Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 22 (1.6.1894)
- Date
- 1894-06-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 22 Vesterrrktzlsche WochrnfchrM ©eite 429 Mit einigen wenigen Sätzen will ich das darthun. Auch die allereifrigsten Antisemiten, auch die allereifrigsten Judenhetzer — so sollte man sie nennen — können nicht leugnen, daß die ungeheuere Mehrzahl der Kaufleute in jenen Ländern, auf deren Absatzgebiet Wien und viele andere österreichische Jndustriebezirke angewiesen sind, Juden sind Was soll nun, meine Herren, für eine Folge daraus entstehen (Zwischenrufe) — ich störe ja die Herren auch nicht, wenn Sie sprechen — wenn Wien, das Hauptemporium für die Bedürfnisse des Ostens, in den Ruf der Hauptstadt der Judenhetze in ganz Osteuropa geräth. Wenn es vielen Zweigen unserer Industrie und unseres Handels schlecht geht, dann ist zum großen Theile auch diese unglückselige Bewegung die Schuld daran. iZustimmung.) Ich hätte von dem Herrn Vorredner erwartet, daß er die juridische Seite in's Auge gefaßt hätte. Welche Meinung er immer über Dieses oder Jenes haben mag, jedenfalls muß er von der Ansicht ausgehen, daß Gesetze gewahrt und gehalten werden müssen, solange sie gelten, und daß nichts ein Volk in so hohem Grade demoralisire als wenn Gesetze bestehen und diese in Bezug auf eine bestimmte Anzahl von Staatsbürgern nicht eingehalten zu werden brauchen. Nehmen Sie nun di» §8 302 und 303 zur Hand, Auf Grunddieser Paragraphe wird jedes Blatt confiscirt, wird Jeder verfolgt, der beispielsweise eine Nationalität gehässig angreift, man thut recht daran; auf Grund derselben wird Jeder verfolgt, der einen Stand, sei es Adel, Bürgerthum oder Clerus angreift. Gut, auch dafür bin ich. Aber nur die Juden sind vogelfrei in ganz Oesterreich. (Beifall.) Das muß das Rechtsbewußtsein in weiten Kreisen erschüttern und das wird — fürchte ich — einmal in Oesterreich sehr traurige Folgen Hervorrufen. Gesetze müssen ohne solche Ausnahmen befolgt werden, wie dies nothwendig ist und wie alle Organe hiezu verpflichtet sind. Ich glaube daher, daß mein geehrter Vorredner doch die Angelegenheit in hohem Grad unterschätzt hat." Gälistfchr Landesausstellung. Die galizische Landesausstellung in Lemberg wird am 5. Juni d. I. durch den Herrn Erzherzog Karl Ludwig als Stellvertreter Sr. Majestät des Kaisers eröffnet werden. Sie wird sich schon dadurch von sehr vielen Ausstellungen vortheilhaft unterscheiden, daß sie gleich vom Beginn im fertigen Zustande dem Blicke des Besuchers sich darbieten wird. Von allen Kreisen der Bevölkerung ist Unglaubliches geleistet worden, die gewerblichen, künstlerischen und culturellen Fortschritte des Landes zur Darstellung zu bringen und das Vorurthei! gegen „Halbasien" zu zerstreuen. In der That ist zu hoffen, daß auch das Ausland sich von der Culturarbeit unseres mit Unrecht sö gering geschätzten Landes wird überzeugen wollen. Eine Abtheilung. in dem prächtigen Kunstpavillon enthält aber eine Ausstellung, die bisher bei ähnlichen Veranstaltungen auf dem europäischen Festlande noch niemals vertreten war. Die Ausstellung von Gegenständen, die im religiösen Leben der Juden gebraucht werden, wird einen Hauptanziehungspunktbilden, denn sie enthält zumeist Alterthümer von hohem, künstlerischem Werthe. Die Wände des Saales sind über und über mit kostbaren Thoravorhängen behängen, von denen aber keiner jünger als 150 Jahre ist. Die ältesten reichen bis in das 16. Jahrhundert zurück. Auch der Thoravorhang, den die Mutter der beiden Märtyrer Reizes gestiftet hat, befindet sich daselbst. In zierlichen Vitrinen und Glasschränken sind Thorageräthe — Kle Kodesch, — Schilder, Kronen rc. aus Silber in gediegener und wahrhaft künstlerischer Ausführung ausgestellt. Altarleuchter, Wandschüsseln und Reflectoren, Waschgeräthe für die Kohanim, Kiduschbecher und Riechbüchsen sind in Fülle vorhanden, .doch ist an jedem dieser Gegenstände hohes Alter oder künstlerische Gestaltung zu bewundern. Der majestätische Chanukaleuchter aus der Lemberger vorstädtischen Synagoge wiegt nicht weniger als 16 Centner und ein Reflector aus der innerstädtischen Synagoge, mit dem in Messing getriebenen Wappen Sobieski's, hat den Umfang von 2 Meter. Von den alten Hängeleuchtern wird sicherlich der von der Synagoge in Trembowla ausgestellte die Bewunderung aller Kunstkenner erregen, denn er ist ein Meisterstück der reinsten und edelsten Renaissance. Eine35Centimeter hohe Thorarolle auf kunstvoll in Silber getriebenen Rollen — Ez Onajim — mit einer mit Edelsteinen gezierten Krone, stammt aus dem Anfänge des vorigen Jahrhunderts und ist Privatbesitz. Eine vergoldete Krone mit Thierstücken in Emailfeldern ist ein Meter hoch und fast ebenso breit. Etwa 20 Gemeinden in Galizien — Krakau glänzt durch Abwesenheit — haben diese in ihrer Art einzige und auch für die Entwicklung des Kunstgewerbes unter Israeliten höchst lehrreiche Ausstellung beschickt. Der Katalog enthält einige hundert Nummern und wir werden nicht verfehlen, einige derselben einer näheren Besprechung zu unterziehen. Daß der Urheber des Gedankens, eine solche Ausstellung zu veranstalten, Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Caro, derselben hingebenden Eifer widmet, ist selbstverständlich, aber auch von Seiten der Direktion und des Obmannes der Section für Alterthümer und schöne Künste, Herrn Wladyslaw Lozinski, ist Alles geschehen, um dieses eigenartige Unternehmen, sowohl durch die Zuweisung eines herrlichen Saales, als auch durch die geschmackvolle Aufstellung der Gegenstände zu fördern und auszuzeichnen. Schon um dieser seltenen Schaustellung willen werden es wohlhabende Glaubensgenossen nicht bereuen, die in ihrer Ganzheit höchst interessante, lehrreiche und, will's Gott, höchst gelungene galizische Landesausstellung in Lemberg zu besuchen. _ A. Vom Jahrmarkt des Lebens. Cardinal Schönborn über das alte Testament. Angesichts der Schmähungen, welche sich der Pfarrer D e ck e r t gegen das alte Testament erlaubt hat, ist von Interesse eine Rede, welche jüngsthin der Cardinal Fürsterzbischof von Prag als Protector des Vereines zur Unterstützung der Hausarmen Prags bei Eröffnung der Generalversammlung gehalten hat. Se. Eminenz sagte wörtlich: .,Sind es zunächst einige Worte des Psalmisten, welche ich Ihnen am heutigen Tage zurufen möchte, Worte, die mich immer, wenn ich sie höre oder lese, von Neuem mit Trost und Freude erfüllen und immer von Neuem mich anspornen, nach Kräften den Leidenden zu Helsen. Diese Worte des 40. Psalmes lauten: „Selig ist, der des Armen und Dürftigen gedenket, am Tage des Unglücks wird ihn üer Herr erretten!" Seit jenen Tagen, in welchen der Prophet diese Worte verkündet hat, haben Tausende und Tausende von beharrlichen Wohlthätern der Armuth die Wahrheit derselben an sich erfahren. Ein besonderes Beispiel hievon berichtet uns wiederum die heilige Schrift des alten Bundes in der Geschichte des alten Tobias. Selbst in Gefangenschaft und Elend, ermüdet er nicht im Wohlthun und theilt von seiner geringen Habe gerne noch Aermeren mit, er tröstet die Betrübten und sorgt mit eigener Hand für ein ehrenvolles Begräbniß der Todten. Und siehe! In den Tagen des Unglücks sendet Gott einen rettenden Engel. Rafael, der seinem Sohne ein liebevoller Begleiter auf gefahrvollen Wegen war, und rettete ihn selbst von dem schweren Unfall des Erblindens. Wie aber in Allem der alte Bund nur das Vorbild und die Vorschule für den neuen war, so hak im neuen Testamente, auch, was die thätige Liebe zu den Armen betrisst, der göttliche Heiland noch viel eindringlichere Gebote erlassen, noch viel ernstere Ermahnungen ertheilt. Indem Er selbst ein armes Leben wählte, von einer armen Mutter geboren wurde und in der ärmlichen Werkstätte eines Zimmermannes seine Jugend zubringt und arm bleibt bis zum Tode am Kreuz, erhebt Er die Armuth zu etwas Ehrwürdigem, Er geht noch weiter, indem Er seine Predigt mit den Worten beginnt: „Selig sind, die Barmherzigkeit üben, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen." Uns Allen ist es bekannt, meine verehrten Herren, die socialen Verhältnisse unserer Tage bringen es mit sich, daß die Anzahl der Armen im Steigen begriffen ist. daß es immer mehr von solchen gibt, die ihre dürftige Hand nach der Barmherzigkeit der Wohlhabenden ausstrecken. Vielleicht hat keine Zeit so viele einzelne Arme, arme Familien, verarmte Stände gesehen, wie die unsere. Und da bei leider sehr Bielen von diesen der Glaube an eine ewige Vergeltung geschwunden ist, gibt es immer weniger von jenen Armen im Geiste, von denen der Heiland spricht. Umso größer ist die Aufgabe eines jeden Wohlthätigkeitsvereines. Wenn ich Ihnen also heute von Neuem meinen oberhirtlichen Dank aussprcche für die vielen Opfer, welche Sie in christlicher Barmherzigkeit den leidenden Brüdern und Schwestern gebracht haben, so geschieht es, indem ich die inständige Bitte hinzufüge, in Ihren Mühen und in Ihrer Aufopferung nicht zu ermüden und gerne und freundlich auch da zu geben, wo die Gabe vielleicht mit weniger Dank als in früheren Zeiten ausgenommen wird. Gott bewahre Sie Alle im Herrn vor schweren Ünglücksfällen, der schwere Tag des Scheidens aus dem Leben aber er steht uns Allen ohne Ausnahme früher oder später bevor. Möge sich dann an uns Allen durch einen friedlichen Heimgang in die Ewigkeit die Wahrheit des Spruches David's bewähren, mit welchem ich begonnen: „Selig ist, der des Armen und Dürftigen gedenket, am Tage des Unglückes wird ihn der Herr erretten." Arische Moral. Bor der Strafkammer zu Saarbrücken stand Anfangs dieses Monates der 46jährige katholische Pfarrer Joses Stölben aus Völklingen an der Saar unter der Anklage, im Frühjahr