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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-05-25 · 21 (25.5.1894) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
21 (25.5.1894)
Date
1894-05-25
Page
– (sequence 18)
Language
German
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HKVwa.- Sette 420 Vrstrrrrtchychr Wochrnschrtfl Nr. 21 arabisch, spanisch redekundig dichteten, philosophirten, heilten und den Kreislauf der Sterne berechneten, so war es auch die hebräische Sprache, die sofort an der Seite ihrer Söhne stand und jeden Reigen in ihrer Weise nliizuniachen verstand. Dieser immensen Anpassungsfähigkeit der hebräischen Sprache verdanken wir es auch, daß das Judeuthum in seiner heutigen Glorie dasteht, daß die Kraft unseres Volkes und dessen hervorragende Leistungen für die Weltliteratur nicht unerkennbar in dem allgemeinen Weltenstrome sich verloren haben. Die hebräische Sprache folgte getreulich den Spuren ihrer Söhne und sammelte in ihrem Mutterschoße die von ihnen allenthalben ausgestreuten Perlen und blanken Goldmünzen, um sie den kommenden Geschlechtern aller Orten mit dem Namen ihrer Eigenthümer als ihr ureigenes Erbgut zu erhalten. Gegenwärtig tragen viele Umstände dazu bei, daß weniger Bedürfniß und auch weniger Anregung zur Herbeiziehung der hebräischen Sprache für ihre stets geübten Dienste vorherrschen. Die hebräische Sprache hat nun schon vielfach versäumt, dem Weltengange zu folgen. Noch nie ist von Juden so viel Wissenschaft auf allen Gebieten menschlicher Erkenntniß so abseits von der hebräischen Sprache getrieben worden als in dem letzten Jahrhundert. Es hat nun fast schon den Anschein, als ob die hebräische Sprache in solch tiefe Gänge, in alle diese subtilen Einzelheiten der modernen Forschung, welche das große Weltall und das ganze menschliche Getriebe in die einzelnen Atome auseinander legt, nicht mehr folgen könnte. Da erscheint nun Haassif in der ganzen Farbenpracht der modernen und antiken Welt, um zu bekunden, daß die hebräische Sprach - allüberall hinfolgen kann und daß sie noch immer die begeisterten Söhne hat, die ihr die süßen, hellklingenden Töne entlocken. Haassif enthält eine Rundschau, Zeitbilder, Reiseskizzen, Schilderungen, Geschichtsbilder, Biographien, Rückblicke, Kritiken, literarische bibliographische Forschungen, wissenschaftliche Aufsätze seglicher Art, Lieder, Gesänge, eine Lehre der Anatomie, naturwissenschaftliche Abhandlungen, ja auch Romane — Alles in prachtvoller, fließender, leicht verständlicher, klar darstellender hebräischer Sprache. Wie man gerne an wunderbaren Erscheinungen mit dem Auge lange haften bleibt, Kunstwerke in allen Einzelheiten betrachtet, in Schätzen wühlt und die einzelnen Gruppen am reichen «Sternenhimmel mustert, so verlangt es hier den Referenten, jeden einzelnen Artikel ins Licht zu stellen, die Freude die er au jedem besonders empfunden hat, aller Welt mitzutheilen. Der freundliche Leser möge diesen Ausbruch Heller Begeisterung gestatten; wie sollte ein jüdisches Herz nicht in allen Pulsen schlagen, dem sich die hebräische Sprache in solcher Äraftentfaltuüg darstellt. So viel Lehrreiches, Gediegenes, Gewaltiges! und Alles hebräisch, süßtönend, sanft, bescheiden, ernst, weihevoll, Alles jüdischem Geiste entsprungen, Alles die Treue, die Größe, die Liebe, die Fähigkeiten, ja die Frömmigkeit jüdischer Seelen wiederspiegelnd. Obwohl westeuropäische Juden bedeutungsvolle Beiträge geliefert haben und auch nichtjüdische Autoren hier in's Hebräische übertragen erscheinen, so haben ooch den Lowenantheil daran die polnischen und russisch.n Juden, denen wir darum in erster Reihe einige Reflexionen zu widmen uns nicht versagen möchten. Die polnischen Juden bilden gemeiniglich den Gegenstand vielfacher Wünsche. Wir hören gar oft den Wunsch aussprechen, daß ein europäischer Lichtstrahl in diese gewöhnlich so düster gedachte Region des Judenthums eindringen möchte, damit die erweckten Geister daselbst die sie umschließenden Mauern niederreißen und die verschlossenen Pforten sprengen, um dem modernen Culturhauche dort Eingang zu verschaffen. Es wäre jedoch der Gegenwunsch vielleicht gerechter, daß dem von Vorurtheilen umflorten Auge einmal so recht der Einblick in das Innere dieser Region geboten würde, um das gewaltige Lichtmeer polnisch-jüdischer Geister und deren hochstrebende Ideale bewundern oder wenigstens etwas besser würdigen zu lernen. Arme Europäer, die über zwei noch so sorgfältig gedrehte Haarlöckchen und einen Kaftan nicht hinausgclangen können und sich darob berechtigt halten dürfen, über so viel Geist und Herz, über so viel intensive Frömmigkeit und Idealität hinwegzusehen. Und doch ist schon so viel Leuchtendes und Hohes aus dem polnischen Judenthum zu uns herübergekommen, das uns geweckt und mächtig angeregt hat. Auch Haassif führt uns eine ganze Reihe solcher hervorragender Männer vor, Männer von ärztlichem Berufe, mit reichem Wissen auf jeglichem Gebiete, die es sich angelegen. sein lassen, die schwierigsten naturwissenschaftlichen Gegenstände ihren Brüdern in hebräischer Sprache vorzuführen. Im Haassif finden wir auch eine Darstellung der Anatomie von Dr. Benjamin Scherschewsky, und jeder Leser wird es mit Freude wahrnehmen, daß die Definitionen, die Erklärungen so klar und deutlich sind, daß sich daraus prächtig lernen ließe, zumal auch die erläuternden Abbildungen dem Texte 'beigegeben sind. Das Lebens- und Schaffensbild Jbn Esras von Dr. Bärenfeld ist von besonders packendem Eindrücke, nicht minder die hebräische Uebersetzung von Dr. Kayserling's großartiger Schrift über die Geschichte und Literatur der spanischen Juden nach Vertreibung der Juden aus Spanien, übertragen von A. S. Friedländer und B. L. Horowitz, welcher letztere den poetischen Theil auf sich nahm. Diese bervorragende Schrift Dr. Kayserling's ist wohl auch anderweitig bekannt und geschätzt, aber im Gewände der hebräischen Sprache wirkt sie noch rührender und herzbewegender. Auch einer hochgeschätzten Wiener Persönlichkeit, Herrn Lector I. H. Weiß begegnen wir im Haassif mit einem überaus interessanten Aussatze über Salamon Löb Rapoport. Herr Weiß zeigt uns dabei, wie gut sich die hebräische Sprache auch dazu gebrauchen lasse, um in den Ausdrücken der höchsten Anerkennung und Bewunderung wirksam die Schwächen einer berühmten und gefeierten Persönlichkeit vorzu führen. Rapoport war bekanntlich seit seinem Gutachten über Manheimer's Stellung zur Messiassrage mit Wien auf etwas gespaimtem Fuße, wovon freilich Herr Weiß keine Erwähnung macht. Es sind damals von Wien so manche kränkende Aeußerungen nach Prag hinüber geklungen, die vielleicht in diesem schönen Aufsatze des Herrn Weiß nachzittern.*) Höchst interessant ist ferner d-'e Bücherschau in diesem Jahrbuche. Es klingt so interessant, wie diese Kundigen der hebräischen Sprache sich bemühen, die Kunstausdrücke der Weltliteratur „romantisch, naturalistisch, realistisch" u. s. w. im Hebräischen zu erläutern und zu verdolmetschen, wobei sie noch im Auge behalten, daß sie es etwa mit Lesern zu thun haben könnten, die über alle diese Streitfragen und Kunstrichtungen gar nicht unterrichtet sind. Da'wird das Capitel erst wieder vom Neuen aufgerollt und dem Wesen nach erläutert. Man muß gestehen, Prachtvoll! Aber wir erfahren hierbei, daß sich hebräische Kritiker kein X für ein 0 vormachen lassen. Zerrbilder überreizter Phantasie lassen diese sich keinesfalls unter der Etiquette gewisser Kunstrichtungen einschmuggeln. Sie zergliedern, prüfen an und für sich, was psychologisch, menschlich und logisch richtig ist, und stellen unbefangen jede Geschmacksverirrung bloß. Charaktergemälde, Novellen, Sittenbilder, die in andern Literaturen als Leckerbissen begrüßt würden, werden hier fast zu strenge und anspruchsvoll zurückgewiesen. Für den Roman „In fremdem Lande", von Elise Oreschewsky kann man jedoch dem Herausgeber, Herrn Sokolow, und dem großartigen Uebersetzer, Herrn Rakowsky, nur Dank wissen. Elise Oreschewsky ist bereits durch ihren Aussehen erregenden Roman „Mayer Esofowitsch" berühmt und bekannt geworden. Als besondere Judenverehrerin tritt sie in „Mayer Esofowitsch" gerade nicht hervor, aber ihre eingehende Kenntniß des jüdischen Geisteslebens, das sie so treu und anschaulich zu schildern versteht, bedeutet mehr als eine bloße Huldigung, es bekundet eine innere Erregtheit und förmliches Eindringen in diesen Volksstamm. In dem Romane „In fremdem Lande" klingen aber die ernsten und erschütternden Gemälde im entschiedenen Uebergewichte zu Gunsten der Juden aus. Die Oreschewsky führt uns das Leben und Treiben der Juden zur Zeit der Zerstörung Jerusalems durch die Römer vor. Das Judenviertel in Roni, Transtiberius, wird in seiner ganzen Trostlosigkeit geschildert. Die engeu überfüllten Gassen voll Schmutz und Kehricht, übelriechend mit unglaublich verpesteter Luft. In den inneren Woynräumen hausen die Juden emsig und rechtschaffen, geschickt in mannigfachen Künsten und Gewerben, so daß sie mit ihren kunstvollen und reizenden Erzeugnissen den römischen Markt beherrschen. Und dieses rege Schaffen vollzieht sich unter dem Gefühle des unheilbaren Schmerzes über die besiegte und verwüstete Heimat, das gefallene Jerusalem, das Verbluten seiner tragischen Helden, unter dem Gefühle der ewigen Zusammengehörigkeit mit der jüdischen Familie, bei nie versagender Wohlthätigkeit, nie versäumter Pflege der Gotteslehre, bei treuer Beobachtung der alten Satzungen, strenger Moral, unvergleichlicher Keuschheit und Sittlichkeit. Dazu als Gegenstück das übrige Rom in seiner Pracht und Herrlichkeit, in Lust und Fröhlichkeit, in der Schönheit der Paläste, Bäder und Tempel, voll Licht und Stolz, imponirend durch die Grandezza und Vornehmheit der Großen, im Schimmer des Reichthumes und der Kunstwerke, in der Verklärung unerhörter Siege und der Weltherrschaft, in den Sonnenstrahlen des zum Gotte gewordenen Cäsarenthumes — innerlich aber verkommen, an Sitten und Moral verfallen, verfault, feil, falsch und lüstern, geil und gefühllos, sclavisch und gewissenlos. Nur die Stoiker ragen noch als letztes Wrak edlerer Menschlichkeit in dieser sittlichen Trümmerwelt empor. Das Gesammtbild ein Meer von Schmutz und Unflath! Hier im Transtiberius der Schmutz der engen, dumpfen Gassen, dort im römischen Forum der Schmutz der Lasterhaftigkeit, der Uebelgeruch der in Verwesung gerathenen Gewissen — und darüber der noch immer leuchtende Schimmer der höhern Menschenseele — das innere Gemüthsleben der Israeliten, das edle Gehaben der Stoiker. *) Nach einer Richtung möchte ich mir gestatten, diesen Aufsatz zu ergänzen. Herr Weiß bemüht sich, den großen Zorn Rapoport's gegen Geiger zu erklären, da doch Rapoport sonst sehr liberal und von kühner Freisinnigkeil war. Wer indessen R. Nachlath Jehuda gelesen hat, erkennt sofort, daß es vorzüglich Geiger's Verirrung über das Wort „Zaddik" war, welche Rapoport so sehr in Harnisch brachte. Geiger ist gewiß ein Mann gewaltigen Geistes, und abgesehen von dem Nutzen oder Schaden, den er bewirkt haben mag, ist ihm ein hoher Ehrenplatz in der Geschichte und Literatur des Judenthums nicht streitig zu machen. Aber eine Absurdität, wie sie so außergewöhnlich nur einem so außergewöhnlichen Geiste zukommen kann, kann immerhin nur sehr schwer bei kaltem Blute lassen. Geiger verficht es allen Ernstes, daß „Zaddik, .Zedek, Zedakah" „Tyrann, Tyrannei und tyrannisch" bedeute. Man halte dem gegenüber nur die eine Schriftstelle „Zaddik ist der Ewige Zedakothliebter", um die Entrüstung selbst eines liberalen Rapoport zu begreifen.

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