Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 17 (26.4.1894)
- Date
- 1894-04-26
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021007-3021025--03451-3027588- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 340 Oeyerreichische Wochenschrift Nr. 17 tungen aufliegen. Nun in Wien ließe sich ein derartiger Boycott nur schwer durchführen. Aber ein Anderes sei hier angeführt. Es ist leider eine täglich von Neuem zu constatirende Thatsache und eine traurige Erfahrung, daß viele Wiener Juden, wenn sie in ein Cafe treten, mit lauter Ostentation vom Marqueur irgend ein antisemitisches Preßcrzeugniß fordern. Wollen sich die Betreffenden dadurch nach einer bekannten Anekdote als Juden nicht zu erkennen geben, oder steckt ein anderer Grund dahinter^ kurz die Thatsache steht fest. Und bei dieser Gelegenheit sei folgende verbürgte Episode, deren Schauplatz ein am Franz Josefs-Quai gelegenes,großes, zumeist von Kaufleuten und Handlungsreisenden besuchtes Cafe unserer Residenz war, erzählt. Kam da jüngst ein Fremder in dieses Cafe, dem der Marqueur, welcher dem Gaste die arische Abstammung vom Gesichte ablesen mochte, dienstbeflissen das „Deutsche Volksblatt" brachte. Allein tief entrüstet und unwillig wies der Gast dieses Blatt mit den Worten zurück: „So eine Zeitung bringen Sie mir?' Glauben Sie, ich bin ein Jud?" Die Erzählung bedarf keines Commentars. Wien, 22. April. Geehrte Redaction! Die immer mehr und mehr überhandnehmenden Blumenspenden bei der Beerdigung von Glaubensgenossen stehen mit den rituellen Gebräuchen in so starkem Widerspruche, daß es wohl an der Zeit ist, dieselben zu rügen. Es gibt gewiß nichts Erhebenderes, als das Andenken eines theuren Tobten zu ehren' und für immer zu bewahren. Doch glaube ich nicht allein zu sein, wenn ich behaupte, daß es bei so traurigen Anlässen vielmehr der Pietät und dem Andenken entspräche, wenn wir hierbei unserer armen hilfsbedürftigen Glaubensgenossen eingedenk sein würden. Es bedarf vielleicht hiezu nur eines Anstoßes, wenn ich die Idee ausspreche, daß das für Blumen auszugebende Geld vor Allem der Gründung einer Ferieucolonie jüdischer Kinder gewidmet werden möge, womit wir gewiß mehr Pietät ausüben, als den Sarg unseres lieben Tobten mit eitlem Flitter zu schmücken. Zu diesem Zwecke beantrage ich, in der Leichenhalle unter Controle der löblichen Cultusgemeinde ein Buch auflegen zu laffen, damit die Leidtragenden und die, welche dem Dahingeschiedenen die letzte Ehre erweisen, nach Beendigung der traurigen Ceremonie ihre Namen mit dem zu schenkenden Betrage einschreiben, den sie zu obigem Zwecke bewilligen wollen, der alsdann vom Gemeindediener im Interesse des sich bildenden Vereines eingeholt wird. Ich glaube eine Angelegenheit berührt zu haben, die alle Aufmerksamkeit verdient, und würde glücklich sein, wenn sich Jemand fände, derselben mit gutem Willen näher zu treten, damit eine dem Wohle unserer armen Jugend gewidmete Institution sobald als möglich zur Wahrheit werde und ins Leben träte. Indem ich eine geehrte Redaction um gefällige Veröffentlichung dieser Zeilen in Ihrem geschätzten Blatte bitte, zeichnet mit Hochachtung „E i n K i n d e r f r e u n d." Olmütz. (Beileidskundgebungen anläßlich des Ablebens Dr. Brecher's.) Der Familie des Herrn Dr. Brecher sind anläßlich des Ablebens desselben zahlreiche Beileidskundgebungen aus Nah und Fern zugekommen, von welchen wir nachstehende erwähnen: von Frau Gräfin Ella Belrupt in Görz, von Statthaltereirath Dr. Robert S ch ö f f l, Sanitätsrath Dr. Wolf, vom Redacteur Zangenberg in Leipzig, vom Regierungsrathe Ludwig Ritter v. Hirschseld in Wien, von Professor Güssenb a u e r iu Prag, von dem czechischen Dichter Jaroslav Vrchlicky, der in einem längeren Beileidsschreiben den Tod seines lieben Freundes betrauert u. s. w. — Julius Stettenheim in Berlin schreibt: „Ihre mir eben zugehende Trauerbotschaft hat mich aufs Tiefste ergriffen, sie kommt so unerwartet und bringt mir die Nachricht, daß Ihr Gatte, den ich als hochbegabten, liebenswürdigen Menschen kennen gelernt habe, aus dem Leben geschieden ist. Ich will nicht versuchen Worte des Trostes zu finden, denn das sind eben nur Worte und sie können den Verlust nicht erleichtern, den Sie und Ihre Lieben erlitten haben. Das aber, wird Ihnen ein Trost sein, daß der Verewigte Freunde hinterläßt, die ihn hochgeschätzt haben und die sein Andenken treu bewahren werden. Der berühmte Orientalist Prof. Moriz Steinschneider aus Berlin condolirte in nachstehender Weise: „Obwohl es nur meinem Sohne, der zum Leichenbegängnisse nach Olmütz kommt, gegönnt ist, den theuren Verblichenen auf dem letzten Wege zu geleiten und im Namen Aller Euch die tiefe Trauer auszudrücken, welche wir seit Wochen mit uns herumtragen, so halte ich es doch nicht für überflüssig, so schnell als möglich Euch im Geiste die Hand zu drücken. Es gehört nicht zu dem Vergnügen des hohen Alters, die Liebsten scheiden zu sehen und daß der Verewigte mir fast der Liebste war, brauche ich nicht zu sagen. Aber ich sehe doch mit Genugthuung auf ein edles Leben hin, das auf jede Umgebung veredelnd und helfend wirkte, von dem Jeder, der es kannte, sagte: Er hat für das Paradies auf Erden gewirkt und das Bewußtsein dessen war der einzige Lohn, dessen er sich freute. Zu trösten scheint es mir noch nicht an der Zeit, es trauert tief mit Euch Professor Moriz Steinschneider. Der Bürgermeister von Olmütz Herr v. Engel nahm Veranlassung dem jüngst verstorbenen Olmützer Arzt Dr. Adolf Brecher einen warmen Nachruf in der Vollversammlung der Gemeinderepräfentanz zu halten. Herr v. Engel sagte: Wir haben gestern die letzten Ehren einem hervorragenden Bewohner unserer Stadt, Herrn Dr. Adolf Brecher erwiesen, welchem wir in aufrichtiger Trauer und Wehmuth nachblicken. Ich erinnere Sie an die vielen Verdienste des Verstorbenen um die Armuth in unserer Stadt. Nie hat ein Armer seine Hilfe gesucht, der sie nicht in der liebevollsten und barmherzigsten Weise fand. Ich erinnere Sie an die Leistungen Dr. Brecher's in allen öffentlichen Gefahren. Sowohl in der Kriegsnoth des Jahres 1866 wie in jeder Epidemiezeit hat Herr Dr. Brecher aufopfernd seinen Mann gestellt und sich dadurch den Dank der Stadt und des Staates erworben. Ich erinnere Sie an seine eifrige Betheiligung an allen gemeinnützigen Bestrebungen unserer Stadt und ich erinnere Sie an seinen anmuthigen Geist, welcher so oft die Seele unserer denkwürdigen Tage und unserer fröhlichen Feste war. Aus allen diesen Gründen weiß ich daher, daß Sie Alle das tiefe Bedauern seines Verlustes mit mir theilen, und zum Ausdruck dieses Bedauerns bitte ich Sie, sich von den Sitzen zu erheben. Diese Emanation ist umsomehr hervorzuheben, als Dr. Brecher nicht Mitglied der Gemeinderepräfentanz war und sie ehrt Herrn Bürgermeister v. Engel ebenso als den gefeierten Arzt Dr. Brecher. Tirol. Geehrter Herr Redacteur! In Nr. 16 der „Oesterr. Wochenschrift" theilt ein Herr unter „Gemüthliches von Salmannsdorf" seine Erlebnisse in einem dortigen Wirthshause mit. Wenn es ihm blos darum zu thun war, eine widerliche Wirthshausscene zu schildern, welche sich in der nächsten Umgebung der österreichischen Metropole zugetragen, so ist dagegen nichts einzuwenden; wenn er aber Sympathie zu erregen glaubt dafür, daß er sich verspotten und stoßen ließ, ohne sich dagegen zu wehren, so ist er gewaltig im Jrrthum. Glaubt der Einsender, daß durch die Veröffentlichung der ihm angethanen Beleidigung und Mißhandlung 'seine Glaubensgenossen sich beeilen werden, ihm Genugthuung zu verschaffen? Oder glaubt er, daß die Wirthshaushelden von Salmannsdorf ob ihres pöbelhaften Benehmens sich schämen und bessern werden? Nichts von alledem wird eintreten, wohl aber werden jene rohen Gesellen sich über den gelungenen Bubenstreich freuen und zu neuen Schändlichkeiten sich ermuthigt fühlen. Das aber sollte um Alles in der Welt vermieden werden, weil sonst die Publicität statt wohlthätig, schädlich wirkt. Das einzig Richtige wäre gewesen, den Schauplatz sofort zu verlassen, oder wenn der Angegriffene trotz der anfänglich nur vereinzelten Zurufe dennoch den Muth fand, sich niederzulassen, so mußte er den thätlichen Angriff mit Thätlichkeit erwidern, sich lieber prügeln lassen, als sich gedemüthigt vom Platze zu schleichen und sich beim Lehrer über die bösen Buben zu beklagen. Möchten doch die Juden endlich ernsehen, daß es gegen die abscheulichen Judenhetzen nur ein wirksames Mittel gibt, das ist die Selbstvertheidigung. Kriegsgeübt sollen sie werden, gestählt und gewappnet sollen sie sein, um jeden frechen Angriff kräftig abzuwehren, das wird sie sicher und selbstbewußt machen, sie werden jene übermüthigen Hetzer in die ihnen gebührenden Schranken zurückweisen und Israel in den Ruf der Tapferkeit bringen. Werden die Hetzer (genannt Antisemiten) wissen, wessen sie sich im Falle einer Beleidigung oder gar Thätlichkeit von Seite eines Juden zu versehen haben/'dann werden sie sich hüten, ihrem Uebermuthe freien Lauf zu lassen.