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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-04-20 · 16 (20.4.1894) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
16 (20.4.1894)
Date
1894-04-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 16.' Wien, 20. April 1894. Jahrgang XI Centralorgan für die gefammten Interessen des Iudrnthums. U- K. k. Postsparraffen-Ami Clearingverkehr Nr. 810.976. Ardactton und Administration: Wien Franr Jostfs-Nuni Nr. 3. Telephon*Nr. 6535. --- »rrausgebrr: Uerchsralhs-Abgeordneler vr. Kloch. -- >-<- ■—<* ■ -- Erscheint jeden Freitag. -- 3g Wan abonnirt bei allen Postanstaltrn des In- und Auslandes. $ Srrogsprris für Srstrrreirkr: Halbjährig 4 fl. — 8 Ar. Einzelexemplare 25 kr. Mr's Ausland: halbjährig ö fl. — lOJtr. ganzjährig 10 „ 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile 13 kr. Inhalt: Leitartikel: Herr Deckert ist wieder da! — Folgen der antisemitischen Staatskunst im Königreich Sachsen. — »Mit mir fangen sie nichts an, denn ich bin ein Feigling." — Von der Woche. — Ein Beitrag zur rituellen Schlachtungsmethode. — Briefe aus Böhmen. — Das jüdische Schulwesen in Rumänien. — Correspondenzen: Wien, Teplitz, Budapest, Czernowitz, Nachod, Berlin, Leipzig, London, Sofia, New-Aork. — Vermischtes: Wien, Olmütz, Proßnitz, Krakau, Krems, Sarvar, Tilsit, Stuttgart, Paris, Petersburg. — Feuilleton: Eine ungarische Dorfgeschichte. — Ein Seder auf dem Fort. — Briefkasten. — Inserate. Herr Deckert ist wieder da! Das Juden-„Vaterunser". Der Priester besteigt die Kanzel — tiefe, andächtige Stille breitet sich über den weiten Raum, Sie gläubige Gemeinde schickt sich ap, das Wort Gottes zu hören, das Evangelium der Liebe und des allumfassenden Erbarmens. Aber von den schmalen, blutleeren Lippen des Redners klingt es hart und schrill wie das Schwert, das klirrend aus der Scheide fährt, und in seinem Blicke lodert die Flamme eines grausamen, blutlechzenden Hasses. Die hagere Gestalt, das bleiche Anlitz, der haßsprühende Blick dieses Priesters — wir kennen sie, unverlöschlich haben sie sich in unsere Erinnerung gegraben an jenem Tage, als dieser Mann an der Seite eines Verworfenen im Gerichtssaale saß und mit angstvoller Spannung das Urtheil der Richter aus dem Volke erwartete. Der Pfarrer Josef D e ck e r t, der Intimus und Complice eines Paulus M e y e r, der Urheber der Blutlüge von Ostrowo, ist wieder da! Sein bezahlter Handlanger sitzt noch im Gefängnisse, er aber beschreitet die Kanzel, um an geheiligter Stätte sein priesterliches Amt von Neuem zu mißbrauchen und gegen die Juden zu hetzen. Mit seiner schriftlichen Thatigkeit hat Pfarrer Deckert Unglück gehabt. Das geschriebene Wort ist unverwischbar und muß die Probe der Kritik bestehen können. Pfarrer Deckert wurde als Lügner und Fälscher entlarvt, der sich die Lüge und Fälschung bei einem verabscheuungswürdigen, aus der Gesellschaft der anständigen Leute ausgestoßenen Subjecte bestellt hatte. Das Märchen von Ostrowo ist in der Luft zerronnen, und nur seinem Priestergewande hat er es zu danken, daß er nicht mit Paulus M eher zusammen eine Freiheitsstrafe abzubüßen hatte und hiedurch seines priesterlichen Amtes verlustig wurde. Und nun mißbraucht und entweiht er dieses Amt zu neuerlicher Hetze, zur Aufstachelung der wildesten Leidenschaften. In seinem Munde verwandelt sich die geistliche Ermahnung zur eklen Verleumdung, das heilige Gebet zu unheiligem Fluche. Es ist ihm übel bekommen, daß er die Juden vereinzelnter Morde beschuldigte, aber sie als Mörder der ganzen bürgerlichen Gesellschaft, als Feinde des Staates, als Führer der Nihilisten und Anarchisten hinzustellen, ist minder gefährlich. Die Kanzel ist keine öffentliche Tribüne, von welcher man widerlegt werden kann. Aber jedes Wort von diesem Platze übt ein unermeßliche Wirkung, denn es hat in den Augen der Gläubigen die Kraft einer göttlichen Offenbarung. Der Mißbrauch der Kanzel gehört darum zu den nichtswürdigsten Verbrechen, und der Staat, der mit Argusaugen darüber wacht, daß in Vereinen und Versammlungen die Schranken des Gesetzes nicht überschritten werden, müßte solchen Mißbrauch mit den härtesten Strafen belegen. Einen Geistlichen mit dem Charakter und dem öffentlichen Verhalten Josef Deckert's würde keine jüdische Gemeinde auch nur einen Tag in ihrer Mitte dulden; Zorn und Scham würden ihn von der Kanzel herunterpeitschen. Aber der Pfarrer Deckert weiß, daß er in der Kirche zu Weinhaus unbeirrt und ungestraft die Saat des Haffes in die Herzen der niederen Bevölkerung ausstreuen darf, daß weder eine staatliche noch eine kirchliche Autorität ihn daran hindern wird. Als diese Kirche eingeweiht worden, spielte ein Jude die Orgel, ein armer blinder Jude Namens Josef Herz, ein Zögling des Blindeninstitutes der israelitischen Cultusgemeinde zu Wien. Den heiligen Act der Einweihung vollzog Josef Deckert, der sich an den armen blinden Juden wandte, bei dem Einweihungsgottesdienst mitzuwirken, weil er wohl wußte, der ärmste Jude werde für solche Functionen kein Honorar annehmen. Die „gottverdammten Juden!" Am morgigen Tage feiern sie das Erinnerungsfest der Erlösung aus egyptischer Knechtschaft; durch drei Jahrtausende erklingt mit immer erneuerter Gewalt die Kunde von der schmählichen Züchtigung und dem Untergang des gottvergessenen Tyrannen, dessen vorbildliches Geschick Keinem, der in seine Fußtapfen trat, erspart geblieben. Dieses Fest läßt in den israelitischen Gotteshäusern eine uralte Freiheitshymne erklingen, welche die Wiege des Judenvolkes umrauschte, das Jubellied der Erlösten aus der Gewaltthätigkeit eines asiatischen Despoten, der mit allen Machtmitteln seines Weltreiches heranstürmte, um das freiheitsdürstende Israel zu zermalmen. Von der Kanzel des jüdischen Gotteshauses aber erklingt mit volltönender Stimme das Wort der Liebe und Brüderlichkeit: „Nicht Haffen darfst Du und nicht verachten den Egypter." (El M. 23, 7.) Denn der Haß verzehrt zunächst den, in dessen Busen die Flamme lodert! Herr Pfarrer Deckert würzt seine Hetzreden mit einem feinen Beisatz von Ironie, aber diese Ironie kehrt sich nicht gegen die Juden, denen er blos die grinsende Fratze des Blutdurstes zuwendet; seine Ironie kehrt sich vielmehr gegen die katholischen Autoritäten, welche er unter Ausdrücken triefender Verehrung und tiefster Demuth ironisirt. Nicht nur die jüngsten Hetzpredigten, welche das allgemeine Entsetzen erregten, sondern auch jene aus dem Monate September v. I., die er im Novemberhefte seines „Sendboten" unter dem Titel: „Die gegenwärtige Gefahr" veröffentlicht hat — eine Brandrede in der Schneide r'schen Tonart — leitete er mit einem Citat des Erzbischofs von Olmütz Dr. Theodor Kohn ein. Auch die letztwöchentlichen Hetzpredigten find melirt mit Aussprüchen, des Olmützer Erzbischofes— allerdings nicht jenen Aussprüchen, mit welchen der Olmützer Erzbischof den Antisemitismus verurtheilte und brandmarkte.

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