Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 21 (25.5.1894)
- Date
- 1894-05-25
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 21 Vestrrreichische Wochenschrift Seite 417 Frau, scherzen Sie nicht, wie könnte ich, die Tochter des atmen Hausirers, es wagen? Ein Sohn des reichen Rosenheimer hat andere Ansprüche ...." „Ganz recht mein Kind. Wie aber, wenn Gustav nicht unser Sohn, nur ein Buchhalter oder Commis wäre, würdest Du dann seine Bewerbung abschlagen?" „Ja dann wäre es ein anderes .... dann müßte ich ... ihm gut sein." Frau Rosenheimer streichlte des Mädchens purpurne Wangen und sprach mit Sanftmuth. „Ich lobe Deinen Ent- Muß. Ich lobe Deinen Entschluß Flora, doch mit der Entlassung wollen wir noch warten, ich will früher mit meinem Manne sprechen. Glaube nicht, Kind, daß das Geld uns stolz macht. Auch ich war einst ein armes verwaistes Mädchen und mein Gatte ist im Waisenhause erzogen. Wir waren Beide arm, als wir heirateten. Gott hat unseren Fleiß gesegnet und wir sind reich geworden." Geh' jetzt auf Dein Zimmer und warte, bis ich zu Dir komme." Flora wußte nicht, wie ihr geschehen, diese Milde hatte sie nicht erwartet. Sie gehorchte und entfernte sich. Als Frau Rosenheimer mit ihrem Gatten allein war, entdeckte sie ihm die Liebesgeschichte. Herr Rosenheimer war überrascht und schien nicht ganz zufrieden damit. Der Junge macht alberne Streiche, sprach er verdrießlich, was macht er dem Mädchen den Kopf warm? Will er sie denn wirklich zum Weibe?" „Lieber, guter Moritz," nahm die Frau das Wort, „wir wollen das Gute nicht halb thun, das Mädchen ist einmal in unserem Hause ausgenommen, wir wollen es ganz glücklich machen." „Wie, Du wärest wirklich zufrieden, Deinem Sohne die Tochter eines armen Hausirers zu geben?" fragte Rosenheimer. „Warum nicht. Waren wir denn mehr als Bettler? Er, der Allmächtige erhebt den Armen vom Staube und setzet ihn zu den Edlen des Volkes!" „Du bist das Biederweib, das Salomon im Liede verewigt," sprach Rosenheimer mit Begeisterung. „Dein Wille geschehe!" Gustav und Flora wurden gerufen; zu gleicher Zeit traten die Liebenden ins Zimmer. Noch wußten sie nichts von ihrem Glücke und standen erwartungsvoll vor den Eltern. „Mein lieber Sohn, ich begehre ein aufrichtiges Geständniß von Dir", begann der Vater. „Sag', liebst Du diese Jungfrau wahrhaft und redlich?" „Mehr als meine Zunge auszusprechen vermag", erwiderte Gustav. „Und Du Flora, liebst Du diesen Jüngling rein, ohne alle Absichten?" wandte sich der alte Rosenheimer an Blümchen. Das Mädchen erröthete und lispelte: „Ja." „Nun, so mag der Herr Zebaoth Euch segnen!" Damit faßte der Vater die Hände der Liebenden und legte sie ineinander. Gustav und Blümchen sanken in die Knie, redeten kein Wort, aber die Thränen, die ihren Augen entfielen, waren Zeugen ihrer Dank- .barkeit. Herr Rosenheimer nahm wieder das Wort! „Meine Kinder, Ihr seid jetzt verlobt, doch mit der Heirat müssen wir uns noch Zeit lassen, wir müssen ja auch Floras Eltern befragen. Du, mein Sohn, machst zunächst noch eine Reise in fremde Länder, indessen wird die Ausstattung fertig. Seid Ihr damit zufrieden?" Die glücklichen Liebenden waren es. Gustav begab sich einige Tage nachher auf Reisen, Blümchen arbeitete fleißig und so war Alles im Hause in früherer Ordnung. IX. Es war ein düsterer Novembertag. Angelika saß in Gedanken versunken auf dem Sopha und merkte nicht, daß der Jude Selkin seit längerer Zeit da sei, ihre Aufträge erwartend. Der Jude räusperte sich, um seine Gegenwart anzukündigen. Angelika erwachte aus ihrem Hinbrüten. „Ah Du bist schon da!" sprach sie, dem Juden entgegentretend. „Selkin ich bedarf Deiner wieder." „Gnädige Frau, ich bin Ihr Knecht", erwiderte der Jude, sich tief verbeugend. „Hier lies", sprach die Gräfin. „Gnädige Frau, das Geschreibe da verstehe ich nicht zu lesen, seien Sie so gut und lesen Sie mir es vor", entgegnete schmunzelnd Selkin. Angelika las! Madame! Wir sind nun quitt. Ihre Schuld ist größer, als die meine. Ich habe gegen Gott, Sie haben gegen Gott und Natur gesündigt. Mir ist Alles bekannt, darum fürchte ich Ihre Verfolgung nicht mehr. Wagen Sie es nicht, mich aufzusuchen, sonst zeige ich Ihr Verbrechen der Behörde an. Trachten Sie Ihren Gott zu versöhnen, sowie ich den Meinen durch Reue und Buße besänftigen will. Ludwig". „Nun, was sagst Du zu diesem Briefe", fragte Angelika als sie mit dem Lesen fertig war, „Hm, doch ein frommer Sohn des Glaubens, daran ist nur mein Weib schuld, die hat gewiß geplaudert zu ihm. Gnädige Frau, es hilft nichts, lasten Sie den Menschen gehen," entgegnete Selkin. „Das werde ich, doch will ich auch mein Unrecht wieder gut machen und dazu muß mir Dein Scharfsinn helfen." „Mein Verstand, gnädige Frau, ist ein Lastthier, es ist ihm gleich, ob er mit Gold oder Sand belastet wird, wenn das Frachtgeld nur bedeutend ist. Was begehren Sie?" „Selkin, Dein Verstand hat mir geholfen, das Ziel meines Herzens erreichen; allein ich fand kein Glück in der Befriedigung meiner Lüste; denn ein mit Sünden beladenes Gewissen findet niemals Ruhe und der Mann, um dessen Willen ich eine Berbrecherin ward, hasset und fliehet mich." „Nun, was verlangen Sie von mir?!" „Gib mir mein Kind wieder! Du kannst es, Du mußt!" „Ihr Kind, Frau Gräfin, ist gestorben zu.bad, kann ich die Todten erwecken?" „Spotte nicht, Grausamer! Du weißt, wo meine Seraphine hingekommen, bringe mir das Kind und Dein Lohn soll groß sein." „Wir wollen es versuchen, gnädige Frau", sprach Selkin, nach einigem Nachdenken, „wir wollen die Kleine suchen, wir durchreisen alle Länder, vielleicht gelingt es uns .. . aber was dann, dürfen wir sagen, daß es Ihr Kind ist?! Geschehe, was da wolle, nur mein Kind will ich haben, das Uebrige soll meine Sorge sein. Wohlan, gnädige Frau, in einigen Tagen reisen wir. Bringen Sie Ihre Sachen in Ordnung, ich gehe indessen heim, Anstalten zu treffen." „Warum erst in einigen Tagen, warum nicht gleich?" „Sie müssen warten, bis ich Ihnen berichte, wo wir uns treffen sollen. Bor Allem muß ich Sie um einiges Geld bitten, denn ich habe Manches noch zu besorgen." Angelika überreichte Selkin eine volle Börse und dieser eilte von dannen. X. Noch einmal sind wir gezwungen, einer allgemeinen Herberge einer Judengemeinde an der ungarischen Grenze einen Besuch abzustatten. Die Räume sind gleich, nur andere Gäste finden wir darin. Es ist eine Decembernacht. Die Wanderer sitzen um den langen schmutzigen Tisch — ein Talglicht erhellt den Raum — und erzählen verschiedene Geschichten. Jeder weiß etwas Neues vorzubringen von der Donau bis zur Wolga gibts keine Judengemeinde, deren Familienverhältnisse nicht besprochen worden wären. Verlobungen, Hochzeiten, Sterbefälle, Bankerotte, Alles kommt hier zur Sprache. Unter den Gästen finden wir einen alten Bekannten — Selkin, den Vertrauten Anzelikas. Er horchte aufmerksam, ob nicht der Gegenstand, der ihn berührte, von selbst zur Sprache kommen werde. Nachdem dies aber nicht geschah, fing er selbst an: „Lebt noch der alte Schamsche, der Hausirer?" Da riefen Mehrere auf einmal: „Schamsche, der befindet sich wohl, der Alte hat Glück und sein Sohn mit ihm, so lange ein armer Hausirer existirt, hat er kein solches Glück gemacht mit dem Kind, wie der." „Was für ein Glück?" fragte Selkin. „Wie. Ihr wiffet nicht, daß Chajims Blümeln den Sohn des reichen Rosenheimer von R.g heiratet?" „Kein Wort! Wie ist das gekommen?" „I nun, das Mädel ist wunderschön wie eine Prinzessin und der Junge hat sich vernarrt in sie. Diese Woche haben wir Chajim getroffen, er ist auf dem Wege nach R . . .g. In acht Tagen soll die Hochzeit sein. Der Herr Rosenheimer soll gesund und stark sein und 100 Jahre soll er leben, er ist der Vater der Armen!" „Das ist ein Mann, wie es wenige in Israel gibt." Während das Gespräch über Herrn Rosenheimer immer weiter geführt wurde, verlor sich Selkin aus der Gesellschaft und eilte dem Gasthause zu, wo Angelika feiner harrte. „Nun, was bringst Du — gute Botschaft — Selkin? Warst Du heute glücklicher, als bisher?" „Doppelt glücklich, denn erstens weiß ich. wo Seraphine ist und zweitens, daß sie sehr gut versorgt ist." „Rede deutlich, Selkin! Um Gottes willen, wo ist sie, laß mich nicht länger rin Zweifel, mein Herz leidet ohnehin von Reue und Gewissensvorwürfen. Haben Sie nur Geduld! Ihre Tochter wird, wenn sie es noch nicht ist, eine vornehme Frau — die Gattin des jungen Rosenheimer." „Rosenheimer?" „Was ist der Rosenheim, welchen Standes? „Ein reicher braver Mann soll er sein, wie ich höre. Nicht doch, welcher Religion gehört WBUBiiBEBSiifiBBBailI