Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 20 (18.5.1894)
- Date
- 1894-05-18
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Vesterrrtchtptzr Wochenschrtf! ©eite 395 9a. 20 Es gibt auch Synagogen, namentlich in den südlichen Ländern, besonders dort, wo die sogenannten Sefardim sie errichten, welche ein Langhaus besitzen. In der Mitte nach der Längsachse läuft ein breiter Gang, zu diesem parallel laufend sind die Sitzbänke angeordnet. Am östlichen Ende des Ganges ist die Bundeslade mit Vorbeterpnlt, am westlichen Ende, ähnlich wie die Bundeslade ausgebildet, der ai-memar mit dem Pult für das Vorlesen der heiligen Schrist. Für die Frauen sind, wie in den früheren Fällen, Emporen oder Anbauten. Verschieden von allen diesen Dispositionen sind jene der neueren Synagogen mit geregeltem Gottesdienst, insbesondere mit solchem, wo Chor oder Chor mit Orgel eingeführt und Predigten in der jeweiligen Landessprache abgehalten werden. Der Chorgesang, selbst mit Instrumentalbegleitung, wurde bereits in den ältesten Zeiten angewendet, auch wurden, wie bereits erwähnt, in den ältesten Zeiten Vorträge abgehalten, allein nicht in der Weise wie heute. Es ist daher für die zuletzt angeführte Einrichtung eine wesentlich andere Disposition nöthig. In den für die Abhaltung des Gottesdienstes mit Chor und Orgelbegleitung und auch für Predigten eingerichteten Gotteshäusern (Synagogen) wird Vorbeter- und Vorlesepult in Eines vereinigt und auf die Mitte der Estrade vor der Bundeslade aufgestellt. Die Estrade wird um vier bis sechs Stufen gegen das Tempelschiff erhöht und die Bundeslade um weitere drei bis sechs Stufen höher gesetzt; dadurch bleibt der ganze übrige Tempelraum einheitlich für die Einteilung der Betsitze die für das Sitzen mit dem Gesichte nach Osten gerichtet werden. ,mm ■}-!■?.-M i p Fig. 3. Grundriß der Alt-Neu-Synagoge in Prag. Wichtig ist, daß Bundeslade, Pult und Kanzel von möglichst vielen Punkten des Raumes gesehen werden; letztere soll stabil, jedoch so angebracht werden, daß sie die Bundeslade nicht deckt. Die Orgel, die bereits in vielen Synagogen eingeführt worden ist, braucht auch einen angemessenen Raum; diesbezüglich wird die Bühne für dieselbe wohl am zweckmäßigsten auf einer Empore im Westen anzubringen sein, und geräumig genug, damit die Sänger dort Platz finden. Es scheint mir weder praktisch,, noch auch richtig, die Orgelbühne im Osten, noch weniger aber an den Langseiten anzubringen. Von Wichtigkeit ist auch bei der Anlage des Planes die Rücksichtnahme auf die Trennung der Geschlechter, die noch immer und überall besteht. In den meisten Fällen wird der ganze Parterreraum den Männern zugewiesen, während die Frauen auf Galerien untergebracht werden, was auch nicht immer zu vermeiden ist, doch möchte ich dafür eintreten, so oft es nur immer möglich ist, davon abzugehen, denn 1. leidet der kirchliche Charakter besonders, wenn zwei Etagen Galerien angewendet werden; 2. sind Galerien doch weniger sicher und für Frauen beschwerlich; 3. leiden die Besucher unter der Hitze und der schlechten Luft, besonders beim häufig vorkommenden Abendgottesdicnst; 4. gibt es da nur wenige gute Plätze, von denen man auf Bundeslade, Altar und Kanzel sehen kann. Im Allgemeinen möchte ich sagen, wenn der Bauplatz nur einigermaßen günstig, im Ausmaße nicht gar zu beschränkt oder zu theuer ist, wenn die verlangte Sitzanzahl unter 1000 bleibt und davon die normalmäßige Anzahl (2/5) für Frauen nicht überstiegen wird, auch die Kosten nicht gar zu knapp bemessen sind, soll man von Galerien absehen. Mir ist es wiederholt gelungen, sie zu vermeiden. Aus dem Mitgetheilten geht hervor, daß es eine traditionelle, für alle Fälle feststehende Fixirung des Grundrisses und der Einrichtungen nicht geben kann, sondern daß viele principielle Verschiedenheiten Vorkommen und daß man von Fall zu Fall die Disposition mit Berücksichtigung der Verhältnisse und mit Rücksicht auf die Art des darin abzuhaltenden Gottesdienstes für den Tempel treffen muß: daß dabei auch die Lage des Baugrundes maßgebend ist, braucht nicht erst betont zu werden. Es ist wohl selbstverständlich, daß der Tempel, wie jedes Gotteshaus, im Allgemeinen in die Kategorie der monumentalen Gebäude zu stellen ist und daß Jeder von uns trachten soll, sobald an ihn die Lösung einer solchen Aufgabe herantritt, sie möglichst monumental zu vollbringen; daß der Materialbau, wenn nur irgend möglich, vorzuziehen ist, wird in unseren Kreisen Jeder gerne zugeben. Wenden wir uns nun der Frage zu: „In welchem Baustil sollen die Tempel gebaut werden?" Ich glaube, man könnte diese Frage ebenso beantworten, als wenn Jemand die Frage aufwerfen sollte: „In welchem Stil soll eine Kirche gebaut werden?" Wir wissen, daß es Kirchen gibt in allen möglichen Stilarten. Vom Tempelbau kann man dasselbe sagen. Der alte Salomonische Tempel, dessen Stil wir näher und bestimmt nicht kennen, ist, wie wir gesehen haben, überhaupt nicht maßgebend und einen speciell jüdischen Stil gibt es nicht. Der nachexilische Tempel hatte gewiß assyrisch-babylonische Formen, nachdem angenommen werden kann, daß die 70 Jahre Aufenthalt in der babylonischen Gefangenschaft hingereicht haben, die Juden mit der Bauweise des Landes vertraut zu machen, während von den Formen des vorherigen Tempels kein Rest vorhanden war. Interessant ist, daß über dem Ostthor zu diesem Tempel ein Relief angebracht wurde, darstellend die Residenzstadt Susa, ans Dankbarkeit gegen die Perser, deren König sie von der Gefangenschaft befreite und den Tempelbau förderte. Der mit ungeheuerem Reichthum ausgestattete Herodianische Tempel hatte griechisch-römische Architektur und die Trümmer der in Fig. 1 dargestellten Synagoge, deren früher bereits Erwähnung geschehen, zeigen ebenfalls römische Formen. Kann jener Oniastempel. dessen ich oben erwähnte, wohl in anderen, als in egyptischen Formen erbaut worden sein, nachdem auf diesem Boden der Vorbilder von den egyptischen Tempeln genügend waren und die Juden schon in Rücksicht auf die ihnen großmüthig gewährte gastliche Aufnahme und mit Zuhilfenahme der im Lande befindlichen. Werkleute den üblichen Baustil angewendel haben dürften? Die schriftlichen Mitteilungen, die wohl kaum von fachmännischer Seite herrühren, besagen, daß das Gebäude thurmähnlich war und mehr einer Burg glich; man denkt da unwillkürlich an die Pylonen der egyptischen Tempel. Aber schon unter den ersten Ptolomäern waren in Alexandrien zahlreiche Synagogen; die Hauptsynagoge hatte die Gestalt einer Basilika mit griechischen Formen und doppelten Säulenstellungen und konnte Tausende fassen. Hier hat sich ja griechisches Wesen und griechische Bauweise verbreitet. Unter Kaiser Augustus gab es in Rom zahlreiche Synagogen und manche von monumentaler Pracht, wie natürlich, in römischem Baustil. Ich kann hier nicht in den Entwicklungsgang der verschiedenen Stilarten eingehen und auch nicht auf alle in den Zwischenstadien gebauten Synagogen Hinweisen, und bemerke nur noch, daß aus der Zeit des Romanismus eine alte Synagoge zu Worms besteht (1050 n. Chr.), ebenso aus dem 11. Jahrhundert die Alt-Neu- Synagoge zu Prag (siehe obige Figur), die aber wiederholt durch Feuer zerstört wurde und einen aus dem 14. Jahrhundert datirten, an den Umfassungsmauern von circa Reichhöhe, im Uebrigen aber, mit Ausnahme der Fundamente, vollständig gothischen Aufbau hat. Beide Synagogen sind zweischiffig und mit Kreuzgewölben überdeckt. Der.41-wewar befindet sich in der Mitte. Aus dem 14. Jahrhundert stammt auch die unter Casimir dem Großen erbaute gothische Synagoge am Casimirz in Krakau. Dieselbe ist, sowie