Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 21 (25.5.1894)
- Date
- 1894-05-25
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 418 Vesterreichische Wochenschrift Nr. 21 er an? Ei, doch ein Israelit! Mein Gott, mein Kind einen Juden? Entsetzlich!" „Was ist denn, warum geberden Sie sich so sonderbar? Weil der Rosenheimer ein Jude ist?!" „Ei, ei, und Sie haben ja selbst einen Juden gehabt! Und haben keinen Anstoß genommen?!" „Schweig davon und mahne mich nicht an meine Schuld! Sag', wo lebt meine Tochter, kann ich noch zur rechten Zeit kommen, das Unglück von ihr abznlenken." „Nun' sie lebt im Hause Rosenheimers zu R . . .g!" „R . . g?" „Mein Gott, mein Gott! Mein Kind!" „Machen Sie nicht so viel Lärm um nichts, lassen Sie die Tochter bleiben, was sie jetzt zu sein glaubt. Haben Sie für- Ihr zeitliches Wohl so wenig gethan, kümmern Sie sich auch um Ihre Seligkeit nicht! Sie haben sich nicht gescheut, Ihr Kind arm. hilflos und verlassen auszusetzen und es so einem wahrscheinlichen Tode zu überliefern, hätten sich nicht die von Ihnen jetzt so gehaßten Juden desselben angenommen und es vom leiblichen Tode gerettet, während eine andere Judenfamilie ihren Geist, ihr Herz und Gemüth gebildet!" „Jetzt will ich mein Kind haben," geberdete sich Angelika wie rasend. „Du mußt mir's geben, ich bin die Mutter!" „Thorheit ohne gleichen, wie wollen Sie das anfangen? Müssen Sie sich doch früher anklagen, bevor Sie beweisen können, daß dieses Judenmädchen Ihr Kind ist? Darum schweigen Sie und lassen Sie Alles sein, wie es ist." „Schreckliche Marter! nein, das darf nicht geschehen! Dieses Verbrechen könnte mir der Herr nie verzeihen!" „Sonderbare Frömmigkeit! Ein Kind von sich stoßen, es dem Elende preisgeben, ist verzeihlicher, als es ruhig in einer glücklichen Unwissenheit lassen?" „Mensch, mach' mich nicht wahnsinnig, führe mich zu meinem Kinde, aus meinen Knieen bitte ich Dich!" „Ich will Sie also begleiten, denn sonst laufen Sie Gefahr, für wahnsinnig erklärt zu werden und Ihre Worte würden keinen Glauben finden." Sie ließ sofort anspannen und fort gings Tag und Nacht nach R. . . g. XI. Im Hause Rosenheimer's herrschte fieberhafte Thätigkeit. Da wurde gesäubert, gescheuert, gekehrt, aber auch Küche und Keller waren in Aufruhr; da wurde gekocht, gesotten, gebacken und gebraten. Boten wurden abgeschickt nach allen Richtungen, die nothwendigsten Dinge zu holen und die Gäste zu laden. Die Hausfrau rennt von der Stube in die Küche, von da in den Keller, sie weiß nicht, was sie zuerst thun -soll, sie ordnet, sie schafft, damit nur Alles richtig sei und nichts fehle am Tage des Festes. Nur wenige Tage noch und die arme Hausirerstochter soll die Schwiegertochter des reichen Rosenheimer werden. Die Nähreltern der Braut hatten .sich schon eingefnnden und stolzirten in der Gaffe umher; der alte Schamsche war stets an Blümchens Seite und hielt ihr Vorlesungen über die Pflichten des jüdischen Weibes. Der Bräutigam hatte vollauf mit den Einladungsschreiben zu thun, so war Alles beschäftigt und Alles erfreut im Hause. Zwei Tage vor der Hochzeit langte Angelika in R . . g an und begab sich sofort in die Wohnung des Herrn Rosenheimer; sie wünschte den Herrn des Hauses allein zu sprechen. Der Wunsch wurde erfüllt und als Beide allein im Zimmer saßen, begann Angelika. „Entschuldigen Sie, verehrtester Herr, wenn ich mich an Sie mit einer Bitte um Rath wende, da Sie mir als ein weiser Mann empfohlen wurden." „Reden Sie, Madame, ich will Ihnen gerne nach Möglichkeit dienen!" „Meine Freundin heiratete vor 20 Jahren einen reichen Mann, den sie aber nicht liebte," begann Ang lika. „Der Mann starb und 'hinterließ ein kleines Mädchen, welches nach dem letzten Willen des Vaters Erbin des gesummten Vermögens sein sollte; sollte dasselbe aber vor seiner Mutter sterben, dann ist sie die Erbin. Die Mutter hatte indessen mit einem anderen Manne eine Liebschaft und trachtete das Vermögen an sich zu bringen, da sie im Verheirathungsfalle selbst den Nutzgenuß des Vermögens verlieren sollte, um dennoch den Mann heiraten zu können. Sie reiste mit ihrxm Kinde in ein fernes Land, tauschte es mit einem schwerkranken ein, dieses starb und ward unter dem Namen ihres Kindes, des eigentlichen Erben, begraben. Mit dem Todtenscheine versehen, reiste sie in ihre Heimat, ward Erbin des Vermögens und heiratete den Mann ihrer Wahl." „Ein abscheuliches Gewebe von Verbrechen, das die Menschheit entehrt," ries Rosenheimer. „Hören Sie weiter. Meine Freundin war aber weder mit dem ungerechten Gute, noch mit der Wahl des Gatten glücklich. Reue und Gewissensbisse folterten ihre Seele und sie verlangt ihr Kind zurück. Doch der Mann, der das Kind erzogen, will es .ihr nicht geben, was soll sie anfangen?" „Der Mann hat recht gethan," fiel Rosenheimer ein. „Eine Rabenmutter, die ihr hilfloses Kind lieblos verläßt, um dem Buhlen zu gefallen, verdient nicht den Namen Mutter aus dem Munde des Kindes zu vernehmen." „Ach, Sie sind ein strenger Richter, ich sage Ihnen ja, daß die Mutter ihre Sünde bereut und das Kind wahrhaft liebt." „Wie kommt es Madame, daß Sie sich gerade an mich wenden, was soll ich Ihnen thun?" „Das verstoßene Kind befindet sich nämlich in'Ihrem Hause, mein Herr!" „In meinem Hause?! Madame, Sie belieben zu scherzen!" „Nicht doch, Herr Rosenheimer, die Braut Ihres Sohnes ist jenes verstoßene Kind und dessen Mutter . . bin ich selbst!" Rosenheimer sprang erschrocken von seinem Sitze auf und betrachtete die Dame lange, die jetzt ihr Antlitz bedeckte und heftig zu weinen begann. „Madame," begann Herr Rosenheimer, „die Geschichte, die Sie mir da erzählen, klingt so abenteuerlich, daß sie Niemand für wahr halten kann und wird. Wie wollen Sie das Alles beweisen?" „Gut, ich werde Ihnen Zeugen stellen, die Zieheltern meiner Tochter, die das Kind gefunden und.noch einen anderen Mann, der um die Sache wußte." Hierauf wmden Blümchens Erzieher und Selkin gerufen. Chajim erzählte nun den ganzen Hergang, wie er das Kind gefunden, verlassen auf der Heide. Rosenheimer's Gesicht verfinsterte sich und er sprach: „Eine sehr häßliche Geschichte das. Wissen Sie auch, daß Ihre vorgebliche Tochter meinen Sohn liebt?" , „Ich weiß Alles." „Nun und was gedenken Sie zu thun? Sie können doch nicht Ihre That eingestehen, die Sie ins Criminal bringt und das Judenmädchen für Ihre eigene Tochter ausgeben?!" „Ich verkaufe meine Besitzungen in Rußland und ziehe mit meiner Tochter nach Frankreich." „Gut, wir wollen das Mädchen rufen!" Er begab sich in das Zimmer, darin die Braut ihren Hochzeitsanzug ordnete. Gustav half ihr bei diesem Geschäfte. Beide hielten sich fest umschlungen, als Rosenheimer eintrat. „Kinder, fasset Euch, Euere Hochzeit muß verschoben werden; es ist ein besonderer Fall," stotterte der Alte mit Thränen in den Augen. „Was ist es. lieber Vater?" fragten die Brautleute ängstlich, „was geht da vor?" „Eine Kleinigkeit! Flora's Eltern, ihre Mutter eigentlich, will nicht einwilligen." „Meine Mutter?!" lachte die Braut, „was kann die verlangen?" „Die Sache verhält sich ganz anders, Flora ist nicht das Kind der armen Hausirer, ihre rechte Mutter ist eine reiche Frau und was noch mehr — eine Christin!" Wie vom Schlage getroffen, blieben jetzt die Brautleute stehen. „Komm Flora, ich will Dich in die Arme Deiner rechten Mutter führen, denn sie befindet sich in meinem Hause." Blümchen schien ohne Bewußtsein, willenlos folgte sie Herrn Rosenheimer von Gustav begleitet. „Madame, das ist Ihre Tochter!" sprach Rosenheimer zu Angelika. Allein, wie festgebannt stand Blümchen da und betrachtete die Frau, die jetzt Mutterrechte beanspruchte. „Madame," begann sie. „hier scheint ein Frrthum zu sein. Sie sind nicht meine Mutter; kann eine Mutter ihr Kind, das sie unter ihrem Herzen getragen, mit ihrem Blute genährt, kann diese, frage ich, ihr Kind in die wilde Einöde tragen und dort seinem Schicksale überlassen?! Verdient eine solche Mutter den Namen Mutter? — Was wäre aus mir geworden, wenn nicht jene armen Leute, die von Ort zu Ort ziehend, sich des" armen verlassenen Kindes angenommen hätten? Was wäre aus mir geworden, hätten nicht diese edlen Menschen hier mich liebreich ausgenommen und wie ihr Kind gepflegt?! Wie könnte ich so undankbar, so sinnlos handeln, ein Haus, eine Familie zu verlassen, wo ich die schönsten Tage meines Lebens verlebt, wo ich die Lehren eines wahren Gottes in reinster Harmonie und Ausübung lernte! Nimmermehr!"