Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 18 (4.5.1894)
- Date
- 1894-05-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 352 Vestrrreichtschr Wochenschrtst Nr. 18 Interesse der Durchführung dieser Finanzoperation „un peu partout“} nur nicht an Baron Hirsch gewendet habe, „dessen große Erfahrung und vollständige Uneigennützigkeit" — dont la grande experience et dessinteressement absolu — schon langst die erwünschte Lösung hätten herbeiführen können „Ja, diese Colon isation," Hub der Baron anals wir ihn um Mittheilungen über sein mit so großen Mühen und Geldopfern verbundenes edelmüthiges Unternehmen ersuchten, „sie bereitete uns viele Schwierigkeiten und auch Sorgen. Die Regelung der verschiedensten Verhältnisse, die Durchführung der ausgearbeiteten Pläne, die Organisation der Colonie, der Transport der Auswanderer, das Unterbringen der Leute, die nöthigen Anweisungen und dergleichen mehr erforderten und erfordern eine rastlose Thätigkeit. Man konnte anfangs ernstliche Bedenken haben, ob sich die armen Menschen, die sich bisher nie mit Ackerbau beschäftigt und keine blasse Ahnung von der Bearbeitung der Scholle hatten, in einem wildfremden Lande und einem ganz anderen Himmelsstriche, völlig entrissen ihren Lebensgewohnheiten, in ihren neuen Beruf hineinfinden würden." „Glücklicherweise kann ich Ihnen mittheilen, daß alle Nachrichten, welche ich in letzterer Zeit aus Argentinien erhalte, vorzüglich lauten. Die Ansiedler sind vollauf mit der Bearbeitung ihrer Felder beschäftigt und finden sich immer mehr und mehr in ihre neue Lebenslage und Beschäftigung hinein. Alt und Jung thut freudig an der Wirthschaft mit, ja, wie man mir schreibt, sieht man junge Mädchen, die in ihrem früheren Vaterlande das Clavierspiel erlernt haben, rüstig und wohlgemuth hinter dem Pflug einhergehen. Auch die mir gesendeten Photographien zeigen die Ansiedler in ihren verschiedenen wirthschaftlichen Verrichtungen. Eine der größten Schwierigkeiten war, die Leute in den isolirten Ansiedlungen heimisch zu machen. Theils in Folge der Gewohnheit des Zusammenlebens der Juden, theils um ihre religiösen Gebräuche gemeinsam ausüben zu können, wollten die Colonisten anfangs nur^in Dörfern wohnen, obschon es im Interesse der Landwirthschaft viel voikheilhafter ist, wenn jede Familie ihr Haus auf der 150 Acre großen Besitzung stehen hat, welche sie erhält. Nun haben sie sich auch in diese relative Jsolirtheit hineingefunden, nachdem man freilich, so weit es möglich war, die Wohnhäuser an den einander begrenzenden Feldern aneinander gerückt hat." „Das ist allerdings ein erfreulicher Erfolg, und ich werde mir erlauben, in nicht sehr ferner Zeit die Vertreter der Weltpresse einzuladen, einen kleinen Ausflug nach Argentinien zu unternehmen, damit sie sich von dem Gedeihen unserer Colonie überzeugen und bekräftigen können, wie tüchtig die Juden . Ackerbau treiben. Eben jetzt begibt sich wieder eine große Gruppe Auswanderer von Odessa aus nach Südamerika." „Wohl ein Zeichen, daß die Verfolgungen in Rußland noch stets andauern" — bemerkte ich. „Das Merkwürdige an der Sache ist — erwiderte der Baron — daß unter allen diesen Ausbrüchen des Glaubens¬ und Rassenhasses zumeist nur die armen, die kümmerlich ihr Leben fristenden Juden zu leiden haben, die doch als wahre Parias der Gesellschaft eher der vollsten Theilnahme ihrer Mitmenschen würdig wären. Sich ihrer in ihrer Noth und Bedrängniß zu erbarmen, ihnen die Mittel und Wege einer neuen, menschenwürdigeren, glücklicheren Existenz zu bieten, wäre wohl eine edle Aufgabe der reichen Glaubensgenossen, denen auch in Rußland kein Haar gekrümmt wird. Wie oft hört man allerwärts sagen, die Juden bilden eine Macht im Staate und in der Gesellschaft. Allein das Kriterium der Macht ist doch, daß sie gewisse Ziele, welche in ihrem Jntereffe gelegen sind, erreicht, während die Juden nicht einmal im Interesse einer gemeinsamen Hilfsaction für ihre bedürftigen, vom heimatlichen Herde vertriebenen Glaubensgenossen sich einigen. Und doch verdienten diese armen, mit täglicher Noth und Sorge kämpfenden Juden, welche die ausschließlichen Opfer des Antisemitismus sind, das vollste Mitleid und die vollste Unterstützung seitens der Reichen. Denn nicht sie — die Armen — prangen mit jenem Luxus, der den Neid der Menge erweckt." Als ich gegenüber den rohen, gehässigen Ausbrüchen des Antisemitismus in gewissen Culturstaaten auf die Thatsache hinwies, daß diese Seuche in Ungarn nie recht Verbreitung finden konnte, sagte der Baron: „Ja von Ungarn ist Manches zu lernen. Das ist eine ritterliche und politisch kluge Nation." Ferdinand Borostyany. Vudaprster Briefe, vm. Ende April 1894. Wie in jedem jungen Jahre, wenn milder Frühlingshauch, fröhliche Vögelschaaren die Lüfte durchziehen und Alles in der großen Gemeinschaft der Natur zu einem kräftigen Leben erwacht, so flatterten auch Heuer in der Woche vor unserem Frühlingsfeste die rauschenden Blätter jener stattlichen Broschüren auf, welche in Tausenden von Exemplaren den Mitgliedern der Pester israel. Religionsgemeinde neben der Vorführung der letztjährigen Verwaltung auch ein Bild der kommenden Entfaltung seines blühenden kräftigen Organismus geben. Starre Buchstaben und trockene Ziffern thun sich da zu einem Gemälde zusammen, das uns so anmuthet, wie die sprießenden Triebe des kraftstrotzenden Lenzes. Auch die Leser dieser Blätter sind durch die alljährliche Vorführung dieser Berichte gewohnt, einen Einblick in das musterhafte Gebühren dieser vornehmen und blühenden Gemeinde machen zu können. Die Gelegenheit dazu wollen wir Ihnen auch Heuer nicht vorenthalten. Was wir aus dem Rechenschaftsberichte zunächst herausgreifen wollen, sind die gleich eingangs stehenden Berichte über die in allernächster Zeit geplante Aufführung zweier Bauten in großartigem Style. Eine neue Schule und Synagoge soll sich baldigst den bisherigen monumentalen Bauten der Gemeinde-Institution würdig anreihen. Beide Neuschöpfungen stehen durch die vom städtischen Gemeinderathe unter der Bedingung des Aufbaues einer neuen 800 bis 1000 Schüler fassenden jüdischen Schule überlassenen Grundviereckes von mehr als 2000 Quadratklaftern in innigem Connex und unsere culturhistorische Thatsache, daß Schule und Synagoge immer im Causalverhältnisse zu einander standen, wiederholt sich auch hier in eclatanter Weise. Der Tempel wird — wie ich bereits in einem meiner früheren Berichte meldete — im Handelsviertel unserer Stadt, unweit des sich jetzt erhebenden coloffalen Abgeordnetenhauses aufgeführt werden und da sich ringsherum lauter Prachtbauten zeigen, so läßt es sich kaum anders erwarten, als daß dieses neue Gotteshaus ebenfalls ein hervorragendes Gebäude sein wird. Die Schule wird in der Elisabethstadt, welche vorzugsweise von Israeliten bewohnt ist, erstehen. Im Anschlüsse an diesen Schulbauplan knüpfen sich verschiedene Meinungen und Wünsche. Einige betonen, daß darin auch eine Knabenbürgerschule eingerichtet werde, Andere sind wieder für eine Mädchenbürgerschule und Manche wieder wollen gar eine jüdische Lehrerinnenbildungsanstalt. Was im Schooße der Gemeinde darüber beschlossen werden wird, wird gewiß dem dringenden Bedürfnisse entsprechen. Im heurigen Berichte wird diese Frage noch unberührt gelaffen. Nach dem Berichte von der erfreulichen Aussicht auf dem Gebiete des Unterrichtes und des Cultus wird die Viertelmillion-Spende des Herausgebers des „Neuen Pester Journal" zur Errichtung eines interconfessionellen Kinderspitals unter Patronanz des Gemeinde-Vorstandes erwähnt. Dem speciellen Berichte entnehmen wir Folgendes: Die bisher auf Grund des obligaten Religionslehrplanes theils von der Gemeinde selbst herausgegebenen, theils von der Gemeinde blos approbirten 9 Lehrbücher haben sich heuer um zwei vermehrt, u. zw.: 1. Leitfaden für den jüdischen Religionsunterricht an der 2. Bürgerschulclasse. 2. Biblische Chrestomathie, 2. Band für Mittelschulen. Der 3. Theil dieses Werkes, sowie ein Handbuch der jüdischen Religionsgeschichte ist jetzt in Vorbereitung. Ferner erschienen im abgelaufenen Jahre sowohl für den Knabenals auch für den Mädchen-Gottesdienst je ein besonderes Gebetbuch.