Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 20 (18.5.1894)
- Date
- 1894-05-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Str 20 VekrrrrtchMtze WochrnMrrM Sette 391 Popper und den vermeintlich jüdischen, thatsächlich aber arischen Advocaten Dr. Karl W o l f zu. verüben, sagte der Staatsa n w a l t in seinem Schlußplaidoyer: „Das Motiv der verbrecherischen Handlungen, welche diesem Piocesse zu Grunde liegen, wurzelt in den leider heute weit verbreiteten Schlagworten, welche insbesondere die jüngere Generation beherrschen; Schlagworte, welche jedes ethischen und humanistischen Hintergrundes entbehren und lediglich auf einer schlechten Erziehung und Irreführung beruhen. Diese Schlagworte heißen: .Anarchismus und Antisemitismus." Da ist wohl die Frage gestattet, weshalb die intensivste Hetze auf der Kanzel, der Tribüne, dem Katheder u s. w. Tag für Tag gegen die Juden seitens der maßgebenden Organe und Factoren geduldet wird! Der Antisemitismus als „Vorfrucht" der Soeialdemokratie. Die von höherer Stelle früher gehätschelte antisemitische Bewegung beginnt den herrschenden Gewalten in Berlin gefährlich zu werden. Haben die Socialdemagogen Ahlwardt und Genossen schon bei der letzten Wahl den Ruf: „Gegen Juden und Junker" erhoben, so schreibt jetzt Herr Dr. Böckel in seinem „Reichs- Herold" : „Der geldgierige Großcapitalist — ganz einerlei ob Jude oder Nichtjude — ist der Würgengel unseres Volkes, dem er die Arbeitsgelegenheit entzieht. Das Aufspeichern großer Reichthümer muß zur Verarmung und zur Verkehrsstockung führen." Das ist deutlich und das muß die Anhänger des Herrn Böckel, wenn sie ihm einmal bis zu diesem Punkte gefolgt, schließlich in das Lager der Socialdemokratie treiben. Eine italienische Adele Sstiheder. Aus Como ist, wie unser römischer Correspondent schreibt, soeben eine Lehrerin, Signora Kaufmann, mit Hinterlassung von 100.000 Lire Schulden verschwunden. Die Holde hat es verstanden, durch ihren scheinbar gottesfürchtigen und unsträflichen Lebenswandel eine Unzahl kleiner Leute zu bethören; sie spiegelte ihnen vor, sie sei in der Lage, ihre kleinen Ersparnisse in gewinnbringendster Weise anzulegen, und als sie die obenerwähnte Summe beisammen hatte, verschwand sie. Auch verschiedene Geistliche, sind unter den Geprellten. Der Pfarrer und seine Köchin. Die 40jährige Köchin des Pfarrers Christ in der Ortschaft Luggau nächst Znaim, Katharina Müller, schnitt sich mit dem Rasirmesser des Pfarrers die Kehle durch. Bei der vorgenommenen Obduction der Leiche wurde durch die Gerichtsärzte Dr. Ant. Tobitsch und Täuberl festgestellt, daß die Leiche an verschiedenen Stellen des Körpers blutunterlaufene Striemen zeige, welche von Hieben herrühren müßten. Der Pfarrer gab über Befragen des Gemeindeausschusses Herrn Freiberger an, er habe der Köchin sieben oder acht Hiebe mit einem spanischen Rohr beigebracht. Zur Pfarre gehörende Bewohner der Ortschaften Milleschitz, Baumöhl und Luggau sagen in ungünstigem Sinne über den Pfarrer aus. Die Gemeindeausschüsse dieser Ortschaften haben daher beschlossen, an das Consistorium das Ansuchen zu stellen, den Pfarrer zu versetzen. Gegen den Pfarrer wurde übrigeus eine Untersuchung eingeleitet. Wie würden antisemitische Blätter diesen Fall commentiren, wenn die betheiligte Person nicht ein katholischer Pfarrer, sondern Jude wäre? Achtzig Personen vergiftet. (Zur Schächthetze.) Prag, 14. Mai. In .Schönau bei Teplitz erkrankten achtzig Personen unter Symptomen der Vergiftung. Sie hatten Fleisch einer von Milzkrankheit befallenen Kuh genossen, welche der Metzger, der mit seiner ganzen Familie ebenfalls erkrankt ist, um — fünf Gulden angekauft hatte. An dem Aufkommen vieler Personen wird gezw eifelt. Bei Beobachtung der jüdischen Schächtvorschriften ist ein solches Unglück undenkbar. Der Schächter ist verpflichtet, das Thier innerlich zu untersuchen und dasselbe bei Erkrankung eines der inneren Organe für ungenießbar zu erklären. Das Juden-„Vaterunser". Breslau. 11. Mai. Wegen des Abdruckes des „Vaterunser in der Judennoth" des antisemitischen Wiener Pfarrers Deckert, welches auch die Socialdemokraten angreift, aus dem Stöcker'schen „Volk"^wurd? das Untersuchungsverfahren gegen den Redacteur der socialistischen „Volksmacht" eingeleitet, welche dasselbe abdruckte, um die semitischen Hetzereien festzunageln. Die Verfolgung geschieht wegen Blasphemie beziehungsweise Gotteslästerung. Die angebliche Arbeitsscheu der Juden ist eines der Paradepferde, auf denen die antisemitischen Ritter von der traurigen Gestalt in einemfort herumreiten. Diese Herrschaften haben bekanntlich ein Privilegium auf Dummheit und Unwissenheit. Sie brauchen nicht zu wisien, daß dort, wo die jüdische Bevölkerung dicht zusammenwohnt, wie in Galizien, Rußland und anderwärts, jüdische Leute die schwersten körperlichen Arbeiten verrichten und selbst zu den mühseligsten Beschäftigungen greifen, um kümmerlich ihr Leben zu fristen. Einen recht lehrreichen Einblick in diese Zustände gewährt uns eine Nachricht, die aus Lemberg in Galizien eintrifft. Dortselbst streiken nämlich die jüdischen Bäckereiarbeiter schon seit dem 28. April, weil die Zustände in ihrer Branche nachgerade nnerträgliche geworden waren. Vor allen Dingen führen die ausständigen Arbeiter Beschwerde über die überlange Arbeitszeit, der auf die Dauer selbst die gesundeste und widerstandsfähigste Körperkrast unterliegen muß. Als Hauptforderung haben die Streikenden die Einführung einer „nur" achtzehnstündigen Arbeitszeit aufgestellt. Bisher ist es nur allzu häufig vorgekommen, daß die Arbeitszeit in den Bäckereien sich auf 22 bis 24 Stunden belief. Zahlreiche Arbeiter ttaten am Sonnabend Abends die Arbeit an und blieben dann in einemfort bis Freitag in der Backstube. Es wurden täglich sechs „Hitzen" geleistet, d. h. sechsmal wurde innerhalb 24 Stunden gebacken. Hatte der Arbeiter eine Stunde freie Zeit, so warf er sich in seinen Arbeitskleidern ans einen Mehlsack, der in einer Ecke lag und schlummerte ein wenig, bis die schwere Arbeit ihn wieder in ihren Frohndienst rief. In Zukunft werden, wenn die Streikenden mit ihren Forderungen durchdringen, nur noch vier „Hitzen" täglich gearbeitet werden. Auch sollen die Meister eine kleine Lohnerhöhung bewilligen. Natürlich handelt es sich hier um jüdische Bäckereibesitzer, die ihre Arbeiter ganz ebenso ausnützen, wie es viele ihrer christlichen Collegen thun. Dieser Umstand ist um dessentwillen von ganz besonderem Interesse, weil, einer landläufigen antisemitischen Vorstellung zufolge, die Juden unter allen Umständen eng Zusammenhalten sollen. Das scheint aber hiernach in Galizien ebenso wenig der Fall zu sein, wie in Deutschland und anderwärts. Die vielgepriesene und auch vielfach angefochtene Solidarität des Judenthums ist eben eine Fabel wie so manche andere, von deren Ausschcvlung antisemitisch l Parteiführer behaglich leben, ohne selbst jemals den „Segen der ebrlkchen Arbeit" am eigenen Leibe kennen zu lernen.- Juden- und Protestantenverfolgungen. Ueber eine neue Judenhetze in Jekaterinoslaw meldet ein Petersburger Telegramm der „Köln. Ztg.", daß die Gendarmerie völlig ohnmächtig gegenüber dem wüsten Treiben war. Mehrere Berkaufsläden wurden nach Oeffnen der Petroleumfässer in Brand gesteckt und jüdische Händler und Fuhrleute mit Stöcken geschlagen. Militär mußte einschreiten; 100 Verhaftungen wurden vorgenommen. Am nächsten Tage sollten tausend Arbeiter einer benachbarten Fabrik den Excedenten zu Hilfe kommen. Die Fabrik wurde jedoch durch Militär umzingelt und kein Arbeiter in die Stadt gelassen; infolgedessen ist Ruhe eingetreten. Aus Szabadka schreibt man: Ein ergreifendes Bild bot sich vorgestern Mittags dem auf dem Perron der hiesigen Bahnstation promenirenden Publicum. Von der russischen Behörde verfolgt, haben 20 polnische Familien, 90 Personen, ihre Heimat verlassen; sie kamen auf ihrer traurigen Reise hieher. Von hier nahmen sie ihren Weg nach Bosnien, wo sie sich in der Nähe von Brod ein neues Heim gründen wollen. Die polnische Karawane erregte hier großes Aufsehen. Die Meisten von ihnen sind intelligente Männer. Ein alter Herr erzählte in gebrochener deutscher Sprache, die einzige Ursache ihrer Ausweisung aus dem Baterlande sei, daß sie ihre Religion — sie sind nämlich Alle evangelisch — nicht verlassen und zum orthodoxen Glauben nicht übertreten wollten. Er erzählte haarsträubende Dinge von der Herzlosigkeit der russischen Behörden. Die Vertriebenen sind aus Russisch-Polen, aus der Stadt Dubra. Sie wurden aufgefordert, ihren Glauben zu wechseln und bekamen 8 Tage Bedenkzeit. Diese Zeit reichte aber nicht einmal hin, um Felder und Häuser zu verwerthen, so mußten sie ihre Güter halb geschenkt hingeben. Nach Verlauf des achten Tages wurden sie wie eine Herde vorgetrieben und die sich nicht zum Religionswechsel meldeten, wurden verbannt. Vom Deutschen- und Judenhast. Schon wiederholt haben wir darauf hingewiesen, daß dieselben Vorwürfe, die den Juden in Deutschland gemacht werden