Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-05-11 · 19 (11.5.1894) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
19 (11.5.1894)
Date
1894-05-11
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021007-3021027--03490-3027629
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 19 Vrsterrektztschr rvmtzenschrifl Seite 377 Wien. (Arische S cla v enhä nd le r.) Nechanitz ist ein kleines Städtchen in der Nähe von Königgrätz. Auch dem wüthendsten Antisemiten ist es noch nicht eingefallen, Nechanitz als einen „verjudeten" Ort zu bezeichnen, denn von den 1900 Einwohnern daselbst besteht kaum 1 Perzent aus Juden. Die arische Bevölkerung von Nechanitz nun ist in ganz eigenartiger Weise begabt, hier ist die Wiege jenes böhmischen „Harfenistenthums", welches sich über die ganze Welt ausbreitet, und das Städtchen hat sich mit der Pflege dieser Begabung einen ganz speciellen Erwerbszweig geschaffen. Es befinden sich daselbst bei40 „Unternehmer", welche alljährlich zahreiche junge Burschen und Mädchen ins Ausland „exportiren". Die Burschen sind „Musikanten", die Mädchen sind „Tänzerinnen". Man weiß, was darunter zu verstehen ist. Ans jeden „Unternehmer" entfallen alljährlich durchschnittlich 7 Stück „Cxportwaare". Bei der Auswahl derselben wird nicht so sehr aus die musikalische Befähigung, als vielmehr ans körperliche Reize gesehen. Nach Jahren kehren die Mädchen heim, mit dem Stempel des Lasters auf der Stirne, hohlwangig, krank, an Leib und Seele verdorben. Die „Musiker" und die „Tänzerinnen" werden an die Unternehmer förmlich verkauft. Sie erhalten Kost, Kleidung, Reisegeld und eine Jahresgage von fl. 120. Der Kaufschilling, welchen die Eltern einsacken, ist ein ziemlich hoher. Er wird verjubelt, ohne daß die armen Opfer das Geringste davon bekommen. In Nechanitz herrscht die Branntweinpest in verheerender Weise. Welchen Umfang dieser Sclavenhandel angenommen hat, beweist die Thatsachc, daß von 1900 Einwohnern bei der jüngsten Volkszählung 200 als „auswärts sich aufhaltend" verzeichnet wurden. Die „Unternehmer" werden reich, die Bevölkerung wird degenerirt; die Altersstufe von 15 bis 30 Jahren vermindert sich rapid. Alle Welt kennt den Nechanctzer Sclavenhandel, der auch in den umliegenden Städten und Dörfern Nachahmung findet, aber Niemanden fällt es ein, dagegen einzuschrciten. Die Behörden sehen ruhig zu, wie diese Pest immer weiter greift. Nun besitzen wir in Oesterreich bekanntlich eine sehr catonische, sehr sittenstrenge Presse, das sind die antisemitischen Organe. Wenn es sich um Menschenschacher handelt, verstehen diese Blätter keinen Spaß, da werden spaltenlange Artikel und Berichte gebracht und die Behörden an ihre Pflicht ge ahnt. Freilich geschieht das nur dort, woman von „jüdischen" Menschenhändlern sprechen kann. Das Treiben in Nechanitz ist den Antisemiten bisher entgangen, denn — wie gesagt — die dortigen Menschenhändler sind keine Juden sondern Arier. Wie wär's, wenn die Herren Schneider und Vergant ihre menschenfreundliche Thätigkeit auch einmal nach Nechanitz verlegen und hier eine gründliche Untersuchung anstellen wollten. Was sie hier zu Tage fördern würden, überträfe weitaus die Enthüllungen des Processes von Wadowice. Aber freilich, man würde erfahren, daß das arische Spitzbubenthum mitunter weit schamloser und frecher arbeitet als das jüdische, und diese Entdeckung könnte den Herren Schneider und Vergant selbst unangenehm werden. Wien, am 8. Mai 1894. Die gestrige Generalversammlung des Donauclnb, welche im Hotel Continental stattfand, nahm einen ungemein lebhaften und interessanten Verlauf. Die große und tiefgehende Bewegung, welche sich der jüdischen Bevölkerung in Folge, der Predigten und des Broschüren- und Flugschriftenverschleißes des Pfarrers Deckert bemächtigt hatte, kam schon vor Beginn der Tagesordnung durch eine Rede des Herrn Sigmund Mayer und die darauffolgende Debatte, an welcher sich auch der Abgeordnete Professor Sueß betheiligte, zum Ausdruck. Herr Sigmund Mayer erklärte, daß die empörenden und beschämenden Vorgänge vor Allem auf der Tagesordnung dieses Club stehen müssen. Er wolle sich gewiß nicht mit Herrn Dr. Deckert aä personam beschäftigen, denn es gibt Dinge und Personen, mit denen ein Mann, der etwas aus Reinlichkeit hält, sich nicht befassen kann, weil sie durch den Schmutz, der sie umgibt, davor geschützt sind, ob sie nun Deckert, Schneider oder anders heißen. Die Deckert-Geschichte aber sei symptomatisch sowohl für den Clerus, wie für die Regierung und das Abgeordnetenhaus. Denn die kirchliche Oberbehörde müsse wohl ein wenig mit der Auffassung Deckert's einverstanden sein, wenn sie sie dulde, die Regierung^gestatte nur die Beschimpfung derJuden, währendsie gegen Insulten, die man etwa den Polen oder ein protestantischer Geistlicher den Katholiken zufügen würde, Wohl Stellung nehme. Im Abgeordnetenhause wurden endlich zwei Interpellationen eingebracht, aber gerade eine Interpellation sei nur ein Zeichen, daß man eben nichts Wirksameres thun könne oder wolle. Die Coalition sei gegen die extremen Elemente geschlossen worden, und die Antisemiten seien die allerexstremsten. Denn es gebe nichts Empörenderes, als die Vergiftung der Schule durch antisemitische Lehrer, wie sie zum Beispiel der Bürgerschullehrer Herr Tomola betreibt. Redner citirt hier eine nicht wiederzugebende Aeußerung des Herrn Tomola, welche lebhafte Pfuirufe hervorruft. Redner beantragt schließlich eine später einstimmig angenommene Resolution, in welcher der „Donauclub" sein Bedauern darüber ausspricht, daß es dem Einflüsse der liberalen Partei im Abgeordnetenhause bisher nicht gelungen sei, die Regierung zu ihrer Pflicht zu bringen, daß sie Bürger dieses Staates gegen Verletzung ihres durch die Staatsgrundgesetze gewährleisteten Rechtes auf Schutz ihrer Ehre und Existenz schütze und insbesondere, daß die anläßlich der ungerechten und unwürdigen Angriffe eines Seelsorgers in einer Wiener Kirchengemeinde gegen die israelitischen Mitbürger eingebrachten Interpellationen noch nicht beantwortet seien. Der Club spreche die Hoffnung aus, daß die liberale Partei, die berufene Vertreterin der staatsbürgerlichen Rechte, die Regierung zu ihrer Pflicht rufen werde. Baden. (Die Badener gegen den Antisemitismus.! Der Gemeindeausschuß von Baden hat über Antrag des Gemeindeausschußmitgliedes Director Winkler bei namentlicher Abstimmung mit 18 gegen 7 Stimmen folgende Kundmachung beschlossen : „Der Gemeindeausschuß von Baden spricht seine Mißbilligung darüber aus, daß in einer auf dem Boden dieser Stadt abgehaltenen öffentlichen Wählerversammlung von L>eite eines Redners g^gen die jüdischen Bewohner und Curgäste eine Beschimpfung nufläthigster Art erfolgt ist und verwahrt sich gegen verhetzende Reden fremder Elemente." Prosnitz. (H a u s i r e r v e r s a m m l u n g.) Am 28. v. M. fand hier eine von dem Hausirer Wilhelm Böhm einberufene Versammlung der Hausirer von Proßnitz und Umgebung zum Zwecke der Besprechung der Hausirgesetzvorlage und behufs Stellungnahme gegen dieselbe statt. Die Versammlung, obwohl auf geladene Personen beschränkt, war äußerst zahlreich besucht rind nahm einen sehr würdigen Verlauf. Nach Eröffnung der Versammlung und nach Begrüßung der, nebst den unmittelbar betheiligten Interessenten, Herren Dr. Gustav Zweig und Kammerrath Back erstattete Hausirer Fried das Referat, in welchem er die drückenden, die gänzliche Unterdrückung des Hausirhandels bezweckenden Bestimmungen des Entwurfes erklärte und die Erschienenen in ihrem und im Interesse ihrer Familien zur Abwehr aufrief. Dr. Z w e i g beleuchtete gleichfalls in längerer, von wiederholtem Beifalle begleiteten Rede die Mängel und die drohenden gemeinschädlichen Folgen des geplanten Gesetzes und verwies die Hausirer darauf, in einer möglichst einheitlichen Organisation Rettung zu suchen und durch möglichst zahlreiche Petitionen an das hohe Abgeordnetenhaus die Gesetzwerdung des Entwurfes zu bekämpfen. Herr Heinr. Back geißelte den egoistischen Standpunkt der stabilen Gewerbsleute und bedauerte, daß die Zusammensetzung der Handelskammer es ihm nicht ermögliche, etwas zur Abwehr des urreactionären, von den Antisemiten ertrotzten Gesetzentwurfes thun zu können. Auch er verwies die Hausirer auf eine möglichst lebhafte, zielbewußte Agitation. Die Versammlung beschloß hierauf die Absendung einer Petition an das Abgeordnetenhaus um Ablehnung des Hausirgesetz-Entwurfes, den Anschluß an das für diese Angelegenheit bestehende Wiener Actionscomite und die Gründung eines Vereines der Hausirer in Proßnitz behufs Wahrung der Interessen des in der letzten Zeit so bedrängten Standes. Hierauf verwies Hausirer Zwillinger in warmen Worten auf die letzte Hilfe, die den 50.000 von der Verarmung und dem Elende bedrohten Familienvätern winkt, auf die Gnade Sr. Majestät, die in gleicher Milde alle Stände umfasse, und schloß mit einem dreimaligen Hoch auf Se. Majestät den Kaiser, in welches die Erschienenen begeistert einstimmten.' Prag, lieber den verewigten Wilhelm Teller wird uns aus Prag geschrieben: Wilhelm Teller war geboren am 29. April 1839 und beendete an seinem 55. Geburtstage seine irdische Laufbahn. Nach Absolvirung des Gymnasiums und der landwirthschaftlichen Schule trat er bei seinem Vater, dem Begründer der Firma M. B. Teller, ins Geschäft ein. 1879 nach dem Tode seiner Eltern übernahm er als Chef des Hauses die Fabriken zu Kuttenberg und Sedletz, erwarb das Gut Skala, erweiterte die erstere und führte sowohl in den Etabliffements als auch in seiner Oekonomie die neuesten Erscheinungen und Erfindungen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.