Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 22 (1.6.1894)
- Date
- 1894-06-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 22 Drstrrreichischr Wottzenschrist Seite 441 Die Stellung eines „Bester" war in socialer sowie in materieller Hinsicht nichts weniger als beneidenswerth. Für eine Entlohnung von 20 bis 25 fl. CM. pro Semester (Seman) nebst freier Station — eigentlich Stationen, bereit Anzahl derjenigen der ihm zugewiesenen Kinder entsprach, war er verpflichtet, in der jeweiligen „Station" allerlei Dienste zu verrichten. Schuhe, Kleider,, Spiegel, Fenster und Silberzeug putzen, Parquettböden bürsten, die „Kaporeß" zum Schochet tragen und gerupft wieder nach Hause bringen, gehörten zu seinen Obliegenheiten. Nebstdem mußte er die Kinder aus- und ankleiden, ihnen das Abend- und Morgengebet vorsagen und sie schaarenweise vor sich ins Cheder hertreibeu oder bei schlechtem Wetter auf seinen breiten Rücken dahin befördern, wo erst die eigentliche „Arbeit" begann, welche darin bestand, unter Schwingung des „Handscheck" seinen Zöglingen sittlich-religiöse Erziehung, sowie die Vorbegriffe der Wissenschaft beizubringen. Alle diese Obliegenheiten erfüllte Elje mit peinlichster Genauigkeit und wirkte als musterhafter Bester, bis er Soldat wurde. Im Anfänge gebot ihm sein religiöser Sinn, gegen Alles und Jedes, natürlich erfolglos, zu protestiren. Ueber das „Schatnestragen" mußte er sich hinwegsetzen, da bei der Anfertigung der Monturen keine Ausnahme gemacht werden kann, ebensowenig wie bei der Bereitung der Menage, dagegen war er über den Verlust der „Pejes" (Stirnlocken) ganz trostlos und konnte sich in die Entweihung des Sabbath gar nicht finden. Bei der „Abrichtung" war er willig und gehorsam, und wenn er trotzdem aus den Strafen nicht herauskam, so trug einzig und allein seine Religiosität daran Sie Schuld. Als aber „Spangen" und diverse Arreststrafen nichts halfen, war sein toleranter Hauptmann öfters gezwungen, den erhabensten Körpertheil des armen Elje etwas unsanft mit ungebrannter Asche betupfen zu lassen, wobei die Zahl 25 stets eine Rolle spielte und der „Erfolg" blieb nicht aus,-da eine solche peinliche Procedur auch dem verstocktesten Gemüthe für die Dauer unangenehm werden kann. Elje fügte sich also ins Unvermeidliche und wurde ein braver Soldat. Er fühlte sich sogar den Umständen gemäß ganz wohl, soweit unter den damaligen Verhältnissen sich ein Jude im Militärdienste Wohlbefinden konnte. Seiner Beförderung zum k. k. Gefreiten stellte sich stets das lange Strafregister entgegen und eröffnete ihm die nicht sehr erfreuliche Aussicht, die langjährige Dienstzeit als „Gemeiner" absolviren zu müssen. Als „intelligenter" deutschsprechender Mann, wurde Elje zumeist in den Ordonnanzdienst und niemals auf die Wache commandirt, und so fand er im Laufe der Zeit Gelegenheit, geläufig das Lesen und Schreiben zu erlernen. Seine erste Wache brachte aber in seinem ganzen Wesen eine merkwürdige Veränderung hervor, welche auf seinen weiteren Lebenslauf ganz eigenthümlich einwirkte und dieses kam so: Das k. k. Tabaks-, später Bettenmagazin in seiner Garnison stieß an den Ortssriedhof und wurde Nachts von zwei Posten bewacht. An der Straßenseite war das „Schildern sogar angenehm, dagegen auf der „Friedhofsseite" im höchsten Grade ungemüthlich — sogar unheimlich — kein Wunder also, daß fast jeder Posten, der um Mitternacht auf diese Seite gestellt wurde, stets desertirte und sich schwere Strafen zuzog. In jener Zeit, wo bei jedem Nebel die „Haslingercur" angewendet wurde, regnete es zahllose Stockhiebe auf die Eingebrachten und doch ließ sich keiner überzeugen, daß das auf der Friedhofsmauer periodisch sichtbar werdende Gespenst nichts Anderes als ein Gebilde seiner Phantasie sei und jeder Soldat hat es vorgezogen, die schwerste Strafe zu ertragen, als, wie er behauptete, von irgend einem Dämon zerrissen zu werden. Die Androhung der schwersten Strafen konnte also die Gespensterfurcht aus dem Bataillon nicht bannen, bis ein genialer Feldwebel ein Auskunftsmittel ersann, indem er die Mannschaft seiner Compagnie aufforderte, sich für den allgemein gefürchteten Posten freiwillig zu melden und damit Muth und Unerschrockenheit zu bethätiaen. Wie erstaunt war aber Jeder, als sich der fanatische Elje zu allererst für diesen Posten meldete und auch dann standhaft blieb, als seine Courage angezweifelt und ihm für den nächsten Tag wohlgezählte 75 der oft verkosteten „Betupfungen" eventuell „Pulver und Blei" in Aussicht gestellt wurde — Elje erklärte, auf seinen Posten unter allen Umständen auszuharren, da es sich doch gleich bleibe, ob er den Weg in's Jenseits via Schlund eines Gespenstes oder Empfang einer Executionssalve anzutreten genöthigt wird. Im Wachzimmer des k. k. Tabakmagazins angelangt, mußte er von den Soldaten die gruseligsten Geschichten anhören, doch hoffte er, haß das Gespenst seinen Opfermuth rücksichtsvoll respectiren und sein periodisches Erscheinen auf eine andere Nacht „vertagen" wird. Bald wurde er auf Posten gestellt und verwendete die zwei Stunden, um die Oenlichkeit zu studiren. Mit geschlossenen Augen wußte er den Platz einer jeden, über die Friedhofsmauer ragenden Statue, eines jeden Monumentes oder Grabkreuzes genau anzugeben, — zeichnete diese Stellen an der Außenwand mit der mitgenommenen Kohle deutlich an, prägte die Zeichen seinem Gedächtniffe wohl ein, damit er nicht unnütz geängstigt werde. — Nach der Ablösung zeigte er Muth und Entschlossenheit, welche er bis zum Abend bewahrte. Schwere Wolkeumaffen ballten sich Abends am Firmament zusammen — ein Sturm begann zu toben und vereinte sein Heulen mit dem Knarren der dürren Aeste und den unheimlichen Klagetönen der Nachteulen zu einem schauderhaften Concerte. Der herbstliche Sprühregen vermehrte das Gruseln der Wachmannschaft, welche dem armen Elje kopfschüttelnd nachblickten, als dieser um Mitternacht das Gewehr ergriff, um auf den ominösen Posten „aufgeführt" zu werden. — Elje schritt jedoch muthig hinter dem Aufführer einher, und als dieser sich mit dem „alten Posten" entfernte, rief ihm Elje noch l erzhaft: Gute Nacht! zu und blieb allein. Das scharf geladene Gewehr fest im Arme haltend, schritt er. einmal auf und ab, und blieb dann in der Mitte seiner „Wandelbahn" vor dem Schilderhäuschen stehen und, ohne sich vor dem strömenden Regen hineinzuflüchten, starrte er eine zeitlang vor sich auf die Friedhofmauer und die ihn im Finstern angrinsenden Statuen und Grabkreuze — doch nicht lange. — Ein Knacken im Geäste jenseits der Friedhofsmauer brachte sein Blut zum stocken — das sträubende Haar hob fast den Czako in die Höhe und im nächsten Momente sah er sich einem schwarzen Ungethüme gegenüber, welches sich anschickte die Mauer herüberzusteigen. Schema Israel! rief er aus Leibeskräften — da quoll aus dem brüllenden Rachen des Ungethüms ein Funkenregen hervor. Schnell entschlossen riß er den Gewehrkolben an die Wange und rief vorschriftsmäßig: Halt! wer da!? — Erneuertes Funkensprühen war die Antwort, welches nach dem zweiten und dritten Anruf stets intensiver wurde. Der funkensprühende Rachen bot im Finstern dem Wachposten ein günstiges Zielobject — er zielte — ein Schuß krachte — und das Gespenst verschwand. Elje beeilte sich abermals zu laden und hätte in seinem Eifer bald den Wachcommandanten erschossen, der pflichtgemäß auf die in ziemlicher Entfernung gelegenen Wachstube vernommene Detonation, gefolgt von einigen Soldaten, im Laufschritt herankam. Elje erzählte das Vorgefallene, doch der Corporal schüttelte ungläubig sein Haupt und kehrte mit den Soldaten in die Wachstube zurück, um dem erwarteten Jnspections-Officier den Rapport zu erstatten, doch dieser kam nicht — kam lange nicht — konnte gar nicht kommen, den er lag jenseits der Friedhofmauer in ein Bärenfell gehüllt kalt und starr im Gebüsch — wo das Projectil aus Elje's Rohr, unbehindert von der im Munde des Officiers steckenden Schießbaumwolle ihn hingestreckt und wo Uyt der Todtengräber am Morgen nach der verhängnißvollen Nacht aufgefunden hat.- Seit jener Zeit hat sich kein Gespenst mehr dem Wachposten auf der Friedhofseite des k. u. k. Tabakmagazins zu S.gezeigt. Die muthige That Elje's lenkte die Aufmerksamkeit des „Depot-Battaillons Commandanten" auf ihn — und er nahm keinen Anstand, ihn successive bis zum Feldwebel avanciren zu lassen. Als solcher diente Elje zur besten Zuftiedenheit seiner Vorgesetzten lange Jahre, da er sich reengagiren ließ, konnte aber nach dem damaligen Gesetze, wegen seiner Confeffion es nicht weiter bringen. Doch der Officiersrang erschien Elje gar zu verlockend, und er erhielt denselben auch, nachdem er den Glauben gewechselt und im Feldzuge 1859 sich ausgezeichnet hatte. Die Einführung des „Stabs-Officiers-Curses" hat später unter den Officieren „alten Styles" gehörig aufgeräumt und unser „Held" war nicht so unbescheiden, um Zulassung zur Frequentirung dieses Curses zu bitten. Daher wurde er als k. u. k. Hauptmann I. Classe „über eigenes Ansuchen" in den „wohlverdienten Ruhestand" versetzt.