Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 16 (20.4.1894)
- Date
- 1894-04-20
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Sette 324 Desterreichiptze Mochrnschrift Nr. 16 Predigt ein wenig eingenickt waren, mußten heute wohl oder übel die Augen offen halten und den Worten des Geistlichen folgen. Sie waren es gewohnt, daß er ihre Sünden und Verirrungen gegen den orthodoxen Glauben mit unbarmherziger Schärfe geißelte; aber noch niemals war es vorgekommen, daß er dabei so bestimmt auf eine einzige Person hinzielte, wie an diesem Vormittage. Er sprach von dem räudigen Schaf in seiner Herde, von dem Abtrünnigen, der den Zorn des Herrn auf sich geladen; er wehklagte über den rettungslos Verlorenen, und Jeder wußte, daß damit kein Anderer gemeint sein könne, als Stefan Molnar Aber sie wußten nicht, wo das hinaus soll und erst als der Pastor mit einer geschickten Wendung in wähnendem Tone sagte, daß das Laster und die Gottlosigkeit nicht immer in häßlicher, grinsender Fratze zu erscheinen brauche, daß sie auch daher gehen könne in gar lieblicher Gestalt, mit rosigen Wangen und langen schwarzen Zöpfen, erst da horchten sie Alle aus. Und je weiter er sprach, desto deutlicher trat aus seinen Worten die Gestalt des Judenmädchens im Hause Molnar hervor, die er eine unbußfertige Magdalena nannte, welche die arglose Jugend in ihre Netze verstricke und die Kinder anreize zum Ungehorsam gegen ihre Eltern und ihren Gott. In seinem Eifer sprach er endlich sogar noch den Namen des Bauern und den Namen des Judenmädchens aus. „Möge die Stimme des Gewissens noch rechtzeitig anklopfen an die Herzensthüre des Sünders und der verstockten Sünderin", schloß er diesen Theil seiner Predigt, „möge er Buße thun und Einkehr halten und sie sich bekehren von ihrer angestammten Verstocktheit, ehe es zu spät ist, ehe der Zorn des Allmächtigen ihn sammt ihr zerschmettert!" Dann ging er auf ein anderes Thema über; doch er fand nur noch zerstreute unaufmerksame Zuhörer. Als der Gottesdienst vorüber war und die Schaar der Kirchenbesucher sich eilig hinausdrängte ins Freie, stand das Judenmädchen vor dem Hause ihres Pflegevaters in ihren Feiertagskleidern, um Bekannte und Freundinnen, die sie die Woche hindurch wegen der Wirthschaft nicht sehen und sprechen konnte, freundlich zu begrüßen. Sie ahnte nicht, welche Schmach ihr soeben in dem christlichen Gotteshause angethan worden war. Aber bald mußte sie es merken. Die jungen Burschen gingen schweigend an ihr vorüber mit etwas wie teilnehmendem Blick; sie waren die einzigen von allen Kirchenbesuchern die wircklich eine Art aufrichtigen Mitleids mit der so arg Geschmähten empfanden. Die Männer machten im Vorvbergehen schon einzelne verletzende und höhnische Bemerkungen, die dem keuschen Mädchen die heiße Röthe der Scham und des Schmerzes in die Wangen trieben, und als nun gar erst die ziemlich lange Reihe der weiblichen Kirchenbesucher vor ihr passirte, war ihr, als ob sie in die Erde sinken müßte. Und doch verstand sie nur einzelne Worte und abgerissene Sätze, aber sie hörte doch das heimliche Flüstern und Zischeln, sah doch, daß man mit den Fingern auf sie deutete und daß eine Dorfschöne, die längst schon auf die Schönheit des Judenmädchens und deren edleres Aussehen mit neidischen Blicken sah, jetzt mit einer Geberde des Abscheues ihr auswich. Das Blut hämmerte dem Judenkinde in den Schläfen, als wollte es die Stirn zersprengen, ihr Herz krampfte sich zusammen, so daß sie mühsam nach Athem ringen mußte, und vor ihren Augen flimmerte es gerade so, wie damals, als sie in wenigen Tagen ihre Eltern verlor und das Gefühl der Verlassenheit sie zur Verzweiflung brachte. Ohne zu wissen, wohin sie gehen wolle, ohne auch nur ihres Weges zu achten, schritt sie von dem Hause ihres Pflegevaters weg, von der Dorfstraße ab zwischen den Feldern dahin. Sie fühlte es nicht, daß ihr die Sonne heiß auf den unbedeckten Kops niederbrannte, daß sich ihre Füße an den scharfen Steinen stießen, die auf dem Wege lagen, sie hatte keinen anderen Wunsch als den, weit, weit fortzukommen aus der Nähe der Menschen, aus der Nähe der Christenmenschen, zu Juden oder ganz aus der Welt. Der Pastor hatte sein Mittagsmahl nach der Predigt allein verzehren müssen, denn sein Sohn ließ sich nicht sehen, und auf seine Fragen erfuhr er von der Wirthfchasterin, daß der junge Herr Doctor schon am frühen Morgen ausgegangen und bisher nicht zurückgekehrt sei. Er hatte etwas Anderes kaum erwartet und es war ihm im Grunde des Herzens lieb, daß er seinem Sohne gerade jetzt nicht Auge im Auge gegenüber zu sitzen brauchte. Wenn er auch heut' Morgen in seiner Predigt mit Ueberlegung gesprochen hatte, wenn es ihm auch Allen Ernstes darum zu thun gewesen war, Molnar und das Judenmädchen moralisch zu vernichten, so hatte er sich doch im Eifer seiner Rede etwas weiter hinreißen lassen, als es ursprünglich seine Absicht gewesen war, und dieses Gefühl brachte ihm in eine nichts weniger als selbstzufriedene und behagliche Stimmung. Er nahm nach dem Essen seinen Hut, um auf einen einsamen Spaziergang seine volle Ruhe und Sammlung wieder zu finden. Bon dem Verlangen nach ungestörter Einsamkeit geleitet, schritt er zwischen den Feldern dahin in der Richtung auf die etwas abseits vom Dorfe gelegene Wassermühle zu. Da schlug plötzlich ein verworrenes Geräusch vieler aufgeregter Stimmen an sein Ohr und bei einer plötzlichen Biegung des Weges sah er einen dichten Knäuel von Männern und Weibern aus dem Dorfe auf sich zukommen. Bei seinem Anblicke verstummte plötzlich ihr lautes Durcheinanderschreien, und mit kurzem Gruß und niedergeschlagenen Augen gingen die ersten an ihm vorüber. In ihrer Mitte aber — und es war dem harten Pfarrer, als griffe eine eiskalte Hand mit scharfer Kralle nach seinem Herzen — trug man auf einer eilig hergestellten Bahre eine regungslose weibliche Gestalt mit geschlossenen Augen und mit dem bleichen Gesicht einer Todten. Von ihren Kleidern und von ihrem langen schwarzen Haar tropfte das Wasser und einige Schilfgrashalme hatten sich um ihre Hände geschlungen. Auf den wetterharten Gesichtern der Bauern, die sie begleiteten, war überall Erschütterung und Mitleid zu lesen, und noch niemals hatten sie sich ihren Seelsorger gegenüber so verdrossen und unehrerbietig benommen, als in diesem Augenblick. Ganz zuletzt führten zwei stämmige Burschen zwischen sich einen städtisch gekleideten jungen Mann, dessen Haar und Kleidung ebenfalls durchnäßt waren und dessen schwankender Gang deutlich verrieth, wie sehr er der Stütze bedurfte. Es war des Pastors Sohn, und tief erschüttert trat der Vater an ihn heran. „Franz, mein Sohn", sagte er mit gedämpfter Stimme, „was ist geschehen? — Ist sie tobt? — Und wie konntest Du in diesen Zustand kommen?" Der junge Mann machte sich trotz seiner Schwäche von den stützenden Armen seiner Begleiter frei und sah dem Vater mit einem starren Blick in das Gesicht: „Wie es gekommen ist, fragst Du? Nun, das mußt Du ja am Besten wissen, denn Du hast es ja gewollt, Du selbst hast es ja vollbracht! Das war es also, was Du mir nicht vorher sagen konntest, und Du meinst vielleicht, jetzt sei es an der Zeit, darüber zu reden! Aber siehst Du, jetzt will ich nichts mehr hören, jetzt sind wir fertig miteinander, denn daß Du mir mein Lebensglück gemordet hast, Vater, das mag Dir Gott, der Allmächtige vergeben! — Ich kann es nicht!" Sie waren ein wenig zurückgeblieben hinter dem traurigen Zuge und Franz machte eine Bewegung, als wolle er ihn jetzt eilends wieder erreichen. Aber er hatte seine Kräfte überschätzt und würde zu Boden gestürzt sein, wenn nicht die beiden Bauernburschen noch im rechten Moment kräftig zugegriffen hätten. Er machte ihnen ein Zeichen, ihn weiter zu führen und warf auch nicht einen einzigen Blick mehr auf seinen Vater, der stumm und regungslos am Rande des Weges stehen blieb. Erst als ihm Alle aus dem Gesicht verschwunden waren, ging der Pastor weiter, langsam und mit gesenktem Haupte. Rechts und links von ihm lag der helle Sonnenschein auf den glänzenden Wiesenwellen, der warme Sommerwind rauschte in den dicht belaubten Bäumen und die Vögel sangen so lieblich, als gäbe es in der ganzen Welt nur Glück und Lust und Freude. In seinem Herzen aber regte und rührte sich's gar mächtig. Zum ersten Male seit vielen, vielen Jahren überkam ihn ein brennendes Gefühl bitterer, nagender Reue, und zum ersten Mal, seitdem er das Amtsgewand des Priesters trug, legte er sich bangen Gemüthes die Frage vor, ob er seinen hohen Beruf auch im rechten Geiste und in wahrhaft christlichem Sinne erfüllt habe. Einer der reichsten und ihm noch freundlichen Bauern kam ihm entgegen, und auch dieser rückte heute weniger demüthig seine Mütze als gewöhnlich. Der Pastor blieb stehen und hielt ihn an mit der zögernden Frage, ob er etwas Näheres von dem Unglück wisse, das da geschehen sei. Der Bauer legte die Stirn in Falten und sagte, - ohne den Pfarrer anzusehen: „Nun freilich weiß ich's, und ich sage Ihnen, Herr Pastor, es ist eine herzbrechende Geschichte. Wenn's auch ein Judenmädel ist, Mensch ist Mensch. Die ganze Gemeinde von der Kanzel herab gegen sie hetzen und sie beschimpfen — das war kein gottgefälliges Werk, und ihr Blut kommt auf Ihr Haupt, Herr Pastor, biblisch ausgedrückt."