Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-04-26 · 17 (26.4.1894) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
17 (26.4.1894)
Date
1894-04-26
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021007-3021025--03449-3027586
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Serie 338 OrSrrrrbtzifche Wochrnschrist Nr. 17 folgenden nicht vorhanden ist: ein Arzt, ein Chirurg, ein richtiges Canalsystem, ein öffentliches Badehaus, reines, vom Fluß oder von den Quellen geleitetes Trinkwasser, ein Versammlungshaus für den Gottesdienst, ein Kinderlehrer, ein Notar, eine organisirte Vertheilung der Armenunterstützung und endlich ein Magistrat mit Entscheidung^ und Vollziehungsgewalt (Sanhedrin 17 b). Kein schlechter Auszug von vielen der wichtigsten Städteeinrichtungen! Ein solcher, der Jahrhunderte als Muster für europäische Städte hätte dienen können und dessen umfassende Vortrefflichkeit vom Geiste des menschlichen Fortschrittes allmablichd ie Huldigung der Anerkennung gezollt wird. Andere interessante Punkte mögen noch in Kürze citirt werden, wie z. B. solche, daß zum Zwecke der Verkehrserleichterung die Hauptstraßen in der Minimalbreite von 16 Ellen 32 Fuß gebaut sein müssen, die zu den Zufluchtsstädten führenden aber in der doppelten von dieser Breite (Baba Bathra 100 a), daß, wenn ein Fluß durch eine Stadt stieße, die Uferseiten hart gehalten werden müssen in der Weise, daß Schiffe längs des Gestades fortgezogen werden können; und daß eine allgemeine Steuer erhoben werde, nicht nur um die Unterstützung der Armen zu verwalten, sondern auch um die Straßen in geeignetem Zustande zu erhalten und auszubeffern, sie zu reinigen, und von allen Hindernissen und Störungen der freien Passage für Mensch und Vieh zu säubern (Baba Kama 50 b); daß der Gesundheit für schädlich gehaltene oder der allgemeinen Bevölkerung unangenehme Fabrikationen näher als 50 Ellen vom äußersten Ende der Stadt nicht betrieben werden dürfen (Baba Bathra 25 a); daß alle Beerdigungen außerhalb der Mauern vorgenommen werden müffen, kein Friedhof innerhalb der Stadt selber geduldet werden dürfe (ib.), wobei ich mir Sie zu erinnern gestatte, wie langsam wir in der Befolgung dieser alten jüdischen Verordnungen gewesen sind, da seit der Begräbnißacte vom Jahre 1855 es noch kaum vierzig Jahre her ist, daß die Psarrfriedhöfe innerhalb der Metropole gesperrt wurden: obzwar die Sitte, befremdlich genug, noch immer nicht außer Gebrauch gekommen ist, die Abteien und Kathedralen als Aufnahmsstätte für die sterblichen Ueberreste unserer berühmtesten Männer zu verwenden, mit anderen Worten, die Todten auf die Gefahr der Lebenden hin auszuzeichnen. Ich gehe zu einer neuen, nicht minder wichtigen Seite unseres Gegenstandes über. Man wird auf all' das, was ich bisher, sei es auf Grund der alten Lehren oder der Forschungen der neuern Zeit über die Pstichten von Bürgern bemerkt habe, vielleicht einwenden : „Was Sie anführen, mögen wahre und mehr oder weniger intereffante Thatsachen fein; aber mischen Sie nicht Dinge untereinander, die nicht zusammengehören, Sacrales und Profanes in chaotischem Durcheinander? Die Grenze zwischen Beiden ist in unseren Tagen deutlich gekennzeichnet; Religion ist ein Anderes, das Bürgerthum mit seinen Rechten und Pflichten wieder ein Anderes." Ganz recht, meine Freunde, in gewissem oberflächlichen Sinne mag dies wahr fein, in einem tieferen Sinne ist es nicht wahr. Religion und Bürgertugend sind zweierlei nur in dem Sinne, wie etwa Wurzel und Zweige zweierlei sind. Ein jämmerlich verschrumpftes Ding muß eine Religion sein, die! nur eine Angelegenheit ist von Synagogen und Kirchen, von eigenthümlichen Zeiten und Gelegenheiten und sonst Nichts. Was ist der Werth einer menschlichen Religion, die den Mitmenschen Nichts nützt, die zum Besten der Gesammtheit mitwirkt, die keinen Eifer entzündet, Andern das Leben zu erhellen und zu erheitern, so weit es nur einem Jeden in der Macht steht? Die Stadt der Wahrheit ist dort, wo die Menschen nicht nur Gott in seinem Hause dienen, sondern ihm dienen wollen, indem sie seinen Kindern draußen dienen. Und darum mögen Sie als Bürger mein ernstes, wohlgemeintes Wort beherzigen: Hüten Sie Ihr väterliches Erbe in dieser wichtigen Stadt des Reiches, erwägen Sie, daß die wahre Freiheit unserer Einrichtungen uns cine-Verantwortlichkeit aüferlegt, von der wir uns nicht frei machen können. Es ist der Fluch einer despotischen Negierung, daß in ihrer kalten Atmosphäre keine Bürgertugend reifen kann, daß die Menschen ihre Pflichten abschütteln und sich hinter ihr eigenes Unvermögen zu verbergen suchen. Bei Ihnen ist dieser Vorwand weder möglich noch gewiß auch nur gewollt. Es ist die reinste Selbstverständlichkeit, wenn ich sage, daß in Zukunft und unter den jetzt in England bestehenden Verhältnissen, unsere Städte und Landschaften jene Regierungsform erhalten werden, die sie verdienen. Seien Sie darum nicht gleichgiltig gegen die Führung der öffentlichen Angelegenheiten. Wachen Sie eifrig und eifersüchtig mit einem Auge für Recht und Wahrheit. Halten Sie Ihren Unmuth warm gegen wirklich vorkommende Mißbräuche. Sagen Sie nicht: „sie kümmern mich Nichts. Solange sie mich nicht brennen, werde ich sie nicht löschen." Denn: „die sind der Sclaven schlimmste, die das Recht nur um ihretwillen lieben und nicht um ihrer Mitbürger willen." Seien Sie eingedenk, daß von allem Uebel, das in der Welt geschieht, nur ein Drittel den Lasterhaften, die es üben, aber zwei Drittel den Tugendhaften gehören, die es geschehen lassen. Wenn aber diese Wahrheiten zu Herzen genommen werden sollen von den Unterofficieren und Gemeinen, so können die Höheren, die Leiter der Gemeinde, nicht umhin, auch selber von ihnen Kenntniß zu nehmen. Die Verantwortung, die sietragen, ist eine schwere Bürde in der That, dafür haben sie ihre Ehren, je nach Maß. Es' gibt aber keine wahre Ehre, die von Pflicht getrennt ist. Ein Gleichniß aus dem Morgenlande sagt uns dasselbe. Einst kam ein armes Weib wehklagend zum Sultan. All' ihr Eigenthum, klagte sie, sei ihr gestohlen worden, während sie schlief und jetzt Litte sie, er möge ihr ersetzen, was sie verloren hätte. „Warum hast Du geschlafen?" fragte der Sultan. „Ich schlief", erwiderte das arme Weib, weil ich dachte, Du wachest". Und wahrlich Jene, die mit der Sorge um die öffentlichen Interessen betraut, mit dem öffentlichen Vertrauen geehrt sind, können, wenn sie ihr Amt wahrhaft betreuen, keine leichte Zeit davon haben. Schonungslos gegen sich selber, wachsam, ja schlaflos müssen sie sein, damit die Gemeinde Ruhe und Frieden habe, sicher und glücklich sei. Wie viel vom Ruhm und von der Größe Englands geht aus die Thatsache zurück, daß es ihm niemals an Männern gefehlt hat, die so und nur so allein mit ihren Ehren zufrieden waren! Was die Volksthümlichkeit betrifft, die für Manche der Athen: ihres Lebens ist, thun Sie Nichts, was unwürdig ist, um sie zu erwirken oder zu erreichen. Ein hoher Richter (Lord Mansfield) sagte einmal: „Die Popularität ist von zweierlei Art; es gibt eine Popularität, der man nachläust und eine Popularität, die von selber kommt." Möge die Ihrige »on der letzteren Art sein. Seien Sie gerecht und scheuen Sie Niemand! Und an meine Brüder , vom Glauben Israels seien meine letzten Worte gerichtet, wie es meine ersten waren. Mögen sie niemals sich von der hohen und heiligen Aufgabe trennen, das Wohl ihrer Stadt und ihres Landes zu fördern. Gleichgiltigkeit in diesen Dingen ist einem Juden am wenigsten zu verzeihen. Ist er doch endlich, was er so lange und eifrig zu fein begehrt hat, ein wesentliches Glied der politischen und socialen Zusammensetzung dieses Landes. An der Regierung des Reiches und seiner großen Gemeinwesen kann er nach Verdienst in gleicher Weise theilnehmen. Nicht eine Spur jener Zurücksetzungen, unter denen unsere Vorfahren gelitten haben, ist zurückgeblieben, um uns lästig zu werden. Ein Geist der Erleuchtung und der Menschlichkeit beseelt unsere Regierung und unsere Mitbürger — ein Geist, dem zu entsprechen uns geziemt, und nicht mit bloßer Lippenhuldigung allein.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.