Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 22 (1.6.1894)
- Date
- 1894-06-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 22 Vesterrrdtzifchr Wochenschrift Seite 427 In der Weltgeschichte findet unser Redner, der sich als gewaltiger Historiker entpuppt, nur zwei Arten von Völkern, glückliche und unglückliche. Glücklich sind Diejenigen, die die Rechte der Juden beschränken oder sie ganz fern halten, unglücklich dagegen Diejenigen, die viele Juden ausnehmen und ihnen Menschen- und Bürgerrechte einräumen. Das ist gewiß sehrkühn und genial geurtheilt, aber diese Philosophie der Geschichte hat eine große Lücke, denn das judenreine Spanien in dem die Armen gegenwärtig am Hungertuche nagen, gehörte zur Zeit, als die Juden darin wohnten, zu den blühendsten gesegnetsten Ländern und ist heute einer der unseligsten Theile Europas. Auch die Bürger ia Rußland, wo doch die Juden sicherlich geknechtet genug sind, wollen durchaus nicht einsehen, daß sie sehr glücklich sind. Indessen, ich denke eben mit meiner schlichten Laienlogik, und die ist von der antisemitischen, deren Ahlwardt sich bedient, grundverschieden. Unser genialer Historiker hat auch die neue Entdeckung gemacht, daß Polen nicht durch Zerfahrenheit und Berrath, nicht durch die moralische Verkommenheit und den unseligen Classenhaß zu Grunde ging, sondern durch — die Juden. Das mögen sich die Historiker von Fach merken und diese neue Reflexion nächstens in ihren Studien verwerthen. Bei der Theilung Polens — so bemerkt unser neuer Geschichtsforschereben so wahr als geistreich — haben sich eigentlich die polnischen Juden in die drei Reiche, Deutschland, Rußland und Oesterreich getheilt. O, diese glücklichen polnischen Juden, wie beneiden wir sie! Denn bei dieser Theilung der gewaltigen drei Reiche muß doch für Jeden ein sehr schönes, einträgliches Landgut oder ein sonstiges bedeutendes Vermögen herausgekommen sein. Das sieht man wahrlich diesen polnischen Inden gar nicht an, daß sie so reich sind. Herr Ahlwardt versicherte auch mit apodiktischer Gewißheit, daß jeder Jllde ein angehenderMittionär ist. Das ist sehr erfreulich und wir wollen nächstens alle arme Juden zur Reichsbank schicken, damit sie sich vorläufig wenigstens einen Theil ihres künftigen sicheren Vermögens auszahlen lassen. Wir zweifeln nicht daran, daß das Ehrenwort eines Ahlwardt von allen echt deutschen Banken discontirt werden wird. Wer noch die verleumderische Behauptung wagen sollte, daß unser Ahlwardt hetzt, den wollen wir öffentlich Lügen strafen. Denn der gute, humane Patriot gab in der Mülheimer- Versammlung die weitherzige Er'laubniß, in jeder Straße eine Synagoge zu bauen, ja er wollte die Juden nicht einmal dazu zwingen, Schweinebraten zu essen. Er erblickt aber in der Welt-durch sein unfehlbares antisemitisches Mikroskop nur ein großes Fragezeichen, die Judenfrage. Die sociale Frage, die Frauentage, die Culturfrage, die ethische Frage und wie sie alle heißen mögen, sie bedeuten nichts gegen diese brennende Judenfrage. Die Socialreform Ahlwardt's ist eben so einfach wie großartig: Treibt die Juden aus dem Lande und alles Elend hört auf, und alle Menschen leben dann glücklich und zufrieden, sind fromm und friedlich wie im messianischen Zeitalter und erfreuen sich des Segens des Himmels. Ist das nicht eben so schlicht wie rührend? Freilich, was dann aus den Antisemiten, ihren edlen Führern und Vater Ahlwardt selbst werden soll, wo es keine Juden mehr zu bekämpfen geben wird, darüber schwieg des Redners Höflichkeit und er überließ es unserer Phantasie, diese Bilder weiter zu entwerfen. Herr Ahlwardt besitzt des glänzende Talent eines geriebenen Geschäftsreisenden, er kennt seine Kunden und hat wie das Mädchen aus der Fremde für Jeden eine Gabe. In Berlin ist er Feind aller Junker, trotzdem ihm sein Gönner Freiherr von Langen Geld geborgt hat, in Neustettin versichert er seinen Wählern billigeren Schnaps, in B o m st - M e s e r i tz verspricht er den Bauern Kühe und am Rhein ist er plötzlich Gegner des Culturkampfes. Ja, aber wo blieb Ahlwardt bei der Abstimmung über das Jesuitengesetz im Reichstage? Warum sprach er da nicht muthig gegen dieses ebenso dumme wie ungerechte Gesetz?Wie kam es, daß er bei d er Abstimmung fehlte? Wie geschah es, daß alle Antisemiten, darunter sogar zwei, die sich vor der Wahl verpflichtet hatten, gegen das Jesuitengesetz zu stimmen, entweder gegen die Aufhebung stimmten oder in muthig er Weise das Freie suchten? Darüber hat sich Papa Ahlwardt wohlweislich ausgeschwiegen. Dagegen gab er uns eine sehr originelle Geschichte des unseligen Culturkampfes. Wie an allem Unglück der Welt, so hatten auch am Culturkampf lediglich die Juden schuld. Welchen Nutzen die Juden davon haben könnten, sich in fremde Kirchenangelegenheiten zu mischen, wo sie doch wahrlich genug zu thun haben, um ihre eigenen Rechte und ihre Gewissensfreiheit zu vertheidigen, darüber gab uns Ahlwardt keinen Aufschluß. Wie man diese absurde Behauptung, die den geschichtlichen Thatsachen ins Gesicht schlägt, beweisen will? Ganz einfach! Man nennt die „Kölnische Zeitung", die gelegentlich aus die Juden schmäht, ein Judenblatt, bezeichnet alle nationalliberalen und freiconservativen Zeitungen als Judenpresse und behauptet, sie hätten den Culturkampf heraufbeschworen, 6i'go haben die Juden den Culturkampf inscenirt. Eins aber vergaß Ahlwardt, der oft an chronischer Gedächtnisschwäche zu leiden scheint, daß Bismarck der Vater und der Feldmarschall dieses traurigen Kampfes gewesen ist. War Bismarck etwa auch ein Jude? Ein Ahlwardt wäre im Stande, auch das zu beweisen, denn was kein Verstand der Verständigen sieht, das übet in Einfalt ein judenfeindlich Gemüth. Von der Centrumspartei behauptet er ja schon jetzt, daß sie verjudet ist, und zwar darum, weil die Mutter eines Eentrumsführers — er nannte vorsichtiger Weise keinen Namen — eine Jüdin gewesen sein soll. Ja, Alles ist in den Augen dieses urgermanischen Helden verjudet unb am Ende macht er noch die traurige Entdeckung, daß — er selbst Jude ist. Als Kriterium für die Berechtigung des Antisemitismus nannte Herr Ahlwardt den menschlichen — richtiger thierischen — Jnstinct. Der Jnstinct ist nach seiner Philosophie das allein Echte und Natürliche, die Vernunft und die Cultur beengen und verderben. Daher wird es wohl auch kommen, daß die meisten Antisemiten mit der Vernunft nichts zu thun haben wollen und der Cultur den ewigen Krieg erklären. Ja, werfet nur Cultur und Vernunft, Moral und Sitte ins Meer, folget Euren unfehlbaren köstlichen Jnstincten und Ihr seid dann glückliche — Bestien. Also, die Jnsiincte allein sind natürlich und haben Existenzberechtigung und diese Jnstincte im Menschen sprechen gegen die Juden. Der geschätzte Redner empfahl der verehrten Versammlung folgendes Experiment: Man führe oder trage ein kleines Kind zu einem Pferde, es wird vor ihm nicht erschrecken, folglich ist das Pferd ein gutes Geschöpf; man trage dasselbe Kind nachher zu einem Juden, und es wird sicher (?) ängstlich werden und schreien, folglich ist der Jude ein bösartiges Geschöpf. Dadurch ist nun zur Evidenz bewiesen, daß die Juden gefährlich sind, daß der Antisemitismus daher nothwendig lind berechtigt ist. Das intelligente Publicum ergötzte sich an diesem kostbaren Circuswitz und konnte sich gar nicht beruhigen. Nun, ich bin überzeugt, daß viele deutsche Kinder eher vor dem dicken Ahlwardt als vor einem Juden erschrecken würden, und es ist nicht einem Jeden gegeben, seine Erfahrungen und Experimente im Pferdestall zu machen. Unser Rector scheint aber mit dem Thierreich sehr vertraut zu sein und es soll uns gar nicht wundern, wenn er nächstens beweisen wird, daß sogar die Affen Antipathien gegen die Juden zeigen. Species zum studiren hätte er in seiner Nähe genügend. Daß es auch gute Juden gibt, das gesteht Herr Ahlwardt ein, obwohl die Juden so frech waren, ihr Geld von ihm zurückzuverlangen und seine Bettelbriefe oft unberücksichtigt zu lassen. Die Gesammtheit der Juden ist aber ohne Zweifel gefährlich, denn sie stempelte ihn beim Gerichte zu einem Lügner, sie widerlegte seine Verleumdungen, nahm ihm den Nimbus des Patriotismus und stellte ihn als ehrlos dar. Sie müßte also dieses Verbrechens wegen allein gekreuzigt werden.