Anvers ist jüngst hier gestorben. Der Verstorbene war der einzige Jude, welcher den Titel eines Marquis führte. Die Markgrafschaft von Torre di Alfina wurde demselben vor einigen Jahren vom König von Italien verliehen. Der Titel geht nunmehr auf den ältesten Sohn über, welcher Attache der italienischen Gesandtschaft in Paris ist. Sophia. Üeber Wunsch des Consistoriums hat der Oberrabbiner von Bulgarien Dr. M. Grünwald eine Reise angetreten, um die Aufmerksamkeit der Führer der jüdischen Gemeinden in Paris, London, Wien und Berlin auf das Anwachsen der antisemitischen Bewegung im Fürstenthume Bulgarien zu lenken. Feuilleton. Ehe Belfer. Eine Erzählung von Dmnchalski. Obwohl sein Familienname ein reißendes Thier bezeichnete, welches mit Rücksicht auf seine noch lebenden Angehörigen nicht genannt werden kann, war er doch nur unter dem Namen Elje Belfer bekannt, welcher sein Metier bezeichnete. Diese Nomenclatur resp. die Bedeutung des Wortes „Belfer" zn definiren, fällt schwer, da nicht gesagt werden kann, ob darunter ein Individuum zu verstehen ist, welches den Kindern die ersten Begriffe des „Alef Beth" einbelfert, oder ist dieses eine Verstümmelung des „B eh elfer", als welcher er dem „Melamed" in seinem Wirken dient. Allgemein ward er „Elje Belfer" benamst; als er eines Tages plötzlich als „Paßlos aufgegriffen" der k. u. k. Assentcommission vorgeführt und als „tauglich" befunden in die Montur gesteckt wurde, erfuhr man erst seinen richtigen Namen. Durch die beispiellos großherzige Stiftung des Baron Hirsch entstanden in den größeren Onschaften Galiziens moderne Schulen, wodurch die Chedorim, somit auch die „Belfer" auf den Aussterbeetat gesetzt wurden, daher es angezeigt erscheint, sich mit dem Wesen dieser bereits von der Bildfläche verschwundenen Species etwas eingehender zn beschäftigen.

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