Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 22 (1.6.1894)
- Date
- 1894-06-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 Veflrrreichiptzr WochenptzrM Seite 435 hervorgeht, daß gegen die betreffende Unterlehrerin (Bertha Zuflucht ist ihr Name) „kein Grund zu einer disciplinaren Untersuchung vorliegt," weil sich dieselbe „keiner Uebertretung schuldig gemacht habe," daß aber ihre Uebersetzung nach Bojan nur deshalb beantragt wird, weil „zwischen ihr und dem Oberlehrer Zwietracht herrscht." Wie findet es also der hockwürdige Herr Archimandrit Dr. Zurkan mit seinem Gewissen vereinbar, durch seine in der weitesten Oeffentlichkeit vorgebrachten unbegründeten Beschuldigungen die ohnedies nicht aus Rosen gebettete Existenz und den guten Namen einer armen Hilfslehrerin so schwer geschädigt zu haben? Selbst angenommen, die Geschichte wäre wahr; wie kommt er dazu, zu generalisiren und für die vermeintlichen Fehler oder Laster einer einzelnen Person die ganze Judenschaft verantwortlich zu machen? Gesetzt den Fall, ein öffentlicher Functionär nichtjüdischen Glaubens, sagen wir ein Priester oder Seelsorger der griechischorientalischen Kirche, vielleicht gar (lwrribileäietu!) ein Archimandrit wäre so unmoralisch, trotzdem es mit seinem geistlichen Berufe entschieden nicht vereinbarlich ist, irgend einen Nebenerwerb, sagen wir zum Beispiel — „hochverzinsliche" Geldgeschäfte zu betreiben und bei Eintreibung seiner Forderungen hartherzig, ja grausam gegen seine Schuldner vorzugehen, würde da der verehrte Herr Abgeordnete bei seinem bekannten Abscheu vor Geschäften jeder Art ebenfalls generalisiren? Und würde er in einem solchen Falle ebenfalls jagen, eine solche Moral sei mit den griechisch-orientalischen Religionsgrundsätzen vereinbarlich? Gewiß nicht, und gewiß auch kein anderer objectiver und gerechter Mensch! Warum generalisirt er also, wenn es sich just um Juden handelt? Sollte es dem hochwürdigen Herrn Abgeordneten nicht bekannt sein, daß ein solcher Fall sich in der Bukowina factisch zugetragen hat? Hier steht darüber seit fast drei Wochen — und bisher unwidersprochen Ausführliches in der Zeitung. Ich bin keine aggressive Natur und nenne keine Namen; wenn die Sache aber den Herrn Abgeordneten Dr. Zurkan interessiren sollte, so stelle ich ihm die Zeitung gerne zur Verfügung. Ich hoffe, daß der hochwürdige Herr Abgeordnete ein Mer peeeavi sagen, seine Rede vom 27. April als eine momentane Verirrung einsehen und dem Antisemitismus bald wieder den Rücken kehren wird, um den confessionellen Frieden in unserem engeren Heimatlande nicht muthwillig zu stören. Er möge sich nur fragen, was der Antisemitismus bisher eigentlich Nützliches geleistet hat, wenn er nicht die Aufhetzung desBolkes, die Abziehung desselbenvon der ruhigen Arbeit, die Entfesselung der niedrigsten und rohesten Volksinstincte, die Verdächtigung und Verleumdung jedes Andersgesinnten, kurz die Corrumpirung der öffentlichen Meinung als etwas Nützliches gelten lassen will. Das ganze Um und Auf dieser Bolksbeglücker besteht in dem, was auf der Bühne des Raimundtheaters gerade jetzt so trefflich dargestellt wird. Im Wirthshaus mit der Faust auf den Tisch schlagen, der gedankenlosen oder eigentlich denkfaulen Menge zurufen: „Für den kleinen Mann muß etwas geschehen", ohne sich selber etwas dabei zu denken und dazu einige Juden fressen,ldas ist ihre Thätigkeit; dieses Programm ist leicht zu erlernen und jeder Müßiggänger, der „Etwas werden" will, wird Antisemit, wenn er nicht zufällig ein Jude ist — denn auch unter Juden gibt es Müßiggänger. (Sehr gut!) Aber schließlich wird der sogenannte „kleine Mann" doch zur Besinnung kommen, er wird einsehen, daß er nicht satt werden kann von den Juden, welche seine sogenannten Führer fressen, wohl aber von jenen Mitmenschen, die in der Lage sind, ihm Brot und Arbeit zu geben, ohne zu fragen, zu welcher Religion sie sich bekennen. Ich sehe diese Zeit bald kommen und dann wird der Antisemitismus verschwinden wie ein wüster Traum, nicht ohne Scham und Reue in der irregeleiteten Bevölkerung zurückzulassen. Daß er so üppig emporwuchern konnte, ist lediglich das Verdienst des Grafen Taaffe! Statt das Uebel — wie es in Ungarn Tisza gemacht hat — im ersten Keime durch einen kräftigen Fußtritt zu ersticken, war Graf Taaffe frivol genug, dasselbe zu begünstigen und groß zu ziehen, um in die ihm unbequeme Opposition einen Keil des Zwiespaltes hineinzutreiben. Und um dieses momentanen kleinlichen Bortheiles willen hat dieser Staatsmann den inneren Frieden der Monarchie preisgegeben. Doch diese Betrachtung gehört der Vergangenheit, wir haben aber mit der realen Gegenwart zu rechnen. Demnach richte ich an die gegenwärtige Regierung, zu deren treuesten Anhängern ich mich bekenne, die Frage: Quo usque tan dem? ~ Wielangenoch will sie es dulden, daß auf der Kanzel und im Wirthshause, in öffentlichen Volksversammlungen und in der Presse gegen eine loyale, ruhige, staats- und kaisertreue Bevölkerungsclasse in der gehässigsten, rohesten Weise gehetzt wird? Wann wird sie endlich gegen dieses wüste, die bestehenden Gesetze verhönende Treiben Stellung nehmen und mit der ihr zustehenden Machtbefugniß einschreiten? Bis heute sehen wir leider nichts von alledem; nicht einmal die beiden von den Abgeordneten Wrabetz und Noske gestellten Interpellationen betreffs des bekannten Hetzapostels Deckert wurden bisher beantwortet. Wir verlangen ja von der Regierung nichts Anderes als die Erfüllung der obersten, jeder Regierung obliegenden Pflicht, den bestehenden Gesetzen Geltung zu verschaffen und dafür zu sorgen, daß dieselben von Jedermann im Staate respectirt werden.Erfüllt die Regierung nur diese ihre Pflicht, so kann und wird der Antisemitismus nicht weiter bestehen. Gerade so wie nach der bekannten und von den Antisemiten so weidlich ausgeschroteten sogenannten „Gründungsepoche" in erster Linie jene schwindelhaften Unternehmungen zugrunde gegangen find, welche die Namen hoher aristokratischer Persönlichkeiten als Aushängeschild an ihre Spitze setzten, genau so muß und wird der Antisemitismus abkrachen, trotzdem auch er den glänzenden Namen eines Fürstensohnes zur Bethörung des Volkes mißbraucht. Der Antisemitismus muß zugrunde gehen, denn er hat einen mächtigen Feind: die unaufhaltsam fortschreitende Cultur. In der Nähe von Wien hat es ein tollgewordener Büffel vor Kurzem versucht, sich dem Laufe der heranbrausenden Locomotive entgegenzuwerfen. Er wurde zermalmt, ohne den Lauf der Maschine länger als einen kurzen Augenblick aufzuhalten. Ziehen Sie die Consequenzen aus diesem Gleichniß. Sie können den Lauf der Culturentwicklung für einen Moment vielleicht stören, aber niemals aufhalten; Sie können das Ende des neunzehnten Jahrhunderts, vielleicht verdunkeln, der Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wird längst an Sie vergessen haben. (Lebhaftes Bravo!) Doch ich eile zum Schluffe und kehre zur Vorlage zurück, die uns heute beschäftigt. Artikel 1 der Convention enthält die Bestimmung, daß die Angehörigen eines jeden der vertragschließenden Theile in den Gebieten des anderen alle Privilegien, Freiheiten und Vortheile genießen werden, welche der meistbegünstigten Nation zukommen. Wir haben also das Recht, wenigstens für die Zukunft eine gleiche Behandlung aller österreichischen Staatsbürger mit jenen aus Deutschland, Frankreich rc. zu verlangen, und daß hiebei keinerlei confesfionelle Unterschiede gemacht werden. Diese Vertragsbestimmung würde ja vollständig genügen, wenn man sich einer gerechten, objectiven Handhabung derselben vergewiffert halten könnte. Gemäß Artikel 9 der Convention sollen die Ratificationsurkuuden so bald als möglich in Bukarest ausgetauscht werden. Ich halte es für überflüssig, einen Antrag zu stellen, aber ich richte an die Koalitionsregierung, der ich das vollste Vertrauen entgegenbringe, die Bitte: Möge dieselbe die Gelegenheit des Urkundenaustausches wahrnehmen, die geschilderten Uebelstände in der nachdrücklichsten Weife zur Kenntniß der königlich rumänischen Regierung zu bringen und ausreichende Garantien für eine gleichmäßige, von Gunst oder Mißgunst einzelner Organe unabhängige, loyale Behandlung aller österreichisch-ungarischen Staatsbürger, sowie für unbedingte Respectirnng aller von österreichisch-ungarischen Behörden ausgestellten Reisecertificate zu erlangen. Unter diesen Voraussetzungen werde ich für das Eingehen in eine Specialberathung meine Stimme abgeben. (Lebhafter Beifall. — Redner wird vielseitig beglückwünscht.) ■i dsaBsuttHKSausB