Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 22 (1.6.1894)
- Date
- 1894-06-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021007-3021030--03547-3027689- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
T=ar Seite 428 Dxsterrrichtfchr Wochenschrift Nr. 22 Die Lösung dieser „brennenden" Judenfrage denkt sich unser Socialpolitiker sehr leicht und mit einem genialen Gedanken hat er Alles geordnet, worüber sich viele große Geister Jahrhunderte den Kopf zerbrachen. Man solle einfach alle Juden auf Staatskosten nach Palästina bringen und sie dort ansiedeln, man solle ihnen dort Häuser bauen, Acker- und Handwerksgeräthe geben und noch dazu Nahrung für ein ganzes Jahr. Wie rührend judenfreundlich doch dieser gute Mann sein kann! Und dabei nennen sie ihn den Judenfresser, o diese undankbaren Juden! Die Kosten zur Ausführung dieses Projectes wären nach seiner Ansicht sehr leicht zu beschaffen. Man nehme einfach den reichen Juden all die Millionen weg, die sie doch nur erschwindelt haben können — ehrlich verdient ein Jude nie etwas — bestreite damit die Ausgaben der Judenemigration und es wird noch vom Gelde soviel übrig bleiben, um die sociale Frage bequem und gemächlich lösen zu können. Wahrlich, es ist ein gewaltiger Mann, dieser Ahlwardt, ebenso hervorragend als Politiker wie als Mensch. Es lebe Ahlwardt der Einzige, der Retter des leidenden Vaterlandes! Heil!! Es wundert uns gar nicht, daß die begeisterten Herren im Brung'schen Saale, im berühmten Bruluest der^Judenhetze, Herrn Ahlwardt in hochtrabenden Worten feierten, denn solange es politische Parteien in Deutschland gab, hat es noch nie einen Volksführer dieser Dualität mit all den seltenen Eigenschaften des Herzens und des Geistes gegeben. Es ist nur ein kleiner Tribut der Achtung, wenn die Verehrer Ahlrvardt's sich nach der Versammlung im Weinrestaurant Oehlschläger zusammen^ alen, chren Götzen hochleben ließen und den Teller, aus dem dieser herrliche Mann zu essen geruhte, versteigerten. Er verdient größere Ehren und wir sind überzeugt, im antisemitischen judenfreien Zukunstsstaat wird jede Stadt ihre Ahlwardtstraße und ihr Ahlwardtdenkmal haben, und wohin dieser Wundermann auch kommen wird, er wird im Triumphzuge empfangen werden. Hymnen und poetische Klänge werden seinen Ruhm für alle Ewigkeiten verkünden und mit goldenen Lettern wird die antisemitische Geschichte seinen Namen verzeichnen. F. S. Pan Verganeiv. Beurt heilt von einem Gesinnungsgenossen. Unter der Ueberschrift: Das „Deutsche Bolksblatt" und die »Uiunlone Adriatica di Sicurtä« bringt die „Ostdeutsche Rundschau" vom 28. Mai 1894 nachstehenden Artikel: „Die Interpellation des Abgeordneten Kaiser bezüglich der Versicherungsgesellschaft »L-iunioue Adriatica di Sicurtä“ wurde vom „Deutschen Volksblatt" mit vollster Zustimmung begrüßt: in der Besprechung des von dem Beamten der Gesellschaft, dem Juden Pollitzer, aus Rache für diese Interpellation ausgeführten Ueberfalles auf den Abgeordneten Kaiser sparte das genannte Blatt nicht mit den härtesten Ausdrücken der Entrüstung über diese That. Noch in der Nummer vom Donnerstag, den 24. Mai sprach es davon, daß der Abgeordnete Kaiser in seiner Interpellation nur auf eine Reihe von Vorgängen aufmerksam machte, „die die Wirthschaft bei der „Uinnioue Adriatica di •Sicurtä“ auf das Schwerste compromittiren. Er habe sich dadurch gewiß ein großes Verdienst um Jene erworben, „die durch eine unreelle Gestion der Versicherungsgesellschaften am allermeisten geschädigt und bedroht werden." Darüber seien allerdings „die jüdischen Assekuranzen" und die jüdische Presse — aus begreiflichen Gründen anderer Meinung. „Sie können sich nicht darüber trösten, daß es im Abgeordnetenhause Männer gibt, die den Schleier von so manchen schmutzigen Affairen ziehen." In einem Leitaufsatze desselben Blattes vom 25. Mai wird ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die Interpellation des Abgeordneten Kaiser sich „auf Aeußerungen der Anstalt selbst" stütze. Nur nach der Meinung der Judenblätter sei diese Interpellation „eine Orgie der Verleumdung". Das sei aber nicht neu, denn die Judenpresse beweise fortgesetzt, daß sie Jeden, der an der ausbeuterischen und Schwindelwirthschaft der Finanz- und Versicherung sinstitute selbst die sachlichste Kritik übt, als Verleumder und gewissenloser Hetzer, der das Erwerbsleben stört". (Der Schluß des Satzes ist dem entrüsteten Artikelschreiber wahrscheinlich in der Feder geblieben.) Dann sagt das „Deutsche Volksblatt" weiter: „Wir bezeichnen die Corruption als unmoralisch, sie (die Judenpresse) findet ihre Bekämpfung verabscheuungswürdig, sie vertheidigt mit aller Kraft den Kapitalismus, wir bekämpfen ihn". Wenn sie Pollitzer vertheidigt, so sei das in erster Linie auf Rechnung jenes moralischen Defectes zu schreiben, der das Charakteristische der Judenpresse bildet. Also gut, das „Deutsche Volksblatt" hat in. der vergangenen Woche so oft, als nur möglich, die anticorruptionistische Maske aufgesetzt und die Schwindelwirthschaft der Finanz- und Versicherungsinstitute sehr nachdrücklich betont. Zu welchem Zwecke solche Entrüstung von dem Blatte Vergani's geheuchelt wurde, zu welchem Zwecke es die Interpellation und den Ueberfall so überaus ausgiebig ausschrotete, das wird aus der gestrigen Sonntagsnummer des „Deutschen Volksblatt" klar. Auf Seite 13 dieser Nummer befindet sich eine Anzeige der k, k. priv. „Riunione Adriatica di Sicurtä“, in welchem diese die Höhe der Actiendividende kundmacht. Auf Seite 14 desselben Blattes steht ein zweites, mehr als die Hälfte der Seite einnehmendes Inserat derselben, in der vorigen Woche noch scharf angegriffenen „Rianione Adriatica di Sicurtä“, das einen Auszug aus dem letzten Generalversammlungsberichte dieser Gesellschaft enthält. Derselbe beginnt mit einer saftigen R.'clame für die Gesellschaft, in dem auf das zufriedenstellende Ergebniß des abgelaufenen Geschäftsjahres, den Zuwachs der Reserven und die Erhöhung, der Dividenden hingewiesen wird. Weiter verwahrt sich die Direction der genannten Versicherungsgesellschaft gegen die in der Interpellation des-Abgeordneten Kaiser erhobenen Vorwürfe, die als gänzlich ungerechtfertigt dargestellt werden. Diese Inserate wurden selbstverständlich bezahlt und wahrscheinlich gut bezahlt. Zuerst wurde über die Versicherungsgesellschaft so kräftig als möglich geschimpft, acht Tage später nimmt das famose Blatt bezahlte Reclamen desselben Institutes in seinem Anzeigentheile auf. Gibt es denn überhaup einen Ausdruck, der die cynische Gemeinheit, die erbärmliche Niedrigkeit solchen Gehabens zu kennzeichnen vermöchte? Das „Deutsche Volksblatt" bekämpft angeblich die Corruption und ist selber, wie das vorgeführte Beispiel beweist, corrupt bis zum Aeußersten; es spricht vom moralischen Defect der Judenpresse und leidet selber in gleichem Grade an diesem Gebrechen! Muß sich denn nicht jeder anständige Mensch mit Ekel und Abscheu von einem Blatte abwenden, das Gemeinheit und Charakterlosigkeit mit so infamer Unverschämtheit zur Schau trägt?" 8. Aus der Rede des Abgeordneten Dr. Mengrr in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 23. Mai 1894. (Nack) dem stenograph. Protokoll.) „Eines hat mich ferner bei meinem geehrten Herrn Vorredner in hohem Grade gewundert, das ist die geradezu wegwerfende Art, mit der er von der Interpellation der Abgeordneten Noske und Wrabetz über den Deckerüschen Fall sprach. Das wird sich auch mein geehrter Herr Vorredner klar gemacht haben, daß es sich durchaus nicht um den concreten Fall handelte, sondern um die heillose Hetze, welche in Wien und einer Reihe anderer Städte gegen einen großen Theil unserer Mitbürger, die jüdischer Religion sind, aber auch gegen alle jene, welche für die Gleichberechtigung aller Staatsbürger eintreten, geübt wird. Damit im Zusammenhänge stehen sehr gefährliche Erscheinungen. In vielen Orten wurde ein sehr häßlicher Boycott geübt, in anderen Orten sind Mordthgten oder wenigstens Mordversuche vorgekommen, die mit auf diese Agitation zurückgesührt werden können. Im Deckert'schen Fall selbst handelt es sich um Folgendes: Es wurde ein christliches Gebet in solcher Weise entstellt, daß es geradezu als Banner des Angriffes gegen alle jüdischen Bürger dienen könnte. Es wurde tu anderen Manifestationen eine Reihe von Gestalten des alten Testamentes ungünstig beurtheilt, welche dem jüdischen wie dem christlichen Glauben als verehrungsmerthe Personen gelten, da ja Bücher des alten Testamentes auch nach der christlichen Lehre als kanonische Bücher aufgefaßt werden. Ich würde übrigens.vom Herrn Abgeordneten Herold erwartet haben, daß er, wenn er auch von all' den Gefahren für die bürgerliche Gesellschaft absieht, davon, daß der Wohlstand und der Frieden ganzer Städte durch diese Bewegung gefährdet werden (Rufe: Oho!), doch die juristische Seite der Angelegenheit ins Auge gefaßt hätte. Ein Herr ruft mir Oho! zu, weil ich sage, daß der Wohlstand ganzer Städte gefährdet wird.