Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 22 (1.6.1894)
- Date
- 1894-06-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 426 OrstrrredMche Wochenschrift Nr. 22 göttlichen Tugenden und hervorragenden Fähigkeiten in den Dienst des Vaterlandes für einen geringen Gehalt. Aber auch ihn traf das traurige Geschick, daß er von seinen Getreuen selbst verleugnet und verrathen wurde und mit dem Glorienschein eines Märtyrers sich von Düsseldorf nach Krefeld in die Redaction eines grauen Käseblättchens flüchten mußte. Dann kam ein gewisser Wilms aus Zülpich, ein wegen Verschuldung und Unfähigkeit entlassener Lehrer, der aus Rache, weil die bösen Juden ihr ihm geborgtes Geld wieder haben wollten, zum Antisemiten und zur Geißel Israels wurde. Aber auch dieser Heros konnte trotz aller moralischen Verkommenheit und trotz des Mangels an jeglichem Ehr- und Anstandsgesühl keine Lorbeeren ernten, und die Bewegung stockte. Es wurden freilich in der Provinz fünf antisemitische Zeitungen gegründet, aber all diese Weltblätter zusammen besitzen noch nicht 1000 Abonnenten, sie führen ein beschauliches, ruhiges Dasein, und die wenigsten Sterblichen ahnen ihre dunkle Existenz. Ja, welche Fortschritte der Antisemitismus im Rheinlande machte, das illustrirt am besten die Thatsache, daß die letzte Generalversammlung des antisemitischen Vereines in Köln von sage und schreibe elf Personen besucht war und einen geradezu kläglichen Eindruck machte. Da wurde endlich beschlossen, einen Generalstreich zu wagen und Ahlwardt den Ersten und Einzigen, den Selbstherrscher aller Radaubrüder, nach dem Rheinlande zu bringen. Dadurch wollte man zunächst das Renommö der Antisemiten heben, dann sollte auch die völlig leere Vereinscasse durch dieses geschäftliche Unternehmen etwas gefüllt werden. Denn eine solche Ahlwardtvorstellung ist ein gutes Geschäft und wirft trotz des hohen Honorars, das dieser selbstlose Volksaufklärer sich ausbedingt, auch noch ein nettes Sümmchen für den verdienstvollen Impresario ab. Ahlwardt, der Netter in aller Noth, mußte also helfen^ und er half, denn er ist seinen wahren Verehrern stets nah und, wenn er zufällig außerhalb der Gefängnißmauern ist, immer bereit, nach allen Windrichtungen hinzueilen und sein Weisheit für einige Nickel zu verabfolgen. Allzu dankbar zeigte sich freilich die Stadt Mülheim für diese Ehre nicht, denn er wurde ohne Musik und Ehrenwache empfangen, die Häuser wurden nicht beflaggt und sogar die üblichen Lorbeerkränze, an die Ahlwardt so sehr gewöhnt ist, die wie die Judenflinten um die Centneracten sein Lebenselement bilden — auch die fehlten. Desto feierlicher ging es im Versammlungslocale zu. Diese Versammlung nannte sich „öffentlich", das Wort' wird aber von den antisemitischen Sprachforschern so verstanden, wie etwa das Attribut „unparteiisch" im Titel der antisemitischen „Tägliche Rundschau", denn auf denselben grünen Placaten stand „Juden haben keinen Zutritt" und die Herren waren streng unter sich. Wozu auch die überflüssige Anwesenheit der Juden? Alan kann sie ja Lu contumaciam zu allen Strafen der Welt verurtheilen, was ein sehr einfaches und bequemes Verfahren ist. Dann können die echten Antisemiten bekanntlich einen Juden nicht sehen und das schwarze Haar macht sie nervös. Nur meiner blonden Mähne und meiner trotz aller antisemitischen Anthropologie durchaus nicht langen Nase verdanke ich es, daß mir der Genuß gestattet worden ist, dieser echt teutonischen Versammlung beizuwohnen. Bescheiden suchte ich mir ein Plätzchen aus und harrte in ehrfurchtsvoller Stimmung der Dinge, die da kommen werden. Ich blickte um mich her, um die Verehrer Ahlwardt's zu zählen. Es waren gegen 250 Personen int Saale, darunter überwiegend solche Herrchen, die auf die Vorläufer eines Schnurbartes sehr stolz sind, also die grüne Jugend, die herrliche Zukunft Germanias. Ich musterte mit psychologischem Blick all diese Gesichter und fragte mich, wieviel Vernunft in all diesen sorgfältig frisirten und gescheitelten Köpfen wohl stecken mag. Am Vorstandstische saßen etwa ein Dutzend auserwählter Herren, lauter fremde Gesichter, die erst seit kurzer Zeit der' Stadt Mülheim die Ehre erwiesen haben, ihre Bürger zu werden. Denn der Antisemitismus ist eine fremde Pflanz'e an den Rheingauen und ist in Mülheim wie überall im Süden und Westen des Vaterlandes durch fremde, eingewanderte Elemente vertreten, die auf diesem Wege berühmt werden wollen, weil ihre geistige oder moralische Inferiorität es sonst unmöglich macht. Sind doch die eigentlichen Mülheimer Bürger, die seit Jahren mit allen Confessionen in schönster Harmonie leben, viel zu friedlich gesinnt, viel zu vornehmen Charakters, um sich mit dieser alle Cultur und Moral untergrabenden Bewegung zu befassen. Gegen halb 6 Uhr eröffnete unser alter Freund Ehren- Breitwisch, dem die bösen Zungen nachsagen, daß er stets für die Heiligkeit des Eides gelitten und sich einmal für eineinhalb Jahre in eine gewisse Feriencolonie zurückgezogett hat, die Versammlung. Er verherrlichte in kurzen, schlecht gesprochenen Worten den Antisemitismus und schloß mit einem Hoch auf Seine Majestät den Kaiser. Darauf ergriff der Held des Tages, Ahlwardt, das Wort. Siegesbewußt blickte er in die Versammlung hinein und seine aus dem Fette mühsam herausblickenden listigen Augen — der Typus eines antisemitischen Proletariers — schienen zu sprechen: Ihr Dummköpfe, die Ihr hier versammelt seid, Ihr glaubt mir doch Alles, und wenn ich Euch die größten Dummheiten und Albernheiten sage, warum also soll ich mich geniren? Es war in der That eine gewaltige Rede, wie man sie selten hört. Die Logik, die Beweisführung, die geschichtlichen Facta, die gezogenen Consequenzen, Alles war in dieser Rede originell und neu. Dieser große Socialpolitiker hat die fürchterliche Wahrnehmung gemacht, daß alle Stände und Volksclassen im Deutschen Reiche mit Ausnahme der Juden, die bekanntlich alle Millionäre sind, dem sicheren Ruin mit Riesenschritten entgegen eilen, und er sind et mit scharfem Blick die Ursache dieser traurigen Erscheinung darin, daß die unersättlichen Juden auf Befehl ihrer geheimen Gebieter Alles zu Grunde richten. Die Grundlage der arischgermanischen Cultur — so argumentirt dieser Antisemitenhäuptling — sei die Arbeit im Dienste der Menschheit. Sehr schön gesagt; als Beweis dafür könnte er noch anführen, daß alle Antisemitenführer im Dienste der Menschheit mit ihrer Politik wuchern und von der Judenhetze leben. Die Juden aber — hier spricht der Redner feierlich und pathetisch — hätten, solange sie in der Geschichte existiren, niemals gearbeitet und lebten stets nur vom Ruin Anderer. Wer die Felder in Palästina bestellt und die gröbsten Arbeiten daselbst verrichtet hat, darüber ist uns der Redner die Belehrung schuldig geblieben. Wahrscheinlich standen die Juden schon damals mit dem Teufel in Verbindung, der alle diese unangenehmen Dinge besorgt hat. Als specifisch germanische Tugenden zählte der Redner die Ehrlichkeit, die Treue und die Gastfreundschaft. Dann muß aber unser Ahlwardt ein sehr schlechter Germane sein, denn er hat seine Ehrlichkeit dadurch bewiesen, daß er Geld unter verschiedenen Vorspiegelungen geborgt hat, ohne es zu bezahlen, und er documentirte wiederum seine Treue, daß er die Juden auf jegliche Weise als guter Philosemit angeschnorrt hat, um nachher Antisemit zu werden und seine Wohlthäter mit Koth zn bewerfen. Aber unser großer Prophet ist eben ein Genie, das sich selbst seine Gesetze macht und seine eigene Ahlwardtmoral hat. Denn nachdem er im Reichstage von den Vertretern aller Parteien als Individuum gebrandmarkt worden ist, das keinen Funken von Ehre und Anstand besitzt, nachdem er im Gerichtssaal als gewerbsmäßiger Verleumder und Ehrabschneider hingestellt worden ist, blieb er doch für seine Partei der alte Ehrenmann, der Ritter ohne Makel. Unser Ehrenheld war großmüthig genug, zuzugeben, daß man im Rheinlande von der sogenannten Judenplage nicht viel merke, aber — meint er — der ganze Großhandel auf allen Gebieten (?) sei ein Monopol der Juden, mit jedem Paar- Strümpfe, das man anziehe, mit jeder Tasse Kaffee, die man trinke, zahle man dem Judenthum Tribut. Als konsequenter Mann trinkt daher unser Ahlwardt mehr Bier als Kaffee, wie es der Umfang seines Körpers deutlich beweist, wie er es aber mit den verjudeten Strümpfen hält, das ist sein Toilettengeheimniß. »