Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 17 (26.4.1894)
- Date
- 1894-04-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 330 Vrprrrrirtztfitze Voltaire und Pfarrer Deckert. | Verwundert wird wohl mancher Leser diese zwei Namen s nebeneinander stehen sehen und sich fragen: Was haben denn die Beiden Gemeinsames? Wie kann man den Dichter der Heeriade mit dem Berunglimpfer des Vaterunser vergleichen? Voltaire war ein Mann von Genie, der Pfarrer von Weinhaus ist es nicht; Voltaire hat Werke geschrieben, bk man noch nach Jahrhunderten lesen wird, der Name des Pfarrers Deckert wird nur in den Gerichtsacten des Processes Paulus Meyer fortleben: Voltaire wußte seine Feinde mit dem feinsten geistvollsten Spott zu verwunden, Deckert kann nur grob mit dem Dreschflegel dreinschlagen; Voltaire nahm sich der unschuldig Verfolgten an, Pfarrer Deckert hetzt zur Verfolgung; Voltaire war der Freund König Friedrich II. und der Kaiserin Katharina, der Pfarrer von Weinhaus zählt Rohling und Paulus Meyer zu seinen Freunden; Voltaire hat auf eigene Kosten eine Kirche in Ferney erbaut, Pfarrer Deckert hat zum Kirchenbau das Geld anderer Leute mittelst einer Phantasievilla-Lotterie verwendet. Aber hier beginnen auch schon die Aehnlichkeiten: Voltaire hat einmal in seiner Kirche gepredigt und der Pfarrer von Weinhaus predigt auch. Freilich der Ketzer, der Ungläubige hat seinen Bauern nur Moral gepredigt, sie ermahnt, nicht zu stehlen — nicht einmal zugefügt, daß es keine Sünde sei, Juden zu bestehlen — was in Weinhaus für Moral gepredigt wird, weiß man ja. Dann war Voltaire ein Judenfeind, Herr Deckert ist es auch. Der Philosoph von Ferney schimpfte auf die Juden und auf das alte Testament, meinte aber das Christenthum und das neue Testament, das er nicht so offen anzugreifen wagte. Was Pfarrer Deckert meint, geht vielleicht auch eher die Christen als die Juden an. Voltaire machte sich über den Talmud lustig, den er ebenso wenig wie Pfarrer Deckert lesen und verstehen konnte. Aber — Voltaire hatte, wenn er über etwas schreiben wollte, das er nicht verstand, eine beschränkte Auswahl, während der Philosoph von Weinhaus mit von jeder Sachkenntniß ungetrübtem Geiste das ganze weite Gebiet des Wissens durchstreifen kann. Wenn er unter dem Vielen, das er nicht gelernt hat, gerade den Talmud zum Gegenstand seiner Predigt auswählte, so geschah es vielleicht deshalb, weil er dabei nicht zu befürchten hatte, unter seinen Zuhörern Leute zu finden, die die Sache besser verstehen, wie es vielleicht der Fall gewesen wäre, wenn er gegen Häckel und Büchner, gegen Marx und Lassalle gepredigt hätte. Am auffallendsten ist aber seine Uebereinstimmung mit Voltaire in dem Urtheil über König David. Man könnte fast glauben, unser Pfarrer habe vor seiner Predigt den Artikel „David" im Dictionnaire philosophique gelesen. Und da sehe ich erst, wie übertrieben die Klagen der „judenliberalen" Blätter sind, daß man nur die jüdische Religion unbestraft beschimpfen darf, daß nur die jüdische Religion keinen Schutz bei den Behörden findet. Die Verunglimpfung des Königs David, eines der größten jüdischen Könige, unter Berücksichtigung der verschiedenen Verhältnisse mit dem deutschen Kaiser Karl dem Großen zu vergleichen, dem es bekanntlich auch nicht an Kebsweibern gefehlt hat. — Die Schmähung dieses Königs mag Wohl die Gefühle der Juden verletzen, aber ihre Religion wird dadurch nicht beschimpft. Die Bibel der Juden schildert den Sänger der Psalmen mit seinen Sünden, seiner Reue und Buße, als Mensch mit menschlichen Gebrechen, und die Juden vergöttern keinen Menschen. Anders aber ist es, wenn man die Sache vom christlichen Standpunkte betrachtet. Vor mir liegt der Dictionnaire hagiographique (Heiligen-Lexikon) des Abbe P6tin pretre du Diocese de Saint-Di6, welcher den vierzigsten Band der von Abbe Migne herausgegebenen großen Theologischen Encyklopädie bildet. Die beiden Abbes sind katholische Geistliche, und das Buch ist überdies in den Ateliers catholiques du Petit Montrouge in Paris gedruckt, hat also nichts Jüdisches an sich. Da ist nun auf Seite 720 zu lesen: David, saintroi et prophete, und am Schluffe des dem Judenkönig gewidmeten Artikels heißt es von: „ses Psaumes qu’il 6crivit sous l'inspiration de l’Esprit- Saint.Le samt roi (der heilige König) s’y montre tour ä tour prophfite, moraliste, thfiologien et tonjours poete; c’est soas ce dernier rapport que Saint-Jerome l'appelle le Simönide, le Pindare l’Alvße l'Horace des chretiens.“ — Also für den heiligen Hieronymus ist der Sohn Jsai's kein Jude, sondern ein christlicher Dichter. Vochrnfchrift Nr. 17 k Ich habe diese Stelle im Original citirt, weil ich vor- ' aussetze, daß Pfarrer Deckert als Leser Voltaire's, französisch versteht. Aber wenn er es nicht versteht, braucht er nur den ersten besten Kalender aufzuschlagen, in dem zu jedem Tage die Heiligen angegeben sind; da findet er am 30. December: König David. Nach diesem Heiligen haben sich zwei Könige von Schottland und ein Kaiser von Trapezunt genannt, und wer David heißt, feiert am 30. December seinen Namenstag. Pfarrer Deckert, der unter Anleitung von Rohling und Paulus Meyer fleißig den Talmud studirt, hat vielleicht keine Zeit, sich viel mit christlicher Theologie zu beschäftigen, und so will ich mir erlauben, ihn zu erinnern, daß es im Tridentinischen Glaubensbekenntniß heißt: „Similiter etsanetos, una cum Christo regnantes, venerandos atque invocandos esse, eosque orationes Deo pro nobis offere atque eorum reliquias esse venerandas. Also wenn man die Gebeine des Judenkönigs David auffinden sollte, würde Herr Pfarrer Deckert verpflichtet sein, sie zu verehren. Und da ich nun angefangen habe, ihm eine kleine theologische Vorlesung gratis zu halten — ich verlange nicht einmal 15 Kreuzer wie er für seine Broschüren — so will ich noch aus den Acten des Concils von Trient (Sess. 25 decr. 2) hinzufügen : illos vere qui negant sanctos aeterna felicitate in coelo fruentes invocandos esse aut qui asserunt vel illos pro hominibus non orare, vel eorum, ut pro nobis etiam singulis orent invocationem esse idololatriam.impie sentire (Wer da leugnet, daß die Heiligen, welche im Himmel die ewige Seligkeit genießen, anzurufen sind, oder wer da behauptet, daß sie für die Menschen keine Fürbitte thun oder daß ihre Anrufung, damit sie für einzelne Personen sich verwenden, Götzendienst sei.dessen Meinung ist gottlos.) Wenn man sich auf der Kanzel in Weinhaus über einen 'christlichen Heiligen lustig macht, so kann das der jüdischen Religion nicht schaden. Wir wollen aber doch dagegen Protest einlegen, damit die Antisemitenblätter später nicht sagen sollen, Pfarrer Deckert sei ein Judenknecht, von den Juden gedungen, die Einrichtungen und Lehren der katholischen Religion herabzuwürdigen. Es ist ja schon wiederholt vorgekommen, daß ein von den Antisemiten angepriefener, als christlicher Held verherrlichter Hetzer später verleugnet oder als Judenknechl öder Judenstämmling mit Koth beworfen wurde. M. Eine Anfrage. Löb liche Redactioni Bei der Lectüre der Predigt des Herrn Pfarrers Deckert in Weinhaus, welche im „Neuen Wiener Tagblatt" vom Montag den 16. d. M. abgedruckt ist, dürfte logisch denkenden Lesern ein Umstand aufgefallen sein, dessen Beachtung seitens weiterer Kreise, vorwiegend aber seitens der Vorgesetzten Kirchenbehörden des hochwürdigen Herrn Pfarrers gewiß wünschenswerth ist. Deshalb erlaube ich mir, auf denselben besonders aufmerksam zu machen. Der genannte Herr Pfarrer spricht wiederholt von dem „gewissen" Stamme, dem die größten Feinde der christlichen Kirche und der Gesellschaft entsprossen sind — nämlich die geistigen Urheber der Socialdemokratie Lassale und Marx — von dem „gewissen" Stamme, dessen Gemeingefährlichkeit er in eindringlicher Weise schildert und gegen den er ein besonderes Gebet als Schutzmittel für nothwendig erachtet. Nun ist es gewiß höchst sonderbar, daß dieser Rassenantisemitismus in einer Predigt proclamirt wird, die anläßlich eines Festes zu Ehren des heiligen Josef gehalten wurde und deren Eingang eine Lobpreisung dieses Heiligen enthält. Herr Pfarrer Deckert, der ein gründlicher Talmudkenner zu sein behauptet, dürfte doch das neue Testament kennen, dürfte also wissen, daß das Evangelium Matthäi, Cap. 1, Vers 1—17, die Genealogie des heiligen Josef enthält; dortselbst finden sich die 41 Ahnherren des heiligen Josef aufgezählt. Wer, wie der heilige Josef, seine Abstammung bis auf Abraham, Isaak und Jacob zurückzuverfolgen vermag und in dessen Ahnenreihe David und Salomo besonders hervorgehoben wurden, der gehört doch zweifellos zu dem „gewissen" von Pfarrer Deckert so sehr gehaßten Stamme. Herr Pfarrer Deckert ist ein besonderer Verehrer des heiligen Josef, dem zu Ehren er sogar eine Monatsschrift herausgibt, und doch findet er kaum Worte genug, um seinem Hasse gegen den Stamme Luft zu machen, dem der heilige Josef nach dem unwiderleglichen Zeugnisse des Evan-