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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-05-25 · 21 (25.5.1894) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
21 (25.5.1894)
Date
1894-05-25
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 31 Veflerrektztschr Wochrnfchrtfl Sette 419 Behalten Sie den Mammon, um desseutwillen Sie Ihr Kind gemordet, denn nur der glückliche Zufall, nicht Ihr Wille hat mich vom sicheren Tode gerettet. Was sicht Sie jetzt an, Ihre Mutterrechte zu beanspruchen? — Wahnsinniges Weib, schweigen Sie, bevor die Gerichte sich mit der Sache befassen werden." Sprachlos, in Thränen aufgelöst, keines Wortes mächtig stand die schuldbewußte Mutter da. Womit sollte sie ihre Handlung entschuldigen, womit rechtfertigen?! Nur zu wahr und gerecht waren die Vorwürfe der Tochter. Herr und Frau Rosenheimer und Alle die anwesenden Zeugen, die sich kaum von ihrem Schrecken erholt, redeten Flora zu — ihrer Mutter zu folgen — und jeden weiteren Auftritt zu vermeiden. Doch diese wollte nichts davon wissen. Die Mutter fiel vor der Tochter auf die Knie und bat flehentlich: „Vergib Kind, was ich an Dir gesündigt, ich bin dafür genug gestraft." „Ich gehe mit Ihnen", sprach endlich nach.langer Pause Flora, „doch meine Liebe lasse ich hier, die kann ich Ihnen nicht geben". „Was soll aber aus mir werden", sprach Gustav?! — der sich jetzt wie rasend geberdete, da ersah, daß Flora endlich, von allen Seiten gedrängt, nachgab, mit Ihrer Mutter zu gehen. „Wohin gehst Du Flora?" — „Bleibe ruhig, ich schreibe Dir bald, bald und Du folgst mir, denn ohne Dich ist das Leben für mich eine Nacht." Gustav entgegnete: „Ich folge Dir überall hin, wenn sich die Hölle dagegen sträuben sollte." Dem Zureden seiner Eltern und Floras gelang es endlich, den aus seinem Himmel gefallenen jungen Mann einigermaßen zu beruhigen. Endlich erhob sich auch Angelika, dankte Herrn Rosenheimer und dessen Frau für die liebevolle Aufnahme und Erziehung ihrer Tochter. „Verlangen Sie Geld, ich gebe es gerne. „Madame, ich lasse mir meine Wohlthaten nicht bezahlen. Reisen Sie in Gottes Namen. Möge Ihnen jetzt die Ruhe des Herzens werden, nach der Sie sich so lange gesehnt!" Angelika und ihre Tochter nahmen herzlichen Abschied und noch am selben Tage reisten sie mit Selkin von R. . . . g. Traurig verließ Schamsche mit seinem Sohne den Ort, wo sie so viele angenehme Tage verlebt. Chajim brummte über die Undankbarkeit der Gräfin, die nicht einmal Worte des Dankes für ihn und seine Familie hatte. Allein Schamsche entgegnete, „nicht doch mein Sohn, wir thaten unsere Pflicht als Juden, indem wir ein Menschenleben vom sicheren Tode gerettet und dasselbe unserem Gotte zugeführt! Das ist genug Lohn, das Bewußtsein einer edlen Thal!" Der junge Rosenheimer begab sich neuerdings auf Reisen, um sich zerstreuen. In R. . . g wurde verschieden über die gestörte Hochzeit gesprochen, den eigentlichen Grund jedoch erfuhr Niemand. Gustav erhielt desto öfter Briefe von seiner geliebten Flora, die ihn ihrer unvergänglichen Liebe und Treue versicherte und ihn bat, zu ihr nach Paris zu kommen, wo sie sich gegenwärtig mit ihrer Mutter aufhalte. Wie gerne er ihrer Einladung folgte, erhellt am besten daraus, daß wir ihn 14 Tage später an der Seite seiner geliebten Flora finden. Jetzt erzählte sie ihm, welche Mühe sich ihre Mutter gab, sie dem Bräutigam, seiner Familie und ihrem Glauben abwendig zu machen. Keine Macht der Erde vermöchte dies zu bewerkstelligen, sagte sie: ich habe mich von der Reinheit Deiner Liebe, von Deinem und Deiner Eltern edlem Charakter überzeugt, ich habe die Lehren Euerer Religion, die auch die Meine ist und bleiben wird, kennen gelernt und diese Ueberzeugung wiegt wohl mehr als Alles. Meine Mutter drohte mir mit abermaliger Enterbung, . doch als auch dies nichts half, willigte sie — wollte sie ihr Kind nicht zum zweitenmale verlieren — in unsere Verbindung ein. Nun wurden Gustavs Eltern, Herr und Frau Rosenheimer, von dem Entschlüsse der Brautleute, ihre Hochzeit in einem kleinen Tempel von Paris zu feiern, verständigt und um ihren Segen gebeten, den diese auch gern ertheilten. Die Macht der Liebe war stärker als alle Borurtheile. Schluß. Wir haben im obigen Capilel gehört, daß Ludwig Langer, der Sohn höchst achtbarer, reicher und streng religiöser Eltern in R .... g, gezwungen durch die Macht der Verhältnisse der Gemahl der leichtfertigen Gräfin Angelika von .... itfch wurde, daß aber diese Ehe keine glückliche war. Insbesondere war jede Eintracht und Harmonie zwischen den Ehegatten seitdem geschwunden, als Ludwig bemerkte, seine Gemahlin habe irgend ein Geheimriiß, das zu verbergen sie gegründete Ursache habe, und daß ihr Mitwisser jener Jude Selkin sei, der sie so oft besuchte und dem sie so oft Geld geben mußte. Als Ludwig an der Thür zu den Zimmern Angelikas stehend, seinen Verdacht bestätigt fand, setzte er alle Hebel in Bewegung den Schleier ganz zu heben, der dies Geheimniß barg. Als ihm dies endlich gelang, war sein Entschluß unabänderlich, mit einem solchen Weibe wollte er nicht länger leben. Gewissensbisse peinigten ihn und so hörten wir dann, daß er eines Tages spurlos verschwunden und alles Suchen seiner Gattin nach ihm vergeblich war. Bon seinem Schlosse ging er direct zum nächsten Rabbi, diesem erzählte er seine Lebens- und Leidensgeschichte und bat flehentlichst, ihm eine Buße aufzulegen. So finden wir den Ludwig Langer, den ehemaligen Schloß- und Gutsbesitzer als reuigen Büßer — baal teschuba — durch die Welt von Ort zu Ort ziehend, in jedem Gotteshause bei der Thür stehend und seinen Leib kasteiend, bis ihn endlich der Erlöser Tod nach Jahren von seiner Buße befreite. Denn alle Schuld rächt sich auf Erden! Literatur. Haassif von N. Sokolow. Angezeigt von Dr. M. L. Stern. Haassif, eine hebräische Jahresschrift für alle Fächer der Wissenschaft und vorzüglich für die Wissenschaft des Judemhuines, ist wieder nach sechsjährigem Todesschlafe 31t neuem Leben erstünden. Das literarische Judenthum sollte einFestgewand Anlegen und mit begeistertem Jubelruse diese Auferstehung feiern. Sehet sie doch an diese höhere Himmelstochter — die hebräische Sprache! Bei so ehrwürdigem Alter, im Ruhmesgewande einer großartigen Vergangenheit, nachdem sie mit ihren sanften Tönen bereits die ganze Menschheit umgewandelt, neue Ausdrücke, wie Gott, Liebe, Erbarmeu, Gerechtigkeit gelehrt und das gauze Erdenrund durchklungen hat; trotzdem sic schon lange nicht mehr im lauten Ehore des Weltmarktes vernommen wurde und seit lange schon nur noch in den stillen Klausen ihrer auserivählten Freunde liebkosend weilt, versteht sie es dennoch noch immer so meisterhaft und zierlich, so gelenkig und geschmeidig den ganzen bunten Weltenreigen unserer jüngsten Zeitepoche mitzumachen, wie es uns Haassif, diese hebräische Jahresschrift zu unserer freudigsten Ueberraschung zeigt. In wie mannigfachen Dienstelleistungen hat sich doch diese hebräische Sprache bewährt, nachdem sie längst von ihrem ureigenen Nährboden losgerissen war und nicht mehr aus dem vollen Strome des Volkslebens Nahrung und Wachslhum schöpfen konnte! Galt es die Halachah, den Midrasch, die neuartigsten Controversen, haarspalterische Auseinandersetzungen, Sprachforschung, Philosophie, Erbanungsschristen, Astronomie, Medicin, so hat die so frühzeitig und jäh vom Lebensbaume geknickte hebräische Sprache sofort die leichtverständlichen Elemente von allüberall sich angeeianet und sich stets dem herrschenden Zeitgeiste gemäß populär auszudrücken gewußt. Ob sie sich auch aus den verschiedensten, den einzelnen zersplitterten Bolkstheilen jeweilig geläufig gewesenen Sprachen Behelfe holte, so ist sie immer doch nur die hebräische Sprache geblieben, und hat sie sich dieselben derart assimilirt, daß sie der jüdischen Zunge aller Orten vertrant klangen. Mischnah, Talmud, Midrasch, Commentarien, Responsen, Cusari, More ncbochim u. s. w. sind trotz aller Beimengungen doch immer nur hebräisch. Galt es aber erst, jüdische Lieder anzustimmen, Israels Harfe ertönen zu lassen, dem nie ersterbenden Drange nach poetischem Ergüsse zu genügen, da haben die Gabirol, Halewi, Jbn Esra und auch die hebräischen Dichter unserer Zeit gezeigt, wie das Hebräische in voller Reinheit sich selbst genügt und Farbenreichthum aus eigenem Lichte zu weben vermag. Die hebräische Sprache hatte bereits aufgehört, eine lebende zu sein, als Reimklang auch anderwärts noch ,licht in Hebung war. Homer, Ovid, Virgil kennen den Reim noch nicht, ebenso wie mit unbedeutenden Ausnahmen die Psalmen und biblischen Gesänge ihn nicht kennen. Als aber das Reimen in Schwung kam, da stellte sich auch unsere ehrwürdige, dem Leben entrückte Matrone in Reih und Glied, um ihre Gelenkigkeit zu bekunden. Wie im kleberschusse eines großen Machtgefühles genügte es ihr gar nicht, blos Zeile an Zeile zu reimen, sie reimte sogar Wort zu Wort, Satz zu Satz und nicht nur paarweise sondern sogleich in vollen Perioden, hausenweise wie im vollen Schellenklange, wovon so manche der berüchtigten Piutim und Selichoth zur Zeit noch Zeugniß geben. In der Sprache bekundet sich der Geist des Volkes. So wie sich das Volk der Hebräer bei scheinbarer Abgesondertheit und Ausgeschlossenheit in allen Geschichtsepochen stets so anpassungsfähig bewährt hat, wie es die Hebräer stets verstanden, in die Weltströmungen mächtig einzugreifen, die Zeitrichtung zu erfassen und an allen besseren Weltbestrebungen wirksam theilzunehmen, wie diese griechisch, lateinisch,

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