Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 21 (25.5.1894)
- Date
- 1894-05-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 21 Drflerrrichisttzr WochrnfchrM Sette 409 Jsolirtheit, die sie bedrückte, hat den Jntellect geschärft und eingeengt zu einem Instrument, um die ihnen durch die brutale Gewalt der christlichen Bevölkerung vorenthaltenen guten Dinge durch geistige Agilität zu erhaschen. Die jüdischen Einwohner Ostlondons sind gleichsam eine Rasse von Geistesarbeitern, welche mit einer Classe von manuellen Arbeitern die Concurrenz aufnimmt. Der polnische Jude betrachtet die manuelle Arbeit als unterste Sprosse auf der socialen Leiter, die bei der ersten Gelegenheit überstiegen werden muß, um den Transactionen des Detaillisten, den Calculationen des Geldverleihers, den Berechnungen des Profitmachers Platz zu machen und nur ein einziges geistiges Laster lenkt ihn vom Lebenserwerbe ab, nämlich das Laster des Spieles. — Außerdem gibt es noch einen wichtigen Factor im Leben der Juden. Der fromme Jude ist einem moralischen und physischen Regime unterworfen, welches ihn vom Mißbrauche der körperlichen Organe und von Krankheit fernhält und das Wachsthum physischer Selbstcontrole und des geistigen Duldens befördert. Der Ritus und die Regulationen des mosaischen Gesetzes und die Instructionen der Tradition sind in keiner Weise den asketischen Hebungen der christlichen oder buddhaistischen geistigen Exaltation analog, welche durch Unterdrückung oder Vernichtung des physischen Jnstinctszu siegen trachtet; im Gegentheil: die religiösen Vorschriften und sanitären Gesetze der jüdischen Religion betonen den physischen Theil des Lebens. Sie sind, wie schon Renan beobachtet, nicht Vorbereitung für eine zweite Welt, sondern ein Cursus des Trainings, der geeignet ist, das Leben des Individuums zu verlängern und die Anzahl seiner Nachkommen zu vermehren. Gegenüber diesen Hauptursachen des Erfolges der Juden braucht man nicht lang nach dem Grunde der antagonistischen Gefühle der Christen zu suchen. Denn dem eingewanderten Juden fehlt neben den vorerwähnten Tugenden die höchste und letzte Entwicklung des menschlichen Gefühles, die sociale Moral. Hiemit soll nicht gesagt sein, daß die im Ostende wohnenden Juden den Gesetzen zuwiderhandeln und die Conventionen des socialen und commerciellen Lebens brechen. Im Gegentheil: Niemand wird in Abrede stellen, daß die Kinder Israels sich den Gesetzen unterordnen. Sie halten den Frieden, sie zahlen ihre Schulden, sie halten ihre Verträge ein, worin sie den Engländern, den Irländern und den Arbeitern, unter denen sie wohnen, überlegen sind. Die Juden merken gar bald, daß Gesetz und Ordnung und die Giltigkeit der Verträge eouältio sine qua non der freien und offenen Concurrenz auf dem Markte sind und dadurch allein suchen sie den Erfolg. Aber wenn es sich um die a u s l ä n d i s ch e n Juden handelt, tritt eine gewisse Concurrenz ein, unbehindert von den socialen Gefühlen der Claffenloyalität und der Integrität des Geschäftes. Der kleine Manufacturist schädigt den Handelszweig, durch welchen er sich zum Range eines Capitalisten erhebt, durch schlechte und unehrliche Production, der kleine Detaillist oder der kleine Geldverleiher, vollgesogen mit der ökönomifchen Vorschrift, auf das Wohlfeilste zu kaufen und auf dem theuersten Markte zu verkaufen, adaptirt seine Waaren und seine Bedingungen der Schwäche, der Ignoranz und dem Laster seiner Kunden, — kurz, der fremdländische Jude ignorirt alle anderen socialen Verpflichtungen außer der Einhaltung der Gesetze des Landes, der Erhaltung seiner eigenen Familie und der barmherzigen Unterstützung von Correligionären. So scheint der eingewanderte Jude noch frisch unter dem Eindrücke der schmerzlichen typischen Erfahrungen aus der Geschichte seiner Rasse — durch seine Existenz jene sonderbare Annahme zu rechtfertigen, welche in der politischen Oekonomie Ricardo's für den Menschen überhaupt festgesetzt ist, nämlich einen stets erleuchteten Egoismus, welcher Beschäftigung und Profit sucht, mit einer absoluten Beweglichkeit des Körpers und des Geistes, ohne Stolz, ohne Vorliebe, ohne Interesse außer dem des Kampfes um die Eristenz und Wohlfahrt des Individuums und der Familie. . Bei den jüdischen Einwohnern von Whitechapel (dem allerärmsten Theile des Ostendes) und bei den jüdischen Geschäften im Ostende sehen wir diese prophetischen Deductionen des „jüdischen" Nationalökonomen (Ricardo) thatsächlich in Erfüllung gehen, nämlich einen perpetuirlich wiederkehrenden, für die nackte Existenz gerade ausreichenden Lohn der großen Majorität der Handarbeiter. Die Lehre aus dem Gesagten möge der Leser selbst abstrahiren! Dr. Carl Mandello. Das jüdische Reich der Chazaren- Von Dr. Heinrich Goltlieb (Lemberg). (Fortsetzung aus Nr. 17.) Während die Dynastie, der Hof, die höheren Stände und die Mehrzahl der Städtebewohner sich zum Judenthume bekannten, verblieb der größere Theil der Bevölkerung bei dem aus Asien hergebrachten Heidenthume. Aber auch das Christenthum und der Islam fanden immer mehr Verbreitung, ersteres von Byzanz her, letzterer durch Verkehr mit Arabien. Die Aufnahme und Verbreitung aller Bekenntnisse geschah gutwillig, ohne jeglichen Zwang. „Die Dynastie und die Regierung des Chazarenreiches zeichneten sich durch religiöse Toleranz und durch Hochachtung gegenüber jedem Religionsbekenntnisse aus." (Golubowsky in den Kijewskaja staina.) Von den oströmischen Chronisten wird bestätigt, daß einmal ein jüdischer Chakan Chazwinns Delegirte nach Byzanz entsendete mit der Bitte, der Kaiser möge gelehrte Männer behufs religiöser Dissertationen mit den jüdischen und mohammedanischen Gelehrten entsenden, und daß als solcher Delegirter von Byzanz der berühmte Slavenapostel Cyrill nach Chazarien kam. Er weilte längere Zeit in der Krim, lernte die chazarische Sprache und kam dann über das Asow'sche Meer nach der Chazarenhauptstadt. Das Resultat seiner Reise war nach Berichten russischer Chronisten die Taufe vieler heidnischer Chazaren. „Was das Staatswesen des Chazarenreiches betrifft, so gab es schwerlich bis heute irgendwo eine so originelle politische Organisation wie in diesem Reiche." (Golubowski a. a. O.) Das Haupt des Reiches war der Chakan (Chan). Wenn die directe Linie des Königshauses erlosch, folgte im Chanat der nächste Anverwandte, wenn er auch bis dahin die verborgenste Maus gewesen war. Der Chan mußte laut Staatsgesetz zur jüdischen Religion sich bekennen. Der Chan war oberster Feldheer im Kriege. Die Regierungsgeschäfte führte dann ein Stellvertreter (Chakan-Bey). Die Verwaltung der größeren Städte war Verwandten des Chans übertragen. In den Städten lagen militärische Garnisonen und die Heeresmacht war sehr zahlreich und trefflich organisirt. Die vorzüglichste Abtheilung war nach Art der turanischen Reitervölker die Garde des Chans, das ist ein Corps, bestehend aus 10.000 Reitern. Ein Theil der Armee waren russische und sonstige Miethtruppen. In der Armee herrschte eine strenge Disciplin. Zum Lasttragen im Kriege wurden Kameele verwendet. Im Kriege war die chazarische Armee durch Hilfstruppen der unterworfenen und tributpflichtigen Völker (Russen, Petschenegen rc.) verstärkt. Das Einkommen der Regierung bestand aus Zöllen von den Handelsproducten und aus dem Tribut der unterworfenen Völker. In der Hauptstadt Jtyl war der oberste Gerichtshof des Reiches, bestehend aus sieben Richtern, und zwar zwei Juden, zwei Christen, zwei Mohammedanern und einem Heiden. Jede Partei wurde nach den Gesetzen ihres Glaubensbekenntnisses und ihres Stammes gerichtet. Die Hauptstadt des Reiches war Anfangs Balandzer, nahe am Kaukasus gelegen, allein als die Chazaren zu Ende J des achten Jahrhunderts aus Trans-Kaukasien durch die i Araber verdrängt wurden, bildete der Kaukasus die Südgrenze ' des Reiches und die Residenz wurde nach Semende verlegt.