Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-05-11 · 19 (11.5.1894) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
19 (11.5.1894)
Date
1894-05-11
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021007-3021027--03491-3027630
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seik 378 Vefirrretchtfitze Wochenschrift Nr. 19 der Technik und Landwirthschaft ein. Im Jahre 1882 baute er die Kuttenberger Localbohn, durch welche die Stadt Kuttenberg in der Station Sedletz eine directe Verbindung mit den Linien der Oesterreichischen Nordwestbahn erhält, welche der Stadt Kuttenberg zu großen Vortheilen verhalf. Er gründete ferner ein Asylhaus für 12 verarmte Bürger der Stadt Kuttenberg, fundirte das von seinen Eltern errichtete Krankenhaus und wurde für die mannigfachen hervorragenden Leistungen auf humanitärem Gebiete zum Ehrenbürger ernannt. Ihm entsprang die Idee zur Gründung einer Handwerlerabtheilung im Central-Bereine zur Pflege jüdischer Angelegenheiten, die er mit mehreren Tausend Gulden fundirte; diesen Anschauungen entsprach sein Berhältniß zu seinen Beamten, Arbeitern und Bediensteten in seinen ausgedehnten Etablissements zu Kuttenberg, Sedletz und seinem Gute Skala; so daß ein czechisches — sonst eben nicht sehr philosemitisches Blatt schreibt: „Gäbe es lauter solche Brotherren, es gäbe keine sociale Frage mehr." An seinem Begräbnißtage erhielten seine Arbeiter doppelten Lohn und wurden außerdem st. 2000 unter ihnen vertheilt. So war auch sein Leichenbegängniß einfach und prunklos, dem nur die ungewöhnliche Betheiligung aller Bevölkerungsschichten das echte Relief verlieh. Wir bemerkten unter den Anwesenden: Se. Ehrwürden Herrn-'Oberrabbiner Dr. W. Ehrenfeld, Ehrw. Oberrabbiner-Stellvertreter Dr. M. Tauber, k. u. k. Feldprediger Dr. A. Kisch, Prediger Dr. Kaminka, Rabbiner M. Stark, Dr. N. Grün, die gesammte Cnltusgemeinde-Repräsentanz mit ihrem Obmanne Dr. A. Rosenbacher, die Direktion des Nächstenliebe-Vereines mit Herrn Dr. L. Bendiener, der Ausschuß des Central-Vereines mit seinem Obmannes Sigmund Mautner, die Direction des Kreuzervereines für israel. Waisenmädchen mit dem Obmanne Herrn Sigm. Haurowitz, der Vorstands des isr. Tempels mit den Obmännern Fischel und Maier, die Repräsentanz der böhmischen Landesjudenschaft mit dem Obmanne Herrn Dr. M. Lichtenstern, Abordnungen sämmtlicher humanitärer Vereine, den Präses des Handels-Gremiums Herrn Otto Focchheimer, Börsekammer-Director L. Schlesinger, Director Chauer von der Creditanstalt, sowie sämmtliche Directoren der hiesigen Banken und Institute, den Centraldirector Kleteöka vom Etablissement Ringhoffer, den Vicevräses der Handelskammer kaiserl. Rath Wohanka, kaiserl. Rath Kuku, kaiserl. Rath Beer, kaiserl. Rath Bunzel, Großindustriellen Professor Zucker, Landtagsabgeordneten Dr. Zalud, Stadtrath Storch, Oberdirector Goller, Director Ritter v. Herzfeld als Vertreter der Foncicre, Seligmann Ellbogen, L. Bloch, M. u. R. Kohn, eine Deputation der Kuttenberger Stadtvertretung, eine Deputation der Kuttenberger Cnltusgemeinde mit dem Obmanne Dr. Beran, eine Deputation des Kuttenberger Scharfschützencorps mit dem Commandanten H. Morawec, den Arzt dieses Corps Regimentsarzt Dr. Svoboda, eine Deputation der Kuttenberger Localbahn, den langjährigen Fabriksarzt Ritter v. Stane, sämmtliche Directoren und Oberbeamte der Tellerschen Fabriken, viele angesehene Bürger aus Kuttenberg und Umgebung. Um den Leichenwagen bildete eine 24gliederige Arbeiter-Deputation ein ambulantes Spalier. Am Friedhofe sang der Tempelchor unter Führung des Regenschori Herrn David Rubm ein ergreifendes Lied, worauf der Prediger der Tempelgemeinde, Herr Dr. Kaminka — trotzdem der Monat Nisan noch nicht zu Ende war — eine Leichenrede hielt. An seinem Grabe trauert eine Witwe, eine edle Frauengestalt, feinsinnig und feinfühlig, welche durch Herzensbildung und Geistesadel dem Verstorbenen ein Weib in des- Wortes edelster Bedeutung gewesen, welcher jetzt allein die Erziehung ihrer 4 Kinder obliegt und deren Heranbildung im Geiste des edlen Verstorbenen ihre Lebensaufgabe von nun an bildet. Neu-Sandez Das schreckliche Brandunglück in Neu- Sandez am 17. April d. I. hat gewiß bei der ersten Kunde davon jedes menschlich fühlende Herz aufs Tiefste erschüttert und Theilnahme für die Verunglückten erwirkt, die wirklich opferungsfähig ist, wenn in solcher Erregtheit die Phantasie nur etwas gestaltungsreicher wäre und nicht blos hungerige und nackte Menschen malte, daß den Unglücklichen gerade so viel gespendet wird, als nothwendig ist, für den Augenblick ihren Hunger zu stillen und ihre Blößen zu decken — Hunderte Laib Brot und ganze Trödlerbuden von alten Kleidern. Mit dem letzten Telegramme von der Unglücksstätte ist aber auch schon das Mitleid abgekühlt und einige Tage nach der Katastrophe ist der Ort vergesten und vergeben. Und gerade, wenn die Unglücklichen von dem Entsetzen zu sich gekommen und im Stande sind, ihre traurige Lage zu überblicken, stehen sie vereinsamt und verlassen einer Welt gegenüber, die nicht mehr mit ihnen fühlt. An das Herz appelliren, ist eigentlich ein Widerspruch, denn das Herz wird unmittelbar durch die Thatsache selbst erregt. Ist jedoch dieser erste Asfect vorüber und wieder Gleichgiltigkeit den Verunglückten gegenüber eingetreten, muß an das Pflichtgefühl appellirt werden. Es ist P fl i ch t, den Verunglückten in Reu-Sandez zu helfen, allerdings allgemeine Menschenpflicht; aber die Abgebrannten in Neu-Sandez sind neunzehntel Juden und sie dürfen nicht auf christliche Hilferechnen. Der Clericalismus hat nicht nur einen Dualismus in der Geographie geschaffen, daß Judenorte gar nicht auf seinem Globus stehen, sondern er bringt es sogar zuwege, das von Gott eingegebene Erbarmen confessionell zu zerlegen und das Unglück von Inden zu ignoriren. Es ist daher doppelte Pflicht der Juden, ihren Glaubensgenossen in Neu- Sandez zu helfen, der Juden aller Orten; die Solidarität, um die uns unsere Feinde so beneiden, muß sich in dieiem Falle zeigen und bewähren, daß sie nicht zur Ironie im Munde der Judenfeinde werde. Das jüdische Elend in Galizien ist sprichwörtlich. Was den armen Juden in Galizien aufrecht erhält, daß er in seinem Elende nicht verblödet, ist sein heiliges Familienleben, seine musterhafte Häuslichkeit. Innerhalb seiner vier Wände findet er Echolung nach all' den Mühen und Plagen in den Bissen trockenen Brotes und Erholung von all' der Schmach, die ihm auf seinem Leidenswege von der Außenwelt widerfährt. Mehr als tausend jüdische Familien sind durch das Brandnnglück in Neu-Sandez obdachlos geworden, um ihre Häuslichkeit gekommen. Es müssen ihnen vor Allem die Mittel geboten werden, daß sie. wieder die Brandstätte aufbauen, sich häuslich einrichten können, damit ihr guter Genius wieder bei ihnen einziehe. Dann muß noch Jedem ermöglicht werden, seinen früheren Erwerb uachgehen zu können, denn die Waarenbestände Aller sind ein Raub der Flammen geworden, nicht nur sämmtliche offene Geschäfte, sondern auch was in Magazinen oder Kellern ausbewahrt war, ist vernichtet. Die Nen-Sandezer Gemeinde, eine der größten Galiziens, wäre nun, wenn keine Hilfe von Außen kommt, eine Gemeinde von Bettlern, zur Schmach des Judenthums und zum Gaudium Aller seiner Feinde, die an dem Betteljudeu ihren Witz schärfen. Bei unserer Schulfreundlichkeit und der vollsten Anerkennung der Verdienste der Baron Hirsch-Stiftung um das jüdische Schulwesen in Galizien wagen wir nur schüchtern die Hoffnung auszusprechen, daß sich das Curatorium dieser Stiftung, an dieser Hilfsaktion in hervorragender Weise betheiligen werde. Fällt doch di se Action mit den letzten Zielen der Stiftung zusammen! Die Schulen sollen die öconomischen Verhältnisse der galizischen Juden verbessern. Ein Bild in Dantes „Hölle" schildert die Qual von Eltern, die ewig jung bleiben und zusehen müssen, wie der Sohn ein hinfälliger hundertjähriger Greis wird. Ein Seilenstück zu dieser Höllenqual bietet das galizische Jndenkind, welches durch die Schule hoffnungsvoll in die Zukunft blickt und zusehen muß, wie seine Eltern jetzt darben und im Elend vergehen. Diese Qual kann die Baron Hirsch-Stiftung etwas mildern, und nach dem Brandunglück in Neu-Sandez, das eine ganze große Gemeinde auf den Bettelstab brachte, bietet sich ihr die schönste Gelegenheit dazu. Unser Appell geht aber an sämmtliche Juden, die von diesem Brandnnglück Kenntniß haben. Weg mit den nationalen Vorurtheilen gegen die polnische Judenheit, die erst von den blindwüthigen deutschen Reformern geschaffen wurden, weil die polnischen Juden am zähesten an der Tradition festhalten. Aus der polnischen Judenheit bezog die jüdische Welt Jahrhunderte lang ihre Geistesheroen und noch in der Gegenwart ihre eifrigsten Kämpfer für Recht und Wahrheit gegen alle judenfeindlichen rückschrittlichen Tendenzen. Dieses nationale Vorurtheil wäre nicht nur Undankbarkeit, sondern auch noch ein gefährliches Spiel mit den Waffen unserer Feinde. Das Judenthum ist eine Einheit, nur wo die staatlichen Interessen es erfordern,-von einander geschieden. Bewähren wir dem Unglücke von Neu-Sandez gegenüber unsere alte Solidarität, lassen wir eine große Gemeinde in Israel nicht zugrunde g chen. Die greiibaren Beweise der Liebe, die diese Unglücklichen von ihren Brüdern im Westen empfangen, werden die besten Motoren zur Belebung der Sympathie der galizischen Juden für die westliche Cultur sein, mit deren Einbürgerung sie in den Städte» der tonangebende Theil der Bevölkerung werden müßten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.