Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 21 (25.5.1894)
- Date
- 1894-05-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 406 Oesterrelrtzifttze Wochenschrift Nr. 21 Wie sehen nun 1. die Länder aus, die ihre Juden «nsgetrieben haben? Spanien hat im 15. Jahrhundert zum ersten Male die Parole „Juden raus" in umfassendstem Maße durchgesetzt. Daß es sich damit einen ungeheuren Schaden zugefügt, darüber sind alle Historiker einig. Noch jüngst erklärte der spanische Staatsmann Manuel Ruh Zorilla in einem Interview: „Die Vertreibung der Juden ist der größte Frevel an unserem Lande gewesen, ein unverzeihliches Verbrechen an der Zukunft unseres Volkes. Mil den Mauren hat. man die Cultur vertrieben, mit den Juden die Industrie, den Handel, alle Mittel der bürgerlichen Wohlfahrt. Dieser selbstmörderischen Wuth schulden wir das unsäglichste Elend unseres Volkes." In der That, besser als eine Unzahl anderer Urtheile, die wir anführen könnten, beweist das Elend des heutigen Spanien die ganze Trostlosigkeit seiner wirthschaftlichen Lage. Die „Franks. Ztg." schrieb am IO. April d. I. (Nr. 99): „In vielen Ortschaften der Provinzen Cadix, Sevilla, Malaga und Granada, nährt sich das niedrige Volk seit einigen Monaten ausschließlich von Kräuteru, Wurzeln und Waldftüchten. Die Bäckereien haben sich gezwungen gesehen, das Brot Nachts, insgeheim an ihre Kunden zu vertheilen, da sonst am Tage die Waare von den heißhungrigen, auf Plätzen und Straßen herumstehenden Feldarbeitern auigegriffen und verschlungen würde. Vereinzelte Landgüter und Villen werden von improvisirten Räuberbanden überfallen, wobei jedoch die Geldschränke unberührt bleiben und die Plünderung sich blos auf die Speisekammern erstreckt. Viele Mütcer, um das Geschrei der hungernden Kinder nicht vernehmen zu müsien, reichen denselben starke Abkochungen von Mohnkörnern; so schlafen denn die armen Kleinen Tag und Nacht. Ist das nicht herzzerreißend? Mancher Leser wird wahrscheinlich fragen, wie denn solche Zustände möglich seien. Andalusien sei ja bekanntlich eine der fruchtbarsten Gegenden Europa's: die Erde bringe dort, fast ohne bearbeitet zu werden, herrliche Früchte, doppelte Ernten hervor. Zu essen müsse es doch dort die Hülle und Fülle geben. Dem ist aber leider nicht so. Allerdings entspricht die Fruchtbarkeit des andalusischen Bodens den allgemeinen Begriffen; allerdings könnte der Ackerban dort eine um das Zehnfache dichtere Bevölkerung ernähren, aber die Aecker liegen fast alle brach, und die Leute sterben vor Hunger daneben. Ja — wird mau sagen — wenn die Trägheit der Andalusier so groß ist, daß sie lieber im greulichsten Elend hinsiechen, als ihre Felder zu bebauen und im Ueberfluß zu leben, dann kann man sie schon weniger beklagen. Wem nicht zu rathen, dem ist nicht zu helfen. Man-lasse sich jedoch nicht durch den äußeren Schein irreführen. Die Andalusier sind nicht träge, man darf sogar behaupten, daß sie außerordentlich arbeitsam sind. Wenn sie die Felder nicht bebauen, so kommt das daher, daß ihnen die Felder nicht gehören, sie dieselben folglich nicht bebauen dürfen. Es walten nämlich in Andalusien ganz eigenlhümliche Verhältnisse ob. Die Dinge stehen dort noch wie vor der französischen Revolution. Es gibt dort keinen Bauernstand, keine kleinen Grundbesitzer, das gesammte Wald- und Ackerland gehört einig en Großgrundbesitzern. In Andalusien gibt es nur Millionäre und Proletarier. Die Lage der Letzteren ist elender als die der Sclaven und Leibeigenen des Alterthums.' Die Großgrundbesitzer bilden unter sich eine Vereinigung, eine Art Syndicat, zur Wahrnehmung der eigenen Interessen. Das Syndicat hat hauptsächlich die Ausbeutung der Volksclassen ins Auge gefaßt. Der Taglohn der andalusischen Feldarbeiter, bei 15 Stunden Tagesarbeit, beträgt 2 Reales, in deutschem Gelde 40 Pfennig. Ist schon das Schicksal der Feldarbeiter im Allgemeinen ein wenig beneidenswerthes, so gestaltet sich dasselbe zu einem verzweifelten, wenn die Arbeit, wie dies gegenwärtig der Fall ist, stillsteht. Die armen Leute, die gewöhnlich von der Hand in den Mund leben, sehen alsdann den Hungertod vor der Thüre. Als eine naturgemäße Folge dieser trostlosen Zustände erscheint das immer stärkere Umsichgreifen des Anarchismus und das Auftauchen von Räuberbanden allenthalben in Andalusien. Es kann nicht anders sein. Die schlechten Zeiten, die im Allgemeinen für die Landwirthschaft hereingebrochen sind, haben im Gefolge, daß die Großgrundbesitzer Andalusiens ihre Felder lieber brach liegen lassen, als daß sie dieselben bestellen lassen, da die landwirthschastlichen Erzeugnisse zur Zeit nur schwachen Absatz finden. So kommt es, daß es keine Beschäftigung gibt für die unglücklichen Feldarbeiter. . . . Vor einigen zehn Jahren hatte der selige Herzog von Osuna, dem die Wurzeln des Hebels wohl bekannt waren, den hochherzigen Plan gefaßt, seine ungeheuren Ländereien in Andalusien zu zerstückeln und unter die Arbeiter zu theilen, um so eine Menge von kleinen Besitzern zu schaffen. Das Syndicat der Großgrundbesitzer sah hierin eine schwere Schädigung seiner Interessen. Hätte der Herzog sein Vorhaben ausgeführt, so wären die Arbeiter seltener und mithin die Arbeitslöhne höher geworden. Alle Mittel zur Vereitelung des Gedankens wurden in Bewegung gesetzt. Den Abgeordneten und der Regierung wurde für die nächsten Wahlen bange gemacht u. s. w. Von allen Seiten bestürmt, sah sich schließlich der Herzog veranlaßt, von der Ausführung seines Planes abzusehen. Derzeit haben die Dinge in Andalusien sich bedenklicher als je zugespitzt. Das anhaltende Sturm- und Regenwetter macht jede Feldarbeit unmöglich und zwingt auch die Küstenfischer zur Unthätigkeit. In Andalusien, wo die Bevölkerung nur Pflanzen- und Fischnahrung genießt, ist die Hungersnoth fürchterlich. Die Regierung, die leider nur zu sehr dem Grundsätze huldigt, Gottes Wasser über Gottes Land laufen zu lassen, thut sehr wenig zur Linderung der Noth. Bisher hat sie sich begnügt, zur Aufrechterhaltung der Ordnung zahlreiche Gendarmerie nach dem Süden zu beordern, sowie die Inangriffnahme von öffentlichen Bauten in den heimgesuchteu Provinzen in Aussicht zu stellen. Von einem ernstlichen Ansatz zur Bekämpfung des Uebels ist nichts wahrzunehmen." Der „Vossischen Zig." wurde am 7. Februar d. I. geschrieben : „Die Faschingszeit ist sehr ruhig verlaufen; die Verhältnisse sind nicht solcher Art, daß die großen Massen im Stande wären, den Carneval wie früher zu feiern. Nur die hö ästen Gesellschastsclassen haben glänzende Feste veranstaltet, im königlichen Schlosse und in den Palästen der Granden und der fremden Diplomaten sind Maskenbälle abgehalten worden. Das Volk bekundete nicht einmal Lust, die öffentlichen Aufzüge zu sehen, die von kleinen Gesellschaften veranstaltet wurden. Niemand benutzte nach altmr Brauch die Maskenfreiheit der Fastnacht, um den Ministern einige kräftige Wahrheiten zu sagen. Der Frohsinn ist geschwunden. Ein dumpfes Gefühl der Trostlosigkeit beherrscht die ganze Bevölkerung und macht sich überall geltend. Hunger und Elend veranlassen Tausende und Abertausende, ihr Heil im Betteln, im Stehlen und Rauben zu suchen. Der Selbstmord wird epidemisch in dem nothleidenden Mittelstände. Die Unhaltbarkeit der bestehenden Zustände macht sich in allen Schichten der Bevölkerung mehr als je bemerkbar. Die umfassendsten Vorsichtsmaßregeln, welche die Regierung angesichts der Zustände in Portugal und der eifrigen Thätigkeit der spanischen und portugiesischen Republikaner ergriffen hat, erzeugen Unruhe bis in die höchsten Kreise hinauf. Das Banditenwesen greift weiter und weiter um sich und vergebens fragt man sich, was für Mittel angeweudet werden sollen, dem Nebel zu steuern; 8,727.519 Einwohner Spaniens, und zwar nahezu zwei Millionen Männer und 6% Millionen Frauen sind, der neuesten statistischen Zusammenstellung gemäß, beschäftigungslos, 64.000 leben als Pensionäre auf Kosten des Staates, über 90.000 Bettler und Bettlerinnen werden auf öffentliche Kosten erhallen; ein Heer von 97.250 Personen versieht Beamtendienste; auf 43.528 beläuft sich die Zahl der Geistlichen, auf 28.549 die der Nonnen. Obgleich die Masse der Schüler und Schülerinnen beinahe 13U Millionen beträgt und 39.582 Lehrer und Lehrerinnen an den Lehranstalten thätig sind, können von 17 Millionen Spaniens nur 3,417.855 männliche und 2,686.615 weibliche Personen, zusammen also nur 6,104.470 schreiben und lesen. Die Ziffern sind bezeichnend für den Culturzustond des heutigen Spaniens." Es wäre verfehlt, den niedrigen Culturzustand Spaniens als eine directe Folge der Vertreibung der Juden aus diesem Lande hinzustellen. Thatsache ist aber, daß die Industrie ungeheuer gelitten hat und der Culturzustand tief gesunken ist, seitdem die Juden aus Spanien vertrieben worden. Was die Antisemiten also als Endziel hinzustellen pflegen, ist nicht eingetreten: Spanien ist nicht glücklicher geworden: es ist derart gesunken, daß es kaum zu den Staaten zweiten Ranges gerechnet wird, dasselbe Spanien, in dem einst die Sonne nicht unterging. Ebenso wie mit Spanien ging es mit Sicilien. König Ferdinand von Arragonien jagte im Ausgang des fünfzehnten Jahrhunderts die Juden aus diesem Jnselparadies. Die Insel ist geblieben, aber das Paradies ist geflohen. Damals erbaten schon die Mitglieder des königlichen Raths Aufschub für die Juden mit folgender Begründung: „Eine andere Schwierigkeit liegt in dem Umstande, daß in diesem Reiche fast alle Handwerker Juden sind. Wenn diese alle auf einmal abziehen, so wird für die Christen ein Mangel an Arbeitern sich Herausstellen, die geeignet sind, den Bedarf von mechanischen Gegenständen, und besonders von Eisenarbeiten, sowohl zum Beschlagen der Pferde, wie für Erdarbeiten, wie auch zur Ausrüstung von Schiffen und anderen Fahrzeugen zu liefern. Auch kann nicht in so kurzer Zeit eine genügende Anzahl von Christen für die Herstellung dieser nothwendigen Bedürfnisse eintreten und in Folge davon wird, abgesehen von dem mißlichen Umstande, daß diese nothwendigen Gegenstände nicht zu haben sein werden, es geschehen, daß die wenigen Personen, welche etwa im Stande sind, sie anzufertigen, die Preise derselben hinaufschrauben werden." Man erinnere sich nur der herzzerreißenden Schilderungen über das Elend in Sicilien, die im Anfang dieses Jahres ganz Europa in Bewegung brachten. In der „National-Ztg." schrieb Carl Böttcher am 16. März d. I.: „Sicilien, der wundersame Goltesgarten, mit Trauben und Lorbeer auf duftigen Höhen, mit Granaten und goldglühenden Orangen, bietet seinen Kindern kein Brod, Sicilien hat Hunger.