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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-05-25 · 21 (25.5.1894) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
21 (25.5.1894)
Date
1894-05-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 21 VekterrrlchMtzr WortzrnsrtzrM Sette 407 Seit acht Tagen ziehe ich auf der Insel herum, in kleinen, vom Sonnenbrand gerösteten Dörfern, in schmutzigen, an hohen Berglehnen hängenden Städtchen, in todestraurigen, von Schwefelminen verpesteten Gegenden. Was von socialem Leben an mir vorbeidefilirt, ist Jammer und Elend. In den Köpfen spukt noch der kaum niedergcwrrfene Volksaufruhr, welcher das Land mit über 60.000 Soldaten füllte und es noch heute im kleinen Belagerungszustand erhält. Nicht etwa ein Aufruhr gegen die Regierung, sondern zunächst gegen die Masse der wuchernden Großgrundbesitzer, welche die Insel aussaugen. Immer wieder begegne ich auf meinen Kreuz- und Querzügen großen Gefangenentransporten. DieHände an den Gelenken mit Eisenklammern aneinander geschraubt, unter den Ellbogen lange, die ganze Schaar zusammenhaltende Ketten, ringsum Carabinieri mit queraufgesetzten Dreimastern und aufgepflanzten Bajonetten — so geht es schwitzend und schnaufend .dahin im Sonnenbrand der staubigen Landstraße. Alle Gefängnisse' sind nach dem Aufruhr von Männern, Frauen und Kindern überfüllt. In kleinen Nestern sah ich keinen Markt, auf dem nicht ein Schwarm von Gerichtsvollziehern Zwangsauctionen veranstaltete: Auctionen von altem Gerümpel und theuren Reliquien des Haushalts, von den Eltern ererbten oder mühselig zusammeilgesparten. Massen von herumhockenden arbeitslosen Menschen bilden mit leeren Taschen und hungrigen Magen das Publicum. Ueberall überfallen mich Haufen von Bettlern, jeder ein Pack Lumpen, aus dem ein hohlwangiges, erdfahles Gesicht mit großen, glanzlosen Augen und irgend ein verstümmelter Körpertheil herausstarrt. Schmerzerpreßte Seufzer wimmern mir in die Ohren, überbrüllt von dem mit einer bedeutungsvollen Handbewegung nach dem verzerrten Mund herausgestoßenen Schauerwort: „Hunger!" Und wenn ich, scheinbar gleichgiltig, weitergehe, weil ein einzelnes Portemonnaie solche Notb nicht lindern kann, glotzen mir Gesichter mit dem Ausdruck der Verzweiflung nach. Dabei beobachte ich, wie der beständige Anblick so vielen Elends die theilnehmende Empfindung mehr und mehr abstumpft und das Herz verhärtet. Herrliche Aecker, welche unter der schönen sicilianischen Sonne fünfzig- und sechzigfältig tragen könnten, liegen verödet. Mächtige, die Berglehnen hinaussteigende Weinberge mit ihren stellenweise eingestürzten Mauern sind sich selbst überlassen. Parkanlagen mit pappelhohen, dunkeln Cypressen verkümmern hinter ihren Gittern. Große ertragsfähige Landstrecken bleiben unbepflanzt. Wozu arbeiten? denken die meisten dieser Leute, wenn die Arbeit nicht einmal den Hunger stillt! Die Großgrundbesitzer haben entdeckt, daß mit Lohnzahlungen an Arbeiter die schönsten Summen vertrödelt werden. Wenn die Arbeiter für ihr Tagewerk in Naturalien entschädigt würden, wäre es viel praktischer. Darum bekommt der Taglöhner nie Geld in die Hände. Nach Beendigung seiner wochenlangen Arbeit wird ihm sein Lohn in einem Quantum zumeist minderwerthigen Getreides entrichtet. Benöthigt aber der Arme einmal auf's Dringlichste des baaren G.ldes, vielleicht in Form eines Vorschusses, so erhält er eben wieder einen Getreidevorschuß. Reichlich mit Getreide ausgestattet, zieht er nach Beendigung seiner Arbeitszeit nach Hanse. Kaum betritt er mit dem Naturallohn Pen heimatlichen Boden, so kommen dieMauthsoldaten und verlangen, daß er diese Einfuhr von Lebensmitteln versteuern soll. Woher jetzt Geld nehmen? In ärgster Zwangslage niuß er einen Theil seines Lohnes verschleudern, um den übrigen nach Hause transportiren zu können. Wovon diese Armen leben? Sie gehen ins Grüne, in die Orangenhaine und Citronengärten und nehmen, was sich findet. Eine solche Existenz bezeichnet der Sicilianer als Lebensweise ohne Salz. Wo sie schlafen? Unter freiem Himmel auf Stroh. Wenn es regnet, Hab en sie den Wind zum Trocknen. Auch für „besser situirte Leute" deckt sich der Tisch täglich nur einmal, Abends gegen 6 Uhr. Was da aufmarschirt, ist nichts als eine Kräuter- oder Brotsuppe, der einige Orangen nachkugeln. Ich mag Hinblicken, wohin ich will, überall und überall trübe sociale Bilder und Alles drunter und drüber. Der kleine Bauer verdient im Jahr durchschnittlich 600 Lire, muß aber davon gegen 400 Lire Steuer zahlen. Er hält sich einige Esel — sie müssen versteuert werden; er schafft sich einen neuen Ackerpflug an — muß versteuert werden; sogar für Brot muß er Verbrauchssteuern entrichten. In der Rechtspflege hat sich das Heer der Processe derart vergrößert, daß die Gerichte auf Jahre hinaus beschäftigt wären, wenn sie nicht die bis jetzt vorliegenden Fälle summarisch behandeln. In Calascibetta höre ich auf dem kleinen Markt drei abgehärmte, zerlumpte Frauen wimmern. Ihre Männer sitzen seit sechs Monaten im Gefängnisse, ohne daß man weiß, warum. Flotte Bankerotte sind an der Tagesordnung. In Vallelunga, einem Flecken von etwa 4000 Einwohnern, gab es im Monat December 193 Fallissements. Sicilien, dies blendende Zauberland, scheint mir ein Eldorado für Rechtsanwälte und Gerichtsvollzieher zu sein. In den Schauergegenden der Schwefelminen müssen die Arbeiter sogar für die Betriebskosten des Bergwerks aufkommen. Die Beträge für Reparaturen der Maschinen werden ihnen vom Lohn abgezogen. Es ist unmöglich, von der fürchterlichen sicilianischen Mißwirthschaft auch nur in flüchtigen Umrissen ein Bild zu entwerfen. Die Groß grundb esitzer haben von den Monaten des Aufruhrs nichts gelernt. Sie dämmern weiter in ihrer unersättlichen Geldgier. Alle Vermittelungsversuche, die Lage des armen, am Bettelstab wankenden Volkes zu verbessern, prallen an der Habsucht dieser Herren ab. Wohl aber haben sie neuerdings wiederholt Versammlungen abgehalten und ihre Weisheit in dem Antrag zusammengefaßt: „Der Staat möge dem bisherigen Verhältnisse zwischen Grundbesitzern und Arbeitern gegenüber neutral bleiben." Und der italienische Staat weiß nicht, wie er mit der Insel zurechtkommen soll. Sicilien hat Hunger!" Rußland. Folgende Auslaffung der erz-antisemitischen „Nowoje Wremja" verdient vermerkt zu werden: „Der unrechtmäßige Verkauf von Spirituosen, der ehemals von den Juden monopolisirt wurde, hat mit der Ausweisung der Juden aus den Dörfern und Ländereien nicht aufgehört, sondern bedeutend zugenommen. Der einzige Unterschied besteht darin, daß die jüdischen Wirthe durch christliche ersetzt worden sind. Außerdem hat die Ausweisung der Juden dem Schmuggel bedeutenden Vorschub geleistet, mit dem Unterschied, daß die Bauern an die Stelle der Juden getreten sind und zum größten Schaden des Staatsschatzes. Die Juden haben niemals gewagt und niemals versucht, den Schmuggel mit der Frechheit und dem Cynismus zu betreiben, wie es die Bauern thun. Ein schmuggelnder Jude ist in unserer Gegend zur größten Seltenheit geworden; dafür aber sind es die Bauern." Bemerkenswerth ist auch eine Aeußerung der amtlichen „Jekaterinoslawskija Gubernskija Wjedomosti", welche über den völligen Niedergang des Getreidehandels in Taganrog Folgendes schreiben: „Mit der Einbeziehung des Bezirkes Rostow in das Gebiet der Don'schen Kosaken, wodurch die Juden aus demselben auswandern mußten, hat die Stadt Taganrog, dieses frühere Füllhorn für die Getreidehändler dieses Gouvernements, jede Bedeutung verloren, die nunmehr die Stadt Marinpol, wo den Juden der Aufenthalt gestaltet ist, zu erwerben beginnt." Deutlicher kann man sich über die verhängnißvollen Folgen, welche die Judenausweisungen zeitigten, nicht äußern. Dir Iudenschaft im Londoner Armenviertel. Mitten im chaotischen Elemente Ostlondons lebt eine große jüdische Colonie und der lebendigen Schilderung der Lebens- und Erwerbsverhältnisse dieser exotischen Bevölkerung widmet der große Socialstatistiker Charles Booth — (nicht zu verwechseln mit dem General der Heilsarmee William Booth!) — ein ausführliches Capitel seines Werkes „Leben und Arbeit des Volkes in London". Zn Bezug aus die interessante religiöse Organisation dieser Colonie hat Oberrabbi Hermann Adler die Daten geliefert und wir wollen das Erwähnenswertheste aus der Booleschen Schilderung reproduciren, weil der wirthschastliche Anachronismus dieser Gruppe deren Eigenthümlichkeit am Nachdrücklichsten erkennen läßt. Booth charakterisirt zuvörderst das sogenannte „Belh- Din" (Gerichtshof, welcher die ecclesiastischen Gesetze in der jüdischen Communität handhabt und dessen Ursprung in die Annalen des biblischen Judaismus zu verlegen ist). Diese Gerichtshöfe dienen.nunmehr einem doppelten Zwecke, nämlich Ordnung und Disciplin in die verschiedenen Communitälen einzubürgern und die Vermeidung des Scandals der Bekämpfung von Juden durch Juden vor den bürgerlichen Gerichtshöfen. Dieser Beth-Din, welcher aus dem Oberrabbiner und zwei Assessoren besteht und zweimal wöchentlich Sitzungen hält, hat, obwohl demselben nur eine ecclesiastische Jurisdiction zusteht und seine Urtheile nach den Gesetzen der jüdischen Religion zu erfolgen haben, dennoch eine weiterreichende Bedeutung, weil derselbe auch den Gehorsam gegen die Gebote erheischt. Für die orthodoxen Juden ist aber die Religion nicht blos der Schlüssel, um die Existenz im Jenseits zu eröffnen, sondern auch ein Gesetz, auf Erden sanctionirt durch Belohnung und Bestrafung in dieser Welt, Gesundheit oder Krankheit,^ daher läßt sich die genaue Jurisdiction des Beth-Din nicht definiren. Es sitzt als permanentes Schiedsgericht für alle Diejenigen, die sich durch andere Söhne oder Töchter Israels beschädigt fühlen. Familien streite, Geschäfts- oder Arbeitsstreite, Ehedifferenzen, Desertion der Frau, selbst leichtsinnige Verlobungen oder auch Bruch des Heiratsversprechens, kurz Tausende Streitigkeiten, Verwicklungen oder Mißverständnisse des

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