Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 22 (1.6.1894)
- Date
- 1894-06-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 22 Vestrrrekhtsrhr WmtzenlchrM «eite 425 größeren Umfang gewonnen und heimische Fabrikate dominiren daselbst trotz deutscher, französischer und englischer' Concurrenz einzig und allein deshalb, weil die heimischen Fabrikate, die den erwähnten Concurrenzstaaten an Güte und Preiswürdigkeit nicht nur nicht nachstehen, sondern weil sie dieselben in dieser Richtung weit übertreffen, und dies will doch in Anbetracht der dabei obwaltenden Umstände nicht'wenig bedeuten. Die Männerkleid er-Jndustrie Wiens und Oesterreichs wurde ausschließlich von jüdischen Firmen gegründet, großgezogen und zu einem Exportzweige heimischer Fabrikate gemacht, die den österreichischen Namen berühmt machten ünd den Ruf österreichischer Fabrikate nach Asien, Afrika, Südamerika und Australien ins glänzendste Licht stellten. Die Kleiderexporteure M. I. Mandl, D. Schwarz mann u. Co., Stein, A. Mayer u. Co., Victor Tiring u. Bruder, u. s. w. sind derart renommirt, daß auch der antisemitische Geifer eines Dr. Lueger ihnen nichts anzuhaben vermag, viel weniger wird dieser geeignet sein, den blanken Schild ihrer kaufmännischen Integrität zu besudeln. Jüdische Industrielle haben die Großindustrie in Schuhwaaren ins Leben gerufen und dafür gesorgt, daß ihre Fabrikate auf dem ganzen europäischen Continent und in allen Hemisphären Absatz finden. Bonder Beliebtheit des österreichischen, speciell WienerSchuhwerkes gibt die Thatsache Zeugniß, daß in der Saison jüdische Schuhwaarenfabrikanten täglich Eilgutsendungen von Wien nach Paris und den großen Städten Frankreichs effectuiren, um die dortigen Märkte stets mit frischer Waare zu versehen. Auch in Wäsche heimischen Productes findet ein ziemlicher Auslandsverkehr, durch jüdische Industrielle unterhalten, statt. Jost u. L ö wen stein in Prag haben in diesem Artikel die französische Concurrenz im Oriente besiegt. Die Zündhölzchen-Industrie wurde von Juden in Oesterreich gegründet (A. M. Pollak). Noch gegenwärtig, wo sich dieses Industriezweiges die Concurrenz in aller Herren Länder bemächtigte, wird ein äußerst lebhafter Export von ausschließlich jüdischen Fabrikanten (A. M. Pollak-Fürth, Jacob und Josef Kohn) nach überseeischen Ländern unterhalten. Jüdische Malzfabrikanten haben den Ruf österreichischen Malzes in ganz Europa bis hinauf nach Skandinavien verbreitet. Auf dem Gebiete des Getreide- und Mehlexportes haben sich jüdische Firmen unleugbare Verdienste erworben. Was jüdische Industrielle des Brünner Platzes im Export von Schafwollwaaren verdienstliches leisten, ist bekannt. Und so gibt es noch eine Unzahl anderer Fabrikationszweige, bei denen sich jüdische Industrielle direct und im Wege des Zwischenhandels als Exporteure in hervorragender Weise bemerkbar machen, z. B. beim Exporte von Handschuhen. Drechslerwaaren, Glasfabrikate u. s. w. Es dürfte sich nach alledem wohl die Frage aufdrängen, wie es möglich ist, daß jüdische Firmen, welche sich um die vaterländische Industrie unbestritten verdient gemacht haben, dafür beleidigt, beschimpft, verdächtigt und in ihrer kaufmännischen Reputation aufs Einschneidendste herabgesetzt werden können im Abgeordnetenhause des österreichischen Reichsrathes, in welchem die Handelskammern der Monarchie Deputirte entsenden, denen die Wahrung der Interessen von Industrie und Handel zur Aufgabe gestellt ist! Man wird sich ferner fragen müssen, wie es der Chef des Handelsamtes mit den Pflichten seines Ressorts für vereinbar hält, die rüdeste Hetze gegen eine große Zahl um die heimische Industrie sowohl als auch um den Staat wohlverdienter Industrieller zuzulassen, nur weil sie jüdischer Confession sind. Die Abgeordneten, in deren Wahlbezirken die jüdischen Industriellen domiciliren, erachten es ebenfalls der Mühe nicht Werth, sich ihrer Wähler anzunehmen. Haben diese Industriellen nicht das Anrecht darauf, daß von der Ministerbank, von den Abgeordneten der Handelskammern und den Industriestädte ein entschiedenes, Wort der Abwehr erschalle! Man ist sich maßgebenden Orts noch immer nicht klar, welche hohe Interessen bei dem Gewährenlassen der tolerirten und cultivirten antisemitischen Orgien auf dem Spiele stehen. Ohne den vielgeschmähten angefeindeten Export jüdischer Industrieller und Exporteure wäre unsere Handelsbilanz passiv und Oesterreich in handelspolitischer, nationalökonomischer Richtung ein bankerotter Staat. Es ist ja richtig, daß der heimische Exporthandel schwerwiegende, einschneidende Einbußen durch den Verlust der Absatzgebiete von Rumänien und Rußland erlitten hat, welcher auf Milliarden beziffert werden kann, allein wem ist dieser den Volkswohlstand und Nationalreichthum tief tangirende Verlust in erster Linie zuzuschreiben, als den rückschrittlichen Tendenzen derjenigen Politiker, an deren Spitze die unter Führung von Lueger, Schneider und Liechtenstein stehende antisemitische Horde marschirt. Ist es nicht tief beschämend, für unsere, den auswärtigen Markt mit den größten materiellen Opfern exploitirende Industriellen, wenn die Concurrenz auf dem Weltmarkt darauf Hinweisen kann, daß die heimische Industrie und ihre Vertreter vor dem competentesten Forum, dem Parlamente, der Fabrikation und Vertrieb von Pofelwaare geziehen wird, ohne bei den hiezu berufenen Factoren Schutz zu finden! Lolammare audacter, semper aliquid haeret. Unser Exporthandel wickelt sich zumeist in uncultivirten Ländern ab, deren Bevölkerung böswilligen Einwirkungen mehr oder wenig zugänglich ist und wer bürgt dafür, daß die unaufhörlichen Hetzen und Verdächtigungen nicht doch von Nachtheil begleitet sein werden. Beabsichtigt man thatsächlich, zu der durch die antisemitische Hetze verursachten moralischen Einbuße auch einen finanziellen, materiellen Bankerott herbeizuführen? Soll und darf es denn wirklich so weit kommen, daß die höchsten Staatsinteressen auf's Spiel gestellt werden, nur damit die Lueger, Schneider und Liechtenstein ihren antisemitischen Allüren fröhnen und jeden Anlaß dazu benützen können, um die allerordinärste, gemeinste und ekelhafteste Judenhetze zu insceniren? Um Antwort wird dringendst gebeten. Eduard Beer. Ahlwardt am Rhein. Ein Culturbild. Der schöne Rhein strahlte diese Woche in einem wunderbaren, nie geahnten Glanz, neue poetische Reize ergossen sich über seinen grünen Spiegel und mit gerecht; m Stolz, als wäre er sich seiner neuen Würde bewußt, floß cr seinen Laus. Um so finsterer und erbitterter schauten die erhabenen Thürme der ehrwürdigen Stadt Köln zum Vater Rhein herab. Mit Wehmuth und mit Neid blickten sie nach dem jenseitigen Ufer, nach dem alten bergischen Mülheim. Ja, diese glückliche Stadt Mülheim! Eine Residenz konnte sie diese Woche um ihre Ehre und ihren Glanz beneiden. Denn ihr ist ein besonderes Heil widerfahren, ihr war es vergönnt, am vorigen Sonntag ein erhebendes, nationales, echt patriotisches, urgermamsches, arischrs Fest zu feiern. Ahlwardt, der erste Ehrenbürger des Deutschen Reiches, der große Prophet aller Narren, der Rector aller politischen Idioten, der Heilige aller moralisch Verkommenen, weilte dieser Tage in den Mauern dieser rheinischen Industriestadt und in großmüthiger Weise gab er gegen 50 Pfennige Eintrittsgebühr eine seiner beliebten volksthümlichen Vorstellungen. Ja, er kam endlich, der Langersehnte, der wahre Retter des Vaterlandes, er scheute nicht die Strapazen der langen Reise und die Hitze des Sommers, denn es galt, die gesunkene Ehre des Antisemitismus im Rheinlande zu retten. Es war aber auch die höchste Zeit, daß er kam, denn die „edelste Bewegung dieses Jahrhunderts" wollte am Rheine, wo die Leute noch friedlich denken und menschlich empfinden können, gar nicht in Schwung kommen und drohte zuletzt ganz einznschlafen. Es geschah seitens der aufopserungsfähigen Antisemiten alles Menschenmögliche, um diese ausklärende und veredelnde Lehre der Judenfeindschaft zu fördern, aber es wollte nicht gelingen.' Ein Mensch, der früher mit jüdischem Gelde Geschäfte machte und nachher wegen Meineids Vf% Jahre Zuchthaus abbüßen mußte, gewiß die beste Legitimation in echt antisemitischen Kreisen, leitete diese vornehme Bewegung in Köln ein und hielt Vorträge in seinem Speeialfache über die Meineide der — Juden. Aber mit wenig Erfolg, diesem Ehrenmanne, der übrigens noch heute der Hauptführer der Antisemiten in Köln ist, assistirte ein Buchhalter a. D. Johannes Wilberg in Düsseldorf, der über Nacht zum Redacteur und Volksredner geworden ist. Dieser Held, dem man die Unwissenheit auf eine halbe Meile ansehen kann und der ein Deutsch schreibt und spricht, das nicht einmal für antisemitische unreife Burschen gut genug ist, hat eine gute Lunge, eine große Portion Unverfrorenheit, besitzt eine Virtuosität im Lügen und Verleumden, als wäre er zu Ahlwardt selbst in die Schule gegangen, und er stellte all diese