Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 15 (13.4.1894)
- Date
- 1894-04-13
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 15 Destrrretrhifchr Wochenptzriy Seite 301 fälschung durch das Lemberger Strafgericht steckbrieflich verfolgt und hier heute verhaftet. Aus Krakau schreibt man darüber dem „SB. Tagbl." unterm 5. d. M. „Großes Aufsehen erregte hier heute die Verhaftung des Dr. Josef Orlowski, der von Lemberg aus steckbrieflich verfolgt wurde. Orlowski wurde vor einigen Jahren in der Oeffentlichkeit bekannt, als er sich an die Spitze eines großangelegten clerical-antisemitischen Blattes, „Kurjer Polski", stellte .das sogar in zwei Ausgaben, in Lemberg und Krakau, erschien. Das Unternehmen nahm ein klägliches Ende; nach einigen Monaten suchte Orlowski einen Käufer auf „sein" Blatt, das nahezu eine halbe Million verschlungen hatte. Wie und wo Orlowski dieses Geld aufgetrieben hatte, darüber kursirten damals verschiedene Gerüchte, die hier nicht wiedergegeben werden können. Die Calamitäten Orlowski's häuften sich; zu den finanziellen gesellten sich auch andere. An den Straßenecken erschienen eines Tages Placate, die dem Orlowski geradezu gemeine Verbrechen zur Last legten, unter Anderemden Diebstahl einer goldenen Uhr. Zur selben Zeit strengte die Staatsanwaltschaft einen Proceß gegen ihn an, weil er sich fälschlich „Doctor" schrieb, trotzdem er es damals noch nicht war. Orlowski gerieth inzwischen in Concurs und das Blatt, das nunmehr in Krakau erschien, wurde wesentlich verkleinert und bald trat sogar eine längere Pause in dem Erscheinen des Blattes ein. Orlowski ging auf Reisen, wahrscheinlich um neue Geldquellen zu suchen. Jndch erschien in einem hiesigen Blatte eine sensationelle Enthüllung, daß Orlowski ein russischer Spion sei. Die Anzeigen gegen ihn häuften sich immer mehr, und da die Behörde seinen Aufenthaltsort nicht kannte, wurden schließlich Steckbriefe gegen ihn erlassen. Wie jetzt bekannt wird, hielt er sich Mittwoch Mittags in Wien auf, wo er Allen, mit denen er verkehrte, mittheilte, daß er jetzt nach Galizien fahre, um sich um ein Reichsrathsmandat zu bewerben. Umsomehr war erstaunt, als er, hier angelangt, von einigen Detectives angehalten und für verhaftet erklärt wurde. Bemerkt sei hier auch, daß Orlowski vor etwa einem Jahre an Stelle des eingegangenen „Kurjer Polski" ein kleines antisemitisches Blatt „Glos Narod.u" („Volksstimme".) gründete, dessen Hetzartikel wesentlich zu den brutalen Excessen der letzten Tage in Krakau beigetragen haben." Lemberg,, 6. April 1894. Die Kosziusko-Feier ist vorüber und Lemberg feierte den hundertsten Geburtstag der siegreichen Schlacht von Raclovice in würdigster Weise. — Unsere Cultusgemeinde nahm lebhaften Antheil und Freund und Feind sind darüber einig, daß der feierliche Gottesdienst in unserer Synagoge den ersten Preis erlangte. Der Tempelchor hielt sich sehr wacker, der schöne Bariton und der treffliche Vortrag unseres Obercantors, Herrn Halpern, wirkten mächtig und erhebend, das Knabenorchester unseres Waisenhauses executirte mit gewohnter Präcision zwei Musikstücke von Gounod und Chopin und einen geradezu sensationellen und zündenden Erfolg erzielte Se. Ehrwürden Rabbiner Dr. Caro mit seiner formvollendeten, inhaltreichen, im correcten Polnisch vorgetragenen Rede. Anwesend waren der Präses des Comite Wojciech Graf Dzieduszycki, der Vicepräses Bürgermeister Edmund Mochnacki, Landesadvocat Dr. Malachowski und Andere. — Wepaniata noyveystosc (herrliche Feier) nannten unsere Gäste den Gottesdiensten unserer Synagoge. Man sollte nun meinen, daß wir wenigstens an diesem Tage vor Beleidigung und Verletzung geschützt sein werden. Leider sollte es anders kommen. Derselbe Graf Dzieduszycki, welcher sein Entzücken über die meisterhafte Rede des Rabbiners, wie über die ganze Feier überschwänglich äußerte, sprach eine kleine halbe Stunde später im Rathhaussaale die Festrede. Kosziusko rief das ganze Volk zur Bertheidigung des Vaterlandes, des Adels, der Bürger, der Bauern, ja sogar der Juden. (Zyda nawet.) Erkläret mir Graf Oerindur diesen Zwiespalt der Natur? Ein Mann von der geistigen Bedeutung eines Grafen Wojciech Dzieduszycki spricht nicht ohne Ueberlegung und ein nicht beabsichtigter Lapsus liegt nicht vor. Beweis der in den hiesigen Journalen veröffentlichte Wortlaut der Rede, welcher doch vom Autor, selbst mitgetheilt worden ist. Ad vocem Journale. Glauben Sie, verehrter Herr Redacteur, die Blätter referirten über die großartige Tempelfeier? Mit Nichten. „Kuryer lwowski" bildet diesmal eine rühmliche Ausnahme. Die Anderen hüllten sich in Schweigen, oder brachten ein paar Worte, den Namen des ersten Functionärs fälschlich' verdrehend. Sapienti sat Vielleicht werde ich demnächst Gelegenheit nehmen, Ihnen über die Haltung unserer Journalistik uns Juden gegenüber einige Silhouetten zu liefern. Mannheim. 29. März. Namens der Gesammtheit der badischen Israeliten ist von einer aus Mitgliedern des Großh. Oberrathes sowie der Synagogenräthe zu Mannheim und Karlsruhe bestehenden Abordnung Seiner Excellenz Herrn Geheimrath Dr. August Lamey in Mannheim eine Adresse überreicht worden anläßlich seines Rücktrittes aus dem politischen Leben. In dieser Adresse heißt es u. A.: „In der Reihe der Gesetze, welche von Eurer Excellenz unter den Augen und in dem hohen Sinne unseres erhabenen, vielgeliebten Landesherrn vorbereitet und durchgeführt wurden und welche sämmtlich von dem Geiste der Freiheit und Gerechtigkeit durchweht sind, nimmt das Gesetz vom 4. October 1862, die bürgerliche Gleichstellung der Israeliten betreffend, etne an sich hochwichtige und für die badischen Israeliten ganz besonders bedeutsame Stelle ein. Durch dieses Gesetz, welches neben der Zeichnun i Seiner Königl. SQofyeit des Großherzogs die Gegenzeichnung Eurer Excellenz trägt, ist es den badischen Israeliten möglich geworden, in den Jubel des Volkes über die großen Errungenschaften der 1860er Jahre vom ganzen Herzen einzustimmen und auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens nach bestem Wissen und Können mitzuarbeiten am Wohle und Gedeihe!: des Ganzen. Die Worte aber, mit welchen Euer Excellenz die Begründung jenes Gesetzes eingeleitet haben: „Die Hinwegräumung der letzten Hindernisse, welche nach der bis jetzt bestehenden Gesetzgebung noch der völligen Gleichstellung der Israeliten mit der christlichen Bevölkerung des Landes entgegenstehen, ist nicht nur vom Standpunkte der Humanität und der Civilisation eine unabweisbare Forderung der Gerechtigkeit; sie ergibt sich auch in logischer Rothwendigkeit aus der folgerichtigen Entwicklung der Grundsätze unserer Verfassung". Diese Worte Hallen heute noch in uns wieder und bilden ein beredtes Zeugniß von den edlen Motiven welche das Wirken Eurer Excellenz geleitet haben. Wir empfinden es daher als eine heilige Pflicht, neben unserer innigen Theilnahme an allen Sie hochehrenden Kundgebungen Eurer Excellenz unseren besonderen tiefgefühlten Dank auszusprechen für Ihre hochherzige und bahnbrechende Arbeit zur Durchführung des heiligen Rechtsgrundsatzes der Gleichheit Aller vor dem Gesetze." Geheimra'h Dr. Lamey erwiderte auf die Adresse in längerer Rede, in welcher er seiner Freude über die ihm entgegengebrachten Gesinnungen Ausdruck gab und unter interessanter Darlegung der politischen Situation zur Zeit der Erlassung des Emancipationsgesetzes seine Genugthuung darüber bekundete, daß das Gesetz die von ihm erwartete Annäherung zwischen der christlichen und jüdischen Bevölkerung, so weit es in einem verhältnißmäßig doch sehr kurzen Zeitraum möglich war, zur Folge gehabt habe. Die neueste Zeit, welche sich in allerhand radicalen und extremen wirthschaftlichen und politischen Parteischöpfungen gefalle, habe allerdings auch den Antisemitismus gezeitigt. Er betrachte alle diese Strömungen als vorübergehende Erscheinungen des Volkslebens, und wenn die Israeliten auch weiterhin ruhig, besonnen und einsichtig vorgingen und namentlich der Verlockungen des politischen Radicalismus gegen- ■ über sich ablehnend verhalten, so sei mit Sicherheit zu erwarten, daß die Ausgleichung der Gegensätze trotz einer zwar lauten, aber doch nur von Wenigen ausgehenden Gegenagitation im Stillen immer weitere Fortschritte machen werde. Hamburg. (Wieder ist ein Geschäftsantisemit entlarvt.) Gegen den bisherigen Borsitzenven der antisemitischen Partei in Hamburg veröffentlicht der sogenannte „Ehrenrath" der Partei auf Grund einer Untersuchung seiner Bereinsthätigkeit nachstehende Erklärung: „Die Prüfung der gegen Herrn Hübner erhobenen Beschuldigung bezüglich Verwendung der zufolge öffentlichen Ausrufes bei ihm für die im Jahre 1892 durch die Cholera in Nothstand geratenen Parteigenossen eingegangenen Gelder hat ergeben, daß die Art und Weise, in welcher Herr Hübner mit den betreffenden Geldern verfahren ist, eine derarlge war, daß er in Zukunft für solche und ähnliche Vertrauensposten nicht mehr als geeignet zu betrachten ist. Die Prüfung, der sonstigen gegen Herrn Hübner erhobenen Beschuldigungen hat ergeben, daß die Leichtfertigkeit desselben bezüglich Dispositionen in Geldangelegenheiten das Maß der Entschuldbarkeit überschritten hat, das man Jedem, der mit pecuniären Schwierigkeiten kämpst, zuzubilligen bereit ist. Dieser Borwurf trifft Herrn Hübner um so schwerer, als ihm im Jahre 1893 die Gelegenheit geboten war, durch Verkauf des von ihm herausgegebenen Blattes „Abwehr" an den antisemitischen Wahlverein von 1893 seine höchst unerquicklichen Verhältnisse auf eine ehrenvolle Weise zu regeln. Alles in Allem ist der Ehrenrath zu der Ueberzeugung gekommen, daß Herr