Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 16 (20.4.1894)
- Date
- 1894-04-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021007-3021024--03418-3027554- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seke 308 Oesterreichifche Wochenschrift Nr. 16 Der Pfarrer von Weinhaus hat es gewiß nicht nöthig, I z. B. auf den König David wegen feiner Kebsweiber zu schimpfen— Dr. Deckert hätte dazu am allerwenigsten Anlaß; er predigt im Namen des „Erlösers" aus dem Hause David, den die Kirche als „Sohn David's" preist. Und wenn er dem Judenstamm der alten Bibel die „unerhörteste Grausamkeit, Schlechtigkeit und Schändlichkeit, wie sie sonst in der Geschichte aller, selbst der schlechtesten Völker nicht vorkamen", nachsagt, so war es ihm, dem katholischen Theologen, gewiß nicht unbekannt, daß der große Apostel Paulus in Hinweis aus die Juden mit Stolz von sich selber ausruft: „Die sind Ebräer, ich auch — die sind Israeliten, ich auch. — Die sind Abrahams Samen, ich auch". (Corinther 11, 22) „Die da sind von Israel, welchen gehöret die Kundschaft und die H errlichkei t und d e r B u n d und d a s G ese tz und der Gottesdienst und die Verheißung". (Römer 9, 4.) Und wenn das Evangelium die Heilsverkündigung des Propheten anruft, so lautet sein Treuschwur an Israel: „Höret mir zu, die Ihr Treue bewahret, Volk, in deffen.Herzen meine Thora weilt. Fürchtet Euch nicht, wenn Menschen Euch schmähen, zaget nicht, wenn sie Euch lästern. Denn wie Gewand von Motten zerfressen, wie ein Tuch von Schaben verzehrt, also werden sie vergehen; aber ewig dauert meine Treue, und mein Heil von Geschlecht zu Geschlecht." (Jes. 51, 78.) Dem literarischen Genossen des Paulus Meyer sind diese und zahlreiche ähnliche Stellen aus dem neuen Testament gewiß nicht fremd, allein er besitzt die Verschmitztheit, zu zeigen, daß selbst das neue Testament, da es nun doch semitisch ist, auf der katholischen Kanzel von heute nichts mehr gilt. Er predigt ein neues, ein antisemitisches Christenthum, nicht das Christenthum des heiligen Bernhard, sondern das Christeythum des Judenmoralpredigers Rudolf, und um die Verhöhnung zu steigern, verwendet er die herrlichsten semitischen Texte, welche Menschenliebe und Barmherzigkeit athmen, zu wilden Ausbrüchen eines blutdürstigen Judenhasses. Sein antisemitisches „Vater Unser" ist eine Blasphemie auf das Christenthum. Das „Vaterunser" ist ein Gebet jüdischen Ursprungs und Charakters. Nicht blos darum, weil der Stifter des Christenthnms aus dem jüdischen Volke hervorgegangen, sondern weil dieses Gebet nichts anderes bildet als eine kurze Zusammenstellung einzelner Sätze, welche wörtlich dem jüdischen Schriftthum und der altjüdischen Gebetliteratur entnommen sind. Nicht nur der Charakter des „Vaterunser" ist jüdisch, sagt G f r^ö r er, der bekanntlich kein Jude war, sondern auch die einzelnen Sätze, die in verschiedenen jüdischen Gebeten wiederkehren. Dem Kenner des Hebräischen ist es nicht schwer, die Sätze des „Vater Unser" durch zahlreiche entsprechende Stellen des jüdischen Schriftthums zu belegen. „Unser Vater im Himmel" — Abinu sche-baschamajim (Sotah 9, 15; vergl. in der Eulogie vor Sch’ma: Unser Vater, barmherziger Vater). „Geheiligt werde Dein Name" ----- Jithkaddasch sch’meh rabba (im Kaddisch-Gebet). „Zu uns komme Dein Reich" ----- Wejamlich malchuteh (das.) oder im Muffaph-Gebet der hohen Feiertage: Galleh k’bod malchutecha alenu. „Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden" — laasoth rezon’clia blebab schalem (im Festgebet um Einigung der Menschheit; vergl. Talmud, Traktat Berachoth 29 b, wo berichtet wird, daß Rabbi Elieser zu beten Pflegte: Dein Wille geschehe im Himmel, und Herzensfrieden werde denen, die Dich auf Erden ehrfürchten. — Vgl. auch Ps. 135,6.) „Unser täglich Brot gib uns heut" vergl. Hatripheni lechem chucki, (Prov. 80, 8). „Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unfern Schuldigern" S’lach lonu abinu pp. (im Achtzehn - Gebet; unmittelbar auf dieses folgt: Mein Gott, bewahre meine Zunge vor Bösem, meine Lippen vor trügerischen Reden, und denen, die mich schmähen, laß meine Seele schweigen. Vgl. Berachoth 17a). „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Uebel" ---- Weal t’bienu . . . lide nissajon PP. (aus dem Morgengebet, vergl. Berachoth 60 b, bezw. 16 b, vgl. auch Ps. 121, 7 „Der Herr bewahre Dich vor jedem Uebel".) „Denn dein ist das Reich pp."—Liha-rnalchutschel’chahi pp. (aus dem täglichen Schlußgebet Alenu; nach dem Jerusal. Talmud bildeten den Schluß aller öffentlichen Gebete die Worte: Baruch schein k’bod malchuto leolam waöd — Gepriesen sei der Name der Herrlichkeit seines Reiches für und für). Das christliche „Vaterunser" ist eigentlich ein „Inden-Vaterunser". Darum gerade wähltePfarrer D eckert das „Gebet des Herrn" für seine antisemitische Litanei und verfaßte ein „Juden-Vaterunser" um den Preis von zwei Kreuzern per Exemplar. In demselben werden die brutalsten Jnstinete des Hasses und des Blutdurstes gegen die Juden aufgereizt und angestachelt. Dieses merkwürdige „Vaterunser" wurde dreimal in verschiedenen Formen publieirt, es ging reißend ab und in kurzer Zeit war der ganze Borrath ausverkauft, dann kam die Staatsanwaltschaft, um den Sonderabdruck des Pasquilles zu confiseiren. Die Preßfteiheit ist bei uns größer als in den Vereinigten Staaten Nordamerikas. In Nordamerika darf keine Religion beleidigt werden, nicht einmal in einem Wirthshausgespräch. Wir aber, die Juden in Oesterreich, sind jeder Beschimpfung, jeder Beleidigung, jeder Verleumdung ausgesetzt auf der Basis der Gleichberechtigung. Die Verbrennung der Witwen, die Feste des Dschaggernauth in Indien sind bekannte Thatsachen; die Hindus sind Arier und das sind wirkliche Menschenopfer. Dennoch wird jede Beleidigung einer religiösen Genossenschaft in Indien von den englischen Behörden auf's Strengste bestraft. Selbst im vorigen Jahrhundert, selbst in der Metternich'schen Epoche war wenigstens die jüdische Religion besser gegen Pamphlete und Pasquille und Hetzschriften geschützt als in der Gegenwart. Jetzt haben wir die Freiheit, ungestraft beleidigt werden zu können. Unsere Preßfreiheit kennt verschiedene Abstufungen und Grade des Rechtes. Auf der einen Seite erscheinen Preßordonanzen als Hilfsmittel, die freie Meinungsäußerung einzuschnüren, auf der anderen Seite herrscht Zügellosigkeit und Anarchie. Judenthum und jüdische Confession sind nicht blos vogelfrei. Angriffe auf das Judenthum bilden auch ein Schutzmittel für sonstige Preßdelicte. Als ein bekanntes Wiener Versandtgeschäft zu Reclamezwecken ein Inserat „Die 10 Gebote des Kaufmannes" publicirte, ist die Wiener Staatsanwaltschaft eingeschritten und der Urheber wurde subjectiv verfolgt und verurtheilt. Zweifellos mit Recht! Denn diese Karrikirung der Zehn-Gebote war eine Herabwürdigung der Religion. Das „Vaterunser" des Pfarrer Deckert aber ist eine ungleich schlimmere Herabwürdigung des Christenthums, eine Verzerrung des Gotteswortes bis zur häßlichsten und abscheulichsten Blasphemie. Und die Organe des christlichen Staates fanden keinen Anlaß, gegen den „Sendboten" einzuschreiten, denn 'diese Blasphemie ist gleichzeitig eine Blutpredigt gegen das Judenthum und dies macht sie immun vor dem Gesetze. Es bedurfte erst einer Jnterpelt a tio n im Abgeordnetenhause, daß gegen dieses giftige und vergiftende Preßerzeugniß theilweise eingeschritten wurde. Von einer subjectiven Verfolgung des Urhebers ist selbstverständlich keine Rede. Und wir leben in einem Rechtsstaate! Folgen der antisemitischen Staats- Kunst im Königreich Sachsen. Aus dem Königreiche Sachsen kommt uns eine Nachricht zu, die uns mit dem höchsten Erstaunen erfüllt. Der „Germania" wird von dort berichtet, daß das Heer in hohem Grade socialistisch verseucht sei, daß die monarchische Gesinnung in der Armee Manches zu wünschen übrig lasse und daß man einer verkappten Agitation gegen den Fahneneid auf der Spur sei. Die Meldung der „Germania" vom 11. April 1894 lautet wörtlich: „Die Negierung habe an die Verwaltungsbehörden und Gemeindevorstände ein vertrauliches Circular ungefähr folgenden Inhalts gerichtet: Die sächsische Armee sei mit socialistischen Elementen mehr verseucht, als der Regierung lieb sei. Die monarchische Gesinnung lasse in der Armee Manches zu wünschen übrig. Einer verkappten Agitation gegen den Fahneneid sei man auf der Spur. Das Circulär fordert zur Ueberwachung und Anzeige von des Socialismus verdächtigen Dienst- oder Stellungspflichtigen auf". Die „Germania" fragt ironisch, ob man die Sociatzsten in eigene Regimenter stecken oder sie gar aus der Armee ausschließen wolle; in letzterem Falle würden „bald die Recruten nicht langen". Wie in einem Land, in welchen den ethischen Gefühlen in einer solchen Weise Rechnung getragen wird, daß man sogar das Schächten verbietet, sollte das Bedürfniß nach einem Umsturz der Regierungs- und Gesellschaftsform vorhanden sein? Und das wird noch unbegreiflicher wenn man erfährt, daß im