Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 20 (18.5.1894)
- Date
- 1894-05-18
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 396 Veklerretchtfche WochenfchrM Nr. 20 die vorhin genannten, zweischiffig, mit sechs Kreuzgewölben auf zwei Säulen, die in der mittleren Längeachse stehen. Wir finden auch Tempel in den verschiedenen Formen der Renaissance und auch solche im Zopfstil und eine große Masse solcher ohne jeden ausgesprochenen Stil. Der Vollständigkeit halber sei auch erwähnt, daß es in Spanien Synagogen gegeben hat, zur Zeit als die Mauren dort herrschten, natürlich im maurischen Stil, und daß einige davon noch bestehen und als Kirchen verwendet werden; beispielsweise die Kirche El-Transito zu Toledo, wo die hebräischen Inschriften als Friesverzierungen noch vorhanden sind. Ich habe bei diesen Anführungen es absichtlich vermieden, die in der neuesten Zeit ausgeführten Tempelbauten in die Betrachtung cinzubezichen; ich wollte zeigen, daß zu keinen Zeiten auf den Stil Rücksicht genommen wurde, d. h. daß das Judenthum zu keiner Zeit den eben herrschenden Baustil von seinen Gotteshäusern ausschloß, sondern daß stets die übliche, im Lande herrschende, dem Klima, der Anschauungsweise und den Verhältnissen angepaßte Bauart verwendet worden ist. Das ist es, worauf ich bei der Stilfrage hinauskommen wollte. Der verstorbene Baurath O p p le r, ein Glaubensgenosse, der in Deutschland mehrere Synagogen erbaut hat, hatte die gleiche Anschauung. Ich halte es also für angemessen, in unserer Zeit, sobald man einen Tempel zu bauen hat, die Stilfrage nur vom Klima, von der Bauweise und von den Baumitteln des Ortes, wo man zu bauen hat, abhängig zu machen. Daß dies ohneweiters möglich ist, werde ich mir durch Beispiele zu erweisen erlauben. Warum ich in einigen Fällen die Gothik gewählt habe, hat darin seinen Grund, daß ich 1. diesen Stil für ein Gotteshaus g e e i g n e t halte und keinerlei Grund besteht, ihn nicht für eine Synagoge zu verwenden, wie es wieder aus den vorangeführten Beispielen hervorgeht; 2. mich überzeugt habe, daß man mit verhältnißmäßig geringen Mitteln einen solchen Bau in diesem Stil durchführen kann, eine monumentale Wirkung erzielt und minder edles Material verwenden kann. Der geehrte Herr Obmann hat auch seinerzeit den Wunsch ausgesprochen, ich möchte insbesondere die Pläne eines von mir erbauten Tempels vorlegen und besprechen. Mit seiner und Ihrer Eclaubniß will ich dies nun thun, und zu diesem Behufe lege ich die Pläne des von mir erbauten Tempels in Budweis vor. (Siehe die Tafel.) Vorher eine kleine Bemerkung: In dem Werke „Grundriß-Vorbilder von Gebäuden für kirchliche Zwecke", herausgegeben von Heinrich Klasen, Ingenieur und Architekt, das — nebenbei bemerkt — ein sehr praktisch angelegtes und mit zahlreichen und schönen Beispielen ausgestattetes Lehr- und Hilfsbuch für das bezeichnete Gebiet ist, hat der Herr Verfasser, der zu jeder Gattung entsprechend ausgeführte Objecte darstellt und bespricht, auch den von mir erbauten Tempel im 6. Bezirke in Wien ausgenommen, was ich mit Dankbarkeit erwähne und anerkenne. Im Eingänge der Beschreibung sagt der Herr Verfasser: „Die vom Architekten Max Fleischer, einem Schüler des Oberbaurathes Friedr. Bar. Schmidt, im 6. Bezirke in Wien erbaute Synagoge ist im gothischen Stil durchgeführt, was wohl dadurch ermöglicht wurde, daß der Künstler selbst Jude ist und dem Vorstande dieser Gemeinde angehört." Letzteres ist auch heute noch richtig, aber war seinerzeit durchaus kein Grund, daß der Tempel gothisch wurde, und ich bin überzeugt, daß es jedem der geehrten Herren Collegen auch hätte gelingen können. Ich habe schon vorhin erwähnt, was mich zur Gothik führte und verweise diesbezüglich auf die vorliegende Budweiser Synagoge, wo ich nicht Vorstand war. Die Art des zu wählenden Stiles für ein Bauwerk bestimmt ja, mit seltenen Ausnahmen, denn doch hauptsächlich der Architekt, ohne daß besondere Gründe dafür erbracht werden müssen. Ich will nicht behaupten und stehe auch nicht auf dem Standpunkte, daß gothisch allein glückselig macht; ich verweise diesbezüglich auf das bereits Gesagte, aber in vielen Fällen wird dieser Stil nützlich sein. Ich gehe nun auf die Beschreibung des Budweiser Tempels ein. Im Jahre 1885 erhielt ich vom dortigen Cultusvorstande die Einladung, dahin zu kommen, um wegen eines Tempelbaues zu verhandeln; man hatte den Mariahilfer Tempel gesehen und wünschte in ähnlichem Stil den Bau. Vorsichtshalber bemerkte ich den Herren, daß das gothisch sei und die Vorsteher antworteten: „Das wollen wir?" Drei Jahre sind noch vorübergegangen, die Gemeinde erwarb mittlerweile einen anderen, allerdings schöneren und größeren Platz, als den ursprünglich in Aussicht genommenen, doch mußte ich mein Projeci ganz umgestalten, bevor zur Ausführung geschritten wurde. Der neue Bauvlatz hatte eine nicht immer zu erreichende günstige Lage und Größe, 1000Q0 freie Fläche,' an einer Straße gelegen, die von Nord nach Süd führt (der Bahndamm der ehemaligen Linz-Budweiser Pferde-Eisenbahn); ebenso war auch die richtige Orientirung für das Gebäude gegeben, so daß der westliche Haupteingang ohneweiters der Straße zugewendet werden konnte. In der Nahe von Budweis besitzt die fürstliche Familie Schwarzenberg eine Ziegelei, und der nunmehr hochselige Fürst Johann, ein besonderer Anhänger des Ziegelrohbaues, erklärte, als er hörte, die Judengemeinde wolle in der Stadt einen Tempel bauen, in feiner Ziegelei gerne die Einrichtung treffen zu wollen, um die Verkleidungsziegel für den Tempelbau nicht nur vollkommen entsprechend, sondern auch sehr billig zu liefern. Er hat auch Wort gehalten. Der Gemeindevorstand, der von der Ueberzeugung durchdrungen war, daß der Putzbau nicht das Richtige sei, wäre sogar darauf eingegangen, einen Rohbau aus behauenen und Bruchsteinen aufzuführen, und ich hatte auch ein diesbezügliches Projecl verfaßt und berechnet; allein die Kosten wären bedeutend höher gewesen und es hätte einer längeren Bauzeit bedurft. Sobald die Abmachungen mit der fürstlichen Ziegelei-Verwaltung getroffen waren, stand mein Project aufrecht und ich habe den Ziegelrohbau außen und innen angewendet. In diesem Tempel (s. Tafel) finden sie auch, mit Ausnahme der Orgel-Empore, keine Galerien. Die Cultusgemeinde Budweis besaß nämlich einen Betsaal, der durch Adaptirung eines Restaurations-Saales für die Zeit des Provisoriums hergestellt wurde. In diesem Betsaale, der in einem Hochparterre gelegen war, waren die Betsitze für die Männer und Frauen in gleichem Niveau, u. zw. derart untergebracht, daß' die Männer sich in dem der Bundeslade näher gelegenen Theile, die Frauen dahinter befanden. Ich schlug demnach dem Vorstande vor, diese Gewohnheit auch im neuen Tempel beizubehalten nnd derselbe ging ohneweiters darauf ein. In Ausführung dieser Idee habe ich daher ein möglichst breites Mittelschiff angelegt; darin sind die Männersitze im östlichen Theile und die Frauensitze im selben Niveau im Westen untergebracht. Für die Zugänge habe ich zwei schmale Seitenschiffe angeordnet, die verhältnißmäßig nur geringer Höhe bedurften; dadurch bin ich zu einer dreischiffigen Basilika gelangt, die ich durchwegs eingewölbt habe. Das Mittelschiff erhielt eine lichte Weite von 10 5 m und die beiden Seitenschiffe eine solche von je 3'2ö m. Das ganze Mittelschiff in einer Länge von rund 27 m wurde mit vier gleichen Kreuzgewölben auf Rippen und Gurten überspannt, während die Seitenschiffe durch je die doppelte Zahl von im Grundriß quadratischen Kreuzgewölben abgedeckt sind. Nachdem die sämmtlichen Sitze im Mittelschiffe untergebracht werden konnten, war die freie Aussicht für alle Besucher gesichert, daher konnte ich bei der Dimensionirung der Stützen für die hochaufgehende Mittelschiffsmauer etwas reicher werden und demnach auch Ziegel verwenden, wodurch viel Geld erspart wird. Die Durchführung geschah auch, wie erwähnt, im Rohbau. Die Gurten, die Rippen, die Fenstermaßwerke, Fialen rc. Alles wurde aus Ziegeln hergestellt, so daß sich am ganzen Bau weder außen noch innen, mit Ausnahme der Stufen, Haustein oder Bildhauerarbeit vorfi-ndet. Das verbilligt sehr den Bau; trotzdem wird der Vorwurf nicht erhoben werden können, daß derselbe unmonumental oder unfertig aussieht. Das ermöglicht aber hauptsächlich der gothische Stil. Der Tempel faßt in sich 298 Männersitze, 232 Frauensitze und 76 Reservesitze für Männer in den Seitenschiffen, endlich 10 Sitze der Vorsteher und Functionäre, also Alles in Allem 616 Sitze. Für die Männer sind in der Verlängerung der Seitenschiffe im Westen die Vorhallen, beide heizbar, damit sie im Winter an Wochentagen, wo der große Tempelraum nicht nöthig ist, beheizt und zur Abhaltung des Gottesdienstes verwendet werden können. Für die Frauen ist die Vorhalle im Westen in der Verlängerung des Mittelschiffes. In der Verlängerung der Seitenschiffe nach Osten befinden sich, polygonal ausgebaut, u. zw. aus der achteckigen Grundform die Cabinete für Vorsteher und Functionäre. Die Apsis ist in der ganzen Breite des Mittelschiffes 4 55 m tief vorgebaut, und für Chor und Orgel ist auf einer aus Ziegelsäulen hergestellten Arkade eine Galerie im Westen aufgeführt.