Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 19 (11.5.1894)
- Date
- 1894-05-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 19 ^eflerreutzrptze MmtzrnsttzNfl Sette 371 Deckert — unbekümmert um alle Interpellationen und sonstige Kundgebungen der Außenwelt — denselben Ton bei, den er in seinem bekannten „Cyklus von Vorträgen" angeschlagen hatte. Nur daß er jetzt neben den Juden gleichzeitig auch die Deutschnationalen in die Arbeit nimmt, an denen er gleichfalls kein gutes Haar läßt. In einem Artikel mit dem imponirenden Titel „Das wahre Licht" heißt es: „Heute schreien die Juden und Judengenossen nach Frauen - Emancipation! Weil es in unserem öffentlichen und privaten Lebcn, aus dem man das Christenthum hinausgeworfen hat, so weit gekommen ist, daß mancher Urgermane des neunzehnten Jahrhunderts die Bärenhaut des Nichtsthuns mehr liebt, als die Arbeit und sein eigenes Weib." In einem anderen Artikel schreibt Dr. Deckert: „Wie? Wir Katholiken sollen nur nach Heiligkeit trachten und uns um die Welthandel gar nicht kümmern? Die Juden in Ruhe lassen? Sehen Sie, diesen Rath geben uns die Liberalen und die reichen Inden auch — darum ist er sehr verdächtig." Im klebrigen scheinen auch Berufscollegen des Dr. Deckert das Vorgehen desselben etwas zu stark zu finden, denn einem Pfarrer N. in Mähren antwortet Dr. Deckert im Briefkasten des neuesten Heftes, er möge doch nicht so naiv sein, zu glauben, daß es etwas nützen würde, gegen die Juden mit Güte vorzugehen. „Ihre sonstigen Vorschläge", schreibt Dr. Deckert dem Pfarrer N. gereizt, „bitte ich den hochwürdigen Consistorien zu überreichen. Ich bin weder Consistorialrath, noch geistlicher Rath — Gott sei Dank! vWcile est satiram non scribere." _ Der „Sendbote" vom Monat Mai — frisch von der Druckerpresse — bringt Danksagungen und Empfehlungen, für deren Einschaltung die Einsender einen Betrag bezahlen müssen. Die Veröffentlichung im „Sendboten des heiligen Josef" bringt nämlich Heilung von Krankheiten, Befreiung vom Militärdienst und andere Benesicien. So veröffentlicht ein Einsender eine Danksagung, in der er anführt, er habe, „da die Militärjahre in seinen Lebenslauf störend eingegriffen hätten", seine Zuflucht zu Pfarrer Deckert's „Sendboten" genommen, um „ganz vom Militär freizukommen"; „ich machte das Versprechen, falls meine Bitte erhört würde, dieses im „Sendboten" zu veröffentlichen. Und meine Bitte ist erhört worden. Dankbaren Herzens komme ich meinem Versprechen nach und möchte jeden katholischen Christen dazu ansporr.en, welch, s Anliegen er auch haben möge, sich vertrauensvoll an den „Sendboten", zu wenden." — Ein Einsender berichtet, er habe „die Veröffentlichung in dem „Sendboten" gelobt", wennseine Tochter „die Gabe des Gesanges erhalte"; der Wunsch wurde erfüllt. - Andere Danksagungen an den „Sendboten" des Monates Mai: Ein Schauspieler für die „Erlangung einer passenden Rolle", ein Einsender in Bullendorf für die „Erleuchtung in Brautwahl", Herr N. in Jägerndorf für „gütliche Beilegung in einer strittigen Bauangelegenheit" und Andere. -i- * * ' Alles verjudet. Ottornar Beta — ein Jude? Die schändliche Verjudung des Antisemitismus schreitet immer weiter. Jetzt ist der Antisemit Ottomar Beta als Judengenosse enthüllt. Der „Antis. Generalanz." vom 15. April schreibt im Briefkasten: „Sie glauben uns etwas Neues zu melden, wenn Sie uns verrathen, daß Herr O . . . B . . . jüdischer Abstammung ist. Das war uns langst bekannt; wir wissen auch, daß die Familie aus einer der früher polnischen Provinzen stammt und ursprünglich Beetz i.g hieß." Die „Kreuz-Ztg." ist auch verjudet! Die „Germania", das Berliner Organ der Centrumspartei, polemistrt nämlich in einer Besprechung der politischen Parteien Deutschlands gegen „die in leeres Bramarbasiren verrannte, ganz in jüdischliberale Verlogenheit dem Centrum gegenüber versunkene Kreuzzeitung". * * * Noch einmal das Heine-Denkmal. Die. „Frankfurter Zeitung" erhielt nachstehende interessante Zuschrift: „Bei der zufälligen Lectüre der Rosegger'schen Novelle „Heidepeters Gabriel" bin ich dieser Tage auf eine Stelle gestoßen, welche auf die neuliche Aeußerung Rosegger's in dem Streit über das Heine-Denkmal ein so eigenthümliches Licht wirft, daß ich mich nicht enthalten kann, die Stelle Ihnen mitzutheilen. Die gedachte Novelle hat zum Gegenstände den Lebenslauf eines jungen Mannes, des „Heidepeters Gabriel", welcher im Gebirge in niederem Bauernstände geboren, durch seine poetischen Anlagen und mit Hilfe glücklicher Umstände zu Bildung und Wohlstand gelangt, und in welchem Rosegger offenbar wesentlich sich selbst schildert. Der junge Mann dichtet „Waldlieder", erlangt Poetenruhm, die Tochter eines reichen Kaufmannes faßt Neigung zu ihm, sie werden Mann und Frau und sie bauen sich als Heim ein Landhaus im Gebirge, von dessen Einrichtung es (auf S. 295) u. A. heißt: „Das Innere des Baues bot alles Gute und Schöne eines Herrenhauses, von dem Marmorbecken des Badezimmers an bis zu den Meisterwerken des Ahnensaales. Die Ahnenbilder des Poeten waren Meisterwerke. Moses und Homer, Walter von der Vogelweide und Geßner, -Goethe und Boß, und Stifter und Heine und wie sie heißen mögen Alle, dieder Poet von heute Ahnen nennen muß, weil er von ihnen stammt und bewußt oder unbewußt auf ihren Pfaden schreitet. Also hier erklärt Rosegger Heine für einen seiner „Ahnen"; in der Denkmalfrage aber verleugnet er ihn!" Im „Journal des Debüts" schreibt Pierre Lalo: „Heinrich Heine gehört Euch, wir können ihn Euch nicht abnehmen, leider nicht, denn wir wären stolz darauf, ihm in Paris ein Denkmal zu setzen mit der Inschrift: „Dem Andenken Heinrich Heine's, den die Deutschen verstoßen haben." Auf den Socket könnte man die Namen der Herren Rosegger, Dahn. Büchner und Genossen einmeißeln und wenn deren übrige Werke einst zufällig in Vergessenheit gerathen sollten, so würde das genügen, ihren Ruhm zu begründen." — Aus Mainz wird uns telegraphirt: Das hiesige Lehrercollegium hat gegen die Errichtung des Heine- Denkmals auf dem Forfterplatze, auf dem auch das Gymnasium steht, Protest erhaben, und zwar im Namen — der Vaterlandsliebe und Moral! * * * Fürst Bismarck und Präsident Simson. Es erscheint nämlich demnächst die zweite Auflage von Poschinger's Werk „Fürst Bismarck und die Parlamentarier"; ein Mitarbeiter der ,,N. Fr. Pr.", der die Aushängebogen durchsetzen durste, berichtet unter Anderem Folgendes: Zu den Lieblingen des Kanzlers gehörte S i m s o n. Schon vom Parlamente in Erfurt her kannten sich der zukünftige Reichskanzler und der zukünftige Präsident des Reichstages und Präsident des Reichsgerichtes. Simson war, wie männiglich bekannt, gleich Friedberg, einem anderen Matador des Rechtes, ein getaufter Jude. Anknüpsend an diese Thatsache und an die Tage von Erfurt erging sich nun bei einer parlamentarischen Soiree vom 29. März 1881 dem Reichskanzler gegenüber der Abgeordnete August Reichensperger in folgender Reminiscenz: Eben war der frühere Königsberger Professor Eduard Simson zum Präsidenten des Erfurter Volkshauses gewählt worden. Der Präsident verlas die Liste der gewählten Secretäre und unter ihnen als Letzten auch den Namen Herr von Bismarck-Schönhausen. Da machte der Junker Bismarck, der am Fuße der Tribüne stand, zu seinem Nachbar Reichensperger die Bemerkung : „Mein seliger Vater würde sich dreimal im Grabe herumdrehen, wenn er hörte, daß ich der Schreiber eines jüdischen Gelehrten geworden." — „Diesen jüdischen Gelehrten", sagte nun Reichensperger nach den vielen, vielen Jahren zum Kanzler, „haben Durchlaucht zum Präsidenten des Reichstages gemacht." — „Ja", erwiderte der Kanzler, „was noch Alles aus Einem werden kann." Dabei sprach er mit Wärme über Simson und rühmte den jüdischen Gelehrten als „einen der ausgezeichnetsten, von der reinsten Vaterlandsliebe getragenen Vertreter des nationalen Gedankens, als ein edles Gefäß, in dem stets die lautersten Empfindungen zusammengeströmt seien." Der Antisemit Dr. Schnntz, der frühere Director des Lebensmitteluntersuchungsamtks zu Hannover, welcher sich in Langenhagen niedergelassen hatte, ist von dort plötzlich verschwunden. Es wird vermuthet, daß derselbe ins Ausland gegangen ist, um sich einer vierzehntägigen Haft zu entziehen, welche gegen ihn erkannt worden ist, um ihn zur Herausgabe seiner drei Kinder an seine Frau zu zwingen. Dr. Schnutz ist mehrfach genannt worden wegen seiner Prügeleien mit dem antisemitischen Reichstagsabgeordneten Leuß. * Ein antisemitischer „Ehrenmann". Welcker war viele Jahre lang Führer der württembergischen Antisemiten und als solcher natürlich ein begeisterter