Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 20 (18.5.1894)
- Date
- 1894-05-18
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Nr. 20 Vrsterrrkhlschr Ipochrnschrtfl Seite 399 schon an den Bankerott denken und dadurch eigentlich zu Wohlstand gelangen. Der Artikel wies ferner darauf hin, daß speciell in Weißenbach der Jude A. Tuchler dadurch zu Haus und Wohlstand gelangt sei, daß dessen seither verstorbener Vater wiederholt „Pleite" gemacht habe. Wegen dieser infamen Lüge strengte der Angegriffene, ein sehr achtbarer, wohlhabender und in Weißenbach sehr gut gelittener Kaufmann, vor dem hiesigen Schwurgerichte, einen Preßproceß gegen D. an, der damit endete, daß die Geschwornen Detz, der nicht den Schatten eines Beweises für seine Lügen erbringen konnte-freisprachen. Bald darauf candidirte D. gegen Nik. Dumba für den niederösterreichischen Landtag und erhielt thatsächlich dennoch vnn 56 abgegebenen Stimmen 19 — gegen Dumba. Seit 14 Tagen prangt nun das Concursedict gegen Detz an der hiesigen Amtstafel, er hat „Pleite" gemacht und der Stand der Masse ist ein solcher, daß den Gläubigern das leere Nachsehen bleibt. Das ist die arische Moral eines Führers und Candidaten für den niederösterreichischen Landtag. Und etwas Erfreuliches muß ich Ihnen ebenfalls mittheilen. Der hiesige Arzt Dr. Wilhelm Wolf, k. k. Regimentsarzt in der nichtactiven Landwehr, hat heute folgendes Decret zugemittelt erhalten: Euer Hochwohlgeboren! Das k. k. Gendarmerie-Commando Nr. 1 in Wien hat dem k. k. Ministerium zur Kenntniß gebracht, daß Euer Hochwohlgeboren seit dem Monate Februar 1891 der Mannschaft des Geudarmerie-Abtheilungs-Commandos in Wr.-Neustadt mit besonderer Gewissenhaftigkeit und Hingebung ganz uneigennützig ärztliche Hilfe leisten. Dies bietet dem k. k. Ministerium für Landesvertheidigung die sehr angenehme Veranlassung, Euer Hochwohlgeboren für Ihre so patriotische Mühewaltung die dankende Anerkennung auszusprechen. Der k. k. Minister für Landesvertheidigung Graf Welsersheimb w. p. Der hiesige Bezirkshauptmann Graf Clary begleitete die Belobung mit einer Zuschrift, in welcher er seiner besonderen Freude und Genugthuung über die wohlverdiente Anerkennung Ausdruck gab. Jaroslau, 13. Mai. Ueber die Stellung der sogenannten jüdischen Intelligenz Galiziens zum Judenthum entnehmen wir einem Berichte aus Jaroslau: Wir zählen an 6000 jüdische Seelen. Die Juden unserer Stadt genießen seit jeher den Ruf der Intelligenz, trotzdem hatten wir bis vor circa 3 Jahren nicht einmal ein einziges jüdisches Casino. Vor 3 Jahren ungefähr wurde endlich ein solches gegründet und unsere Intelligenz trat ihm bei. Nach einigen Monaten jedoch verlief sich die sogenannte Intelligenz allmälig, manche zahlen zwar heute noch ihre Monatsbeiträge, kommen aber nie ins Local, andere hingegen sind direct ausgetreten, und da man bei uns ins „bürgerliche" Casino nicht so leicht einen Juden aufnimmt, so gehören sie lieber gar keinem Casino an, als daß sie sich und ihren Familien die Schande anthäten, dem kaufmännischen, d. i. jüdischen Casino anzugehören. Da man die/Renegatengesinnung nicht eingestehen will und sich doch der Würdelosigkeit dieses Verhaltens bewußt ist, so sucht man die Erbärmlichkeit damit zu rechtfertigen daß man sagt, man komme nicht gerne mit Krämern und Buchhaltern zusammen, aber es gibt in allen Städten Galiziens auch bei uns christliche Vereine, „Gurazdy" genannt, welche durchwegs aus Handwerkern bestehen und trotzdem gehören denselben alle christlichen Honorationen der Stadt, Advocaten, Notare, hohe Beamte rc. an und diese Herren schämen sich nicht mit Handwerkern zusammen zu kommen und zu verkehren; unsere jüdische Intelligenz aber schämt sich mit Kaufleuten und Krämern zusammen zu kommen und so werden dem Vereine die Lebensnerven unterbunden, so daß er der Auflösung entgegengeht. Wie sollen wir da von den Gegnern geachtet werden, wenn wir uns selbst verachten und wie sollen wir den ewigen Kampf gegen unsere ewigen Gegner auf irgend welchem Gebiete bestehen können, wenn wir uns selbst spalten, der Kräftigere den Schwächeren abstößt und systematisch jeder Organisation, jeder kraftverleihenden Vereinigung feindlich entgegentritt und sie lahmlegt? So sieht es leider in vielen Städten unseres Landes aus. Dort, wo die Mehrheit der Juden orthodoxe Finsterlinge sind, läßt sich die Sache zwar nicht entschuldigen, aber wenigstens begreifen, dort aber, wo die Intelligenz die Oberhand hat, ist ein derartiger Zustand wahrlich eine Schande. Mögen diese Zeilen Jenen unter uns, die es angeht, doch endlich die Augen öffnen, wie würdelos und verachtenswerth ein derartiges Verhalten ist, wie dies uns um Achtung und Ansehen, Einfluß und Stellung bringt und nur zu unserer ewigen Erniedrigung beiträgt. Wir haben daher kein Recht, wegen unserer Schunde und Ohnmacht nur den Gegner anzuklagen, sondern müssen in erster Linie uns selbst als die eigentlichen Urheber unseres Unglückes betrachten. Berlin. Der Redacteur des „Volk", Heinrich Oberwinder, hatte sich gestern vor der 142. Abtheilung des Berliner Schöffengerichts wegen Nichtaufnahme einer Berichtigung zu verantworten. Der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" hatte in einem Theil der Berliner Presse die Richtigstellung der von dem „Volk" mitgetheilten Thatsache, daß ein „Judenjunge", der sich als ein Neffe des jüdischen Professors Dr, Pappenheim ausgegeben, einen christlichen Kaufmann um das Los der Fichte-Kindergarten-Lotterie, auf welches der Hauptgewinn gefallen sei, beschwindelt habe, dahin richtig gestellt, daß Dr. Pappenheim kein Jude sei, auch keinen Neffen habe und daß der Hauptgewinn auf das Loos eines Arbeiters gefallen sei. Diese Richtigstellung wurde in Nr. 30 des „Volk" glossirt und gegen den ihm gemachten Vorwurf der „Lüge und Erfindung" Stellung genommen. Der „C.-B. d. Stb. j. Gl." sandte nun dem „Volk" eine Berichtigung dahin ein, daß er ihm nicht den Vorwurf der Lüge und Erfindung gemacht, sondern sich darauf beschränkt habe, die Thatsachen einfach richtig zu stellen. Diese Berichtigung wurde nicht ausgenommen, weil der Angeklagte den Centralverein nicht für activ legitimirt erachtete. Das vom genannten Centralverein angerufene Gericht hat sich dieser Auffassung des Angeklagten aber nicht angeschlossen und verurtheilte daher den Angeklagten zu drei Mark Geldstrafe und zur nachträglichen Aufnahme der Berichtigung. Jassy. (Der Tag von Bakau.) Ueber dem Fasttag des 3. Mai, den die unglücklichen Vertriebenen aus dem Districte Bakau veranstaltet haben, wird aus Jassy geschrieben: In Anbetracht nun des bevorstehenden schrecklichen Tages (in den den Auszuweisenden jüngst zugestellten Sommationen wurde der 23. April a. St. als letzter Termin festgesetzt), an dem so viele unschuldige Existenzen ruinirt werden sollten, fand den letztverfloffenen Donnerstag (3. Mai) in den jüdischen Gemeinden von Bakau und den anderen Städten dieses Districtes ein allgemeines Fasten und Beten in den Synagogen statt. Sämmtliche Geschäftslocale waren geschlossen, alle Marktplätze, alle Straßen schienen wie ausgestorben, das ganze Leben der jüdischen Gemeinden concentrirte sich in den Synagogen, welche, von den fastenden und betenden Männern, Frauen und Kindern vollgepfroft, einen feierlich ergreifenden Anblick darboten, wie er selbst in der frömmsten Judengemeinde am Versöhnungstage kaum gedacht werden kann. Den ganzen Vormittag und darüber wurde in sämmtlichen Synagogen und in deren Vor- Hallen und Höfen bis an die Straßen hinaus, bei angezündeten Lichtern und Posaunenschall unter Schluchzen und Weinen, Psalmen und andere Gebete mit einer der Situation ent sprechenden Andacht verrichtet, und zwar unter allgemeiner Betheiligung der Unglücklichen aus den umliegenden Dörfern, denen die ganze Feier galt und die sich zu derselben mit Weib und Kind eingefunden haben. Man muß Augenzeuge dieser markerschütternden Scene gewesen sein oder die Schilderung von Augenzeugen vernommen haben, um sich von derselben einen richtigen Begriff machen zu können. Mögen die Thränen der Unglücklichen zu Demjenigen dringen, der die Herzen der Fürsten und Minister lenkt, daß er die harten Herzen unserer unerbittlichen Regierunqsmänner zu Menschlichkeit und zu Mitleid mit ihren Mitmenschen umstimme. Der Polizeipräfect von Bakau, welcher hinter dieser spontanen Schmerzensäußerung des getretenen Wurms „jüdische Solidarität", „Alliance Jsraelite" und wie die imaginären Schreckbilder der Rumänen noch sonst heißen mögen, gewittert haben mochte, ließ den dortigen Rabbiner zu sich kommen und versuchte es, von ihm herauszubringen, ob nicht etwa diese