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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-04-20 · 16 (20.4.1894) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
16 (20.4.1894)
Date
1894-04-20
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 16 VekkerrrichVtze WochenfchrM Sette 323 E. Rosenstein, der Sohil des sett einiger Zeit hier weilenden Professors Dr. Rosenstein von der Universität Leyden, Dr. Franz Rosenstein, beerdigt. Der Verstorbene, der nur ein Alter von 32 Jahren erreicht hat, berechtigte zu den höchsten wissenschaftlichen Erwartungen, er leitete, nachdem er an einer Reihe von großen psychiatrischen Anstalten mit Erfolg thätig gewesen war, hier eine Poliklinik für Nervenkranke und hatte ein größeres wissenschaftliches Werk soeben ausgearüektet, das ihm die akademische Laufbahn erschließen sollte. Dr. R. gehörte zu denjenigen Psychiatern, deren warmes Herz für ihre Glaubensgenossen sie in erster Linie geeignet macht, den aus weiter Ferne oft herbeigeeilten nervenkranken Israeliten, soweit thunlich, zur Genesung zu verhelfen, da gerade in der praktischen Ausübung der Psychiatrie das auf seelischer Wärme beruhende Vertrauen ein so wesentlicher Factor ist. Er erkrankte vor Kurzem und übernahm selbst seine Behandlung. Das Tragische des Falles ist, daß der erst zweiunddreißlgjährige beliebte Arzt nicht an den Folgen der eigentlichen Krankheit gestorben, sondern einer Medicinvergiftung zum Opfer gefallen ist. Dr. Rosenstein hat sich zum inneren Gebrauch Chlorkali verschrieben. Von diesem starken Gift muß er die einzunehmenden Dosen wohl nicht sorgfältig genug dispensirt haben. Es stellten sich bald Bergiftungserscheinungen ein, denen gegenüber jegliche ärztliche Kunst sich als hilflos erwies und denen der hochbegabte, hoffnungsvolle, in glücklichster Ehe lebende Gelehrte erlegen ist. Des Verstorbenen Vater, welcher auch vor noch nicht Jahresfrist seine Gattin verloren hat, sowie die junge Witwe des Verstorbenen finden allgemeines Mitgefühl. An der Bahre widmete ein Vetter des Verstorbenen, der aus Breslau herbeigeeilte Professor der. orientalischen Sprachen, Dr. Fränkel, dem so früh Dahingeschiedenen einen warmen Nachruf.Der Verein für jüdische Geschichte und Literatur" hielt gestern in der Aula der Dorotheenstädtischen Realschule einen Discuffionsabend ab. Derselbe wurde durch eine Gedenkrede des Vorsitzenden aus die jüngst Heimgegangenen Dr. Adolf Jellinek und Ludwig August Frankl eingeleitet. Sodann folgte ein Referat des Herrn Dr. med. Rawitzki über die Gesundheitslehre des Maimonides, an welches sich eine interessante Debatte knüpfte. Bei dieser Gelegenheit sei noch erwähnt, daß der Termin der Erledigung der Preis-Concurrenz für die beste Jugendschrift — verschiedener Hindernisse wegen — aus den 1. Juli hinausgeschoben worden ist. Tilsit, 7. April. Eine jüdische Gastwirthsfamilie unweit der russischen Grenze wurde Nachts von Räubern überfallen und dabei Mann, Frau und Tochter erschossen. Ein neunjähriges Kind und eine alte Frau von 92 Jahren blieben beim Gemetzel verschont. Das Kind mußte den Geldversteck zeigen. Der Mörderbande fielen tausend Rubel in Papier und Silber in die Hände. Stuttgart, 30. März. Anläßlich des Geburtstagsfestes des Königs erhielt Sanitätsrath Dr. Königshöfer das Ritterkreuz des Friedrichsordens und Hofrath Eduard Pfeifer wurde zum Geheimen Hofrath ernannt. Paris, 30. März. Der Verein „Jischub Erez Jisroel", welcher vorigen Dienstag seine General-Versammlung abhielt, hat im abgelaufenen Jahre, wie der Vorsitzende Rabbiner Weiskopf mittheilte, Fres. 6878'20 vereinnahmt. Petersburg, 2. April. Die unter dem Vorsitze des Geheimrathes v. Plehwe stehende „Commission zur Prüfung der aus die Juden bezüglichen Gesetze" hat einen Entwurf über die Aufnahme von Juden in russische Unterthanenschaft abgefaßt. Wird dieser Entwurf Gesetz, so werden künftighin Juden in die russische Unterthanenschaft überhaupt nicht mehr ausgenommen. Feuilleton. Eine ungarische Dorfgeschichte. Kisfalu ist ein evangelisches Dorf im ... Comitate. Seit Jahren lebt ein großer Theil der Gemeinde in Unfrieden mit ihrem Pastor, der ein Zelote bis zum Exceß ist, während die Bauern durch fieißiges Bibellesen in den Wahrheiten der christlichen Religion, die in Liebe und Duldung bestehen, Fortschritte gemacht haben. Wie früher alle Candidaten der Theologie in Ungarn protestantische Universitäten in Deutschland besuchten, so hatte auch dieser Pastor seine theologischen Studien daselbst gemacht. Von dort brachte er speciell die Keime des Antisemitismus niit, und als vor ungefähr zwanzig Jahren diese Krankheit auch in Ungarn epidemisch aufzutreten begann, war der Pastor von Kisfalu einer ihrer eifrigsten Förderer. Kisfalu hatte zwar nur einen Juden und der war offenkundig der Wohlthäter des Dorfes, denn er trieb in der waldreicheu Gegend Holzhandel und gab dem ärmeren Theile der Bewohner das ganze Jahr hindurch lohnenden Verdienst. Aber auch an diesem einen Juden wollte er seinen ganzen Judenhaß offenbaren. Der Jude besaß ein einziges Kind, ein bildhübsches Mädchen, der Pastor wieder einen Knaben als sein einziges. Wie nicht anders möglich in einem kleinen Orte, begegneten sich die Kinder öfters und gewannen sich lieb. Eines Tages standen sie wieder vor dem Hause des Juden beisammen, als von hinten her eine feste Hand den Arm des Mädchen ergriff und dasselbe so heftig von dem Gefährten sortriß, daß es mit einem lauten Aufschrei zur Seite taumelte und zu Boden fiel. „Geh' nach Hause, Franz", sagte eine strenge Männerstimme, „und hüte dich vor jeder ferneren Berührung mit diesem Judenvolk. Nicht noch einmal will ich dir auf solchen Abwegen begegnen." Es war der Pastor, der diese Worte gesprochen hatte. Sein glatt rasirtes Gesicht hatte einen harten mitleidslosen Ausdruck, und in seinen grauen Augen blitzte der Haß, als er jetzt auf das weinende Mädchen niederfah. Es mußte wohl ein spitzer Stein in den Flur gelegen haben, denn auf der Stirn des Judenmädchens zeigte sich eine kleine blutende Wunde, und das eben noch so sonnig lachende Gesichtchen hatte einen gar schmerzlichen Ausdruck. Aber den Mann in dem schwarzen Rock bewegte das nicht, und er wäre mit seinen trotzig zu Boden schauenden Knaben ruhig weiter gegangen, wenn ihm nicht plötzlich der Vater des Mädchens in den Weg getreten wäre. „Mit Erlaubniß, Herr Pfarrer", sagte der Jude in ganz bescheidenem Tone, aber mit einer Stimme, die vor Erregung zitterte, „das arme Kind kann doch wahrhaftig nichts dafür, daß es eine Jüdin ist, und ich weiß nicht, wer ihnen das Recht gibt, deshalb so hart mit ihm zu verfahren." Der Prediger maß den Juden mit einem hoheitsvollen, strengen, vernichtenden Blick. „Einem Juden auf der Gaffe Rede zu stehen, ist meines Amtes nicht", sagte er mit schneidender Härte. Er zog den Knaben , der sich wieder mitleidsvoll zu dem kleinen Mädchen gewendet hatte, mit einer heftigen Bewegung an sich heran und ging mit starken, gleichmäßigen Schritten davon. Nach diesem Vorfälle betrieb der Pastor die antisemitische Agitation nur noch heftiger, aber er fand Widerstand bei den Bauern, die mit dem Juden im besten Einvernehmen lebten. Kurz darauf brach im Orte die Cholera aus, die unter anderen Opfern auch den Juden und seine Frau dahinraffte. Der reiche kinderlose Bauer Stefan Molnar nahm das verwaiste Judenmädchen zu sich. Der Pastor donnerte von der Kanzel gegen dieses gottlose Vorgehen des Bauern, eine Judenbrut aufzuziehen. Aber er brachte es mit feinen Gepolter nur dahin, daß von nun an Stefan Molnar und viele seiner Gesinnungsgenossen nie mehr die Kirche besuchten. Das Jndenmädchen lebte wie ein eigenes Kind im Hause des reichen Bauern und entwickelte sich immer schöner und schöner. Franz, des Pastors Sohn, besuchte das Gymnasium in der Stadt und so oft er in den Ferien nach Hause kam, wußte er mit dem Judenmädchen verstohlen zusammenzutreffen. Von der Universität in Budapest aus begann er schon einen Briefwechsel mit ihr, und als er nach einigen Jahren nach vollendeten Studien mit dem Doctordiplom in der Hand nach Hause kam und in dem Judenmädchen eine blühende Jungfrau vor sich sah, entbrannte er in leidenschaftlicher Liebe zu ihr und feine Besuche in des Ketzers Stefan Molnar's Haus konnten auch dem Pastor nicht länger verborgen bleiben. Nach vielen heftigen Rencontres zwischen Vater und Sohn, drohte der Erstere einen Streich auszuführen, der der ganzen ' Geschichte ein Ende machen wird Der nächste Sonntag war dazu ausersehen. Schon am Anfänge der Predigt hatten die Bauern und Bäuerinnen, welche in der Dorfkirche waren, bemerkt, daß der Pastor heute noch ernster und eindringlicher sprach als gewöhnlich. Seine mächtige Stimme widerhallte tönend an den hohen Wänden und selbst Diejenigen, welche sonst immer während der

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