Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 21 (25.5.1894)
- Date
- 1894-05-25
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 21 Vesterretchifche Wochenfchrifl Sette 421 Der Haupteffect aber, die gelungenste Zeichnung der jüdischen Volksseele ergibt sich aus der Liebesgeschichte in diesem Romane. Martha eine -jener vielbesungenen Schönheiten vom Jordanlande, eine Lilie des Thales. eine Rose von Saron, verfertigt mit ihren flinken Alabasterhänden wahrhaft künstlerische Gewebe, die sie zum Aerger römischer Concurrenten auch erfolgreich abzusetzen weiß. Sie war dem heroischen und zuletzt dennoch unterlegenen Zelotenführer Jonathan als Gattin bestimmt. Jonathan, auf dessen Haupt die Römer einen großen Preis gesetzt hatten, kommt dennoch als Flüchtling nach unseligen Leiden und Mühsalen nächtlich nach Rom, um sich Martha zu holen, mit der er friedlich in einer einsamen Gegend Palüstina's den Pflug ziehen will. Doch der einst blühende Jüngling ist als gebrochener Mann, abgehärmt, sonnverbrannt, mager, verwildert und verdüstert zurückgekommen. Marthas kunstsinniges Auge kann ihn nur mit Schaudern betrachten; zumal sich gerade damals ein zartes, reines Liebesspiel zw schen ihr und einem edlen jungen Stoiker, einem hervorragenden Künstler von großer Schönheit, zu spinnen begann. Martha hatte ein lebenverlangendes Herz; die Schönheiten Roms zogen sie mächtig an, die dumpf? Luft im düstern Judenviertel raubte ihr den Athen«. Liebe gegen Treue, Judenthum gegen das verpönte Römerthum kämpften gewaltig in diesem aufgeregten Mädchenherzen. Es zog sie allzusehr zu dem edlen Römer hin und sie war auch bereits, wenn auch noch nicht ganz entschieden, an dessen Seite, als Jonathan vor ihren Augen entdeckt und ergriffen wurde. Da reißt sich aber Martha auch schon von dem schönen Artemidor los und wirft sich an die Brust Jonathans mit dem Rufe: Zu ihm gehöre auch ich. Sie finden Beide im Tode ihre Vereinigung. Wahrlich die getreueste Zeichnung der jüdischen Volksseele! Bei aller Asketik, welche das strenge Gesetz den Juden vorschreibt und das tausendjährige Elend ihnen aufnöthigte, bei aller Glaubenstreue und Festigkeit, trotz des Thränenstromes über das verlorene Jerusalem und die mißhandecke Gottesherrlichkeit ist ihnen ein gewaltiges Lebensverlangen, ein Bedürfniß nach Freude und Heiterkeit eigen. Ihr Lebenspsalm lautet gleichsam: „O möchte Gott, mein Hirte, mich nur auf grünen Auen weiden, daß ich nie müßte am bittern Mangel leiden. O möchte Gott mich stets an ruhigen Gewässern lassen weilen, daß meiner Seele froh in Gerechtigkeit die schönen Tage enteilen." Und doch komnit so oft die Katastrophe, da wirft der Jude sein Leben, seine Stellung, seine Hoffnung, seine Aussichten, sein Freudensbedürsniß für oie Treue hin. Haassif gedenkt auch der großen Männer, die er nach sechsjährigem Tvdesschlafe beim Erwachen nicht mehr unter den Lebenden fand. Welche Reihe glänzender, fürs Judenthum und für die Menschheit bedeutungsvoller Namen! Haassif bringt auch die Biographien mehrer Zeitgrößen mit ihren Abbildungen. Da fanden ihr Ehrenblatt: Baron Edmund Rothschild, Baron Moritz Hirsch, Zadok Kahn, Dr. Jellinek (zur Zeit der Herausgabe noch unter den Lebenden), Dr. Güdemann. Doctor Kayserling, Wisozky, Reifmann u. s. w. Man muß gestehen, im Leben und im Tode soll man sich nur wünschen, durch die hebräische Sprache verherrlicht zu werden. Die hebräische Sprache ist bekanntlich ungemein complaisant. Man weiß das schon von den üblichen Titelüberschriften in Briefen, Zeugnissen und Ehrendiplomen. Wo eine andere Sprache bei einer Adresse, höchstens mit einem „Hochgeboren" oder wenns weit geht mit einer „Exeellenz" auskommt, was weiß da nicht Alles die hebräische Sprache geistreich an Rühmlichem, Verdienstvollem und auch guten Wünschen einzuflechten! Ein Talmudjünger, der sich dem Meister irgendwie als befähigt offenbart, wird söfortunterder so liebenswürdigen jüdischen Feder zu einem „stoßenden Widder" umgewandelt, der mck seinen Hörnern dereinst noch zuversichtlich nach rechts und links, nach Nord und Süd Jrrthümer und Vorurtheile niederreißen werde. Um so eindrucksvoller werden die Lebensbilder, wenn solche wahrhaft ruhmwürdige Männer dem hebräischen Sprachkünstler zum Malen sitzen. Haassif enthält noch unermeßlich viel, er ist 702 Seiten stark, es ist unmöglich, Alles zu besprechen, Alles zu würdigen. Es ist eine hebräische Encyklopädie, hinreichend, um ein ganzes Jahr hindurch zu ergötzen, zu erheben. Allen, die hier ihren Beitrag geliefert haben, Allen voran dem berufenen Herausgeber mit seinen herrlichen Aufsätzen, Herrn Nachum Sokolow gebührt Auszeichnung, Liebe und Ehre. — Doch Haassif wird, muß stark angekauft werden, kann, weil er hebräisch ist, die auserlesensten Bibliotheken auf dem ganzen Erdenrunde schmücken, keiner, der hebräisch lesen kann, darf sichs. versagen, ihn lesen, ihn besitzen zu wollen. Glück auf, Haassif! zum pünktlichen Erscheinen von Jahr zu Jahr mit neuen Schätzen, neuen Gaben!**) **) Haassif kostet 2 sl. 50 kr. und ist zu beziehen vom Herausgeber N. Sokolow in Warschau. Die letzten Reden Jellinet's. Herausgegeben von Dr. Löwy, Prediger. An den so vielen unvergeßlichen Freitagabenden dieses Winters hat der Heimgegangene Meister die Reden gesprochen, welche jetzt in knappem Auszuge — nach dem Gedächtnisse — wiedergegeben — vorliegen. Der Herausgeber, welcher damit gewiß keine werthlose Gabe bringt, darf unseres Dankes sicher sein. Selbst durch das Medium eines fremden Geistes hindurch dringt der Lichtstrahl des Jellinek'schen Genius mit fast ungebrochener Intensität — erhellend und erwärmend. Aber den ganzen Jellinek in seiner überragenden Großheit in diesen Blättern zu suchen, wäre kein allzu ungerechtes Begehren; der aufmerksamste Hörer kann uns auch nicht annähernd den beflügelten Stift des Stenographen ersetzen. Deshalb wollen wir uns, wenn auch mit einem Seufzer des Bedauerns über die verlorenen Schätze erfreuen, welche die pietätvolle Hand des Herausgebers erhalten hat. Wer Jellinek öfter reden gehört hat, wer in seine Denkweise eingedrungen ist, der wird sich in der Phantasie aus den Skizzen die gewaltigen Gemälde construiren können, wie sie jedesmal in sieggewohnter Meisterschaft vor uns entrollt wurden. Die Prachtglut seiner Sprache, der Pomp seiner Bilder, die Schärfe seines Denkens, die Innigkeit und der Adel seines Empfindens — wir erkennen sie wieder — nur abgedämpft und verschleiert scheint der Laut seiner Stimme herüberzutönen, gleichsam aus ferneren Sphären — aber das Büchlein ist Geist von seinem Geiste, und deshalb heißen wir es freudigst willkommen, ihm überall eine recht freundliche Aufnahme wünschend. Beth. Kamsins et luiks :etude critique sur les rapports publieset prives qai ont existe entre les Romains et les Jnifs jasquä la prise de Jerusalem par Titus par M. L.-K. Amital'. (Paris, Fischbacher.) lieber diese Studie lesen wir in der Brüsseler „Libertß" wie folgt: In einer Zeit, wo in den ersten Ländern Europas, die St. Bernarde der antisemitischen Kreuzzügler in ihr Kriegsgeheul gegen die Juden ausbrechen, in einer Zeit, wo eine Presse von gestern wüthend gegen dieselben loszieht und ihnen die Schuld an allen Uebeln und allem Unglück der alten Welt zuschiebt, ist die Studie, welche Herr Amital über den Kampf zlvischen Rom und Jerusalem veröffentlicht, in doppelter Hinsicht interessant. Erstens ist es eine Chronographie, die quellenmäßig, wie sie ist, uns in einem Gegenstand, der bisher genug oberflächlich behandelt wurde, neue Ausblicke gewährt; dann aber ist es eine warme Vertheidigungsschrift zu Gunsten der Juden. Was der Verfasser den gegen die Juden erhobenen Anklagen entgegenstellt, paßt so genau auf die heutigen Verhältnisse, daß man darin ebenso eine Widerlegung der Theorien von Eduard Drumont wie der antisemitischen Theorien, die von Apion um das Jahr 30 unserer Zeitrechnung entwickelt wurden. Vom geschichtlichen Standpunkte berichtigt und beseitigt der Verfasser, der gründlich die Schriften und Quellen, welche von seinen Vorgängern nur zu oft vernachlässigt wurden, kennt, auch viele Fehler, die von denselben begangen wurden. Er hebt insbesondere diejenigen hervor, in die Renan verfiel, theils aus ungenügender Kenntniß der hebräischen Sprache, theils aber auch aus Parteilichkeit, denn es ist bekannt, daß der berühmte Geschichtsforscher, welcher fast als Philosemit starb, in seinem Leben eine ziemlich lange Periode hatte, in der er von ganz entgegengesetzten Gefühlen erfüllt war. Herr Amital läßt uns einem ungleichen Zweikampfe beiwohnen, zwischen Roma, der Wellbeherrscherin, und Juden, einem Zweikampf, der unglücklicherweise mit der Vernichtung der letzteren enden sollte und der Verfasser versteht es nicht, daß alle «eineSympathien bei den Besiegten sind. Er stellt uns vor die Möglichkeit einer Befreiung, statt der Unterjochung des Judenthums und ist dabei voller Nachsicht für die Fehler desselben, doch unerbittlich gegen diejenigen der Sieger. Es ist, wie folgt, daß er von den Römern spricht: „Ihre ungerechtfertigte Einmischung in die Angelegenheiten eines Volkes, das durch seine geistige Entwicklung viel höher stand, ihre Arroganz, ihre Grausamkeit, ihre Raubgier und Rachsucht", von den Juden dagegen: „eine energische, heroische, verzweifelte Vertheidigung ihrer Rechte, eine gerechte Vertheidigung, die ihnen die heiligste Pflicht, der Patriotismus und die nicht minder große Pflicht, ihre Civilisation, Bräuche und Sitten zu bewahren, vorschrieb." Es war vorauszusehen, daß der Verfasser dieses vielleicht etwas zu übertrieben dunkel gehaltenen GemäUns, den Lästerern des Judenthums im Allgemeinen, wie Eduard Drumont insbesondere grgelentlich auch eins anhängt Bei Gelegenheit der Charakterisirrmg des Apion von Alexandrien läßt er sich wie folgend aus: „Wie er es versteht, Lügen gegen die Juden anzuhäufen, kann man sich kaum vorstellen und immer sind es die gröbsten, die läppischsten und infamsten Lügen." Und da fügt er hinzu : „Er hat in Eduard Drumont einen würdigen Nachfolger gefunden, der demselben Princip huldigt: Der Handel mit Lügen, Scandalen und Humbugs bereichert, das amm iaaas msmsasmsK