Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 21 (25.5.1894)
- Date
- 1894-05-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021007-3021029--03526-3027667- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 408 Veverretchiptze WochenfchrM Nr. 31 täglichen Lebens werden vor das Beth-Din gebracht, um durch die Lehren des Pentateuch, des Talmud oder durch die ange borene Schlauheit des hebräischen Richters geschlichtet zu werden. Auch ist dem Beth-Din die religiöse Matrikelführung aller Ehen zugewiesen. Wer in den Ehestand treten will, muß zuerst die Zustimmung des Oberrabbiners erhalten; bei eingeborenen Juden ist dies blos eine Formalität, aber bei den Eingewanderten fordert man die genügende Zeugenschaft, daß die betreffenden Parteien nicht schon mit anderen Ehehälften ein Bündniß eingegangen sind. Diese Institutionen sind allen englischen Juden gemeinsam. Sie basiren auf einem repräsentativen System mit etwas restringirtem Charakter. Jeder, der in einer anerkannten Synagoge einen Betsitz hält, nimmt theil an der Wahl des Rabbi, der Vorsteher und anderer Beamten der Congregation. Die jüdische Colonie im Ostende steht jedoch außerhalb des communalen Lebens, und zwar wegen ihrer außerordentlichen Armuth und wegen ihrer fremdländischen Gewohnheiten und Gebräuche. Der größte Theil der Juden (im Ostende Londons) aus der arbeitenden Classe besucht selten größere Synagogen, ausgenommen am Versöhnungstag; sie sind zumeist keine Inhaber von Betsitzen. Der größte Theil der religiös Denkenden unter ihnen bildet Associationen (Chewras), deren jede die Functionen eines wvhlthätigen Clubs für Todesfälle, Krankheit und für den feierlichen Trauerritus mit der öffentlichen Andacht und dem Studium des Talmud combinirt. .Dreißig oder vierzig dieser Chewras sind in den jüdischen Quartieren zerstreut. Gewöhnlich ist jede dieser Chewras nach jener Stadt oder dem Districte in Rußland oder Polen benannt, aus welchem die Majorität ihrer Mitglieder emigrirt ist, und. in der That entspringt die neue Association aus irgend solchen alten Affociationen durch Bande der Verwandtschaft oder Freundschaft oder wenigstens des Andenkens an eine gemeinsame Heimat. Der Verfasser schildert nun die Betstätten, die Zusammenkünfte, die Art und Weise der Disputationen mit talmudischen Argumenten, welche in diesen Chewras vorzukommen pflegen. Diese Chewras besorgen die socialen und religiösen Bedürfnisse von etwa 12.000 bis 15.000 fremdländischen Juden, während die große Synagoge die Bedürfnisse der mittleren Classe erledigt. Die Chewras verbinden eine gewisse Anzahl frommer ausländischer Ansiedler mit dem communalen Leben, aber es bleiben noch etwa 20.000 bis 30.000 Männer, Weiber und Kinder übrig, die zu arm und zu indifferent sind, um regelmäßig einen Andachtsplatz aufzusuchen, die aber dennoch fast abergläubisch hartnäckig an den Gewohnheiten und Gebräuchen ihrer Rasse festhalten. Die Meisten aus dieser ärmsten Section der jüdischen Gemeinde verlassen England, um nach Amerika auszuwandern; doch^ werden ihre Plätze bald von neuen Ankömmlingen aus Rußland und Polen eingenommen. Diese Section bildet daher eine permanente Ablagerungsstätte von Armuth, die fast an äußerste Entbehrung streift. Nun ist aber diese Classe mit der jüdischen Mittelklasse und mit den oberen jüdischen Classen durch einen Strom von Barmherzigkeit und persönlicher Dienstesleiftung, durch eine stark verbreitete und so tief eindringende Benevolenz in Verbindung, daß man fast das Wort für wahr halten möchte: „Alle Israeliten sind Brüder." — Der Verfasser erwähnt von den vielen wohlthätigen Institutionen, die mit dem Ostende-Judenthum in Verbindung sind, nur das jüdische Board of Guardians (Wächter-Amt (vielleicht Glaubenswächter?f). Diese Wohlthätigkeits-Institution ist entstanden im Widerspruche damit, daß die große Synagoge im Jahre 1753 die Einwanderung hintanzuhalten suchte, indem sie allen Jenen, die ihr Vaterland ohne genügende Ursache verlassen hatten, die Hilfeleistung verweigerte. Aber die Verfolgung und der sociale Ostracismus in Europa, die wachsende Freiheit in England, combinirt mit dem warmen Wohlthättgkeitssinn der glücklicher situirten Israeliten für ihre ärnieren Brüder, erwiesen sich als mächtig wirkende sociale Kräfte, welche viel stärker waren, als daß sie sich durch die negative Resolution einer officiellen Körperschaft hätten beugen lassen. Die Wohlthaten nahmen von allen Seiten zu. Sie waren noch im chaotischen Zustand und zeigten die übelste Form des Pauperismus und der professionellen Bettelei, aber eben, um dem Allem ein Ende zu machen, wurde das Board of Guardians geschaffen, welches eine Gesellschaft zur Organisation der Wohlthätigkeit aller jüdischen privaten Philantropen wurde und von Beginn an die loyalste Unterstützung von der ganzen jüdischen Gemeinde empfing. Von den 13—14.000 Pfund Sterling, welche jährlich durch die Boards of Guardians an - Unterstützungen verausgabt werden, haben nur 2000 Pfund Sterling die Form fixer Unterstützungen und von Anweisungen - für Nothleidende. ~ 3000 Pfund Sterling sind Darlehen für Geschäftszwecke, 1000 Pfund Sterling werden aufgewendet für Auswanderungen, 500 Pfund Sterling werden für sanitäre Jnspection in den Heimstätten der Armen und zu Werkstätten für Mädchen verausgabt. Vom Reste werden mehr als 50 Percent in Form von Geschäftscapital gewährt, so daß der Empfänger in den Stand gesetzt ist, sich selbst permanent aus den Reihen Derjenigen, welche von barmherzigen Gaben leben, zu erheben. — Der praktische Effect dieser Unterstützungen ist eclatant erwiesen durch das Factum, daß von 3313 Fällen, die im Jahre 1884 vorkamen, nur 268 solche waren, die sich vor dem Jahr 1886 an das Board gewendet hatten. Wenn wir die vielen Tausend Fälle in Erwägung ziehen, die seit dem Bestände der Board of Guardians vorkamen, kann man — in Anbetracht dieser Statistik — die vom jüdischen Board of Guardians Unterstützten nicht in die Reihe Derjenigen zählen, welche zur parasitischen Classe der Paupers gehören. Der Verfasser bespricht auch die in London existirende Gesellschaft zur Beförderung des Christenthums unter den Juden und gibt dann eine allgemeine Idee von den Manieren und Gebräuchen der im Ostende lebenden Juden. Er stellte ihr Leben zu Hause und außer dem Hause.dar, gibt eine Schätzung ihres Charakters und ihrer Fähigkeit als Mitglieder des socialen und industriellen Staates —- ungeschmeichelt, mit allen Uebelständen und Auswüchsen. Er legt sich dann die Frage vor: Was sind die Ursachen des Erfolges dieser armen Juden und weshalb nimmt die christliche Gemeinde, mit welcher diese Juden im täglichen Contact kommen, diesen Erfolg denselben übel? — Er constatirt, daß diese Aermsten der Juden durch ihre Religion einen gewissen trainirten Jntellect erlangt haben. Er sagt: „Die Kinder Israels sind eine Nation von Priestern. Jedes männliche Kind, reich oder arm, ist ein Studirender der Literatur seiner Rasse. In seiner frühesten Kindheit wird ihm durch pittoreske Riten und Coremonien die Geschichte, die Gesetzgebung und die Entwicklung seines Volkes beigebracht. Als Knabe bemeistert er lange Capitel irf einer alten Sprache. In frommen und strengen Communitäten von Russisch-Polen bringt der erwachsene Mann seine Mußestunden damit zu, mit subtilen Raisonnements und fremdartigen Phantasien das große classische Buch der Juden, den Talmud, zu interpretiren. Der Verfasser will nicht zu verstehen geben, daß der bigotte Jude ein cultivirteres Wesen ist, — wenn man unter Cultur weite Gedanken und Gefühle anderer Zeiten und anderer Rassen versteht. Die intellektuelle Vision und die Sympathien des größten Theiles der polnischen Juden beschränken sich auf die vergangene Geschichte und auf die gegenwärtigen Aussichten ihrer eigenen Rasse. Aber die mechanischen Eigenschaften des Intellektes: Gedächtniß, Kraft anhaltender Raisonnements, Fähigkeit für umstäi dliche Calculation, werden in orthodoxen Communitäten fortwährend cultivirt, unter allen Classen, und es resultirt eine überraschende Egalität und ein hohes, obwohl enges Niveau des intellektuellen Trainings. Diese Einförmigkeit des Typus und Gleichmäßigkeit der Chancen, welche in dem Einfluß einer einzigen Religion ihren Ursprung hat, ist durch die industriellen und politischen Hindernisse, unter welchen die Juden während des größeren Theiles der christlichen Aera laborirten und welche in Russisch-Polen noch fortbestehen, verstärkt und aufrecht erhalten worden. Die brutale Verfolgung im Mittelalter hat die Unfähigen vernichtet und die sociale