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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-05-04 · 18 (4.5.1894) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
18 (4.5.1894)
Date
1894-05-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 354 Oestrrrrirhifitze Woltzrnschrifi Nr. 18 wenig und charakteristisch, das Pathos nicht so glaubwürdig, die Motive und Handlungen nicht so reichhaltig und interessant, der Humor nicht so herzerfreuend wie in den Romanen. Auch die Psychologie ist nicht auf der Höhe wie in den Romanen. Wir wollen nur einen Zug herausnehmen. Die Art Eheschließung unter den podolischen Juden wird oft als Motiv verwendet. Die Ehen werden in früher Jugend im vierzehnten bis siebzehnten bei den Mädchen, im achtzehnten bis zweiundzwanzigsten Jahre bei den Jünglingen geschlossen. Die Wahl und Vereinbarung treffen die Eltern mit Hilfe des Vermittlers. Liebe ist kein maßgebendes Moment für die Eheschließung. Oft lernt sich das Paar erst bei der Verlobung oder gar erst unter dem Trauhimmcl kennen. Run sind die meisten Ehen, die auf solche Weise geschlossen werden, bei der anerzogenen religiösen und sittlichen Strenge der Juden sehr gute. Durch Bekanntwerden mit der Geschäfts- und Lebensweise außerhalb des Ghettos kann nur bei einzelnen ein Conflict im Innern entstehen und dieser Conflict ist es eben, welchen der Dichter als Idee mehrerer Novellen benützt. Die Frau, welche auf eine solche Art in die Ehe gegangen, wird nachher von der Liebe zu einem Anderen erfaßt und fühlt sich als Opfer einer grausamen und unmenschlichen socialen Einrichtung und es scheint, als ob damit auch die Ansicht des Dichters ausgesprochen würde. Nun ist dagegen zweierlei einzuwenden. Erstens fühlen die Anderen, die Normalen, diese Einrichtung durchaus nicht als grausam und unmenschlich und zweitens ist diese Art der Eheschließung nur die Folge jener unbedingten, strengen Regelung aller socialen und religiösen Verhältnisse, welche nothwendig ist, wenn ein Volk, das von allen Seiten der Verfolgung ausgesetzt ist, sich vor der Auflösung bewahren will. Doch auch diese Erzählungen sind interessant und verrathen immer die heiße Liebe des Verfassers zum Lande und seinen Leuten und die Bemühung, den reichen Schatz von Poesie der in dem Leben dieses in der Dunkelheit lebenden Volkes enthalten ist, zu heben. R. L. Vom Jahrmarkt des Lebens. Ritualmord-Erdichtungen. Freitag den 20. d. M. bemerkte Herr Fuchs in Podiebrad, daß sein Dienstmädchen unter Mitnahme ihrer Kleider plötzlich verschwunden sei. Dieser Vorfall beunruhigte ihn natürlich und er ging sofort daran, das Dienstmädchen zu suchen. Nach längerer Zeit fand er sie am Bahnhofe, als sie eben im Begriffe war, nach Kolm (ihrem Heimatsorte) zu fahren. Auf die Frage warum sie dies thue, antwortete sie, sie hätte sich gefürchtet, weil die Juden zu Ostern Alles „schachten". Vom Bahnhofe führte sie Herr Fuchs aufs Rathhaus und ließ hier constatiren, daß ihr Nichts geschehen sei. Hierauf entließ er sie aus dem Dienste. Am nächsten Tage fand man Blutspuren vor seinem H au se. * * Dem „Oberschles. Anz." wird aus Kö n i g s h ü t t e, 26. April, geschrieben: Durch ein G e r ü ch t, wonach die jüdische HändlerinCzernajewski in Oswiecim von Königshütte ein kleines Kind zu Ritualzwecken nach dort gebracht hätte, entstand in Oswiecim eine größere Aufregung Hunderte von Landleuten sammelten sich vor den Häusern der dortigen Juden und mußte die Behörde, um Ausschreitungen entgegen zu treten, die GendarmeriederUmgegend requiriren. Eine bei der Händlerin Czernajewski vorgenommene Haussuchung förderte ein Zicklein zu Tage, welches die Händlerin zum Osterbraten von hier nach Haus mitgenommen hatte. Hätte die Haussuchung nicht stattgefunden, so würde jenes nichtswürdige Gelichter, das sein antisemitisches Speculationsgeschäft auf gewisse Eigenschaften derer, „die nicht alle werden", basirt, natürlich auch aus diesem Falle durch Versammlungsentrees Capital geschlagen haben. Lemberg, 26. April. Vor etwa drei Wochen verschwand aus dem Städtchen Bolszowce der Volksschullehrer Dasz y n s k i, ohne seiner Frau Nachricht über seinen Aufenthaltsort zu geben. Daszynski, welcher mit seiner Frau im Zerwürfnisse lebte und mit seiner Stellung in Bolszowce nie recht zufrieden war, scheint offenbar einen geringfügigen Anlaß benützt zu haben — er hatte kurz vor seiner Abreise aus Bolszowce ein Rencontre mit dem Hauseigenthümer, bei dem er eine Wohnung gemiethet hat — um ein seit Längerem geplantes Vorhaben auszuführen. Als aber Tage verstrichen, ohne daß er ein Lebenszeichen von sich gegeben hatte, verbreitete sich bald das Gerücht, er wäre ermordet worden. Das ruthenische „Dilo" benützte sofort die Gelegenheit, um nach bewährtem Muster antisemitischer Hetzblätter dieses Gerücht auszuschmücken und gab seinen Lesern die haarsträubende Erzählung zuni Besten, die Juden in Bolszowce hätten den armen Lehrer zuerst aus seiner Wohnung vertrieben und mißhandelt, und dann aus Angst vor den Folgen ihrer That ihn ermordet. Ja, ein Bauer wäre im Verborgenen Augenzeuge des Mordes gewesen, aber er fürchte vor dem Richter zu erscheinen, denn die Juden würden sich ebenso blutig an ihm rächen, wie an Daszynski, den sie ermordet haben. Man mag im österreichischen Reichsrathe noch so sehr versichern, daß man in Galizien die Pest des Antisemitismus nur vom Hörensagen kenne, aber jeder Unbefangene wird sich wohl ein Urtheil darüber bilden, wie sehr eine solche Erzählung geeignet ist, gegen die Juden aufzureizen, zumal da diese Geschichte durch alle galizischen Blätter ging, ohne daß ein einziges den leisesten Zweifel in die Glaubwürdigkeit der Nachricht gelegt hätte. Da die Geschichte knapp vor dem jüdischen Osterfeste sich abspielte, hätte es nur noch gefehlt, einen leisen Wink über einen vermuthlichen „Ritualmord" zu geben, um in Bolszowce eine regelrechte Judenhetze zu veranstalten. Was nun. Wahres an der ganzen Erzählung ist, darüber lassen wir das Wort einem gewiß unbefangenen Manne, einem Christen Franz Klimowski in Brzczany, welcher vom Gerechtigkeitsgefühle gedrängt, heute im „Kurjer Levowski", (welcher ebenfalls nach dem „Dilo" die Erzählung brachte), folgende Aufklärung veröffentlicht: „Daszynski wohnte bei dem Hauseigenthümer Reiß in Bolszowce, und dieser kündigte ihm die Wohnung. In Folge der Kündigung gerietst die Frau Daszynski's mit der Frau des Reiß in Streit, wobei der inzwischen hinzugekommene Daszynski die Frau des Reiß thätlich beleidigte. Der herbeigerufene Reiß legte sich ins Mittel, nahm seine Frau in Schutz und hielt Daszynski von weiteren Schlägereien zurück. Einige Tage darauf begab sich Daszynski nach Stanislau. Seine Frau erhielt keine Nachricht mehr von ihm. Böse Zungen streuten das Gerücht aus, daß Reiß den Daszynski auf dem Wege nach Stanislau ermordet habe, und dieses Gerücht hatte sofort ein Anderes zur Folge, daß ein Bauer selbst gesehen, wie Reiß den Daszynski ermordet. Das Bezirksgericht in Bursztyn leitete über Anzeige der Frau Daszynski die Untersuchung ein, verhaftete Reiß als den muthmaßlichen Mörder und lieferte ihn nach einigen Tagen dem Kreisgerichte in Brzczany ein. Hier führte der Staatsanwalt energisch binnen 24 Stunden die weitere Untersuchung durch und entließ dann Reiß, da es sich herausstellte, daß Daszynski hier mit seiner Frau ganz vergnügt lebt." Zum Glück hat sich diesmal Jemand gefunden, der es als Gewissenssache erachtete, öffentlich Aufklärung zu geben. Aber wie oft geschieht es, daß ähnliche aus der Luft gegriffene Lügen in den Tageblättern hier verbreitet werden, ohne daß sie dann berichtiget werden. Ist denn Niemand dazu von amtswegen berufen, derartige Märchen, welche in böser Absicht oder aus Leichtfertigkeit hinausgestreut werden und das Wohl einer großen .Religionsgenossenschaft in Galizien zu gefährden geeignet sind, richtig zu stellen? * * -i- Graf Schack und die Juden. Der kürzlich verstorbene vornehme Dichter und edle Förderer von Kunst und Wissenschaft Graf Adolf Friedrich Schack war auch zeitlebens ein.begeisterter Anhänger der Rechtsgleichheit und Gewissensfreiheit. In seinen „Nächten des Orients" schildert er in einer ergreifenden Dichtung eine mittelalterliche Judenverfolgung. Im Jahre 1884 äußerte er sich über den Antisemitismus: „Ich mißbillige die heute vielfach in 'Scene gesetzte Agitation gegen das Semitenthum durchaus und finde sie im schreienden Widerspruche mit dem Geist der Humanität, welchen zu verbreiten das Streben aller großen Geister unseres Volkes war." Im Jahre 1891

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