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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-05-11 · 19 (11.5.1894) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
19 (11.5.1894)
Date
1894-05-11
Page
– (sequence 19)
Language
German
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M 19 VekerreichUchr WochrnsttzrM Seite 381 richtet? Jetzt zur Zeit des Gebetes spielet Ihr Karten statt zu beten und ich soll Euch die Kerze dazu borgen, das wird nicht geschehen, wenn ich nicht so strafwürdig sein soll, wie ibr es seid." „Aber, aber Reb Mordeche, ereifert Euch doch nicht so sehr", rief einer der Kartenspieler, „habet Ihr doch selbst auch schon gespielt!" „Mit wem und wann? Ich kenne ja die Bilder gar nicht, wie vermöget Ihr so zu lügen?" Schamsche begütigte die Streitenden; doch kaum hatte er den Brand an einer Stelle gelöscht, als auch schon an anderer Stelle die Flammen emporschlugen. Diesmal waren es die Damen, die ihren Unmuth über den Gabai — Armenvater — deshalb laut äußerten, weil er die Eine oder die Andere in Häuser weise, wo Schmalhans Küchenmeister ist. Ein junges Mädchen — allgemein die tolle Ella genannt — entgegnete: „Du Vielfraß würdest selbst vom Tische Salomonis, wo täglich 1000 Ochsen und 5000 Schafe verspeist wurden, hungrig aufstehen." „Du scheinst wieder die Hundstage zu haben, nicht wahr, Ella", riefen Andere. „Erzähle uns doch deine Liebesgeschichte, wie Du deinen Bräutigam verloren!" Und das Mädchen begann mit einem tiefen Seufzer Folgendes zu erzählen: Ich und mein Jonas hatten einander sehr lieb, er war ein schmucker Junge, ich ein hübsches Mädchen, fromm und fleißig. Mein Jonas wohnte in einem anderen Orte, eine gute Stunde von uns entfernt, alle Sabbat kamen wir auf halbem Wege zusammen. Einst ging mein Jonas mit seinen Gesellen mir entgegen, und als sie durch den Wald gingen, da sprach einer von ihnen zu meinem Bräutigam! Zeig uns Jonas, wie Du Deine Braut Dir verloben wirst! Es war wohl nur ein Scherz, aber mit heiligen Dingen soll man nicht scherzen. Mein Jonas nahm einen goldenen Ring vom Finger, steckte ihn an einen hervorragenden Baumzweig und sagte dabei: ,.Du seiest mir geheiligt durch diesen Ring nach den Gesetzen Moses und Israels." Die Anderen lachten darüber, doch als mein Bräutigam mit seinen Gefährten aus dem Walde war, wurde er von bösen Geistern so gequält, das er aus Verzweiflung und Gewissensbissen sich an demselben Baume erhenkte. Jonas' Seele ist in einem Fichtenbaume eingeschlossen und ich muß für ihn mein Lebetag betteln. Keiner lachte, Alle waren von Ellas Erzählung ergriffen, keiner erlaubte sich ferner einen Scherz mit ihr. Sie selbst kroch in einen Winkel, verrichtete das Nachtgebet und schlief ein. Schamsche und dessen Sohn hatten indessen auch ihr Abendgebet verrichtet, verzehrten das kärgliche Mahl, das die Frauen bereitet hatten. Das kleine Kind erregte allgemeine Bewunderung und wollte es Niemand verstehen, wie Chajim zu dem schönen Kinde kam, das er als sein Eigenes erklärte. Die junge Frau bereitete ihm ein Lager dicht neben dem ihren, nahm von den Betten, die sie mittrug, und breitete ihm ein großes Stück aus, damit das Stroh es nicht drücke. Da kam noch ein verspäteter Gast an, der von Allen seiner äußeren Erscheinung wegen angestaunt und für einen polnischen Magid gehalten wurde. Man fand es nur auffallend, daß er, wenn er ein solcher wäre, nicht beim Gemeindevorsteher, sondern in der allgemeinen Herberge übernachtete, und urtheilte, daß er wohl kein hervorragender Gelehrter sein müsse. Man kam dabei auf den zur selben Zeit lebenden, als Talmudisten wie als Magid berühmten Reb. Harschele Wodislaw zu sprechen und es bildeten sich sofort 2 Parteien, die eine erhob ihn in den Himmel, während die andere ihm jedwede talmudische Gelehrsamkeit absprach. Der fremde Gast wandte sich an Chajim, bat ihn um eine Unterredung unter vier Augen. Chajim willigte ein und beide Männer verließen das Zimmer, begaben sich ins Freie, woher Chajim nach etwa einer Stunde allein ins Zimmer zurückkam. Ueber den Gegenstand der Unterredung konnte man nichts erfahren. m. Die Gegensätze berühren sich, sagt ein französisches Sprich, wort, das auch hier am Platze ist. Verlassen wir die Wohnung der Armuth und treten jetzt in den Salon der verwitweten Gräfin .... witsch im Hotel de Rom im Bad ... In diesem Gemache war nichts vergessen, was so recht eigentlich zur Behaglichkeit des Lebens nöthig war. Tische, Stühle, Betten, Sopha, Wasch- und Nachttisch, Alles in stylgerechter Arbeit und Nettigkeit. Hier hatten sich mehrere hochgelahrte Männer in elegantem Salonanzug versammelt, Jünger Aesculaps, die über ein Menschenleben berathschlagen sollten, ob es überhaupt möglich wäre, dasselbe den Armen des unerbittlichen Todes, der dasselbe bereits als seine sichere Beute betrachtete, zu entreißen. Ein abgezehrtes Kind, das kaum mehr athmere, lag in seinem Bettchen da und die Aerzte umstanden dasselbe, sie alle waren darin einig, daß die Stunden des kranken Kindes gezählt seien. In einiger Entfernung von den berathschlagenden Aerzten stand eine schlanke, junge und blühende Dame und horchte lange und aufmerksam auf die in lateinischer Sprache geführte Debatte der Aerzte. »Meine Herren, ich bitte Sie, wollen Sie mir kurz sagen, ob für mein armes krankes Kind noch Hilfe ist oder nicht?!" „Frau Gräfin", begann ein bejahrter Herr, der erste Badearzt des Ortes, „das Kind ist schwer krank, ja ein ganzes Heer von Krankheiten zehrt an dessen Leibe, wir wollen trotzdem noch ein Mittel versuchen, hilft auch dies nichts, dann ist unser Bemühen vergeblich, wir wollen eben nichts unversucht lassen." Er setzte sich sodann an den mit allem Comfort ausgestatteten Schreibtisch, schrieb das besprochene Recept. Ein Diener lief schleunigst in die Apotheke und holte die Arzenei, die Aerzte nahmen ihr Honorar entgegen und empfahlen sich und ließen die Mutter mit dem kranken Kinde in Sorgen und Angst zurück. Der kleine Patient hatte nur einen kleinen Theil der Arzenei verbraucht, denn in derselben Nacht nach dem Consilium war er sanft in den Armen seiner Wärterin entschlummert. Die Wärterin eilte, die traurige Nachricht der Mutter zu überbringen. Diese stand auf und trat an das Bettchen des todten Kindes. „Armer Wurm, du hast ausgelitten", sagte sie wehmüthig und entfernte sich. Am dritten Tage ward die Leiche der Comtesse . . . witsch mit großem Gepränge zu Grabe getragen und die Badezeitung meldete: Seraphine, Tochter der Gräfin Angelika von .... witsch, drei Jahre alt, starb allhier am 8. August an der häutigenBräune." Nun war die Wohnung der Gräfin sehr besucht, an die Stelle der früheren Stille traten jetzt rauschende Lustbarkeiten und Feste aller Art. Reiche Witwen, besonders junge und schöne, haben für Männer mehr Anziehungskraft als Jungfrauen, besonders für solche Männer, die bereits die tollen Jahre der Liebe durchgemacht, die den Becher bis auf die Neige geleert und jetzt ein stilles bequemes Leben genießen möchten. Deshalb war auch die Gräfin .... witsch von Freiern umschwärmt. Jeder verschuldete Chevalier drängte sich an die reiche Witwe heran, in der Hoffnung, durch sie seine zerrütteten Finanzen zu restauriren, Schriftsteller, Künstler, Officiere, Moderitter, Professoren und Directoren, kurz Jeder, der nur irgendwie durch Rang oder Stand Bedeutung hatte, warf sein Netz nach dem Goldfischlein aus. Die Gräfin ließ sich von allen den Hof machen, ohne Einen dem Anderen vorzuziehen, sie war freundlich gegen Jedermann, aber Niemand konnte sich einer besonderen Gunst rühmen; hatte sie doch schon einen Mann ausersehen ganz nach ihrem Herzen. Bor fünf Jahren war Angelika ein armes Landfräulein noch, der reiche Graf .... witsch verliebte sich in das hübsche Mädchen, und obgleich schon Fünfziger und kränklich, zog ihn die ehrsüchtige Angelika allen Anderen vor und ward Gräfin von .... wusch. Der Graf liebte seine Gattin sehr und als sie ihm ein Töchterchen gebar, war er ganz glücklich. Doch er genoß das Glück nicht lange. Eine Erkältung auf der Jagd warf ihn auf's Krankenlager und er starb nach einigen Wochen. Das Testament, das er vor seinem Tode selbst niederschrieb, lautete: „Alle meine Güter gehören meiner Tochter Seraphine. Meine Gattin hat sie so lange zu verwalten, bis meine Tochter herangewachsen und verheiratet sein wird; dann empfängt die Mutter, im Falle sie noch Witwe ist, jährlich 5000 Rubel zu ihrem Bedarf. Sollte aber mein Kind früher sterben als dessen Mutter, dann gehört das gesammte hinterlassene Vermögen meiner Gattin." So war Angelika durch den Tod ihrer Tochter Erbin eines großen Vermögens und Besitzerin mehrerer Herrschaften geworden. Jetzt konnte sie also frei nach ihrem Herzen wählen und sie that es. Die Wahl traf einen jungen Deutschen, der damals als Gutsverwalter im Dienste des verstorbenen Grafen stand, namens Ludwig Langer, ein deutscher Jüngling, der, wie so viele andere, mit Gewalt gezwungen wurde, den Heereszug Napoleons nach Rußland mitzumachen. Welches Ende dieser Feldzug für Napoleon und sein großes aus den verschiedensten Völkern sich recrut'rendes Heer hatte, ist hinreichend bekannt. Hunger, Kälte und die Picken der Kosaken haben so manches hoffnungsreiches Leben früh in's Grab gebettet. Ludwig Langer hatte die Vorsehung geschützt, er entkam allen diesen Gefahren. Fast leblos, vor Hunger ermattet, vor Kälte erstarrt,

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