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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-06-01 · 22 (1.6.1894) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
22 (1.6.1894)
Date
1894-06-01
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 436 Oesterreirtzische Wochenschrift Nr. 22 GorresMNllenLm. Wien. (Wieder Einer.) Aus Würzburg wird uns telegraphirt: Der Begründer der hiesigen „Antisemitischen Gesellschaft", Kaufmann Karl Zoellner, wurde wegen Betruges und Unterschlagung verhaftet. Wien. (Die Affaire Deckert im Bezirksschulrat h e.) Zwischen unserer staatlichen und unserer communalen Verwaltung herrscht eine rührende Verständuißinnigkeit. Der niederösterreichische Landesschulrath hatte in einem Erlaffe an den Wiener Bezirksschulrath die Anfrage gerichtet, was derselbe wegen der Verwendung von Schulkindern bei der Colportage von Hetzschriften durch den Pfarrer Deckert veranlaßt habe. Am 28. d. M. beantwortete der magistratische Referent Herr Magistratsrath Preyer diese Frage in der zweiten Section des Wiener Bezirksschulrathes genau in demselben Sinne, in welchem der Ministerpräsident im Abgeordnetenhause die Interpellation der Herren Noske und Wrabetz beantwortet hat. Der Herr Magistratsrath erklärte nämlich, daß „nach den gepflogenen Erhebung" keine. Veranlassung für die Schulbehörden zum Einschreiten gegen den Pfarrer Deckert vorliege, da derselbe — man gebe wohl acht! — nicht in der Schule Kinder zur Vertheilung und zum Verkaufe des von ihm verfaßten „Juden- Baterunser" angeworben, sondern in der Kirche die eben anwesenden Kinder ohne Rücksicht auf ihre Schulpflicht dazu verwendet habe. Die ganze Angelegenheit hat mit der Schule nichts zu thun. Der magistratische Schulreferent scheint es also Herrn Deckert noch als besonderen Milderungsgrund anzurechnen, daß er neben schulpflichtigen Kindern auch solche zur Colportage seiner Hetzschriften verwendete, die noch nicht im schulpflichtigen Alter stehen. Den sonderbaren Anschauungen An der Spitze des Wiener Bezirksschulrathes steht der Bürgermeister, und der magistratische Schulreferent folgt in seiner Berichterstattung den Weisungen des Bürgermeisters. Herr Dr. Grübl war in der erwähnten Sitzung der zweiten Section nicht anwesend, aber sein Geist sprach aus dem Referate des Magistratsralhes Preyer. Wien. (Zur Affaire Deckert.) Wir erhalten folgende Zuschrift: „Löbliche Redaction! Zu meinem Erstaunen las ich, daß -der Schulreferent der Gemeinde Wien, Magistratsrath Preyer, als Berichterstatter über die vom Pfarrer Dr. Deckert durch Schulkinder betriebene Colportage die Behauptung aufstellte, daß Dr. Deckert „eben in der Kirche anwesende Kinder ohne Rücksicht auf ihre Schulpflicht" zum Verkaufe seiner Broschüren verwendet habe. Es ist mir nicht bekannt, aus welcher Quelle Magistratsrath Preyer diese Behauptung schöpfte, allein es ist vollkommen gewiß, daß diese Behauptung unrichtig ist. Bei der gegen Pfarrer Deckert durchgeführten Gerichtsverhandlung wurde ausdrücklich festgestellt, daß sich der genannte Pfarrer zur Colportage ausschließlich schulpflichtiger Kinder bediente, so daß keines derselben wegen Colportage zur Verantwortung gezogen werden konnte, was bestimmt eingetreten wäre, wenn irgend eines der Kinder das vierzehnte Lebensjahr schon überschritten hätte. Allein abgesehen davon, haben die ihre als Zeugen vorgeladenen Söhne begleitenden Mütter zugegeben, daß Pfarrer Deckert ihre Kinder schon zuvor zum Verkaufe bestellte. daß sie aber hierin nichts Ungehöriges erblickten, weil der Herr Pfarrer um sie warb. Demgegenüber erscheint jeder Commentar zum Amtsvortrage des Herrn Magistratsralhes Preyer überflüffig. Hochachtungsvoll G. G. (ein Zuhörer der Verhandlung gegen Pfarrer Deckert)." Wien. (Das Ende des St. Josef-Spar- und Vorschußvereines.) Zwar etwas verspätet, aber noch immer zeitlich genug publicirte das Handelsgericht eine Kundmachung, welcher zufolge der St. Josef-Spar- und Vorschußverein soeben aus dem Firmenregister gelöscht worden sei. Bis zum 22. d. stand nämlich diese „Firma" unter dem Titel „St. Josef-Spar- und Borschußverein, registrirte Genossenschaft mit beschränkter Haftung in Liquidation" noch im Firmenregister, und da verschiedene Geschäftsobliegenheiten und Amtshandlungen in Betreff dieser unrühmlich bekannten Genossenschaft doch bis in die letzte Zeit dauerten, konnte dieselbe erst am 22. d. aus dem Register gelöscht werden — womit auch die letzte Erinnerung an den Untergang dieses Vereines, durch den so viele kleine Sparer um Hab und Gut gebracht wurden, „gelöscht" erscheint. Man kennt die aufsehenerregende Affaire dieser im 2. Bezirke bestandenen Genossenschaft, an deren Spitze der Präsident des Severinus-Vereines Graf Pergen, sowie der Pfarrer Poppenberger standen. Nach mehrjähriger Dauer wurde das Concursverfahren vor noch nicht allzu langer Zeit geschlossen, und das Resultat derselben war für die Spareinleger, die 1,200.000 fl. eingelegt hatten, ein geradezu klägliches. Diese Spareinleger bestanden fast durchwegs aus „kleinen", aber auch-ganz kleinen Leuten, darunter auch vielen Pfründnern. Das Vertrauen, das diese Bedäuernswerthen in die (zum großen Theile aus Priestern bestehende) fromme Vereinsleitung setzten, war ein unbegrenztes gewesen, ebenso groß wurde ihre Erbitterung nach Bekanntwerden der heillosen Wirthschaft, welche den Untergang des Sparvereines herbeiführte. Wien. Zur Affaire Pollitzer schreibt die „Arbeiter- Zeitung" : „Der Mann war frech, aber nicht vorsichtig. Seine Nebenbeschäftigung ist doch, daß er Lieutenant in der Reserve ist: Hat er denn noch nicht aus den bürgerlichen Zeitungen gelernt, wie man - öffentliche Gewaltthätigkeiten begehen kann, ohne eingesperrt zu werden? Hat er noch nie gehört, daß ein Herr in Uniform seinen Säbel zog. auf den „Beleidiger" losschlug und ihn schwer verletzte, ohne daß ein Staatsanwalt darnach krähte?" „Der Mann ist aber nicht nur frech und unvorsichtig, er hat auch Pech. Die beiden Lumpen aus sehr, sehr guter Gesellschaft, die seinerzeit den Abgeordneten Pernerstorfer wegen der bekannten Rede in seiner Wohnung mit Bleistöcken überfielen, wurden bis heute nicht erwischt. Das Pech des Pollitzer besteht eben darin, daß er keinen hohen Beschützer hat; selbst die Rhimone Adriatica hat ihn verleugnet, ehe der Hahn dreimal gekräht hatte. Und ohne Protection bringt man es in Oesterreich in keiner Beziehung weit; selbst die Immunität von Abgeordneten zu verletzen, kann Einem übel ausgehen, wenn man nicht Officier ist oder Protection hat, oder aber, was noch besser sein soll, Beides in sich vereinigt." Wien. Die Katze läßt vom Mausen nicht so auch nicht die„zaubergewallige Erscheinung" Vergani's von derVerleumdung und Ehrabschneidung. Nachdem das Organ Vergani's schon ziemlich lange nichts Positives über die Juden zu bringen wußte, seine Leser aber nicht ruhig schlafen könnten, wenn über die Hebräer nicht geschimpft würde, so leistete es sich in seiner letzten Samstag-Nummer wieder ein Stückchen Pauschalverdächtigung. Es brachte unter dem Schlagworte „Eine neue Art von Erpressung" eine Schauermähr von einem „auswärtigen" Kaufmanne, der offenbar ein „arischer Christ" sein muß. Die Vermuthung ist eigentlich Gewißheit, denn wie hätte sonst Ehren- Vergani es unterlassen können, nicht mit fetten Lettern das Wort „jüdisch" voranzusetzen? Trotzdem nun in besagter Notiz so gar kein Anhaltspunkt auf einen jüdischen Kaufmann hinweist, so wußte sich dennoch das Blatt mit einem echt Verganischen Schelmenstücke zu helfen. Es fügte nämlich der sonst gar kein Interesse dem Leser bietenden Notiz einfach die den Antisemiten als Caviar dienende perfide Bemerkung bei: „da seitens jüdischer Firmen." Nicht wahr, so echt jesuitisch — pardon! — Berganisch, das so von Anderen denkt, wie es selbst ist! E. B. Wien. (Eine Escamotage des „Deutschen Volks blatt".) Das antisemitische Radau-Organ Verganews unternimmt in einer seiner letzten Nummern das Gaunerstückchen, dem verstorbenen Gründer und Director des Postsparcassenamtes Dr. Theodor Georg C o ch für sich und seine Partei zu annectiren. Wer Letzteren gekannt hat, muß einen derartigen Versuch mit Entrüstung entgegentreten. Schreiber Dieses hatte die Ehre, mit Dr. Coch innig befreundet zu sein und sich Tag für Tag seines Besuches zu erfreuen, welcher stets mit einer längeren Promenade abschloß. Dr. Coch war ein genialer, begabter, talentirter Mensch, ein seltener Organisator mit weitsehendem Blick, dabei besaß er eine universelle Bildung. Philosoph von Naturanlage, war er dennoch ein Praktiker. Ein Menschenfreund im wahrsten Sinne des Wortes, sah er in seinen Beamten nur seine Mitarbeiter, denen er ein väterlicher Freund war. Thatsächlich wurde er deshalb mißliebig, weil er sich entschieden gegen Einschübe von Protectionskindern in den Beamtenstatus der Postsparcasse stemmte, er fiel auch einer Verordnung wegen, welche zum Schutze seiner Beamten gegen fremde Elemente dienen sollte. Coch verdammte und bekämpfte den damals im Entstehen begriffenen Antisemitismus auf das Energischeste. Als er demissionirte, wurde seitens jüdischer Industrieller und Kaufleute eine Dankadresse an Coch wegen seiner hohen Verdienste um die Gründung der Postsparcasse angeregt, die große Betheiligung seitens der Juden fand. Die Arier hielten sich mit geringen Ausnahmen fern und factisch mußte die persönliche Uebergabe dieser Dankadresse unterbleiben, weil

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