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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-04-26 · 17 (26.4.1894) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
17 (26.4.1894)
Date
1894-04-26
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 17 Deflrrreichische Wochrnsttzrist Seüe 345 Schrecken wie gebannt hielten dieAnderen inne, so daß der Vater aus diesem Locale flüchten konnte. Aber er wurde noch an demselben Tage eingezogen. „Ich weiß vor der Hand genug. Fragen Sie beim Rabbiner an, ob ich die Schiwah unterbrechen darf, um ins Gerichtsgebäude zu gehen, Ihren Vater zu sprechen und' Einsicht in die Acten zu nehmen." Zwei Stunden darauf wußte die ganze Gemeinde, daß Dr. Falk die Bertheidigung des Jnhastirten Kalman Berger führen wird, und am Abend desselben Tages konnte das Sterbezimmer die Tröstenden nicht mehr fassen, die sich zum Minjar einfanden. Am Tage der Gerichtsverhandlung war das Amtsgebäude umlagert von Neugierigen, die gespannt aus den Verlaus des Processes waren. Ein jüdischer Vertheidiger war für Juden und Antisemiten ein sensationeller Umstand, den beide Parteien in ihre Combinationen zogen. Im Gerichtsfaale selbst ging die Verlesung der Anklage, die Aussage des Angeklagten und die Zeugenvernehmung schablonenmäßig vor sich. Aller Augen waren auf den Vertheidigertisch gerichtet, wo der jüdische Doctor mit heroischer Ruhe im blassen Gesichte saß und dem Gang der Verhandlung folgte. Und als er sich zu seinem Plaidoyer erhob, lauschte Alles mit gespanntester Aufmerksamkeit seinen Worten. Er sprach aus dem Herzen und zum Herzen „die edelste menschliche Empfindung", sagte er in einem seiner Sätze „ist die Empörung gegen die Beschimpfung seines Stammes. Aus diesem Affect beruht jede patriotische Großthat. Was wäre aus dem Stamme der Magyaren geworden,wennnichtseineEdelstenbeiBeleidigung ihres Stammes empört gewesen wären und zurSatisfaction muthig die Waffen ergriffen hätten, um den übermüthigen Feind zu züchtigen. Der Jude, der sich bei Beleidigung des Judenthums empört, ist ein edler Mensch und mein Client darf stolz sein Haupt vor den Richtern erheben, er verdiente öffentliches Lob, nicht .daß er hier als Angeklagter stehe, wenn man nicht jede Tugend beim Juden zum Verbrechen stempelte und wenn den Juden der gleiche staatliche Schutz wie den Nichtjuden zu Theil würde, müßten sämmtliche Zeugen in dieser Affaire als Angeklagte vom Staatsanwalte hier stehen, denn sie haben durch ihre rohen antisemitischen Ausfälle eine ganze Classe von Staatsbürgern in ihren heiligsten Gefühlen verletzt." Er sprach eine volle Stunde und erwärmte mit jedem Satze mehr die Richter für den Angeklagten. Es erfolgte ein Freispruch. Kalman Berger wurde vor dem Verhandlungssaale von seiner Tochter und den Vornehmsten der Gemeinde erwartet und im Triumphe nach Hause geführt. Dr. Falk verließ durch eine Seitenthür den Gerichtssaal und schlich sich auf Umwegen nach Hause, um jeder Demonstration aus dem Wege zu gehen. Kaum aber zu Hause angeaelangt, stellte sich ihm wieder die überglückliche Tochter des Befreiten vor. Ihr schönes Gesichtchen strahlte vor Freude, aber Thränen erstickten ihre Stimme. Sie konnte nicht mehr Hervorbringen, als: „Ich danke!" Nachdem sie wieder die Fassung erlangt hatte, ergriff sie seine Hand und drückte einen Kuß darauf. „Ich danke Ihnen nochmals. Für Ihre Leistung kann ich Sie nicht belohnen, aber mag das Bewußtsein Ihr Lohn sein, daß Sie einen armen Mann von Schmach und Kerker befreit und seine Tochter so glücklich gemacht haben, wie sie es noch nie gewesen. Gott gebe Ihnen eine glückliche Zukunft. Im Himmel wird Ihre Mutter für Sie beten, hier ich". Sich verneigend entfernte sie sich wieder, ohne daß der junge Mann ihr etwas sagen konnte. Neue, bis jetzt noch ganz ungekannte Gefühle stürmten auf ihn ein. Allein geblieben, legte er das Gesicht in die Hände und weinte. Aber es waren jetzt keine bitteren Thränen. Als er aufftand, glänzte ringsum Alles und erschien ihm freundlicher als bisher, es war wieder das freundliche väterliche Haus wie in seiner Jugend. Sein Herz war ganz leicht, angenehme Empfindungen durchströmten ihn, er fühlte, daß mit diesem Mädchen sein Genius bei ihm eingezogen sei und ihm seine Mission angedeutet habe — zu kämpfen fürs Judenthum. Dr. Falk wurde tagelang gefeiert in der Gemeinde. Er blieb noch kurze Zeit hier und besuchte täglich das Haus seines Clienten. Jetzt war er empfänglicher für die geistigen und körperlichen Vorzüge des Mädchens als, beim ersten Zusammentreffen, wo er noch ganz vom Schmerze über den Tod der Mutter beherrscht war, und nachdem er mit sich darüber einig geworden war und Adele's Einwilligung erlangt hatte, hielt er bei dem Vater um ihre Hand an, der sich durch diesen Antrag geehrt fühlte. Dr. Falk ging noch auf einige Zeit nach der Hauptstadt zurück, um dort seine Angelegenheiten zu ordnen. Dann ließ er sich in L. dauernd nieder, wo er Adele Berger als seine Frau in sein väterliches Haus heimführte und durch sein Wirken als Advocat, als Jude wie als Mensch die ganze Gegend antisemitenrein machte. Cesare Lombroso über den Antisemitismus. Cesare Lombroso versucht in seinem neuesten Werke „Der Antisemitismus und die Juden im Lichte der modernen Wissenschaft" eine Darlegung dieser socialen Erscheinung und spricht im Vorworte davon, auf diese Frage, die von ihm in die Wissenschaft eingeführten Methoden angewendet zu haben. Mit diesen Methoden sind offenbar die anthropologischen und statistischen gemeint. Doch kann man nicht sagen, daß er in Bezug auf die Anthropologie neue Thatsachen über die Juden bringt und aus den statistischen Daten über Mortalitäts-, Krankheils, anthropometrische Geburtsverhältnisse sind wiederum keine bemerkenswerthen Folgerungen gezogen. Doch abgesehen von der Methode ist die Schrift interessant durch die fließende Darstellung, die Allgemeinheit der Auffassung und die Objectivität, mit der er das Für und Wider der Frage abwägt. Der Verfasser weist selbst auf seine wissenschaftlichen Vorgänger in dieser Frage hin, besonders auf Leroy-Beaulieu, die er auch häufig citirt. Im Capitel „Ursachen" führt er als solche zwei an, die nach seiner Ansicht von Bedeutung sind. Erstens das Lustgefühl, welches dem Bewußtsein der Superiorität Andern gegenüber entspringt." Daß er in diesem Gefühl ein Ueberbleibsel der früheren Herrschaft des Ariers über die Urbevölkerung sieht, ist allerdings sehr sonderbar. Ebenso merkwürdig ist die zweite angegebene Ursache, daß der Judenhaß bei den Römern entstanden, von diesen den Clerus vererbt und von diesem zur Pflicht und zum Ritus gemacht worden. Eigentlich auch zu den Ursachen gehören die in dem zweiten Capitel „Fehler der Juden" und im dritten Capitel „Das epidemische Auftreten des Antisemitismus" besprochenen Umstände. Unter Fehler der Juden führt er die schon so oft discutirten Punkte: Verschlagenheit, geringe Energie, die aber, wie er sagt, bei allen Handeltreibenden typisch ist, häufig vorkommende physische Entartung, conservatives Festhalten an alten Trachten, unzeitgemäße Einzelheiten des Ritus, Mangel an Charakter, an Muth und Todesverachtung. Alle diese Eigenschaften führt er natürlich auf die historische Entwicklung der Juden zurück und später führt er aus, daß sie bei freier, ungehinderter Entwicklung schwinden würden. Im Capitel „Das epidemische Auftreten des Antisemitismus" wird die Analogie zwischen dieser socialen und der biologischen Epidemie angedeutet, wenn auch nicht durchgeführt. Als fernere Ursachen treten hier hinzu die Einflußnahme leitender Männer wie Bismarck und Pobodonoszew. Auch als pathologisches Phänomen wird der Antisemitismus hier betrachtet und interessant ist in dieser Beziehung die Mittheilung desDr. H. Foscanlasce aus Bukarest, daß alle neuerdings verstorbenen Antisemiten an Paralyse oder Geistesstörung in Folge von Syphilis gestorben sind. In den nächsten Capiteln wird der Rassenantisemitismus aus seine Grundlagen geprüft und die bekannten Resultate der Anthropologie angeführt, daß die Juden durchaus keine reinen Semiten, die andere Bevölkerung keine rein arische ist, daß die Juden die Eigenthümlichkeiten ihrer Umgebung annehmen und diese einmal angenommenen Eigenthümlichkeiten länger bewahren. Im Capitel „Genies und Reformatoren" jüdischer Herkunft ist die interessante Thatsache angeführt, daß „in den höchst civilisirten Nationen Europas die Aristokratie, die Bourgeoisie und der vierte Stand ihre typischesten Vertreter in einem Sprößling Israels gefunden haben: in Disraeli, Ferd. Lassalle und Leon Gambetta. Nicht minder interessant, aber aus einem anderen Grunde, ist die Behauptung Lombroso's, daß eigentliche Genies den Juden fehlen. Wo ein solches unter den Juden auftrete, sei es gewöhnlich nur ein praktisches. Die erhabenen Höhen eines Dante, Darwin oder Wagner seien ihnen versagt. Doch es ist wohl nur auf Rechnung des Gelehrten zu schreiben, daß er das spirituelle'Genie über das praktische setzt, abgesehen

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