Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-06-01 · 22 (1.6.1894) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
22 (1.6.1894)
Date
1894-06-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021007-3021030--03549-3027691
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 430 Vrflrrrektzlptzr WmhrnschrM Nr. 23 dieses Jahres in zwei Fällen gegen die Sittlichkeit' sich vergangen und durch eine Eingabe an die Staatsanwaltschaft verschiedene Personen, die den Angeklagten der fraglichen Handlungen bezichtigt hatten, wider besseres Wissen der Begehung einer strafbaren Handlung beschuldigt zu haben. Das Gericht verurtheilt den Angeklagten nach achtstündiger unter Ausschluß der Oeffentlickkeit durchgeführter Verhandlung zu drei Jahren und einem Monat Zuchthaus. Ein jüdischer Erfinder. Der Erfinder der atmosphärischen Eisenbahnen, d. h. derjenigen, bei denen der Druck der Luft die bewegende Kraft bildet, war ein Jude, der Maschinist Jacob Samuda, was gewiß nur Wenigen bekannt ist. Derselbe wurde am 24. August 1811 geboren und starb in jungen Jahren am 13. November 1844. Er versuchte zuerst 1839 in der Nähe von London bei Wormwood-Scrubs nach eigener Erfindung eine Eisenbahn, welche durch atmosphärische Luft getrieben wurde; dann baute er Anfangs 1844 die Linie zwischen Kingstown und Dalkey, etwa 3 Kilometer lang. Dieser Versuch übertraf alle Erwartungen so sehr, daß er bald in England und Frankreich nachgeahmt wurde. Leider starb der begabte Techniker noch in demselben Jahre — und zwar durch eine zweite Erfindung, eine Maschinerie in einem eisernen Dampfboot, die ihm und sechs Anderen das Leben kostete, indem beim ersten'Versuche die Unvorsichtigkeit eines Arbeiters das Ausströmen des Dampfes in den Raum, wo sie standen, herbeiführte, so daß sie erstickten. Aber Samuda's Arbeit besteht und sein Name wird immer in Ehren gehalten werden, denn auf dem von ihm entdeckten Princip beruht ja auch die spätere Erfindung der pneumatischen Bahnen und des Rohrpostbetriebes. Jüdische Aerzte in Ungarn. In einem Aufsatz des „Pester Lloyd" über die Geschichte der ungarischen Aerzte finden wir den folgenden Passus: „Neben den Mönchen waren es von altersher meist nur — Juden, die die Heilkunst betrieben, und da sie es waren, denen die so berühmten medicinischen Werke der Araber am ehesten zugänglich waren, so werden sie wohl in der Ausübung ihres Berufes nicht minder tüchtig gewesen sein, wenn auch ihre Belohnung minder reichlich ausfiel. Einer dieser Aerzte, Isaak Judaeus, hatte schon im 9. Jahrhundert ein Werk verfaßt, das auch allen Aerzten des 19. Jahrhunderts zum Studium anempfohlen werden könnte. Denn es heißt da: Der Arzt muß mit' Bedacht an seine Arbeit gehen, gleich Dem, der Perlen anzubohren hat, damit er durch Uebereile nicht den Schatz verderbe. Da die meisten Kranken auch ohne Aerzte gesund werden, so möge man mehr mit Speisen als mitMedicamenten curiren. Der Arzt soll ein Muster von Mäßigkeit sein und sich nie abfällig über andere Aerzte äußern; ihn selbst mögen seine Thaten und nicht seine Zunge rühmen. Das Honorar soll er besprechen, so lange er bei dem Kranken ist, denn der Gesunde vergißt es bald. — Gewiß sehr weise Regeln, und Einem, der sie befolgte, dem jüdischen Arzte Zacharias, der von Preßburg an das Hoflager nach Ofen berufen wurde, ließ man „für die ausgezeichneten Dienste, die er dem König und vielen anderen Herren leistete", die Begünstigung zu Theil werden, fortan keine Judenmütze tragen zu müssen." Der hier genannte Isaak Judaeus ist natürlich kein Anderer, als Jsak Israeli, dessen Leter da Lekuot Dr. S. Fried vor einigen Jahren wieder herausgegeben hat. „Berliner Bewegung". Die neueste Spielart der Antisemiten, der „Socialitäre Bund", hatte Dienstag Abend nach Buggenhagen am Morizplatz eingeladen, um den Feldzug gegen „das Talmud- Judenthum in Kirche, Schule und Genera l s y n o d e" zu eröffnen und sich als Hauptredner Ludwig Schweinhagen, gen. S ch w e n n h a g e n, verschrieben. Die konservativ.evangelische Richtung, so führten dieser und andere Redner aus, sei innerlich am engsten mit dem Judenthum verknüpft. Der Jude Stahl sei der Vater der orthodoxen preußischen Landeskirche und des jüdischen Geistes in ihr, der Protestantenverein vom Bremer Juden Schwalb zur Höhe geleitet, der evangelische Bund auf den Juden L a s s o n gekommen, der kirchliche Einfluß der Juden D. Strauß und P. Cassel sei bekannt, und nach dem Scheitern des Kartells seien die Orthodoxen um den Grafen Waldersee in die Falle gegangen, Dr. Mi-auel zum Minister zu machen. Mün bleibe doch immer ungefähr, was man sei. Stöcker und Genossen studirten nicht einmal den Talmud und könnten deshalb über die eigentliche Judenfrage nicht m i t s p r e ch e n. Gegen die Juden habe sich Jesus von Nazareth gewandt. Darum müsse man die Kinder vor dem alten Testament und so vor der Verjudung schützen. Wotan klinge immer noch schöner als Jehova h. Ein christlich germanisches Sittengesetz müsse die Richtschnur werden. Das neue preußische Synodalgesetz schiebe den Cultusminister bei Seite; darum solle man jetzt alle Kraft einsetzen, durch die Kirchenwahlen in den Synoden und der Generalsynode den maßgebenden Einfluß auf die Kirche zu gewinnen. An der Erörterung betheiligten sich u. A. von Egidy in bekanntem Sinne, der orthodoxe Wundergläubige Dr. Jordan, der Atheist und Antisemit P. S t r u p p e, der praktische Antisemit B o d e ck, der im Interesse der antisemitischen Einigkeit warnt, diese religiösen Fragen in das daftir noch unreife Volk zu werfen, H. v. Mosch, der diese Versammlung als nicht mit der Parteileitung im Zusammenhang stehend erklärt. Während der Ausführungen des christlich-socialen Kluge erlischt das elektrische Licht und die Versammlung erreicht hierdurch ihr . Ende. ch ch ch In einem „Moderne Bewegungen" überschriebenen Leitartikel der „Köln. Ztg." werden der Reihe nach die Bestrebungen der evangelischen Orthodoxie, der Agrarier und der Antisemiten sehr treffend gekennzeichnet. Die rein kirchlichen Bestrebungen jener Partei, welche darauf ausgeht, die geistige Entwicklung unseres Volkes um mehrere Jahrhunderte zurückzuschrauben, sind nach der Meinung des Artikelschreibers die mindest gefährlichen. Schlimmer ist es schon, um die unvermeidlichen Nachwirkungen, welche die agrarische wüste Agitation ausüben muß und die lediglich den socialdemokratischen Strebungen zu gute kommen. Am verheerendsten erweisen sich jedoch, wie die „Köln. Ztg." hervorhebt, die moralischen Schäden, welche die antisemitische Bewegung über unser Volk gebracht hat. Es heißt über diese von den Conservativen angefachte und großgezogene Antisemiten-Bewegung in dem genannten Artikel wörtlich: „Und endlich die Antisemiten! Was diese anbetrifft, so fangen einzelne Conservative ja an, an die Brust zu schlagen und ihr toll gewordenes, wirklich nicht mehr aneikennungsfähiges Kind zu der» leugnen und zu bedauern, daß sie es aus Tivoli in allen Formen adoptirt haben. Aber auch sie befinden sich in ihrer Partei noch in der Minderheit und die Stöckerianer fahren fort, auch diesen Wechselbalg mit Liebe und Zuneigung zu bedecken. Diejenigen, die schon vor einigen Jahren meinten, der Antisemitismus sei nichts Anderes' als eine Spielart der Socialdemokratie, müssen heute bekennen, daß sie viel zu gü n st i g geurtheilt haben, denn nachgerade gestaltet sich die Agitation der Antisemiten nabezu anarchistisch. Daß sie in conservative Wah/kreise pietätlose Einbrüche unternehmen, könnte man als eine ge-crchte Strafe gegen die Conservativen noch gehen lassen, ja sich sogar über dieses Walten der Gerechtigkeit mit der dem Menschen einmal innewohnenden Schadenfreude zufrieden erklären. Es handelt sich aber um etwas weit Schlimmeres, alsum den Verlust einiger Wahlkreise, es handelt sich geradezu um eine politische Entsittlichung unseres Volkes." Nachdem die antisemitischen Führer mit wenigen, aber scharfen Strichen charakterisirt und ihre zum Theil sehr wenig ehrenvolle Lebensstellung aufgerollt ist, fährt der Verfasser in seiner vernichtenden Beurtheilung dieser Bewegung folgendermaßen fort: „Und solche Leute, die von den Gerichten nicht nur wegen sogenannter politischer Vergehen, sondern auch wegen gemeiner Verbrechen, wie Unterschlagung und dergleichen, zur Bestrafung gezogen sind, spielen eine politische Rolle! Solche Menschen ziehen von Ort zu Ort und predigen das Evangelium des Umsturzes und der Beraubung der Besitzenden! Namentlich bei den Stichwahlen ist es wie der Einbruch einer wilden Jndianerhorde, und es gibt wohl in keinem Lande eine Partei, die sich einer wüsteren Agitation schuldig machte. Besondere Empfänglichkeit haben bisher namentlich ländliche Bezirke bewiesen, die der Agitation der antisemitischen Sendboten wehrloser gegenüberstanden als die Städte, und die nicht urtheilen zu können schienen über die Fülle des Unsinns, der ihnen versprochen wurde. Und dabei konnte es geschehen, daß Regierungsbeamte iu verantw örtlichen Stellungen für diese Ag itat o re n Parte i n ahmen und ihnen d i e W e g e zu dem parlamentarischen Mandat bahnten! Augenblicklich freilich ziehen sich viele der maßvolleren conservativen Elemente von ihnen zurück, aber die „K r e u z z e i 1 u n g" fährt fort, munter

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.