Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 18 (4.5.1894)
- Date
- 1894-05-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 18 Vesterreichifche WochenfchrM beschäftigte er sich in einem Essay „Maria la Branca" mit dem Leben und dem Leiden der Inden Spaniens und sagte zum Schluss: Die Geschichte der Juden in Spanien beweist, daß sie ehemals, wo ihnen die Wege zu fruchtbringender Thätigkcil ans verschiedenen Gebieten ' nicht verschlossen waren, in chen Wissenschaften und auf dem Gebiete der Poesie mit dem herrschenden Volk wetteiferten und keineswegs Gcldanhäufung durch Wuchergeschäfte znm Hauptziel ihres Trachtens machten. Dieses ist ihnen in Deutschland, Frankreich, England, Italien und den bri'gen Ländern aufgenöthigt worden; durch anderthalb Jahrtausende mußten sie ein kaum menschenwürdiges Dasein Hinschleppen, aus dem sie sich allein durch das Zusawmenscharren von 'Geld emporschwingen konnten, um bald wieder desto tiefer hcrabzustürzen. Nun sie dieselbe Berechtigung mit den anderen Eonfessionen genießen, wird auch das Gleichgewicht wieder hergestellt. Wir haben schoil gesehen, wie ans Familien, deren Mitglieder ehemals den gelbeir Lappen auf ihrem Rücken tragen mußten, ein hochdenkender, von kosmopolitischen Ideen erfüllter Philosoph und mehrere tnsfliche Musiker hervorgegangen sind, während Andere vom Stamme Juda und Levi auf wissenschaftlichem und künstlerischem Gebiete sich glänzeird hervorgethan haben, und so wollen wir alle ihre Glaubensgenossen ansporneu, mit Maimonides und Jehnda den H.ilevi zu wetteifern, statt danach zu trachten, sich zu Königen der Berliner oder Londoner Börse emporzuschwingen. Denjenigen aber, die sich nicht scheuen, heute die Judenhetze des finstersten Mittelalters zu wiederholen, soll man sagen, daß sie unwerth sind, am Ende des 10. Jahrhunderts zu leben, das in so vieler Hinsicht seine Vorgänger überragt, und daß sie bei Nathan dem Weisen in die Schule gehen sollen." * * * Professor von Gneist über den Antisemitismus. Ein eigenartiges, leider aber nicht unzutreffendes Urtheil über Mittelalter und Gegenwart hinsichtlich der Ausschreitungen des Antisemitismus hat vorgestern in Berlin bei seiner ersten Vorlesung über „deutsches Strafrecht" in diesem Sommersemester Professor von Gneist gefällt. Als er nämlich in einem einleitenden historischen Rückblick unter denjenigen Gesellschaften und Einrichtungen, welche im Mittelalter nicht mit Fehde bezogen werden durften, auch die Juden anführte, gegen welche, nachdem sie das Schutzrecht erlangt hatten, das Fehderecht des Mittelalters alles Unrecht und alle Gewaltthätigkeit streng verbot, fügte er ernst hinzu: „Darin war also das Mittelalter edenfalls weiter, als es leider die Gegenwart ist." Folgender, am 28. Juli 1793 von einem elsässischen Israeliten an „Eulogius Schneider" gerichteter Brief dürfte in jetziger Zeit sicherlich von hohem Interesse sein. Er lautet: „Groß war meine Verwunderung, zu Horen, daß die Gesellschaft der Freunde der Freiheit und Gleichheit in einer Sitzung — der Sie nicht beiwohnten — einen Schluß genommen, eine Adresse zu machen und darin die Verbannung der Juden nachzusuchen. Ist es möglich? Ist wohl dies in Frankreich geschehen, dein fesselfreien Frankreich — oder ist es das Werk eines elsässischen Oberamtmannes? Wie? Zn einer Zeit, wo die Weisen aller Länder die Hände zum Himmel emporheben und ihm für die Wohlthat danken, daß ihr lange gehegter Wunsch, alle Menschen als solche behandelt zu wissen, endlich in Erfüllung gegangen ist, wo eine neue, nachdrucksvollere Erklärung der Rechte des Menschen und Bürgers dem heiligen Berge entströmt ist, — zu einer solchen Zeit will man öffentlich eine solche die Menschheit entehrende Handlung begehen? .... Die Juden, die seit zweitausend Jahren unter dem bedauernswürdigsten Drucke lebten, die von den Händen der Christen selbst mit den schimpflichsten Ketten belegt wurden, die man kaum die Luft umsonst athmen ließ, die von Handwerken, Schulen, öffentlichen Erziehungshäusern ausgeschlossen und so mit der Geißel dazu gezwungen waren, Wucherer, Betrüger und niederträchtige Menschen zu werden — diese Juden sollten nun aus einmal im Durchschnitt bar aller guten Sitten geworden sein! Greift doch in Euren eigenen Busen, Freunde, Ihr, die Ihr am Tische des Vaterlandes in vollem Genüsse schwelgtet, die Ihr doch eine Erziehung genossen habt, die Ihr doch von Eurer Kindheit an mit der Hoffnung, einst Mitglieder des Staates zu werden, aufwachset. Fragt Euch, ob Ihr nicht noch so manchen Fehler an Euch entdecket? Blicket um Euch und seht diejenigen Eurer Landsleute, die, mit den nämlichen Vorzügen ausgerüstet, dennoch dem öffentlichen Wohle ganz entgegengesetzte Gesinnungen äußerten — und hernach verdammet die Juden, wenn Ihr könnt! Eure Pflicht ist es vielmehr, da Ihr ihnen so viele Menschenalter von Vollkommenheit und bürgerlichen Tugenden geraubt habt, zu ihrer Besserung und Veredelung, so viel an Euch ist, beizntragen. Erwartet den Augenblick, wo der Rational- Convent Frankreich mit einer National-Erziehung beschenken Seite 355 wird. Stiftet dann öffentliche Lehrhäuser und Werkstätten, macht es jedem Bürger zur Pflicht, seine Kinder unterrichten zu lassen, und sehet, ob die Generation auch noch Ursache zu Klage geben wird. Es ist nicht genug, wenn man dem Inden Freiheit gibt, um sich befugt zu glauben, auch sofort bürgerliche Tugend von ihm zu fordern. Unterricht, innigste Ueberzeugnng — diese sind bei allen Menschen die besten Grundsteine der Freiheit und der Vaterlandsliebe." Jüdische Aerzte. Geheimrath von Ziemssen in München cvöffuctc die medieiuische Klinik mit einem allgemeinen Vortrag, in dessen Verlauf er über die Stellung der Aerzte bei den Inden sprach. Er führte inhaltlich Stellen aus dem Talmud an, welche beweisen, daß die Juden den Aerzten stets mit der größten Achtung gegenübertraten. „Eine solche", so führte Redner ans, „genießen die Aerzte auch jetzt noch bei den Juden, denn sie schenken dem Arzt das größte Vertrauen; die Honorirung ist durchaus angemessen. Dieses Verhallen dem Arzte gegenüber hat seine Ursache in dem überaus innigen Zusammenleben der Familie. Wenn ejn Familienmitglied erkrankt, sind die andern in höchster Besorgniß. Man wendet sich sofort an den Arzt, hält sich mit ängstlicher Genauigkeit an alle seine Anordnungen, um nur ja nicht den erkrankten Liebling irgend welcher Gefahr durch Vernachlässigung ansznsetzen. Ist der Kranke genesen, dann beweist die Familie dem Arzt die größte Dankbarkeit. Das Familienleben der Inden ist geradezu elastisch, eine solche Anhänglichkeit der Eltern an die Kinder und umgekehrt findet man gar nicht bei den Christen. Diese guten Seiten der Juden werden jetzt bei den antisemitischen Tiraden ganz übersehen. Der Antisemitismus ist eine geistige Epidemie und wird mit der Zeit wieder verschwinden, wenigstens wird der Kamps der Antisemiten, der eigentlich gegen das jüdische Capital gerichtet ist, in der Form, wie er jetzt geführt wird, aushören, und es werden Juden und Junker zugleich bekämpft werden, wie es jetzt schon in Ostpreußen der Fall ist." Erklärung. Ein unliebsamer Zwischenfall, der sich bei dem Commerse des V. österr. Gastwirthetages zugetragen, hat bezüglich meiner Person zu meinem tiefsten Bedauern, eine derart unrichtige Auffassung erfahren, daß ich mich nach mehrtägiger Abwesenheit von Wien erst heute zu folgender Aufklärung veranlaßt sehe. Zu einer Zeit, als die Stimmung am Festeommers bereits eine solche war, daß nicht jedes Wort sorgfältig ans die Wagschale gelegt werden konnte, äußerten, wie dies durch Zeugen bestätigt werden kann, mehrere auswärtige Theilnehmer, welche Herrn Dr. Lueger noch nie sprechen gehört hatten, den Wunsch, daß ihnen hiezu Gelegenheit geboten werde. Als Dr. Lueger sich weigerte, dieser Aufforderung Folge zu leisten, glaubte ich einem von diesen Theilnchmern an mich ergangenen Ersuchen nachgeben und Dr. Lueger zum Sprechen bestimmen zu können, ohne zu ahnen, daß man deshalb meine bekannte liberale Gesinnung anzweifeln würde. Mit Rücksicht auf diesen Sachverhalt muß ich mich wohl entschieden dagegen verwahren, daß man mich wegen eines in vorgerückter Stunde geschehenen Vorfalles zu einem Anhänger Lueger's stempeln will. Meine Vergangenheit und meine politische Thätigkeit dürften zur Genüge darthun. daß ich strammer liberaler Gesinnung bin, die antisemitischen Bestrebungen aus dem Grunde meines Herzens vernrtheile und dieselben stets bekämpft habe. Es ist eine bekannte Thatsache, daß ich seit jeher israelitische Bedienstete beschäftigte und auch heute beschäftige und zwar aus dem einzigen Grunde, weil ich keinen confessivnetten Standpunkt einnehme und mir die Gleichheit aller Menschen vor Augen halte. Ich war und bleibe unwandelbar ein Anhänger der fortschrittlichen Principien, ein entschiedener Gegner nationaler und confessioneller Verhetzungen und bitte meine Freunde und Gönner, diese aufrichtige und wahrheitsgemäße Aufklärung zur Keuntillß nehmen zu wollen. Hochachtungsvoll Ludwig Riedl, Besitzer des Cafe de l'Europe (Stesansplatz) und Bezirksausschuß.