Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 17 (26.4.1894)
- Date
- 1894-04-26
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 17 SesterreirtztMe WortzensüxMr Seite 337 Seitdem die Staatsweisheit Cromwell's den wandernden Söhnen Israels die Thüren dieses gastlichen Landes geöffnet, sind mir erst wenige Dekaden dahingegangen. Es war eine Gnade, aber eine verhältnißmäßig kleine Gnade, denn außerdem bloßen Ansiedlungsrechte hatten die damaligen Juden überhaupt nur sehr wenig Rechte. Die freiheitlichen Berufsarten waren ihnen versperrt; eine öffentliche Stellung, durch die sie dem Lande und ihren Mitbürgern hätten dienen können, war ihnen versagt, Einfluß auf die Regierung und Stadtverwaltung besaßen sie nicht. Man war bedacht, sie zu allen Steuern, aber nicht bedachteste zu den Vertretungen heranzuziehen. Roch eine geraume Periode später war ihr rechtlicher Zustand ein solcher, daß, wenn einer die Pietät besaß, zum Nutzen der Synagoge ein Legat zu stiften, das Gesetz eine solche Verfügung verhindern und für null und nichtig erklären konnte, weil die Stiftung angeblich „einem abergläubischen Zwecke" diene. Das waren noch jene Zeiten, wo der Jude niemals so glücklich war, als wenn man ihn unbeachtet ließ. Er wußte und fühlte es, daß er ein Fremder sei in fremdem Lande. Aber diese Zeiten sind unwiderruflich vorüber. Der Morgen, der so lange nicht kommen zu wollen schien, ist endlich doch gekommen, er breitet sich mehr und mehr zum vollen Tage der vollen Freiheit aus. Mälig und langsam regt sich in Großbritannien die öffentliche Meinung; so wie sie jetzt fortschreitet, ist es nicht ihre Art, wieder zurückzugehen. Die großen bürgerlichen und staatlichen Veränderungen reifen nur langsam unter uns, dafür sind sie umso fester und haltbarer; sie sind nicht, wie es anderswo so häufig der Fall ist, das Erzeugniß eines sinnlosen Schreckens oder einer aufbrausenden Wallung, und daher ist, wenn die Aenderung einmal getroffen ist, sie ohne Rücksicht und Engherzigkeit getroffen. Da das Geschenk der Emancipation uns gewährt ward, wird es uns gewährt ohne Groll mit einer willig freien männlich ehrlichen Hand, wie sie nur dem großen Herzen einer großen Nation folgen kann. Und so, als eines der Ergebnisse so willkommener Entwicklung politischer und religiöser Duldung, finden'Sie sich heute hier in einem jüdischen Gebethause vereinigt, eine gemischte Gemeinde von Christen und Juden, die trotz der Unterschiede ihrer Normen nichts Anstößiges darin sehen, zur Anbetung des Einig Einzigen Gottes sich zusammenzuthun, geeinigt auch in Ihrer Liebe zu der geschichtlichen Stadt, in der viele von Ihnen geboren sind, Manche von Ihnen die würdigen Vertreter bilden und mit deren Ehre und Wohlfahrt Ihre eigene so innig verknüpft ist. Es ist der letztere Gegenstand, die Ehre und die Wohlfahrt Ihrer Stadt und Landschaft, die jetzt unsere nähere Betrachtung in Anspruch nimmt. Im achten Capitel Zachariä, aus dem die Lehre und der Text entlehnt sind, wird vor unseren Augen das Bild einer idealen Stadt aufgerollt. Allerdings gibt ihr der Prophet einen Localcharakter; er denkt an ein wiedererstandenes, glorreich verherrlichtes Jerusalem; aber es macht sein Bild umso klarer und gewährt eine Vereinigung von Wirklichkeit und Ideal, die einen der charakteristischen Vorzüge der alten jüdischen Propheten ausmacht. Der liest die heiligen Schriften nicht mit merklichem Nutzen, der nicht wahrnimmt, wie häufig unter solchen Beschränkungen von Zeit und Raum sich Lehren finden lassen, die in allen wesentlichen Merkmalen für eine ewige und allgemeine Anwendung geeignet sind. Nun was sind die Hauptzüge dieser idealen Stadt nach der Auffassung des Propheten? Es ist eine Stadt, wo Friede und Wohlergehen herrschen (V. 12), wo die Arbeit ihren rechten Lohn findet; wo die Menschen nicht „Einer gegen seinen Nächsten sich erheben"; wo ein allgemeines Gefühl von Sicherheit jede Furchtempfindung verscheucht (13, 15). Es ist eine gesunde Stadt, wo männlich und weiblich die volle Grenze ihrer natürlichen Lebensdauer erreichen. (4J Innerhalb ihrer Mauern ist Dunkelheit und Finsterniß unbekannt; es ist eine heitere helle, lustige Stadt; die ehemaligen Jahrestage der allgemeinen Trailer sind, da ihr Veranlassungsgrund geschwunden ist, in Tage der Freude und heiterer Feste verwandelt (19), während die Straßen oder, dem hebräischen Ausdrucke rYGlrn angemessener, die bretten und offenen Plätze — man merke nun aus diesen ausgesucht menschlichen Zug — erfüllt sind von den munteren Spielen und dem Lachen fröhlicher Knaben und Mädchen. (8.) Und um Alles zu krönen, ist sie eine wahrheirs-, rechtliebende, göttliche Stadt, wo die Menschen sich nicht schämen müssen, Ihm zu danken und Ihn zu bekennen, den Quell ihres Hecles, des Heils der Gesammtheit und des Einzelnen, der Nation und des Bürgers die Quelle auch ihrer Fähigkeiten, von diesen Segnungen den richtigen Gebrauch zu machen (3, 16. 21.) Ist der Traum zu zuversichtlich, daß wir der Zeit entgegengehen, wo die großen Mittelpunkte des pulsirenden Lebens unseres Landes, seine Städte und Burgen diesem Ideale näher kommen werden, als es bisher geschehen oder in der Gegenwart geschieht? Wie immer es auch sei, hier sind die Punkte, an denen wir zu arbeiten haben. In dem Maße, als wir diesen Punkten folgen, entledigen wir uns unserer Pfticht als wahre Bürger. Wir müssen lernen und lehren, in diesen bangen Tagen einer falschen Socialtheorie, diesen Feind aller Civilisation zu überwältigen. Der Weg ist, ihm den Geist des wahren Socialismus entgegenzufetzen; daß die Interessen aller Classen unlösbar in einander verwoben sind; daß „Reich und Arm, deren Beider Schöpfer der Herr ist, Zusammengehen müssen"; daß Ordnung und Freiheit nicht gegenseitige Feinde, sondern natürliche Verbündete sind im System der Gesellschaft. Wir müssen uns bewußt sein, in einem Zeitalter, wo die Wissenschaft unausgesetzt uns mit den göttlichen Gesetzen der Gesundheitsbewahrung bereichert, daß jegliche überwindbare gesundheitsschädliche Zustände ungeheitt zu lassen, insbesondere in Orten von dichterer Bevölkerung, ein wahrnehmbares Fördern der Leiden und der Sterblichkeit unserer Nebenmenfchen, die Verwirkung einer absichtlichen Blutschuld bedeutet. Wir müssen vollauf für die bisher noch nicht allgemein genug erkannte Thatsache erwachen, daß einer der sichersten Wege, die Menschen besser zu machen, der ist, sie glücklicher zu machen, ihren Geschmack zu erweitern und zu erheben durch Erziehungsverbesserung, durch Freibibliotheken und Museen und ähnliche Mittel, dem Volke öftere Ruhezeiten zu geben, damit es für seine geistige und körperliche Muße Etwas thun könne und damit so der Vorwurf, der so häufig gegen die englischen Städte erhoben wird, abgeschafft werde, daß sie kaum etwas Anderes bieten als Stumpfsinn und Trunkenheit. Wir müssen verstehen und erfüllen unsere Pflicht gegen die Kinder der Gemeinde, die, einst selber Vollbürger, wenn sie nicht über Andere — was noch schwerer ist — über sich selbst zu herrschen haben werden, daß wir ihre Kindheit und Jugend ihnen heiter, Helle und froh gestalten müssen, daß das Andenken daran wie ein glückliches Erbe für den Rest ihrer Tage ihnen bleibe. Endlich muffen wir aus der einen Seite „das Recht der Wahrheit und des Friedens in unseren Thoren üben", auf daß die Uebelthäter gehemmt, die Guten gefördert werden, und andererseits Gott nicht nur mit unseren Lippen, sondern durch unser Leben ehren, aus daß durch unser Beispiel geleitet die „Vielen und die Mächtigen" „den Herrn der Heerschaaren suchen und vor Ihm beten". Wenn wir dies Alles gethan, und gerade nur insofern wir es gethan haben werden, werden wir unsere Städte umgewandelt haben in „Städte der Wahrheit". Ich fühle mich versucht, in diesem Zusammenhänge Ihnen, meine theueren Freunde, auch zur Kenntniß zu bringen, was die Vorstellungen unserer alten jüdischen Weisen, der Talmudlehrer, von den Hauptersordernissen einer bewohnbaren Stadt gewesen sind. Was man die Municipalgesetzgebung des Talmud nennen kann, umfaßt ein weites Gebiet, das ganz zu überblicken hier weder der Ort noch die Zeit ist. Aber einige wenige Beispiele mögen als Muster für die übrigen dienen. Die Minimalerforderniffe einer bewohnbaren Stadt, sagten sie, seien zehn. Kein weiser Mann werde wohnen, wo Eines von