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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-05-04 · 18 (4.5.1894) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
18 (4.5.1894)
Date
1894-05-04
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 18 Vesterretchtsthr WortzensrtzrM Sette 361 Rom. Rabbi Arovas aus Jerusalem, welcher jetzt in Italien für arme Juden aus Marokko, die sich im heiligen Land angesieoelt haben, sammelt, hatte die Ehre, von König Humbert in Audienz empfangen zu werden. Sr. Majestät empfing den „Scheliach" mit der ihm eigenen besonderen Höflichkeit und - überreichte ihm eine Spende von 5000 Lire. Venedig. Das Andenken des berühmten italienischen Patrioten Senator Jsacco P^saro Maurogonato wurde durch Errichtung einer Broncebüste am kgl. Palast geehrt. Der Enthüllungsfeier wohnten die Spitzen der Civil- und Militärbehörden, verschiedene Corporatiouen und Veteranen des Garibaldicorps in ihren rothen Hemden bei. Im Jahre 1848 wurde Maurogonato das Fmanzportefeuille von Victor Emanuel angeboten. Maurogonato refusirte jedoch deshalb, weil es für ihn als Juden schwer gewesen wäre, die Autorität eines Finanzministers gegenüber den zahlreichen religiösen Congregationen in Italien zu wahren. Feuilleton. Blümchen. Erzählung von A. Stein, Nabbiner, Sobieslan. An einem schönen Vormittage des Wonnemonates int Jahre 18 . . sehen wir über die große Heide zw'ichen D. . und W.. . eine aus 4 Personen bestehende Reisegesellschaft ziehen, deren Aeußeres aber keineswegs die Touristen, die eine Vergnügungs- oder Erholungsreise machen, verrathen hätte. Es war die Familie eines armen Hausirers Namens Schamsche Koppel, dessen Ehegattin, deren Sohn Chajim und sein junges Weib. Der Jüngere, ein kräftiger, breitschulteriger Mann von etwa 30 Jahren und sein junges rüstiges Weib, Beide mit schweren Packen beladen, bildeten den Bortrab; diesen folgte der alte Vater, ein fast ganz blinder Greis mit langen Silberhaaren, geführt von einem alten Mütterchen, seiner treuen Ehehälfte und Führerin. Der Greis mochte das 60. Jahr bereits längst überschritten haben, trotzdem war sein Körper nicht gebeugt, sein Gang trotz seiner Blindheit sicher und aufrecht. Er schien diesen Weg nicht zum erstenmale heute zu machen, er kannte jeden Strauch, jeden Stein am Wege. Seine Führerin erfreute sich keiner solchen festen Gesundheit, der stete Husten, das starke Schnaufen wodurch ihre Unterhaltung ofr gestört wurde, deuteten auf ein langjähriges Lnngenübel hin. Das jüngere vorausschreitende Paar strotzte dagegen von Gesundheit und Lebensfrische, es unterhielt sich mit lauter Stimme ohne Unterlaß, trotz der schweren Last, die es auf ihren Rücken trug. Diese 4 Personen bildeten eine Familie, die ihren kärglichen Unterhalt durch Hausiren mit Bedarfsartikeln für israelitische Cultuszwecke, d. i. Zizis, Tefillin, Mesusos und durch Ausbessern schadhafter Thorarollen fand. Der Alte konnte natürlich jetzt wegen seiner Blindheit nicht mehr schreiben, das mußte der Sohn Chajim thun, dafür hatte der Alte ein anderes mitunter einträglicheres Geschäft, er war in seinen Mußestunden Heiratsvermittler — Schadchen. Obgleich blind, hatte er dennoch einen vollständigen Schematismus aller heiratsfähigen Mädchen und Jünglinge seines großen Geschäftsgebietes. und nicht selten gelang es ihm, zwei Menschen, die viele Meilen von einander entfernt waren, zusammenzubringen, die meisten Ehen, die er gestiftet, waren auch glücklich. Zeitungen, Telegraphen und Eisenbahnen gab es zur Zeit unserer Erzählung nicht. Dafür genoß Schamsche großes Vertrauen bei den Eltern und Hochachtung bei den Kindern. Er war aber auch dieses Vertrauens würdig, er war ein Menschenkenner, der frei nach Schiller Gleichgesinnte zusammenzubringen verstand, eine besondere Zungenfertigkeit erleichterte ihm das schwierige Geschäft; was aber ihn besonders empfahl, das war sein biederer schlichter und streng religiöser Lebenswandel, er war ein iseb neewon im strengsten Sinne des Wortes, man konnte seinem Worte unbedingten Glauben schenken. Sein Antlitz, dem das Augenlicht fehlte, zeugte so recht das Bild eines mit sich und seinem Gotte zufriedenen Mannes. Mit jeder Faser seines Herzens hing er an seinem Weibe und Kinde und rührend war es, zu sehen, mit welcher Liebe die Seinigen an ihm hangen, wie sie ihn mit allen Beweisen treuer Zärtlichkeit umgaben, sein Alter so schön als möglich zu gestalten suchten, und wenn sie auch keine irdischen Schätze ihr Eigen nannten, so besaßen sie ein unwandelbares Gottvertrauen, das sie nie verließ. Genügsamkeit und Zufriedenheit in Gott. Ein Heiratsvermittler — Schadchen — stand ehemals beim jüdischen Volke in Ansehen; Jung und Alt bemühte sich, ihm wohlzuthun; denn Jeder wollte gerne in dessen Katalog gut angeschrieben sein und dies half ihm auch sehr bei seinen übrigen Geschäften, Jeder kaufte ihm gerne etwas ab, zahlte es oft um einige Kreuzer thenrer als anderswo. Chajim Schamsche's Sohn und Stammhalter fand an diesem Geschäfte keinen besonderen Gefallen, da ihm selten eine passende Partie gelang, und blos zwei Personen aufs Gerathewohl zusammenzuführen, dazu war er, wie sein Vater zu streng gewissenhaft, um an dem etwaigen Unglücke zweier Menschen Schuld zu haben. Er war also seinem eigentlichen Berufe eines Sofar mit Leib und Seele ergeben, da er dadurch nicht blos Verdienst fand, sondern zur Verbreitung des Gotteswortes beitragen konnte, was bei ihm mehr aufwog als Geld und Zeit. Bon den Weibern läßt sich nicht viel sagen. Die Alte war wegen ihres Leidens oft grämlich, Beide aber ihren Ehemännern treu ergeben. So bildeten diese 4 Personen, wenn auch den größten Theil des Jahres fern von der Heimat weilend, eine musterhafte Familie durch ihren streng religiösen Lebenswandel und durch die Liebe und Achtung, die sie einander und insbesondere dem Oberhaupte der Familie, ihrem blinden Patriarchen Schamsche, entgegenbrachten. Diese Familie wanderte eine bedeutende Strecke ohne Störung, von verschiedenen Dingen plaudernd. Die Sonne brannte am wolkenlosen Himmel, kein Lüftchen regte sich, kein Vogelfang ließ sich hören, kein lebendiges Wesen war auf der ausgedehnten, unübersehbaren Fläche zu sehen. Hie und da stand ein niederes Gestrüpp von Wachholderstauden, hervorragende Felsstücke und Maulwurfhaufen, sonst war Nichts zu bemerken; Todtenstille und unheimliche Einförmigkeit herrschte rings umher. Unsere Wanderer, die zwar keine poetisch angelegten Naturen waren, empfanden doch die Eintönigkeit der Landschaft, sie sehnten sich nach Abwechslung, nach Leben in der Natur. Nachdem sie so eine Zeitlang sorglos dahinschritten, sollten sie Abwechslung bekommen, denn die junge Frau ries auf einmal freudig erregt aus: „Ei, was liegt dort, schau nur, schau", und zeigte mit der Hand nach der Wachholderstaude, die etwa 20 Schritte vor ihnen stand! Bort hinter dieser sah man ein weißes Tuch schimmern. „Sonderbar", rief ihr Mann, „ein Tüch ist's, richtig, wie kommt das hieher auf die Haide?" „Vater, lieber Vater, komm ein bischen geschwinder, etwas Merkwürdiges, ebbes gar ein Wunder ist dort", rief der Sohn dem nachfolgenden Vater zu. Dieser kam schneller herbei und fragte: „Was gibts denn Merkwürdiges? Wir sind doch auf der Haide von D. . . . was kanns sein?" „Dort, etwa 20 Schritte vor uns, hinter der Staude, liegt ein weißes Packet und keine menschliche Seele ist zu sehen", sagte Chajim. „Geh' hin und schau nach, was es ist!" sprach der Vater. Chajim wäre wohl am liebsten dem Spuk aus dem Wege gegangen, wäre ihm nicht das Gebot des greisen Vaters heilig gewesen, denn er wollte schon eine ausweichende Bemerkung machen, als ihn der Vater durch die Entgegnung, Du bist und bleibst ein Hasenfuß, aneiferte, der Sache auf den Grund zu sehen. Geh' hin und schau nach! Ist's etwas Unrechtes, laß es liegen, ist's was Rechtes heb es auf! Doch allein wollte Chajim nicht gehen. Alle, die ganze Familie mußte mitgehen, mußte Zeuge sein seines Fundes. Er blickte prüfend, ob nicht irgendwo ein Mensch zu sehen wäre, ob nicht etwa eine Falle gestellt sei. Da er Niemanden sah, begab er sich in Begleitung der Uebrigen nach dem Orte, wo der weiße Gegenstand lag. Als er endlich nochmals umhergespäht hatte, faßte er das Tuch, hob es vorsichtig in die Höhe — aber starr vor Schrecken und stumm wie eine Bildsäule blieben Alle stehen. „Nun, was ist's, was seid ihr Alle so stille", fragte Schamsche. Chajim legte behutsam das Tuch wieder nieder, trat zu dem alten Vater und flüsterte ihm etwas in's Ohr. „Still, ein Kind liegt da und schläft". „Ein Kind? und das wolltest Du da liegen lassen? Wer weiß, wem es gehört, sollte es da verschmachten? Das hat eine böse Rabenmutter hier gelaffen. Findet sich Niemand, der sich

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