Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-05-11 · 19 (11.5.1894) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
19 (11.5.1894)
Date
1894-05-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021007-3021027--03481-3027620
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 368 Vesterreichlschr Mochrnschrist Nr. 19 der Finsterniß", wie sich die Dynamithelden nannten, war der Trafikantenssohn Adolf Natali, der als ein schwachsinniger Mensch geschildert wird. Sein Schwachsinn hinderte'ihn jedoch nicht, an der antisemitischen Hetze eifrigen Antheil au nehmen und in Rakonitz antisemitische Schriften der aufreizendsten Art zu verbreiten. Er und seine Complicen stahlen zunächst dem jüdischen Kaufmann Ferdinand Kohn ein beträchtliches Quantum Dynamit, mit welche sie im Hause des jüdischen Advocaten Dr. Karl Wolf und des jüdischen Kaufmannes Leopold Popper Attentate versuchten. Nach diesen glücklicherweise unschädlichen Attentaten wurden in Rakonitz rothe Zettel mit dem Worten: „Fort mit dm Juden! Fort mit den Deutschen!" gefunden. Die Dynamitarden beabsichtigten, wie die gerichtliche Untersuchung feststellte, auch die Synagoge und den sogenannten Judengarten in die Luft zu sprengen, Die entsetzliche Mordthat in Groß-Skalitz ist noch in lebhafter Erinnerung. Am 3. Jänner d. I. Abends wurdm der jüdische Handelsmann Simon Löwy, dessen Gattin und dessen zwei Töchter Clara und Rosa ermordet, die dritte Tochter Helena schwer verletzt. Die Mörder waren die Brüder Joseph und Franz D iv e cky. Auch hier hat der Judenhaß, der seit geraumer Zeit in der Landbevölkerung Böhmens künstlich geschürt wird, mitgewirkt. Man weiß, daß die antisemitische Pest geistig und moralisch verkümmerte Individuen am leichtesten ergreift. In Rakonitz war es der schwachsinnige Natali, in Groß-Skalitz waren es die übel beleumdeten Brüder Divecky, welche den Einwirkungen der mündlich und schriftlich betriebenen Judenhetze erlagen und so oft den Weg des Verbrechens geführt wurden. Bekanntlich hat sich der Abgeordnete Schneider im offenen Landtage seiner vorjährigen Agitationsreise nach Böhmen gerühmt. Seit jener Zeit circuliren unter der böhmischen Landbevölkerung zahlreiche Deckert'sche Hetzschriften, welche das Blutmärchen verbreiten und zu Frevelthaten gegen die Juden aufreizen. Man geht demnach nicht fehl, wenn man die Verbrechen von Rakonitz und Groß-Skalitz als die unmittelbaren Wirkungen der Hetzthätigkeit des Pfarrers Deckert bezeichnet. Die Verurtheilung dieses pstichtvergessenen Priesters hat ihn nicht abgehalten, neuerdings von der Kanzel herab den Kreuzzug gegen die Juden zu predigen. Seine blasphemischen Angriffe aus die Grundlage des Christenthums wurden von der kirchlichen Oberbehörde nicht gehindert, seine blutrünstigen Aufreizungen gegen das Judenthum wurden von den weltlichen Behörden geduldet, obgleich dieser Mensch schon vor Jahresfrist von der „Oesterreichischen Wochenschrift" sowohl in seiner amtlichen Wirksamkeit als auch in seinem privaten Thun. und Treiben gebührend gebrandmarkt wurde. Wir haben damals von den Grund- und Häuserspeculationen, von den Geldgeschäften und dem famosen Proceffe des Pfarrers Deckert bezüglich der „Luftvilla" erzählt und ihn einen „geriebenen Geschäftsmann" genannt. Herr Deckert hat uns damals mehrere Berichtigungen ins Haus geschickt und unter Anderem behauptet, daß er blos sein Seelsorgeramt versieht, aber keine Geldgeschäfte als Metier ausübt. Nun wird Herr Deckert durch eine höchst inten ssante Enthüllung der „Sonn- und Montagszeitung" in unwiderleglicher Weise Lügen gestraft. Das genannte Blatt veröffentlicht eine Reihe von Briefen, aus welchen hervorgeht, daß Pfarrer Deckert unter Verschweigung seines priesterlichen Berufes und unter der Bezeichnung „Redacteur" sich in eine höchst bedenkliche Patent- Speculation eingelassen hat. Er hat, ursprünglich für die Zwecke des Weinhauser Kirchenbaufondes, einem armen Teufel Namens Dilitz vier Patente auf eine neuartige Waggon- Kuppelung um den Betrag von 500 st. abgekauft und demselben aus der Verwerthung dieser Patente 5 Percent des Gesammtertrages zugesichert. Herr Deckert schloß sodann mit vier anderen Personen, von denen Einer, Herr Johann Tanne n z a p f, ein Jude ist, einen Gesellschaftsvertrag zur Verwerthung der Patente ab, in welchem ihm ein höherer Antheil als den vier übrigen Theilnehmern zugestanden wurde, weil er augab, daß er von diesem Antheil noch die erwähnten Percente an den Verkäufer abzutragen habe. Als nun der Letztere die schriftliche Anerkennung der von Herrn Deckert übernommenen Verpflichtung forderte, erklärte der Herr Pfarrer, daß er nicht 5 Percent von Gesammtertrag, sondern nur 5 Percent vom seinem Privataniheil zugesagt habe. Man muß den Briefwechsel, der sich hierüber entspann,imOriginallesen,nmsichüber dieknisiige Geriebenheit und geschäftsmännische Schlauheit des Pfarrers Deckert ein Urtheil zu bilden. Herr Deckert ist über diese Enthüllung ganz entrüstet und in einer Zuschrift an das „Deutsche Volksblatt" vom 8. Mai — das „Vaterland" hat sich vermuthlich die Ehre seiner Mitarbeiterschaft bereits verbeten — beginnt er seine Antwort mit einer Schmähung des Reichsrathsabgemdneten Dr. Bloch, weil Paulus Meyer „feige genug war", seine Erzählung zu „widerrufen" und er ein Opfer der „Judenrache" geworden sei. Nun ist es aber für alle Tbeilnehmer des Process s längst ein offenes Gcheimr.iß, daß Paulus Meyer ein Opfer Deckert's war und nicht umgekehrt. Es haben sich hier allerdings zwei Genossen zusammengefunden, die einander vollkommen würdig waren, allein Pfarrer Deckert war seinem blinden Mitarbeiter jedenfalls „über". Herr Deckert meint: „Es kann doch keine Schande sein, auch für einen Geistlichen nicht, sich in freien Stunden mit einer Erfindung zu beschäftigen, die so viele intelligente Menschen beschäftigt und die, wenn sie gelingen sollte, viele Menschenleben rettet und eine Ersparung an Zeit und Geld bedeutet." Er fügt hinzu, er sei in die Hände „geriebener Leute" gerathen! Allein darum handelt es sich nicht. Ob Herr Pfarrer Deckert Geschäfte macht und welcher Art diese sind, interessirt uns nicht, sondern die Thatsache, daß Alle, welche zu ihm in geschäftliche Beziehung je getreten sind, ihm öffentlich das Zeugni'ß ausstellen der Hinterlist und des Wortbruches. Dieses Zengniß erhielt er von Frau Jenny Zink, der Ersteherin der famosen „Luft-Villa", in den öffentlichen Blättern. Paulus M e y e r, sein würdiger Genosse, mit welchem er ein Compagniegeschäft etablirte zur Exploitirung der Blutlüge, betheuerte vor Gericht, er sei ein Opfer der Hinterlist und Verschlagenheit des Pfarrers Deckert, und nun ist es ein biederer Arier, Herr Dilitz, welcher das Benehmen des geistlichen Herrn als ein „allem Rechte Hohn sprechendes" bezeichnet. Einer der Interessenten, der k. k. Polizeirath a. D., K . . . . schreibt über den menschenfreundlichen Priester wörtlich: „Nach meiner in dieser Angelegenheit gewonnenen Ueberzeugung scheint Herr Deckert keine Spur eines. Rechts- oder Gerechtigkeitsgefühles, s o n d e r n n u r d e n c r a s s e st e n E g o i s m u s zu besitzen, und es bleibt wohl nichts Anderes übrig, als die civilrechtliche Klage gegen denselben anzustrengen oder gar die Strafanzeige zu erstatten." Man sieht, daß die Zeugnisse, welche dem geistlichen von Weinhaus von seinen näheren Bekannten ausgestellt werden, jenen Attesten nahe kommen, welche seinerzeit Herrn Paulus Meyer ausgestellt worden sind. Wer immer noch mit dem Pfarrer Deckert, diesem Verkünder der reinere christlichen Nächstenliebe, i'n Berührung kam, hat also mit ihm „üble Erfahrungen" gemacht. Herr Pfarrer Deckert erklärt, daß er mit Rabbi Bloch „nichts mehr zu thun haben will". Nun aber vernimmt man von zahlreichen arischen Christen, daß sie lieber mit zehn Wucherseelen als mit dem geistlichem Herrn von Weinhaus zu thun haben wollten. Er hatte nur einen einzigen ebenbürtigen Compagnon und der hieß Paulus Meyer. Ein Geschäftsgenie ausgeprägter Gattung, versteht der geistliche Jndustrieritter von Weinhaus Alles auszumünzen und in Geld umzusetzen. Selbst der Cultus des heiligen Joseph ist bei ihm ein profitreiches „Geschäft". Wem eine Kuh nicht die gehörige Portion Milch liefert; wer einen überlegenen Eoncurrenten unterzukriegen wünscht; dem faulen Schüler, der sich vor der Prüfung fürchtet, oder wer sich vor dem Militärdienst drücken will: ihnen allen, die da gebeugten Gemüthes sind, bietet der ebenso fromme als geschäftskundige geistliche Herr

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.