Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-05-04 · 18 (4.5.1894) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
18 (4.5.1894)
Date
1894-05-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021007-3021026--03468-3027606
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 356 „Israelitische Allianz^ zu Wien. Generalversammlung vom 29. April 1894. Am Sonntag den 29. April d. I. fand im Sitzungssaale der israelitischen Cultusgemcinde die Generalversammlung der „Israelitischen Allianz zu Wien" statt. Der Präsident Herr David Ritter von Gutmann begrüßte die anwesenden Vereinsmitglieder und hielt einen tiefempfundenen Nachruf den im Vorjahre verewigten Förderern des Vereines Herrn Moriz Freiherrn von Königswarter, der dem Vereine als Stifter und Beirath angehörte, und Sr. Ehrwürden Herrn Dr. Adolf Iellinek, der seit dem Bestände des Vereines zu dessen Vorstande gehörte. Zum Zeichen der Trauer erhoben sich die Anwesenden von den Sitzen. Zum ersten Punkte der Tagesordnung spricht Reichsrathsabgeordneter Herr Dr. Bloch der Vereinsleitung den wärmsten Dank der Mitglieder für ihre umsichtige Leitung aus und stellt den Antrag, daß dem Vorstande das Absolutorium ertheilt werde. Die Anwesenden genehmigten mit Beifall den Antrag. Das Vereinsuiitglied Herr Wilhelm Pappenheim meldet sich zum Worte und erkennt die umfangreiche und mühevolle Thätigkeit des Vorstandes zu Gunsten der Hebung jüdischer Culturinteressen an und setzt in einer längeren Rede die Ursachen und Gründe der bedauerlich geringen Betheiligung der Juden in Oesterreich und Ungarn an dem Vereine auseinander. Der Jahresbeitrag von 3 fl. sei so gering, daß nur wenige unserer Glaubensgenossen ihn nicht leisten könnten. Es wäre zweckentsprechend, wenn die israelitische Allianz in Budapest eine Art Zweigverein ins Leben riefe, da man leider selbst in Sachen, die das Judenthum als solches angehen, vielfach der dualistischen ° Gestaltung der Monarchie Rechnung tragen müsse, der Appell an die Rabbinen und Cultusvorsteher, dieses sehr alte Hausmittel jüdischer Vereine erweisen sich als unzulänglich. Es müßte ein Modus gefunden werden, daß Rabbinen und Cultusvorsteher eo ip80 Mitglieder der israelitischen Allianz werden. Herr Pappenheim wirft die Frage auf, ob der Grund an dem geringen Interesse unserer Glaubensgenossen an der Allianz nicht auch darin zu suchen sei, daß die Menge der jüdischen Bevölkerung sehr selten und dies auch nur mangelhaft über die Ziele und Zwecke, über die Thätigkeit und Leistungen des Vereines unterrichtet werde. Es mache sich eben der Mangel eines inneren Contactes zwischen der Leitung des Vereines und dem Publicum fühlbar, darum wäre es angezeigt, daß der Vorstand von Zeit zu-Zeit zwanglose gesellige Abende veranstalte, zu denen jedes Vereinsmitglied Zutritt hätte und wo man nähere Mittheilungen über die Bemühungen und Erfolge des Vereines zu erfahren bekäme. Namentlich wäre es wünschenswert, etwas über die Einflußnahme des Vereines betreffs der von den Judenfeinden muthwillig aufgerolllen Schächtfrage und der in jüngster Zeit von der Kanzel her betriebenen schmachvollen Judenhetze zu vernehmen. Der Präsident Herr David Ritter von Gutmann dankt für das Interesse, das der Redner am Vereine nehme, die Mitglieder dürfen versichert sein, daß die Vorsteher Alles anfbieten, um die Interessen des Judenthums in wirksamster Weise gegen Ungerechtigkeiten und Bedrückungen in Schutz zu nehmen. Die Stellung des Vereines sei insoferne precär, als er einerseits im Sinne der statutarischen Bestimmungen in politischen Dingen absolut keine Hngerenz ausüben könne und dürfe und als Verein ohne Gefahr für seinen Bestand in den Streit einzugreifen nicht berechtigt sei. Andererseits sind dem Vereine durch seine knappen Geldmittel in seiner Wirksamkeit enge Grenzen gezogen. Im Vorjahre seien 47.000 fl. für russische Hilfszwecke verausgabt worden. Am 1. Jänner habe der russische Hilfsfond, der inzwischen noch beträchtlich zusammengeschmolzen sei, nur mehr 14.000 fl. betragen. Der Verein habe indessen, wie aus der Bilanz hervorgeht, seinen Stammfond, der in den früheren Jahren wiederholt angegriffen werden mußte, mit 7000 fl. gestärkt. Nr. 18 Die Lage der Juden sei eine derartige, daß man auf schlimme Ereignisse gefaßt sein müsse und daher sei es nothwendig, daß der Verein gegebenen Falles über Mittel verfüge, um werkthätige Hilfe bringen zu können, zumal es nicht angeht, von Fall zu Fall Sammlungen zu veranstalten. Herr Dr. Alfred Stern, ergänzt diese Ausführungen durch Mittheilungen über die Initiative des Vereines zur Abwehr antisemitischer Angriffe und setzt auseinander, daß der Verein noch in allen Angelegenheiten die überhaupt möglichen und zulässigen Mittel zur Aufklärung des Volkes und Bekämpfung des modernen Rassen- und Religionskampses in Anwendung gebracht habe. Das Vereinsmitglied Herr David Wachtel bemerkt hierauf im Anschlüsse an die gemachten Vorschläge wegen Anwerbung neuer Mitglieder, daß die Rabbinen sämmtlicher Gemeinden kurzweg zum Eintritt in den Verein veranlaßt werden mögen. Ueber Antrag des Herrn Dr. Bloch werden zum dritten Theile der Tagesordnung die austretenden Vorstandsmitglieder, die Herren Sigmund Ritter v. Bauer, Dr. Felix Katzau, Heinrich Nirenstein, Dr. A. Stern und Dr. Sigmund Wahrmann wieder- und der Herr Rabbiner Dr. A. Schmiedl neu in den Vorstand des Vereines per aeelamationem gewählt. GorresMirckenLen. Wien. Die hervorragenden englischen Zeitungen, wie „Times" und „Standard", nehmen von den jüngsten Emanationen des Antisemitismus in Wien Notiz und constatiren, daß die antisemitische Bewegung in Wien erheblich an Grund gewonnen habe. Die „Times" berührt die Vorgänge bei der letzten Bürgermeisterwahl, die Concurrenz des der liberalen Partei angehörigen Bürgermeisters gegen die antisemitische Partei bei den Stadtrathswahlen und schließlich die für englische Verhältnisse ganz unbegreiflichen Brandreden des Pfarrers Deckert. „Jewish Chronicle" bemerkt zu letzterem: „In England würde keine christliche Secte einen solchen Prediger dulden." In London hielt der Generalmajor Sir Charles Wilson im Verein jüdischer Arbeiter einen Vortrag über Palästina. „Der Held von Khartum" hatte schon eine Woche zuvor im Jews' College bei einem Vortrage des Herrn Marcus Adler über „Jüdische Pilger nach Palästina" den Vorsitz geführt. Er ist Director der „Palestine Pilgrim Text Society" und gab interessante geographische Berichte über das heilige Land. Wien.(G egenden Besä higungsn achwe is.)Samstag den 28. v. M.Abends hielt der „Verein zurHebung derGewerbe für Wien und Umgebung" seine sehr zahlreich besuchte Generalversammlung ab. Zu Beginn der Versammlung ergriff Herr Sigmund Mayer das Wort zu einem Vortrage „über den Befähigungsnachweis". In humorvoller Weise leitete der geistvolle Redner seinen Bortrag mit den Worten ein, welche man im Mittelalter häufig in den protestantischen Kirchen der Kanzel gegenüber mit großen Lettern ausgeschrieben fand: „Tritt fest auf, mach's Maul auf und hör' bald auf." In knappen und dennoch übersichtlichen Worten schilderte der Vortragende die unsinnige und kenntnißlose Verquickung der Judenfrage mit der Gewerbefrage, welche in den fetzigen Beschränkungen sozusagen anonyme Judengesetze hervorgebracht und die Gewerbefrage zu ihrem Unglücke verdunkelt hat. Als. Beweisdafür, daß diese Verquickung eine irrige ist, führt der Vortragende an, daß die mächtige Concurrentin des Kleingewerbes, die Großindustrie, überall dort entstanden ist, wo es keine oder wenig Juden gegeben hat, wie in England und in Frankreich, und wo die wenigen daselbst befindlichen Juden nur Kaufleute, nicht aber Fabrikanten waren. Aber selbst in Wien, führt der Vortragende weiter aus, war die theilweise Umänderung des Handwerkes zur „Industrie" schon vor hundert Jahren vor sich gegangen, und damals existirten in unserer Residenz gleichfalls nur einige wenige „tolerirte" Juden. Und als ganz charakteristisch hat sich bei dem Beginne der gegenwärtigen Agitation gezeigt, daß in denjenigen Gewerben, in denen die Juden auch jetzt noch gar keinen Eingang gefunden hatten, die Verhältnisse keineswegs besser waren als in anderen. Mit dem Befähigungsnachweis glaubte man das Vrstrrretchifchr Wochenschrift

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.