Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 18 (4.5.1894)
- Date
- 1894-05-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 18 Vesterrrichifchr Wochenschrift Seite 351 heimer Amtsblatt abgedruckten, ruhigen sachlichen Bericht über die Juden herzufallen. Er spricht in einem andern Artikel von Germanenzorn, germanischen Fäusten und findet, daß die Juden der heutigen Zeit denen des Mittelalters vollkommen gleichgeblieben sind. Ferner bezeichnet der Verfasser die Rathgeber der Krone und die höchsten Würdenträger des Staates, sofern sie jüdischer Religion sind, als „Mistfinken". Am Schlüsse der Artikel folgt jeweils ein versteckter Appell an die Gewalt. Der Osiicial-Vertheidiger Herr Dr. Alt, gesteht in der Einleitung zu. seinem Plaidoyer offen, daß er für seine Person den Antisemitismus so wenig billige, wie er sich irgendwie mit dessen Principien identificire. Was den Anklagepunkt der Beschimpfung der jüdischen Religionsgemeinschaft anlange, so beziehe sich dieselbe nicht auf einen Gegenstand der Gottesverehrung. Der Vertheidiger glaubt, daß es besser gewesen wäre, wenn man die Anklage unterlassen hätte, und kommt dann auf die Gesinnungen der Landleute hinsichtlich des Antisemitismus zu sprechen, wird jedoch von dem Vorsitzenden unterbrochen mit der Bemerkung, bei der Sache zu bleiben. Da Herr Dr. Alt aus das Wort verzichtet, führt der Staatsanwalt in der Replik aus: Wir sitzen hier nicht zu Gericht über den Antisemitismus, sondern haben nur zu entscheiden, ob die von dem Angeklagten in fraglichen vier Fällen geführte Agitation strafbar ist oder nicht. Wenn in heran tisemitischen Presse fortwährend von der „Judengeißel" die Rede ist, dann i'st die Möglichkeit, daß diese Stimmung für die Gewalt zur wirklichen Anwendung derselben verleitet, nicht so weit entfernt.*) Rach unserem Strafgesetz ist derjenige strafbar, welcher eine staatlich anerkannte Religion und deren Anhänger beschimpft. Bei der Synagogeneinweihung in Steinsfurth ist die dort wohnende jüdische Religionsgemeinde als solche aufgetreten, sie ist auch in dem betreffenden Artikel als solche beschimpft worden. In Bezug aus die anderen Artikel hat das Reichsgericht in zwei Fällen entschieden, daß eine entfernte Gefahr darin zu erblicken ist, wenn eine Stimmung hervorgebracht wird, die zu einer Friedensstörung geeignet ist. Die Art und Weise, wie Angeklagter seine Agitation führte, legt einen solchen Gedanken sehr nahe. Gerade jetzt stehen wir unter dem Zeichen der Gewalt, die weitesten Kreise der Gesellschaft sind davon durchsetzt. Wohin soll es führen, wenn die Presse ihre Freiheit in solcher Weise mißbraucht, wie es von Seiten des Angeklagten geschehen ist. Der Angeklagte hat das Gesetzthatsächlich verletzt. Der Staatsanwalt schließt mit einem Appell an die Geschwornen, als wahre gerechte Volksrichter die Sache zu prüfen und dann ihr Urtheil zu fällen. Der Vertheidiger gibt hierauf noch eine kurze Erwiderung. Die Geschwornen bejahen nach kurzer Zeit die drei gestellten Fragen, ob Angeklagter schuldig sei, den öffentlichen Frieden gestört zu haben, verneinen jedoch die vierte auf Beschimpfung der jüdischen Religionsgemeinschaft gerichteten Frage. Hierauf führt der 1. Staatsanwalt aus: Zu Gunsten des Angeklagten müsse hervorgehoben werden, daß er nicht der Verfasser jener Artikel sei, dagegen schon öfters *) Wir müssen dem Staatsanwalt durchaus beistimmen. Der beste Beweis dafür ist folgende Thatsache, die wir dem Wiener „Fr. Blatt" (Nr. 107) entnehmen: In unmittelbarer Nähe von Wilna wurde kürzlich eine jüdische Famile in bestialischer Weise ermordet und beraubt. Es war an einem Freitag; das Familienoberhaupt hatte sich in die Stadt begeben, um dort das Abendgebet in der Synagoge zu verrichten. Als der Mann zurückkam, fand er zu seinem Entsetzen seine Frau, drei Kinder und eine Dienstmagd in ihrem Blute schwimmend; sie waren todt. Er schlug Lärm; da sprangen aus einem Versteck zwei robuste Bauern hervor und ergriffen ihn mit den Worten: „Geld, Jude, sonst bist Du hin!" In Folge der Hilferufe deI Juden eilten einige Nachbarn herbei, und deren Erscheinen verscheuchte die Mörder. Wenige Tage später gelang es der Polizei, der Verbrecher habhaft zu werden. Es waren dies zwei junge Bauern aus dem benachbarten Dorfe Porjetschje. Vor dem Untersuchungsrichter erklärten dieselben, der Starost im Dorfe habe des Oesteren erzählt, die Zeitungen schreiben immer, man solle die Inden ausrotten, vertilgen und vernichten! wegen Beleidigungen vermtheilt worden sei und beantragt eine Grundstrafe von 3 Monaten. Der Gerichtshof veru r t h e i l t e alsdann Thomas Reuther wegen Aufreizung zum Classenhaß in 3 Fällen zu einer Gesammtgefängnißstrafevon sechs Wochen und Tragung sämmtlicher Kosten. Ein Besuch bei Baron Hirsch. Paris, 24. April. Ungeachtet der für Paris so frühen Morgenstunde von 10 Uhr fand ich den von aller Welt verehrten Besitzer des prächtigen Palais an der Ecke der stillvornehmen Rue de l'Elysüe und der nicht minder ruhigen Avenue Gabriel bereits vor dem mit Schriftstücken bedeckten großen Schreibtische seines Arbeitskabinetes sitzend, als ich bei ihm vorsprach. Es dürfte viele Leute geben, die sich völlig irrige Vorstellungen von dem Leben eines der reichsten Männer der Welt machen. Run denn, Baron Hirsch, dessen stets schaffender Geist nie Ruhe gekannt hat, arbeitet wie andere Sterbliche, wenn auch — und dieser Unterschied stellt ihn eben ans das glänzendste Piedestal der größten Philautropen aller Zeiten — ein bedeutender Theil seiner Arbeit nicht dem eigenen Wohle, sondern jenem feiner Mitmenschen gewidmet ist. Während viele andere, mit irdischen Gütern ebenfalls reich Gesegnete durch ihre Schätze nur in der Gesellschaft der obersten Zehntausend glänzen und sich bestenfalls begnügen, den Armen und Leidenden die conventionellen mageren Brocken der Wohlthätigkeit zukommen zu lassen: ist eil, gut Theil des Sinnens und Trachtens des Besitzers des Palais in der Rue de l'Elysee den Leiden der Bedrängten und Unterdrückten zugewendet. Nicht nur spendet Baron Hirsch mit beiden Händen, nicht nur lindert er durch eine große, systematische Wohlthätigkeitsaction das Elend in der verschiedensten Herren Länder, allein was viel mehr ist: er rettet die bedauernswerthen Opfer des Glaubenshasses und einer despotischen, intoleranten, dem Jahrhundert zur Schande gereichenden Willkürherrschaft. Er sammelt die von Haus und Herd Vertriebenen, entführt sie auf seine Kosten in entfernte, fruchtbare Gefilde — wo er ein Stück Land, größer als manches deutsche Fürstenthum, angekauft — beschenkt sie mit Boden, Haus, Vieh und Ackergeräthschaften und bietet ihnen dergestalt die Möglichkeit, nicht nur sich und ihre Familien zu erhalten, sondern auch zu Wohlstand mitunter sogar zu Reichlhum zu gelangen. Das ist die einzig praktische, radicale Lösung der durch Unverstand, Fanatismus und blinden Rassenhaß herbeigeführten jammervollen Lage der aus Rußland vertriebenen Juden, aber auch die einzig praktische Lösung der Frage des allgemeinen socialen Elends. Halbe Welttheile sind noch der Civilisation zu erschließen, riesige Gebiete, fleißig bearbeitet, könnten all' die Ungezählten reichlich ernähren, die im alten Europa darben. Wie viele Tausende braver Auswanderer gehen aber alljährlich jenseits des Atlantischen Oceans elendiglich zugrunde oder werden als Proletarier zu einer Gefahr für den neuen Continent, weil sie mittellos, bethört durch falsche Vorspiegelungen an dem Ort ihrer neuen Bestimmung anlangen? Baron Hirsch hat den einzig richtigen Weg gezeigt, wie das Kapital in den europäischen Milliardenländern, wenn es sich mit einiger Systematik in die Dienste des Humanismus stellen würde, das sociale Elend in großem Maße lindern und die von dieser Seite her drohende Gefahr verscheuchen könnte. Jedenfalls führt aber der Baron, wie ein moderner Moses, seine unglücklichen Glaubensgenossen in das Land der Verheißung, indem er sie auf den fruchtbaren Gefilden Argentiniens colonisirt. Wir haben diesen so treffenden Vergleich kürzlich von einem vielgenannten Mitgliede der französischen Kammer gehört, der, als ehemaliger Finanzminister, in Verbindung mit der Frage unserer Valutaregulirung auch auf Baron Hirsch zu reden kam und im Laufe des Gespräches seine Ueberraschung darüber ausdrückte, daß man sich an maßgebender Stelle im