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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-05-04 · 18 (4.5.1894) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
18 (4.5.1894)
Date
1894-05-04
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 358 Veflrrrrlchifche Wochenschrift Nr. 18 Saal der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde war gestern der Ort einer Feier von erhebendster Wirkung. Es galt die Enthüllung des Bildes des Cultuspräses Herrn Naftali Tittinger, welches aus Anlaß der 25jährigen gedeihlichen Wirksamkeit dieses Mannes für die Interessen der Cultusgemeinde aus den freiwilligen Beiträgen der Gemeindemitglieder angefertigt wurde. Lange vor der angesetzten Feststunde begann sich der Saal mit Honoratioren zu füllen, so daß bald kein Plätzchen in dem umfassenden Raume mehr frei war. Unter den Erschienenen bemerkten wir die Herren Bürgermeister v. Kochanowski mit dem Bicebürgermeister Dr. Reiß und den Herren Stüdträthen Beck, Baron Fürth und v. Wazl, ferner die Herren Cultusvorstand Dr. Heinrich Kiesler, Dr. Straucher, Amster mit den übrigen Mitgliedern des Cultusvorstandes und Cultusrathes, dann die Herren Landtagsabgeordneten Kohn und David Tittinger. die Bankdirectoren Ferdinand Mayer. Heinrich Steiner und Wilhelm Tittinger, die Herren Oberrabbiner Dr. Rosenfeld und Rabbiner Weiß, der Lehrkörper der israelitischen deutschen Volksschule und die Gemeindebeamten und eine außerordentlich große Anzahl sonstiger Honoratioren, die zu nennen wir unterlassen müssen, weil es den uns zur Verfügung stehenden Raum weit überschreiten würde. Um 11 Uhr Vormittags wurde der Präses Herr Naftali Tittinger von den Mitgliedern des FestcomitSs, welches aus dem Herrn Sigmund Gerbet als Obmann und den Herren Lazar Chajes. Joachim Eisenberg, Leib Herschmann, Adolf Kottlar und Markus Mittelmann bestand, in feierlicher Weise von seiner Wohnung in den Festsaal abgeholt und als er erschien, intonirte der Tempelchor unter Leitung des Obercantors Herrn Rosenheck einen vom Letzteren gedichteten und stimmungsvoll componirten Festhymnus, dessen weihevolle Weise einen tiefen Eindruck auf die Zuhörer machte. Hierauf nahm der Obmann des Comitös, Herr Gerbel das Wort zur Festrede und entwickelte in großen und markigen. Zügen die Geschichte der Cultusgemeinde in den letzten 25 Jahren und wies nach, daß sie zugleich die Geschichte der hohen Verdienste des gefeierten Cultuspräses ist. Nach Herrn Gerbel nahm das Wort das Comitemitglied Herr Adolf Kottlar. um in kurzen, zu Herzen gehenden Worten das von dem trefflichen Maler Herrn Friedrich v. Schiller hergestellte lebensgroße Oelporträt des Jubilars der Cultusgemeinde. und zwar Herrn Dr. Heinrich Kiesler zu übergeben, Herr Dr. Kiesler. der die Cultusgemeinde repräsentirte und den Vorsitz der Versammlung geführt hatte, übernahm nun das Bild namens der Gemeinde. Es ergriff hierauf der Oberrabbiner Herr Dr. Rosenfeld das Wort, um in glänzender Rede mit der ganzen Macht der ihm zu Gebote stehenden hinreißenden Beredsamkeit auszuführen, daß diese Ehrung spontan aus dem Volke hervorgegangen ist, welches die Eigenschaften und die Intentionen des Gefeierten rückhaltlos anerkennt und verehrt. Das von Herrn v. Schiller gemalte Bild ist ein Meisterstück, das der junge Künstler vollbracht hat und wir freuen uns umso eher, dies constatiren zu können, als wir alL Bukowinaer stolz darauf sind, daß die Kunst bei uns zu Hause solch talentirte Vertreter hat. Die Versammelten begaben sich hierauf über Einladung des Comites zum Festbankette in die Restauration Gutmann, wo es unter dem Vorsitze des Herrn Dr. Heinrich Kiesler überaus animirt zuging und wo die geistreichen Toaste, mit welchen der Herr Oberrabbiner Dr. Rosenfeld den Anfang machte, ununterbrochen mit einander abwechselten. Herr Bankdirector Ferdinand Mayer, den wir in politischen Versammlungen als überzeugungsvollen Redner kennen lernten, zeigte sich auch als ausgezeichneter Tischredner, der mit Witz und Geist sprach. Es sprachen nach der Reihe noch die Herren Gerbel, Leibuka Barber, David Tittinger, der neben dem Jubilar und dem Oberrabbiner Dr. Rosenfeld der Gegenstand der lebhaftesten Ehrung seitens der Banketgesellschaft war, Wilhelm Tittinger, Herschmann. Carl Roseuzweig, Dr. Julius Kiesler, die Redacteure Stekel und Wallstein, Dr. Straucher, Kottlar, v. Schiller und viele Andere. Das Banket endigte erst in den späten Nachmittagsstunden. Tarnopol. Durch die Munificenz des Herrn Baron Hirsch werden vom Curatorium der Baron Hirschstiftung arme Kinder von Tarnopol und der Umgegend, die die Volksschule absolvirt haben, bei Meistern verschiedener Gewerbe untergebracht und zugleich in die hiesige Gewerbeabendschule gegeben. Die Anregung hiezu wurde vom hiesigen Advocat Dr. Weisstein gegeben, der seit einer Reihe von Jahren die Errichtung einer solchen Stiftung anstreble. Wie segensreich diese Stiftung ist, müssen wir erwähnen, daß die Lehrlinge die besten Erfolge in der Schule wie auch bei den Meistern aufzuweisen haben. Wir haben von denselben vortreffliche Zeichnungen und ziemlich hübsche Muster von Rechnungen und Briefen an Kunden gesehen. Durch die reichen Wohlthaten des Herrn Baron Hirsch wird also armen Kindern, denen sonst jeder Weg zum Erwerbe versperrt ist, ein Lebensberuf verschafft. Am 19. April l. I. fand zur großen Freude der armen Lehrlinge eine Vertheilung von Kleidern und Wäsche an dieselben statt, bei welcher das hiesige Localcomitä, bestehend aus dem Obmann Cultuspräsident Dr. Weisstein, die Herren Dr. H o r w i tz, Dr. Rosenfeld und Dr. Landau, in Vertretung des hiesigen Cultusrathes die Herren Culturräthe Dr. S. Nankel und Moses Rappaport, Spitalverwalter Herr O. Wachs, die Zöglinge, die Meister und noch andere Personen anwesend waren. Der Obmann Herr Dr. Weisstein hielt eine feierliche Ansprache, erinnerte die Zöglinge an die genossenen Wohlthaten und sprach die Hoffnung aus, daß sie bestrebt sein werden, ihre Kenntnisse zu erweitern, brauchbare Glieder der Gesellschaft zu werden, -wie auch daß sie ihren Wohlthäter stets in gutem Andenken haben werden. Wir fügen hinzu, daß vom Curatorium der Baron H ir sch st i f tun g alljährlich auch unter die hiesigen jüdischen Seminaristen Stipendien in der Höhe von fl. 1200 vertheilt werden und daß auch für, die hiesige jüdische Normalschule jedes Jahr fl. 1000 gespendet werden. Wünfchenswerth wäre noch die Errichtung einer Erwerbsschule für arme Mädchen, indem leider die Wenigsten einen Erwerb aus eigener Kraft sich zu verschaffen im Stande sind. Allein die Kosten einer solchen Schule sind zu erheblich und wir müssen das der Zeit überlassen. München. Eine mecklenburgische Buchdruckerei verschickte im December v. I. eine Anzahl von „Bismarck-Kalendern" nach Baiern. Ein mit einem Probe-Exemplar beehrter Münchener Wiederverkäufer schrieb darauf an den Verleger: Anbei Betrag in Marken für den Kalender; ich habe denselben s. Z. einem preußischen Streber und Hurrahschreier geschenkt, damit er fort ging. Solche Waare ist hier „Gott sei Dank" unverkäuflich: von Bismarck will hier „Niemand" was wissen; solche Pflanzen wachsen hier nicht. Sie werden aus hier erzieltem Erfolg die wahre Gesinnung deutlich erkennen; die preußischen Geschichtsfälscher ändern an der W a h r h e i t n i ch t s; das ist ein Kalender für die Junker v. Stritzow, v. Spritzow, v. Bützow, v. Strebitzow und Faulitzow und wie diese denkfaulen Bedientenseelen alle heißen mögen. — Ein solch' unm ännlicher Personenkultes paßt nicht in unsere Zeit. Wir wollen Freiheiten, aber keine Bevormundungen; Cäsar und Dyonis sind todt. Achtungsvoll M. Welsch. Berlin. In äußerst gehässig er W eis e ist vor einigen Monaten von der antisemitischen Presse ein Reclamegedicht ausgebeutet worden, welches ein jüdischer Kleiderhändler im Nord osten Berlins unter der Firma „Kleiderbaron" in Tausenden von Exemplaren verbreitet haben sollte. Trotz der sorgfältigsten Ermittelungen des Polizeipräsidiums und trotzdem die „Staatsbürger-Zeitung" einen Aufruf zur Einsendung dieses, die Geburt Christi verspottenden Reclamegedichtes erließ, konnte nicht ermittelt werden, daß ein derartiges Gedicht überhaupt jemals, geschweige denn von einem jüdischen Kleiderhändler verbreitet worden sei. Man hat es hier also mit einer recht bösartigen Erfindung zu thun, durch welche gegen die Juden aufgereizt werden sollte. Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hielt sich verpflichtet, gegen zwei von den antisemitischen Preßorganen, welche die betreffende Notiz verbunden mit gehässigen Ausfällen auf die Juden veröffentlicht haben, Strafantrag wegen groben Unfugs zu stellen. Der erste Staatsanwalt lehnte aber das Einschreiten mit Rücksicht darauf ab, daß nach den angestellten Ermittelungen diese erfundene Mittheilung zuerst von der in Leipzig erschienenen, mittlerweile aber eingegangenen „Neuen Deutschen Zeitung" gebracht und aus dieser in die von den Beschuldigten redigirten Blätter übernommen worden ist. Unter diesen Umständen wären die Beschuldigten nicht in der Lage gewesen, sich über die Richtigkeit der Nachricht vorher zu informiren!! — Diese Entscheidung wird gewiß vielen unserer Leser nicht ganz verständlich sein.

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