Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 16 (20.4.1894)
- Date
- 1894-04-20
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 320 Desterrrichifchr Wochenfttzrist Nr. 16 Haß, Verachtung, Mißtrauen und Unzufriedenheit gegen die Regierung und höchste Obrigkeit ins Volk getragen und so alles Autoritätsgefühl mit Stumps und Stiel ausgerotter' wird. Wenn man die giftigen Ausfälle dieser Art Presse liest, so steht man unter dem Eindruck: wir werden nicht blos von unfähigen bornirten Menschen, sondern von Verräthern an Deutschlands Ehre und Wohlstand regiert. Möchten sich die Herren in Uniform und Civil einmal ernsthaft die Consequenzen dieser Schreibereien ziehen." # Es ist früher den Agenten des Geschäftsantisemitismus, der die Autorität der Regierung durch die verlogene Behauptung von der Existenz einer „geheimen jüdischen Nebenregierung" nach Kräften unterwühlt, von socialdemokratischer Seite wiederholt bestätigt worden, daß sie der demagogischen Agitation gute Vorspanndienste leisten. Der Alt-Reichskanzler hat seine lärmendsten Anhänger thatsächlich fast nur noch in agrarischen und antisemitischen Kreisen, die nunmehr auch von conservativantisemitischer Seite als die wirksamsten „Umstürzler" gekennzeichnet werden. An Schüren des Rassenhasses hat es übrigens früher der fromme „Reichsbote" auch nicht fehlen lassen, jetzt, da die Giftsaat so herrlich aufgegangen, erschrickt er selbst vor den Folgen! Leipzig. (Antisemiten führer gegeneinander.) Vor einem Schöffengerichte zu Leipzig wurde ein höchst erbaulicherStreit zwischen zwei antisemitischen literarischen Wortführern, den Herren Dr. Wesendonck und einemPseudodoctor Erwin Bauer, ausgefochten. Dr. Wesendonck hatte in seinem Blatte „Anti-Corruption" seinem ehemaligen Freunde und jetzigen Proceßgegner Bauer eine Reihe arger Lumpereien, Charakterlosigkeit, Schuldenmachen, Bigamie, Bruch des Ehrenwortes und derlei vorgeworfen und Bauer war in seiner „Neuen deutschen Zeitung" dem Angreifer nichts an Schimpfworten schuldig geblieben. Darauf Klage und Gegenklage. Die Gerichtsverhandlung fiel für beide Parteien ziemlich schmerzlich aus. Das Schöffengericht erkannte gegen Wesendonck auf einen Monat Gefängniß und gegen Bauer auf 200 Mark Geldstrafe. London. Aus sicherer Quelle verlautet, daß der General-Commandant die Ernennung des Oberstlieutenants Goldsmid zum Obersten für das Commando des 41. Regiments- Bezirkes von Cardiff bestätigt hat. Die Ernennung hat die Beförderung zum Rang eines Obersten in der Armee zur Folge. Sofia, 6. März. Die Wahl in den Vorstand hatte diesmal ein gewiffes Princip, welches die Gemeindemitglieder bewegt und die Entscheidung über das Sein und Nichtsein gewisser Persönlichkeiten herbeigeführt hat. Der Wettkampf galt diesmalder jüdischen Schule, welche Dank einer älteren Inspiration der bulgarischen Schulbehörde ausgeliefert wurde. Freilich haben sich die Verhältnisse der hiesigen Gemeinde mit der Demolirung Alt-Sofias bedeutend verschlimmert und Hunderte von Familien wurden in Armuth und Erwerbslosigkeit gestürzt. Auch dieses verminderte die Einnahmequellen, daß die früheren Fleisch- und andere kleine Läden, welche der Gemeinde reichliche Revenuen brachten, ebenfalls der Demolirung verfielen und die leeren Gründe bei der bulgarischen Bank um den Preis von 15.000 Frcs. Hypothezirt sind, um mit diesem Gelde den Melamdim den rückständigen Lohn auszuzahlen. Grund genug, daß sich ein Gemeindepräsident nach Verminderung der Lasten umsieht, und da die des Unterrichtes sich auf 36—38.000 Frcs. beliefen, so wollte derselbe auch einmal diese auf die breiten Schultern der Regierung abwälzen, da die hiesigen Juden nahezu 80.000 Frcs. dem Landesschulfonde beisteuern. Das führte er auch theilweise durch! — Die Regierung übernahm die schulpflichtigen Knaben und Mädchen auf ihren Etat. Allein eine bulgarische Schule nimmt auf die Bedürfnisse der Juden gar wenig Rücksicht. Der Sabbath und die Feiertage wurden geopfert, das Hebräische eliminirt oder auf schulfreie Zeiten verlegt. Also befinden sich die Eltern mit ihren 1500 Kindern auf einmal in der Lage, mit den Religionsvorschristen und der Thora zu brechen. Man begreift wohl, wie diese neugeschaffene Heilslehre die gesammte Gemeinde aufgewühlt hat. Bemerkt muß werden, daß wir hier assimilatorische Prachtexemplare wie in Europa (mit dem Hang, als Christen zu gelten) gegenwärtig höchstens 3% der jüdischen, Gemeindemitglieder autreffen, die übrigen sind entweder conservativ oder wahren den Schein des Conservatismus in Allem. Da ich schon von diesem spreche, will ich noch hinzusetzen, daß unsere Kaufleute trotz der vielen christlichen Feiertage an Sabbathen und jüdischen Feiertagen ihre Läden geschlossen halten. Eine unrühmliche Ausnahme bilden unsere europäischen Juden und jene wenigen Sephardim, welche von Wien hieher übersiedelt sind. Der spaniolische Jude liebt es noch, in traditioneller Weise das Gotteshaus mit seinen Kindern zu besuchen, für die er allsabbathlich Mizwoth kauft, welche im Anziehen des Thoramäntelchens und der Krone, wie im Herumtragen der Thora bestehen. Dies alles, die Freude und der Stolz der Eltern, wie die Einnahmsquelle für die Gemeinde wurde mit jener Verordnung des Herrn Davidschon Lewi vernichtet. Ich will nicht behaupten, daß die jüdischen Schulen in Sofia, ja überall wo ich dieselben zu besuchen Gelegenheit hatte, von Belgrad bis Sofia und Nicopol gut im Stande waren, ich kann auch nicht mein Gutachten abgeben, weßhalb die Schüler besonders im Jüdischen so stark Zurückbleiben, ob deshalb, weil dieselben nicht gut talentirt, oder aber weil das Lehrerpersonal unglücklich gewählt worden ist, oder vielleicht beides zusammengenommen. Das Factum aber läßt sich nicht wegleugnen; wir haben in den spaniolischen Talmud-Thoraschulen nur das Moment conservativer jüdischer Gesinnung und unverstandener Tradition, niemals aber den Geist, niemals das Wesen des Judenthums, die Thora, zu suchen. Die Alliance-Schulen haben noch ein Gutes, den Unterricht in der französischen Sprache, welche bis zur Stunde den Spaniolen gute Dienste geleistet hat. Die nächste Verwandtschaft des spaniolischen Jargons mit dem Französischen wird geschickt benützt, um ohne Schwierigkeit jene große Cultursprache den Kindern beizubringen. Freilich zeigt sich die größere Nothwendigkeit der Erlernung der deutschen Sprache auf der Balkanhalbinsel immer deutlicher und immer mahnender, und beschäftigt dieser Gedanke die intelligenten Kaufmannskreise hier und anderswo, da die Interessensphäre der Juden in commerzieller und wissenschaftlicher Beziehung in Oesterreich und in Deutschland und nur ausnahmsweise in Paris liegt. Dieser Gedanke bricht sich von selbst Bahn, so daß selbst ältere Hausfrauen und erwachsene junge Männer sich die Mühe nicht verdrießen lassen und die deutsche Sprache erlernen. Für die Sache des Judenthums wäre es freilich ein Gewinn, wenn die sephardischen Juden durch die deutsche Sprache in geistigen Contact mit den deutschen Juden treten würden. Die sephardische Schme also fordert dringende Reformen, wie wir sehen, sowohl auf dem Gebiete des Unterrichtes als dem der Erziehung. Das spaniolische Kind muß nicht blos mit dem Volksschulwissen bekannt gemacht werden, sondern muß in dem sich europäisch würdig präsentirenden Lehrer seinen Erzieher, seinen Wegweiser erblicken, den es daheim gar oft entbehren muß. Doch dieses alles darf ja nicht auf Kosten des Judenthums geschehen. Diese Erkenntniß brach fast in elementarer Weise den Unterwürfigkeitssinn der Spaniolen und deshalb wurde der frühere so einflußreiche Präsident fallen gelassen. Das neugewählte Comite hat nun einen Mann der Opposition gegen die neue Einrichtung gewählt, dem die schwere Aufgabe zufallen wird, die Schule wieder der Gemeinde zurückzugeben. Doch wie erwähnt, darf diese Lehranstalt nicht mehr auf dem früheren Standpunkt verharren, sondern muß eine gründliche Umbildung erfahren. Die heil. Sprache und die Bibel müssen in vernünftiger Weise gelehrt werden, auf daß die 1500 jüdischen Kinder auch das Judenthum in den 6 Jahren lieb gewinnen. Natürlich gehören zur Organisirung der Schule Männer, die competent sind, in derlei wichtigen Angelegenheiten das Wort zu führen. Durch den Großrabbiner allein kann wohl Manches, aber nicht Alles geschehen, was zu einer gedeihlichen Entwicklung der Schule vonnöthen ist. New-Iork. Mrs. Lina Gottheit, Gattin des Pros. Richard Gottheil vom Columbia-College, wurde durch eine Auszeichnung geehrt, welche keiner Frau in den Vereinigten Staaten bisher verliehen wurde. Die französische Akademie hat Frau Gottheil den Titel eines Offider de i’Academie Franoaise verliehen in Anerkennung ihrer großen Verdienste um die französische Sprache. Mrs. Gottheil ist in Beyrout (Syrien) geboren und wurde in Paris erzogen, wo sie mit 16 Jahren an der Feole Superieur promovirte. Mit Hilfe der Allianz gründete sie eine Schule in ihrer Geburtsstadt und später in Aleppo in Mesopotamien.