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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-04-20 · 16 (20.4.1894) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
16 (20.4.1894)
Date
1894-04-20
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 16 Vestrrreichifche Wochenschrift Sette 335 „Glaubt Ihr denn, daß ich allwissend sei wie Gott, daß . ich hätte ahnen können, welche schlimme Folgen mein Eifer im Dienste unseres heiligen Glaubens haben würde. Aber, so sagt mir doch endlich, wie ist es zugegangen und was hatte mein Sohn dabei zu thun?" „Na, ich meine, die Geschichte war einfach genug. Sie hat sich, nachdem sie von ihrer Beschimpfung in der Kirche erfahren, in den Mühlteich gestürzt und Ihr Sohn muß wohl gerade in der Nähe gewesen und nachgespruugen sein; aber im Wasser haben ihn Dann wohl die Kräfte verlassen, denn wir hörten ihn laut um Hilfe schreien und als wir herzuliefen, war er nahe daran, unterzugehen mitsammt dem Mädel, das er mit gewaltiger Anstrengung über dem Wasser hielt. Na, wir zogen sie dann beide mühselig heraus, aber ich glaube, es hat ibn arg mitgenommen." '„Und das Mädel? — Ist es todt?" „Meiner Meinung nach ja. Denn ich Hab' kein Lebenszeichen mehr an ihr wahrnehmen können. Aber sie haben trotzdem noch einen reitenden Boten hineingeschickt zum Doctor nach der Stadt. Vielleicht thut er noch ein Wunder und macht sie lebendig." Er rückte wieder an seiner Mütze und ging. Der Pfarrer aber wendete sich auf einem weiten Umwege dem Dorfe zu, und eine kleine Stunde später stand er auf der Diele vor Stefan Molnar's Hause. Niemand hatte sein Kommen bemerkt und aus dem zu ebener Erde gelegenen Wohnzimmer klang des Bauern Stimme zu ihm heraus. Der Pfarrer verweilte einen Augenblick, nicht, weil er horchen wollte, sondern weil er sich wirklich sammeln mußte zu dem schweren Gange, zu welchem er sich nach hartem inneren Kampfe entschlossen hatte. So hörte er denn, als der Bauer sagte: „Und dann, junger Mann, denken sie daran, daß er Ihr Vater ist, daß er bis jetzt sehr viel Gutes an Ihnen gethan hat, wenn er Ihnen auch jetzt in seinem Fanatismus Schweres zugefügt haben mag. Ich meine, Herr Doctor, es wird früher oder, später eine Stunde kommen, da er durch seine eigene Reue hart genug für all' seinen Jrrthum bestraft sein wird." Die Thür des Zimmers wurde geöffnet und die hohe Gestalt des Pfarrers zeigte sich auf der Schwelle. „Und wenn diese Stunde nun bereits gekommen wäre, Stefan Molnar", sagte er mit ernster tief bewegter Stimme, „wenn ich heute vor Euch stände, als ein Bittender, Euch die Hand zu Frieden und Versöhnung böte und Euch anflelite, mein Fürsprecher zu sein, bei diesem meinem Sohne, der sich von mir abwendet, wie von einem Feinde." Der Bauer starrte ihn an wie eine überirdische Erscheinung. Er zögerte, mit seinen harten Fingern die weiche, wohlgepflegte Hand des Pastors, die ihm entgegengestreckt war, zu ergreifen, denn was er da hörte, schien ihm ja völlig unmöglich zu sein. Da enthob ihn ein unvorgesehener, außerordentlicher Zwischenfall der NothWendigkeit, auf der Stelle eine Antwort zu geben. Mit einem heftigen Rucke wurde nämlich die Thür des Nebengemaches aufgerissen und ein halbes Dutzend Weiberstimmen schrie zu gleicher Zeit: „Molnar, sie lebt! Sie ist gerettet!" Mit einem Aufschrei der höchsten Seligkeit stürzte der junge Mann, der bis dahin völlig gebrochen und theilnahmslos in einer Ecke des Zimmers gesessen hatte, auf die Thür zu, warf sich neben dem Lager der zum Leben Erwachten auf die Kniee. Der Bauer aber sah dem Pfarrer mit thräneufeuchtem Auge ernst und lange ins Gesicht, dann faßte er mit warmen Druck seine Hand und in der nächsten Minute sahen die im Krankenzimmer versammelten Weiber mit grenzenlosem Erstaunen, daß der Pastor Hand in Hand mit Stefan Molnar an das Bett des Judenmädchens trat Seine Unterschrift auf die Petition des Comitates um Einführung der Civilehe war die letzte Amtshandlung des Pfarrers, der um seine Versetzung in den Ruhestand nachgesucht und sie erhalten hatte. Niemals zuvor aber hatte er ergreifender, inniger und überzeugender gesprochen, als an diesem Sonntage. Mit weithin tönender Stimme hatte er gerufen: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wär ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle", — und eine tiefe innere Bewegung, die sich auf alle Zuhörer übertrug, klang aus seiner Rede, als er mit Thränen in den Augen schloß. „Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen!" ' Ein Srder auf dem Fort. G'wehr heraauus! — Dieser Ruf der Schildwache vor dem Fort erweckte einen jungen Unterofficier aus seinen Träumen. — Früh am Morgen des Vortages zu „Crew Pesach" hat besagter junge Mann den Frührapport, worin er dem Bataillonscommando gehorsamst meldete „daß er nichts zu melden habe" eben fertig geschrieben, und die Ordonanz wartete in strammer Haltung an der Thür, um dieses „inhaltsschwere" Schriftstück, nach dem viele tausend Meter tiefer gelegenen Commando zu bringen, als der Ruf des Postens wie ein elektrischer Schlag den Schreiber aufschnellen machte. In stillem Hinbrüten versunken hätte er beinahe den Mann an der Thüre ganz vergessen — den Frührapport hat er mechanisch fertig gebracht und während er schrieb, schweiften seine Gedanken in weite Ferne — in Wien, „bei Muttern", welche jetzt wahrscheinlich an der Zurüstung für Pesach und für den weihevollen Seder, den sein Vater stets so herrlich zu geben verstanden hat; emsig schafft. — Wie beneidete er seine Geschwister, daß sie an demselben thrilnehmen durften, und nur er allein soll das heilige Osterfest in einem, auf bosnischem Karst gelegenen, halbverfallenen Eulenneste zubringen müssen! Wie anders wäre es, wenn nicht ein wüthender Antisemit sein Examinator bei der Matura gewesen wäre, der den Juden um jeden Preis aus dem einen Lehrgegenstand „werfen" mußte, damit er seines Einjährig-Freiwilligenrechtes verlustig und seine Zukunft vernichtet werde. — Er würde als Einjahrig-Freiwilliger am wohlbestellten Tische seiner Eltern in Wien sitzen, und beim Seder mit den Geschwistern in den melodischen Gesang seines Vaters einstimmen dürfen!-O dieser unselige Antisemitismus! Wann wird denn diese abscheuliche Pest, welche Haß und Verachtung gegen den Nebenmenschen blos wegen der Confession predigt, endlich einmal aufhören? Im ungarischen Regimente, wo dieser intelligente junge Mann dient, verspürt er wenig von dieser unseligen Strömung während seine, in einem anderen Truppenkörper dienenden Cameraden, schauderhafte Dinge zu erzählen wissen — doch einerlei! Man muß unter allen Umständen seine Pflicht erfüllen und demgemäß sich ins Unvermeidliche fügen.- Hastig erstieg er den Hochwall und lugte scharf nach der vom Posten gezeigten Richtung; da gewahrte er einen aus sechs Personen bestehenden Reitertrupp durch einen Hohlweg gemüthlich dahertrotten. Was war das? Ist es etwa der Bortrab einer versprengten Horde von „Insurgenten" die von Montenegro herüberkommen, um das „Fort" zurückzuerobern? Was konnte die „Besatzung" von wohlgezählten zwölf Mann dagegen ausrichten? Welches Los harrte seiner, wenn er mit seiner Mannschaft diesen Halbwilden lebend in die Hände fiele? Gleichviel! Was immer geschehen möge, kannte er seine Pflicht Und traf vorschriftsmäßig seine Disposition. Als der Trupp bis auf die Hörweite herankam, rief er demselben ein donnerndes „Halt" zu, welches vom „Führer" mit einem sanften Lächeln erwidert wurde, der aber keine Miene machte, stehen zu bleiben, sondern mit seiner Begleitung gemüthlich weiter ritt. Erst als er die gegen sie gerichteten Gewehrläufe erblickte, blieb er ganz verblüfft stehen und die Rechte auf die Brust und auf die Stirne legend, neigte er das Haupt und warf seine beiden Revolver sowie den Handschar weit von sich und seine Begleiter, thaten auf einen Wink das Gleiche. Eine Kriegslist befürchtend, befahl der Unterofficier dem beleibten Führer durch Gesten allein heranzukommen, die andern jedoch müssen auf ihrem Platze verbleiben. Dieser „Befehl" wurde verstanden und sofort ausgeführt, doch 0 Jammer! Der Türke sprach neben den Landessprachen nur noch etwas italienisch und der junge Mann war keiner dieser Idiome mächtig, — da der Unterofficier keine prononcirt jüdische Physiognomie besaß, muß vielleicht doch dessen intelligentes Aussehen den Türken veranlaßt haben die Worte „Spagnol" und „Jbri Onochi" fallen zu lassen. Nun schwand jedes Mißtrauen und es entspann sich eine Conversation in hebräischer Sprache in welcher Beide sich leidlich verständlich machen konnten. — So erfuhr der Unterofficier, daß er den Großhändler Moise M. aus B. vor sich habe, der. kraft eines Begleitscheins der Landesregierung, in und außer Landes bewaffnet reisen darf und der anläßlich des Osterfestes sich auf dem Wege nach der Heimat befindet.

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